Zistensänger (Cisticola juncidis cisticola Temminck, 1820)

engl.: Fan-tailed warbler / Zitting Cisticola

Der Zistensänger (Cisticola juncidis) gehört in die wenig bekannte Singvogelfamilie der Halmsänger und ist ein heimlicher kleiner rohrsängerartiger Vogel, der sehr versteckt lebt.

Von seinem Verbreitungsgebiet in Südwesteuropa aus, hat dieser kleine Singvogel in den letzten Jahren sein Areal weit nach Norden bis nach Südwestfrankreich hin ausgedehnt. Entlang der Atlantikküste ist er von Frankreich nach Belgien und von dort bis in die Niederlande vorgedrungen. In Deutschland ist die Art noch seltener Gast. Wobei es möglicherweise bereits zu einzelnen Bruten gekommen ist.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Halmsänger (Cisticolidae)
Gattung: Cisticola Kaup


Vorkommen

Vom Zistensänger sind ca. 15 Subspezies bekannt. In Mitteleuropa kommt C. j. cisticola vor, der den Westen Frankreichs, die Iberische Halbinsel, die Balearen und Nordwestafrika besiedelt.

Die Nominatform C. j. juncidis (Rafinesque, 1810) besiedelt vor allem die küstennahen Bereiche des Mittelmeeres in Frankreich, in Italien, auf Korsika, Sardinien, Sizilien und Kreta, in der Türkei, in Ägypten sowie die Adriaküste und die Küsten des Nahen Ostens. Das Verbreitungsgebiet der Art erstreckt sich vom tropischen und subtropischen Afrika bis zum Persischen Golf. In Asien reicht es von Indien und den Philippinen bis nach Taiwan und Japan. Dort überschneidet es sich mit dem des Gelbwangen-Zistensängers (Cisticola exilis), der selbst im Norden Australiens und auf den Inseln um Neuguinea vorkommt.


Biotop

Der Zistensänger brütet in offenen Landstrichen auf kurz gehaltenem Grasland. Dazu zählen sowohl landwirtschaftlich genutzte Flächen (z.B. Mähweisen, Getreide- und Reisfelder), Weiden, staudenreiche Feldraine als auch feuchte Flächen mit Binsen und Seggen sowie Schilfränder. Gewässernähe wird bevorzugt und teilweise brütet der Zistensänger auch in Salzwiesen mit Quellerbeständen. Bäume werden gemieden.

Der Zistensänger ist in seinem Brutgebiet überwiegend Standvogel.


Merkmale

Der mit nur 8 bis 14 cm (10 cm) Länge auffallend kleine Zistensänger ist durch einen abgestuften, schwärzlichen, am Ende hell gesäumten (schwarz-weiße Spitzen) und abgerundeten Schwanz gekennzeichnet, der oft breit gefächert wird. Die Flügel sind kurz und gerundet. Die Spannweite beträgt 12 bis 14,5 cm. Der Bürzel ist einfarbig dunkel rost- bis kastanienbraun. Die Beine sind dunkelbeige bis orangefarben. Der relativ lange Schnabel ist leicht gebogen. Die Geschlechter unterscheiden sich in Färbung und Größe. In der Brutzeit tragen die Männchen kräftige schwarzbraune Flecken auf ihren Schultern und Rücken. Der Schnabel ist schwarz. Außerhalb der Brutzeit erscheinen die Männchen eher undeutlich längsgestreift, wie die Weibchen. Diese sind kleiner und haben eine intensiv ledergelb gefärbte Vorderbrust und Flanken. Kinn, Kehle und Bauch sind von weißlicher Farbe. Stirn und Oberkopf sind auf lehmgelben Grund schwach dunkel gestreift und ein Überaugenstreif ist leicht angedeutet. Der Schnabel ist von hellbrauner Färbung.


Stimme

Der Balzflug der Männchen ist unüberhörbar und oft das einzige Merkmal, das auf die Anwesenheit dieses heimlichen Vogels hindeutet. In etwa 20 m Höhe fliegt es girlandenförmig auf und ab, um bei jedem Wellengipfel sein lautes und monotones „tsip-tsip-tsip …“ („dzip-dzip-dzip“) ertönen zu lassen, das am Ende des meist weit kreisenden Singfluges in einem „twet-twet-twet …“ endet. Während eines Singfluges kann die Strophe bis zu hundert Mal wiederholt werden. Dieses eintönige Lied wird manchmal auch von einer Singwarte vorgetragen. Es ertönt ganztägig in kurzen Abständen von März bis September und gelegentlich auch im Winter.

Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von 4 Jahren.


Nahrung

Die Nahrung des Zistensängers besteht vor allem aus kleinen bis zu heuschreckengroßen Insekten, deren Larven und Spinnen, die er von der Vegetation weg fängt oder im Flug erbeutet. Im Winter werden auch Sämereien gefressen.


Brutbiologie

Ein Männchen kann mit bis zu vier Weibchen brüten und in der Brutsaison von April bis September den Außenbau von bis zu sechs Nestern anfertigen. Das birnen- bis flaschenförmige Nest wird ab Ende März (im Norden erst im April) vom Männchen begonnen und vom Weibchen ausgebaut. Es besteht aus feinem Pflanzenmaterial (z.B. Gräsern), das kunstvoll mit Spinnweben verflochten ist. Es steht dicht über dem Boden, in niedriger Vegetation und ist fest an Binsen, Gras-, Getreide- oder Schilfhalmen verankert. Der Nesteingang befindet sich entweder an den Seiten oder oben. Der Innenraum des ca. 15 cm hohen Nestes wird mit Pflanzenwolle weich ausgepolstert.

Die 4 bis 6 (7) Eier sind von variabler Grundfarbe (weiß, blau und rosa getönt) sowohl un- als auch gefleckt und werden von beiden Partnern 12 bis 14 Tage lang bebrütet. Die Jungen werden 11 bis 13 (15) Tage lang gefüttert, bevor sie voll flugfähig das Nest verlassen.

Es finden zwei bis drei Bruten im Jahr statt, so dass die Brutzeit bis in den Juli/August hinein andauern kann.


Bestand

Der Bestand des Zistensängers ist starken Schwankungen ausgesetzt, die vor allem durch strenge Winter verursacht werden. Dieser Faktor beschränkt und beeinflusst auch die weitere Ausdehnung des Verbreitungsgebietes nach Norden. Begünstigt wird die erneute rasche Bestandszunahme durch ein sehr frühes Eintreten der Geschlechtsreife.

© Dirk Schäffer (01/2012)