Zaunkönig (Troglodytes troglodytes Linnaeus 1758) - Vogel des Jahres 2004

engl.: Common Wren / Winter Wren

Der Zaunkönig gehört zu der gleichnamigen Singvogelfamilie der Zaunkönige, zu der weltweit etwa 75 Arten in 16 Gattungen zählen. Fast ausnahmslos bevölkern die anderen Vertreter der Zaunkönigfamilie die Neue Welt und zwar vor allem das tropische Mittel- und Südamerika. Unser heimischer Zaunkönig ist die einzige Art der Paläarktis.
Der lateinische Name troglodytes geht auf das griechische Wort troglodyt = Höhlenbewohner zurück. Höhlen bewohnen Zaunkönige allerdings nicht, sondern eher sind sie in Nischen und Spalten zu finden.
Im Volksmund auch „Zaunschlüpfer“ genannt, fanden sich für den Zaunkönig auch andere regionale Bezeichnungen, die sich auf die winzige Gestalt, die Lebensweise oder sogar den Nestbau des kleinen Vogels beziehen. So heißt er aufgrund der schnurrenden Laute im Anhalter Dialekt „Zaunschnurz“ und sein backofenförmiges Nest brachte ihm den Namen „Backöfelchen“ bzw. „Backofenschlüpfer“ ein. Da er auch im Winter singt, wurde er in Mitteldeutschland „Schneekönig“ genannt und im westlichen Deutschland erhielt er den Namen „Mäusekönig“.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Familie: Zaunkönige (Troglodytidae)
Gattung: Troglodytes Vieillot


Vorkommen

Der Zaunkönig ist weltweit verbreitet. Er brütet in Nordamerika und in Europa. In Russland ist er bis zur Küste des Weißen Meeres, im Südural und an der Donmündung, westlich des Schwarzen Meeres, im Kaukasus, im Amurgebiet sowie auf Sachalin anzutreffen. Ebenso in Zentral- und Nordchina, im Nordiran und in Zentralasien nach Osten bis Japan, Taiwan und den Kurilen. Besiedelt wird Anatolien, die großen Mittelmeerinseln, der Libanon, Israel und Teile Nordafrikas. Auf europäischen Inseln wie Island, Färöer oder Korsika gibt es jeweils Unterarten, die sich äußerlich unterscheiden.
Der Zaunkönig bevorzugt bodenfeuchte, gebüschreiche und mit Unterholz ausgestattete Laub- und Mischwälder. Außerdem ist er Bewohner der Parks, Gärten, Friedhöfe, Gehölze, Gebüschstreifen und Hecken sowie der deckungsreichen Uferlandschaften. In den Alpen kommt der Zaunkönig in Höhen von 2.400 bis 2.700 m vor, brütet aber nur bis in 2.000 m Höhe.


Wanderungen

In Mitteleuropa ist der Zaunkönig das ganze Jahr über anzutreffen und vorwiegend Stand- oder Strichvogel. Einige Vögel überqueren auf dem Zug die Ostsee, den Ärmelkanal oder die Alpen. Dabei können sie 40 bis 50 km Wegstrecke je Tag zurücklegen. Die weiteste, bisher nachgewiesene Zugstrecke eines Zaunkönigs betrug 2.800 Kilometer.
Im Winter wandern zahlreiche Zaunkönige auf der Suche nach geeigneten Nahrungsplätzen, an denen sie Insekten und deren Larven erbeuten können, weit umher und verlassen dann ihre Sommerreviere. Dabei ziehen sie sich auch aus den höheren Gebirgslagen in mildere und tiefer gelegene Standorte zurück. Gern suchen sie in dieser Zeit auch die noch offenen Fließgewässer oder die Ufer großer Gewässer auf, da sie hier im Uferbereich leicht Nahrung finden. Auch in die Nähe des Menschen dringen sie dann vor und nutzen in den Städten und Dörfern Schuppen, Ställe und Scheunen als Winterquartiere. Wenn die Nächte besonders kalt sind, bilden Zaunkönige Schlafgemeinschaften. In geeigneten Nestern und Nischen, manchmal in Gebäuden und Nistkästen oder sogar in den Motorräumen von Autos, finden sich dann viele Zaunkönige zusammen, die zusammengedrängt die Nacht verbringen und sich so energiesparend wärmen. Bis zu über 20 Zaunkönige hat man so schon zusammen gefunden. Damit gleichen die Vögel den Nachteil ihrer geringen Körpergröße aus, die zu einem schnellen Auskühlen des Vogels führen kann.


