Wendehals (Jynx torquilla LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1988

engl.: Wryneck

Der Wendehals (Jynx torquila) gehört zur Familie der Spechte. Im Gegensatz zu seinen Verwandten fehlen ihm aber einige Eigenschaften, die charakteristisch für Spechte sind. Er kann keine eigene Bruthöhle zimmern, da Schnabel bzw. Schädel dafür nicht kräftig genug sind. Er ist auch nicht ein so guter Kletterer wie die anderen Spechte. Das Klettern verlangt hohe Aktivität und schnelles Reaktionsvermögen. Der Wendehals hat diese Eigenschaften nicht. Deshalb fliegt er Stämme meistens quer an und sitzt auf Ästen.
Seinen Namen erhielt der Wendehals aufgrund seines Verhaltens ein auffälliges, langsames Kopfdrehen - bei Gefahr. Er spreizt dabei die Schwanzfedern, macht einen "langen Hals" und bewegt diesen sowie den Kopf wie eine Schlange mit den seltsamsten Bewegungen hin und her. Dazu zischt er ebenfalls schlangenähnlich. Diese Verhaltensweisen nennt man "Schlangenmimikry".


Systematische Einordnung

Ordnung: Spechtvögel (Piciformes)
Familie: Spechte (Picidae)
Unterfamilie: Wendehälse (Jynginae)
Gattung: Wendehälse Jynx LINNE 1758


Vorkommen

Das Areal der Art reicht von Europa über Sibirien bis Sachalin und Hokkaido, weiter über die Mandschurei nach Nordostkoera und Zentralchina. Auf der Krim, im NW-Himalaya sowie in Algerien und Tunesien bestehen m. o. w. isolierte Vorkommen.


Biotop

Der Wendehals besiedelt in Mitteleuropa vor allem die regenarmen Tiefländer unter 500 bis 800 NN und ist ein Charaktervogel des Biotops "Streuobstwiese". Er kann aber auch in lichten Wäldern (Auwald) ohne Krautschicht, Parks, Alleen, Feldgehölzen, großen Gärten und Friedhöfen angetroffen werden. Der Wendehals kann in Großstädten und Dörfern beobachtet werden. Böden mit wechselnder Nässe und Staunässe werden allerdings gemieden, da hier die Hauptbeute Ameisen fehlt.


Wanderungen

Der Wendehals ist ein Zugvogel, der bereits Ende August jedoch spätestens im September / Oktober sein Brutrevier verlässt. Die Überwinterung erfolgt in den Savannen- und Trockenholzzonen West- bzw. Zentralafrikas, hauptsächlich im Sudan, Senegal, Nordnigeria, Uganda, Zaire und nur ausnahmsweise in Ostafrika. Das Mittelmeer wird über die Iberische Halbinsel bzw. über die Balkanhalbinsel umgangen. In Mitteleuropa trifft der Wendehals normalerweise in der 1. Aprilhälfte wieder im Brutrevier ein. Skandinavische Vögel treten regelmäßig als Überwinterer in Großbritannien auf.


Merkmale

Nur etwas größer als ein Sperling (etwa so groß wie ein Kleinspecht) gleicht er in seinem Aussehen mit dem kurzem Schnabel eher einem Singvogel als einem Specht und ist in seinem braungescheckten, baumrindenfarbigen Gefieder (ähnlich Ziegenmelker) schwer festzustellen. Das Gefieder weist eine graue bis braune Grundfarbe mit rostfarbener bis schwarzer Zeichnung auf. Auf dem Rücken (vom Nacken zum Bürzel) zieht sich ein regelrechtes dunkles Schlangenmuster entlang. Die rahmgelbliche Unterseite ist sehr viel heller und an Kehle bzw. Flanken sehr fein graubraun quergebändert. Auffällig sind die schwarzen Querbinden der Steuerfedern. Beide Partner sind gleich gefärbt.

Der Flug des Wendehalses ist wie bei allen Spechten wellenförmig und nicht allzu schnell.


Stimme und Gesang

Aufnahme: Ruf des Wendehals, aufgenommen am 26.04.2010 in Wettin, © Karsten Rönsch

Den von beiden Partnern im Duett vorgetragenen Balzruf, ein charakteristisches weithörbares "Wäd, wäd, wäd ...", der oft bis zu fünfzehnmal hintereinander wiederholt wird, interpretierte der Volksmund als "Weib, Weib, Weib ...". Darum sagte der Landmann bei diesem Ruf im Frühjahr: "Der Specht ruft sein Weib, es wird Sommer." Weiterhin werden knurrende Kontaktlaute und Warnrufe während der Jungenaufzucht unterschieden.

Der Wendehals hat eine geringe Lebenserwartung. Bisherige Zugdaten belegen ein überwiegendes Alter von 0,4, seltener 1,2 bis 4,2 Jahren. Das Alter des ältesten kontrollierten Ringvogels bei Wolfsburg betrug 10 Jahre.


