Wanderfalke (Falco peregrinus peregrinus Tunstall 1771) - Vogel des Jahres 1971

engl.: Peregrine Falcon, amerik. Duck Hawk

Der Wanderfalke zählt zu den schnellsten gefiederten Jägern der Welt, der fast ausschließlich Vögel erbeutet. Ursprünglich war der Wanderfalke in 19 Unterarten kosmopolitisch verbreitet. Trotz dieser weltweiten Verbreitung ist er überall in seinem Verbreitungsgebiet durch Umweltgifte, Abschuß und der Aushorstung von Jungfalken für die Falknerei in seinem Bestand bedroht. Die ältesten Darstellungen von Wanderfalken sind 3.000 Jahre und entstanden zu einer Zeit, als die Reitervölker des Ostens die Beizjagd bereits zu höchster Blüte gebracht hatten.
Seine in Mitteleuropa und vor allem in Deutschland wieder zunehmenden Bestände sind zum Symbol für erfolgreiche Schutzbemühungen geworden. Außerdem sind Wanderfalken – als Endglieder der Nahrungskette unfreiwillig – zum Indikator für den Zustand der Natur in ihrem jeweiligen Brutgebiet geworden. Trotz der positiven Bestandsentwicklung in Deutschland muß der Wanderfalke weiterhin intensiv geschützt werden, um den positiven Trend bei zu behalten.


Systematische Einordnung

Ordnung: Falken (Falconiformes)
Familie: Falken (Falconidae)
Unterfamilie: Falconinae
Gattung: Eigentliche Falken Falco Linné 1758


Vorkommen

Fast auf der gesamten Welt - mit Ausnahme der Polargebiete, Neuseelands, der Urwälder Afrikas und Südasiens sowie den großen afrikanischen und asiatischen Wüsten - ist der Wanderfalke verbreitet.

In vielen europäischen Ländern (vgl. Abbildung 1) und in Nordamerika ist er mittlerweile sehr selten geworden. Wanderfalken bewohnen m.o.w. offenes Gelände sowohl in der Ebene als auch im Gebirge, wobei Felsen z. B. an der Küste - oder auch Steinbrüche - bevorzugt werden. Im Norden werden auch Tundren und Fjälls bewohnt. Aber auch Wälder, die von Seen, Mooren und Niederungen durchbrochen sind, werden als Brutreviere genutzt. Sehr gerne brüten die Falken in der Nähe von Standorten mit reichem Vogelleben, wie z.B. Vogelkolonien und Flusstäler.


Wanderungen

Wie sein Name bereits andeutet, streift der Wanderfalke weit in seinem Verbreitungsgebiet umher. In unseren Breiten ist er je nach Wetterlage Stand- und Strichvogel. Das eigentliche „wandern“ der Altfalken in den Wintermonaten ist bei uns kaum zu beobachten. Nur die Jungvögel ziehen in ihrem ersten Winter überwiegend nach Süd- oder Westeuropa. Im anschließendem Frühjahr, oder später, kehren sie dann zurück, um dann - oft in der Nähe ihres Geburtsortes - einen geeigneten Partner zu finden, mit dem sie ein neues Revier beanspruchen, in dem sie sich auch behaupten können.


Merkmale

Das Weibchen des Wanderfalken ist mit 43 cm Größe fast so groß, wie ein Bussard. Das Männchen, auch Terzel genannt, ist - wie bei fast allen Greifvögeln - um ein Drittel kleiner.
Beide Altvögel sind graubraun bis schiefergrau, wobei die Unterseite von heller bzw. weißlicher Farbe ist. Diese ist dünn mit schwarzen Querflecken gebändert. Unter den Augen hat der Wanderfalke einen sehr charakteristischen breiten und schwarz gefärbten Backenstreif.
Jungvögel sind dunkler und bräunlicher, wobei die Bartstreifen nicht so deutlich abgesetzt sind. Ihre Brust wirkt nicht gebändert, sondern deutlich getropft (s. Tabelle 1).

Tab. 1: Körper- und Gefiedermerkmale des Wanderfalken.