Merkmale

Der Zaunkönig zählt zu den kleinsten Vögeln Europas. Er ist außerdem der kürzeste Vogel und wiegt gerade einmal zehn Gramm. Nur Sommer- und Wintergoldhähnchen sind noch kleiner. Der Zaunkönig ist von kugeliger Gestalt mit einem charakteristischen kurzen Schwanz, der sehr oft aufrecht getragen wird. An der Schwanzstellung kann die Erregung des Vogels als sichtbares Ausdruckszeichen gemessen werden. Dies gilt besonders wenn Beutegreifer im Revier gesichtet werden. Auch beim Reviergesang der Männchen wird der Schwanz mit hin- und herbewegt.
Sein relativ langer, spitzer und leicht gebogener Schnabel kennzeichnet ihn als typischen Insektenfresser.
Das Gefieder der Oberseite ist rostbraun gebändert und sorgt für eine perfekte Tarnung im Unterholz. Die Unterseite ist beige bis bräunlich rahmfarben gefärbt. Die Flügel und der Schwanz sind ebenfalls braun gefärbt, mit einer auffälligen Querbänderung. Die Wangen und das Kinn sind heller und heben sich deutlich vom übrigen Gefieder ab. Weibchen und Männchen sind von gleicher Gefiederfarbe.
Die kurzen Flügel zeichnen den Zaunkönig als schlechten Flieger aus. Große Freiflächen meidet er und überfliegt er ungern. Da der Zaunkönig in der Gebüschzone lebt, bewegt er sich überwiegend hüpfend im Gebüsch fort.

Trotz seiner geringen Größe zeichnet sich der Zaunkönig durch einen laut schmetternden und unverwechselbaren Gesang aus, den man bis zu 500 m weit hören kann und der eine Lautstärke von bis zu 90 Dezibel (unbewertet) erreichen kann. Sein Gesang besteht aus melodischem Trillern und lautem Schmettern. In der Brutzeit beginnt der Zaunkönig bereits nach drei Uhr morgens zu singen und hört erst wieder am späten Abend auf. Die Gesangsstrophen beginnen mit kurzen und leisen Lauten, die man als Einleitung bezeichnet. Es folgt ein schmetternder Teil, der aus trillernden Lauten besteht und dem sich leise Zwischenstücke anschließen. Es folgt wieder ein Schmetterteil, dem nach weiteren Zwischentönen ein abschließender Roller folgt. In einer Minute werden so 5 bis 6 Strophen gesungen, die je 4 bis 5 Sekunden dauern und von ebenso langen Pausen unterbrochen sind.
Bei Erregung schnarrt der kleine Vogel mit erregt hochgerecktem Schwanz und zetert »Zerr-tettettettettett«. Auch charakteristische kurze Rufe, wie z. B. das Ticken, das sich wie »Tek« („Tschek“) bzw. „Tik“ anhört, gehören zu seinem Lautrepertoire.
Zaunkönige erreichen ein Alter von sechs bis sieben Jahren.