Nahrung

Die Nahrung des Wendehalses besteht fast ausschließlich aus Insekten. Seine Lieblingsspeise sind allerdings Ameisen und deren Puppen, die er mithilfe seiner langen, klebrigen Zunge ("Leimrute") blitzschnell aufsammelt, nachdem er den Ameisenhaufen mit einigen Schnabelhieben geöffnet hat. Deshalb hält er sich oft mit angehobenem Schwanz hüpfend am Erdboden oder im dichtem Gras auf. Für die Nahrungsaufnahme nutzt er auch gern sandige Stellen. Formica-Arten wie z. B. die Rote Waldameise finden allerdings keine Beachtung.
Nicht selten sieht man Wendehälse auch an Ameisenstraßen, auf niedrigen Warten wie z. B. Holzstößen und Baumstümpfen sitzen, auf denen sie aber aufgrund ihres Tarngefieders schwer zu entdecken sind.
Gelegentlich werden auch Insekten im Flug gefangen. Unverdauliche Nahrungsreste werden als Speiballen ausgewürgt.


Brutbiologie

Die 7 bis 11 (gelegentlich auch 5 - 6) reinweißen Eier werden in Specht- bzw. Baumhöhlen, Baumspalten, Astlöchern oder auch in Nistkästen in 1,0 bis max. 15,0 m Höhe ausgebrütet. Selten werden Bruten unter Dächern oder in Erdhöhlen beobachtet. Ein Nest wird nicht gebaut, die Eier liegen auf dem Boden. Ist der Neststandort bereits von einer anderen Vogelart besetzt, kann es vorkommen, dass deren Nester, Eier und Junge kurzerhand entfernt werden. Davon können auch arteigene Gelege oder sogar die von Buntspechten betroffen sein. Oftmals werden im Brutrevier mehrere geeignete Höhlen auf diese Weise über mehrere Tage gesäubert, bevor sich für eine entschieden wird. Dieses Verhalten dient offenbar der Abwehr von Konkurrenten und dem Prüfen des Höhlenuntergrundes. Allerdings werden auch vorjährige Nester oder Meisennester nach Entfernung der Eier - vollständig übernommen.
Die Brutzeit, an der sich beide Partner beteiligen, dauert 12 bis 14 Tage und beginnt nur ausnahmsweise vor Mitte Mai. Aufgrund des fehlenden Nestes bilden die Jungen einen sogenannten "Wärmekegel". Sind Ameisen als Nestlingsnahrung nicht zu erlangen, werden auch Baumläuse, Blattläuse, Schmetterlingsraupen und Käfer verfüttert. Ab dem 9. Tag werden von den Eltern auch Gehäuseschnecken bzw. deren Schalen, kleine Knochen und andere kalkhaltige Teile zur Deckung des Mineralhaushaltes verfüttert. Nach 20 bis 22 Tagen verlassen die Jungvögel die Bruthöhle und werden dann noch weitere zwei Wochen außerhalb betreut. Bereits in der Bruthöhle noch vor dem Ausfliegen - mausern die Jungvögel das erste Mal und sind vor Ablauf des ersten Lebensjahres geschlechtsreif. Die mögliche zweite Brut beginnt 5 7 Wochen nach der ersten, dabei kann es erneut zur Balz mit den charakteristischen Rufreihen beider Partner kommen.
Der Wendehals kann auch Kuckuckswirt sein. Für Brutverluste sind insbesondere Plünderungen durch Bilche und Buntspecht bzw. der Tod der brütenden Altvögel verantwortlich. Generell sind Wendehalseier - vor allem in Nistkästen - besonders empfindlich gegenüber Erschütterungen. Die flüggen Jungen haben keine hohe Lebenserwartung und fallen Habicht, Sperber, Waldkauz und Schleiereule zum Opfer. Auch der Verkehrstod ist nicht selten!


Bestand

Der Wendehals ist in Deutschland in allen Bundesländern anzutreffen, aber mit Verbreitungslücken in den Küstengebieten und in NRW. Noch im 19. Jahrhundert war der Wendehals in den meisten Teilen seines Verbreitungsareales keineswegs selten. Er fehlte hier vor allem in den Hochgebirgen, auf den Inseln und im Küstenbereich der Nordsee.

Die am besten dokumentierte Bestandsentwicklung in Großbritannien (seit 1850) weist starke Bestandsschwankungen auf, zeigt aber insgesamt einen unverkennbaren Rückgang an.
Für den Bestandsrückgang wurden bisher vor allem Klimaschwankungen verantwortlich gemacht. Besonders während der Jungenaufzucht können Temperatur und Niederschlag den Bruterfolg negativ beeinflussen. Viele mögliche Faktoren wie z. B. Zugverluste, Klimaeinflüsse auf die Bestandsdynamik von Ameisen, Konkurrenz der Höhlenbrüter, Schadstoffe und Habitatveränderungen sind bisher weitestgehend ungeklärt.
Auch genaue Aussagen über die Höhe der Bestände erweisen sich als schwierig, da bei Nistkastenpopulationen oft Schachtelbruten auftreten können und Naturbruten oft übersehen werden.
Vereinzelt kommen aber auch Arealerweiterungen vor, so wurde in Norwegen inzwischen der Polarkreis überschritten.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 03/2011)