Körper Merkmale / Farben Jungvogel
Größe; Gewicht ca. 38 bis 50 cm (krähengroß); Terzel 550 bis 700 g, Weibchen 900 bis 1.100 g
Kopf dunkel schiefergrau (Oberkopf schieferschwarz) gefärbt, mit schwarzem Bartstreifen manchmal helle Stirn, Bartstreif oft nicht deutlich abgesetzt
Auge nussbraun mit orangegelbem Augenkreis bläulichgrüner Augenkreis
Nacken schieferschwarz helle Zeichnung
Kehle Weißlich; Kropf tropfenfleckig
Krummschnabel kurz; hellbläulich mit gelblicher Basis und dunkler Spitze hell hornfarben mit blaugrauer Spitze
Hals Seiten weißlich
Rücken schiefergrau dunkelgraubraun
Flügel Spannweite: ca. 90 bis 115 cm
Brust, Bauch, Flanken Grau- bis schwarzweiß mit dunklen Querbinden und Tropfenflecken rostgelblich und dunkel längsgefleckt
Beine / Fänge kräftig; orangegelb bläulichgrün
Schwanz hell gesäumt hell gesäumt


Das Flugbild ist durch die spitzen Flügel und den langen – zum Ende hin schmaler werdenden, hell gesäumten – Schwanz gekennzeichnet. Schnelle und dabei flache Schläge wechseln sich mit langen Gleitphasen ab.
Der Wanderfalke besitzt wie alle Greifvögel ein außerordentlich gutes Sehvermögen. Auf dem gelben Fleck im Falkenauge befinden sich 1,5 Mill. Sehzellen (zum Vgl. Mensch: 200.000 Sehzellen). So kann der Falke seine Beute schon auf 1.500 m Entfernung wahrnehmen.
Seine Stimme zeichnet sich durch ein wiederholt hervorgebrachtes „giggiggiggig“ aus.
Die ältesten nachgewiesenen Wanderfalken hatten ein Alter von 15,3 bzw. 15,6 Jahren.


Nahrung

Der Wanderfalke ist ein Flugjäger, der sich fast ausschließlich von drossel- bis taubengroßen Vögeln ernährt. So erbeutet er alle Drosseln, Stare, Hühner- und Rabenvögel, Möwen, Tauben, Limikolen, den Kuckuck und Enten. Bisher wurden 210 Vogelarten als Beute nachgewiesen. Das Beutegewicht liegt dabei zwischen 10 bis 1.800 g. Selten werden Säuger (Fledermäuse, Eichhörnchen, Kaninchen, Junghasen, Ziesel u. a.), Fische oder Insekten erjagt.
Mit Geschwindigkeiten von 280 bis 300 km/h stürzt sich der Wanderfalke im Sturzflug auf seine Beute herab und ist damit der schnellste Vogel der Welt. Bei dieser Geschwindigkeit verletzt der Wanderfalke seine Beute mit seinen scharfen Krallen meistens im Vorbeifliegen, da er sich bei einem Frontalangriff selbst tödlich verletzen könnte. So kann er dann anschließend im zweiten Anlauf - ohne Gefahr für sich selbst - die bereits geschwächte Beute ergreifen und anschließend mit einem Biss in den Kopf töten (Bisstöter). Nach Störungen kehrt der Falke nicht mehr zur Rupfung zurück.
Lag die Angriffshöhe niedrig über dem Boden, kann es auch passieren, dass die Beute - verletzt oder tot - mit lautem Knall auf dem Boden aufschlägt und dort vom Falken gegriffen wird. Vor dem Verzehr werden die Beutevögel vom Falken gerupft.
Aufgrund seiner ausschließlich fleischlichen Ernährung steht er auch an der Spitze der Nahrungskette. Deshalb dient er wie andere Greifvögel und Fleischfresser als Indikator für Umweltverschmutzungen, da sich die Giftstoffe in seinem Fettgewebe sowie in den inneren Organen anreichern und somit zu Infertilität führen.


Brutbiologie

Als Brutstandort bevorzugt der Wanderfalke überwiegend Nischen und Bänder in Felswänden. Sind solche nicht vorhanden brütet er auch auf Bäumen oder am Boden. Seit einiger Zeit nimmt der Wanderfalke auch „Kunstfelsen“ an, die ihm z. B. durch Autobahnbrücken, Industriebauten, Türme, Hochhäuser und Kernkraftwerke geboten werden. Der Wanderfalke baut kein eigenes Nest. Die Baumbrüter benutzen die Nester bzw. Horste anderer Greif- oder Rabenvögel bzw. auch von Reihern und die Felsbrüter scharren in den Untergrund unterhalb von Überhängen eine Mulde. Aber auch die Horste von anderen felsbrütenden Greifen oder Raben werden benutzt.
In Mooren können auch Bodenbruten beobachtet werden. Das gilt auch für Nordseeinseln.
Ein Falkenpaar hält lebenslang an seinem Brutrevier fest, indem es allerdings mehrere Brutplätze nutzen kann.
Wanderfalken brüten einmal im Jahr ab Ende Februar, meistens Mitte März, spätestens im April.
Das Weibchen legt bis zu vier braungefleckte Eier in eine ausgescharrte Mulde. Die Brutdauer beträgt 28 bis 32 Tage. Während der Brut und in den ersten Tagen nach Schlüpfen der Jungen wird das Weibchen mit Futter versorgt. Etwa 10 Tage lang werden die Jungen vom Weibchen gehudert. Nach etwa 40tägigen Nestaufenthalt fliegen die Jungvögel zwischen Ende Mai und Anfang Juni zum ersten Mal aus. Bevor die Jungen völlig selbständig sind, folgt eine drei- bis vierwöchige Bettelflugperiode in der Nähe des Horstes.
Geschlechtsreif ist ein junger Wanderfalke frühestens im zweiten, meist erst im dritten Lebensjahr. Selten fliegen allerdings auch vier Junge aus. Die überwiegende Mehrzahl wird Opfer von ungünstiger Witterung, oder von Uhus und Steinmardern.