Nahrung

Der Zaunkönig gehört zu den Insektenfressern. Seine geringe Größe erlaubt ihm, seine Nahrung selbst in den kleinsten Ritzen und Fugen zu suchen sowie in die dichtesten Gebüsche vorzudringen. Mithilfe des langen dünnen Schnabels gelangt er in alle Ritzen und Spalten, um an die Insektenbeute zu kommen. Aber auch im Spülsaum von Gewässern, in Teichen und Pfützen findet der kleine Vogel Nahrung.
Zaunkönige ernähren sich von Motten, Schnaken, Köcherfliegen und Fliegen sowie deren Eier und Larven. Auch Libellen, kleine Käfer, Tausendfüßer, Schaumzikaden, Bachflohkrebse, Milben, Blattläuse, Ameisen und Ohrwürmer werden gefressen. Am Boden, zwischen Wurzelwerk und unter heruntergefallenen Ästen, findet der Zaunkönig Spinnen und Weberknechte. Die Spinnen werden oft auf Plattenwegen hin und her gerollt, bis ihre sperrigen Beinglieder abgebrochen sind. Die Zubereitung großer Grillen dauert 40 Sekunden und das Schlucken derselben bis zu 50 Sekunden.
Im Frühjahr und im Sommer wird auch die Baum- und Strauchschicht zur Nahrungssuche genutzt.
Selten werden Beeren und im Winter gelegentlich auch Sämereien aufgenommen.


Brutbiologie

Das Zaunkönigmännchen besetzt oft schon im Spätwinter sein Revier und verteidigt es gegen Konkurrenten. Ihrem Revier bleiben manche Männchen bis zu vier Jahre lang treu. Ab Ende März baut der Revierinhaber dann mehrere sogenannte Wahl- oder Spielnester, die er durch lautstarkem Balzgesang den Weibchen anbietet. Bis zu zehn Nester kann ein Männchen in einem nahrungsreichen Revier erbauen. Das erwählte Weibchen sucht sich das geeignetste Nest aus. Auf diese Art und Weise kann ein Männchen sich mit bis zu drei (bzw. auch vier) Weibchen paaren, die erfolgreich brüten, wenn die Qualität des Lebensraums es zulässt. Dieses Verhalten nennt man Polygynie.
Die Grundstruktur des Zaunkönignests ist kugelförmig geschlossen, mit einem ovalen seitlichen Schlupfloch. Es erinnert stark an einen Backofen. Das Männchen verwendet für den Bau Halme, kleine Äste, dürres Laub, Moos, Gras und Teile von Farnwedeln. Feuchte bzw. verschmutzte Blätter sorgen dafür, dass das Nest nach deren Trocknung so zusammengehalten wird. Dafür wird auch das feuchte Material, das zur Innenauspolsterung von Amselnestern dient, entwendet. Der Eingang wird durch Halme besonders verstärkt. Das Weibchen polstert das Nest dann innen mit Moos, Federn, Wolle oder Haaren aus. Diese Polsterung kann bis zu 10 mm dick sein. Für die Polsterung werden auch Federn eingebaut. In einem Nest wurden 498 Hühnerfedern gezählt. Dafür musste das Weibchen 204 mal Hin- und Herfliegen.
Oft sind Zaunkönignester in den Wurzeltellern umgestürzter Bäume, oder in ausgewaschenen Wurzelstöcken an Bachufern zu finden. Aber auch Mauerlöcher, Schilf-, Holz- und Reisighaufen, Faschinen, Felsnischen, Nischen unter Steinblöcken, kleine Sträucher, Efeu-, Schling- und Kletterpflanzen, Höhlungen in Baumstämmen und sogar bodennahe, halboffene Nistkästen dienen als Neststandorte. Aber auch die Nester der Mehl-, Rauch- und Rötelschwalben nutzen einzelne Zaunkönige zum Brüten. Auch kuriose Neststandorte konnten immer wieder festgestellt werden. Darunter befanden sich Holzbalken in Gebäuden, leere Konservenbüchsen, Tierschädel, Kraftfahrzeuge, Taschen von Kleidungsstücken, Jackenärmel, Ofenrohre, zusammengerollte Gartenschläuche, Straßenlaternen, Futterkrippen und Blumentöpfe. Vor allem in den Willkommenskränzen, die an den Haustüren angebracht sind, finden viele Bruten statt.
Einige Zaunkönige brüten in derart enger Nachbarschaft zu anderen Vogelarten (z. B. Heckenbraunelle, Rotkehlchen, Wasseramsel und Grauschnäpper), dass die Nester nebeneinander oder übereinander stehen.
In der Regel befinden sich die Nester in Bodenhöhe unter zwei Metern Höhe. Das höchste Nest fand sich in 12 m Höhe. Alte Nester werden oft wieder ausgebessert und von dem selben Männchen, das es gebaut hat, oder auch von anderen genutzt.
Zwischen Mitte April und Anfang Mai legt das Weibchen vier bis acht weiße Eier (durchschnittlich sechs), die mit kleinen rostroten oder rostbraunen Flecken versehen sind. Die Eier wiegen weniger als 1,4 g und sind gerade einmal 17 mal 12,5 mm groß. Das Bebrüten der Eier, das mit der Ablage des letzten Eies beginnt, übernimmt allein das Weibchen. Die Brutdauer beträgt 13 bis 15 Tage und kann bei schlechtem Wetter bis zu 20 Tage und darüber betragen. Nur ausnahmsweise wird das Weibchen vom Männchen gefüttert.
Alle Jungen schlüpfen an einem Tag und äußern anfangs keine Bettelrufe. Dies dient als Feindvermeidung und Anpassung an das Brüten am Boden. Beide Altvögel füttern. Oft füttert das Männchen erst nach einer Woche mit, wenn die Jungen betteln. Allerdings kann das Weibchen auch allein eine Brut großziehen. Dies trifft besonders auf die zweiten und dritten Weibchen eines Männchens zu. Die Nestlingszeit kann 15 bis 19 Tage betragen.
Fliegen die Jungen mit 15 Tagen gleichzeitig aus, ist ihr Gefieder noch nicht vollständig entwickelt. Sie werden nach dem Ausfliegen noch vom Männchen betreut und gefüttert. Die Jungen halten untereinander stets Rufkontakt. Nachts übernachten die Jungen zusammen in einem Nest ihrer Wahl und bleiben oft noch längere Zeit als Verband zusammen.
Zaunkönige ziehen meist zwei Bruten pro Jahr hoch. Die Brutzeit der zweiten Brut beginnt Ende Mai und dauert von Anfang bis Mitte Juli. Ausnahmsweise wurden auch Bruten im August festgestellt.
Viele Bruten werden durch Säugetiere wie Wiesel, Marder, Ratten, Mäuse, Siebenschläfer, Fuchs, Dachs, Katze und Eichhörnchen geplündert. Aber auch der Eichelhäher kommt als Räuber in Frage. Ebenso können Hummeln, Hornissen, Wegschnecken oder Erdkröten zum Brutausfall führen. Aber auch der Mensch kann durch Wald-, Mäh- und Aufräumungsarbeiten Verluste verursachen. Der Straßenverkehr und der Tod an Glasscheiben sind ebenfalls häufige Todesursachen. Auch starker Regen und Hochwasser können zum Brutverlust führen.
Einige Zaunkönige wurden auch als Helfer bei der Aufzucht der Jungen von anderen Vogelarten - wie z. B. Kohl- und Blaumeise, Feldsperling und Bluthänfling - oder anderer Zaunkönigbruten beobachtet.
Der Kuckuck allerdings, hat Schwierigkeiten sein Ei im Backofennest des Zaunkönigs unterzubringen.


Bestand

Der Zaunkönig gehört in Europa mit 1,5 bis 2,2 Millionen Brutpaaren zu den häufigsten Vogelarten. In Ostdeutschland brüten ca. 340.000 Brutpaare.
Der Zaunkönigbestand wird vor allem durch strenge Winter reduziert. Allerdings erholt sich der Bestand auch schnell wieder und gleicht die Winterverluste aus. Dies hängt auch von der Qualität und vom Nahrungsangebot des jeweiligen Lebensraums ab. Die Hauptvorkommen liegen entlang von Bächen und Flüssen.

© Dirk Schäffer (12/2003 aktualisiert 10/2010)