Bestand

Während 1950 noch knapp 900 Brutpaare in Deutschland gezählt wurden, waren es Anfang der 80er Jahre nur noch ca. 60 Paare in Bayern und Baden-Württemberg. Es gab keine baumbrütenden Wanderfalken mehr und die nord- bzw. ostdeutschen Bestände verwaisten.
Anfang der 50iger Jahre gab es in der DDR noch etwa 150 Brutpaare des Wanderfalken, von denen 30 zur felsbrütenden Population gehörten und der Rest Baumbrüter waren. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden die Altvögel geschossen und die Gelege zerstört, so daß die natürliche Reproduktion die Verluste nicht ausgleichen konnte (eine Entwicklung, die bereits in den dreißiger Jahren einsetzte). 1955 wurde dann im Polenztal bei Hohnstein das erste dünnschalige schlupfunfähige Gelege geborgen. Ab 1965 schlüpften auf dem Gebiet der ehemaligen DDR keine Jungvögel mehr und ab 1974 (keine Felsbrüter mehr) galt der Wanderfalke hier als ausgestorben.
Zwei Falken wurden 1968 aus den letzten noch bebrüteten Horsten von Dr. Kleinstäuber und seinen Mitarbeitern in Menschenhand übernommen und es kam zu einer denkwürdigen Ost-West-Zusammenarbeit. Der Terzel von diesen beiden Vögeln - er stammt aus Mönchsheide, nördlich von Berlin, aus einem Baumbrüterhorst - wurde nunmehr zum Stammvater aller jetzigen mitteldeutschen Wanderfalken. Prof. Christian Saar aus - damals - Westberlin gelang es, als ersten europäischen Züchter die künstliche Besamung mit diesem Terzel durchzuführen. So konnte der Mönchsheider Terzel mit verschiedenen Weibchen der mitteleuropäischen Unterart 50 Nachkommen zeugen und starb siebzehnjährig 1985. In diesem Jahr flogen bereits wieder angesiedelte Wanderfalken in Hessen und bereits 1981 erfolgte in der DDR die erste Neubrut (allerdings noch ohne Jungvögel) von ausgewilderten hessischen Falken im Bodetal. Dasselbe Paar war dann im nächsten Jahr erfolgreich. Die ersten Ausbürgerungen waren bereits 1977 / 78 in Westberlin und in Westdeutschland erfolgt.
Die ausgewilderten Falken zeigten ein einmaliges Kompensationsvermögen, denn kein Altvogel hatte ihnen das arttypische Jagdverhalten beigebracht. Somit scheint dieses ein angeborenes Verhalten zu sein und die sogenannte „Bettelflugphase“ der Jungvögel ist wahrscheinlich nur eine Trainingsperiode. Dafür spricht auch, daß zuerst die am letzten aufgegebenen Reviere besiedelt wurden, die somit eine optimale Qualität für Wanderfalken darstellen. 1985 flogen im Harz von den ansässigen Brutpaaren bereits acht Jungfalken aus. 1984 flogen auch – erstmalig seit 1964 – in Thüringen zwei Jungfalken aus.
Eines der bekanntesten Auswilderungspaare der DDR war jenes an der Berliner Marienkirche, das in einer Holzkiste brütete und deren Nachwuchs im Elbsandsteingebirge ausgesetzt wurde. Nachdem das erste Gelege dieses Paares nicht bebrütet wurde, entnahm man im nächsten Jahr das Dreiergelege, tauschte es erst gegen Eiattrappen (angemalte Perlhuhneier) und später gegen ein Hühnerei aus. Im Tierpark Berlin erbrütete ein Brutschrank einen Jungvogel aus dem Gelege und zusammen mit einen anderen wurde er zurück zu den Eltern gesetzt. 1990 wurde in der Sächsischen Schweiz ein Auswilderungskäfig mit zwei Jungvögeln aus Polen und der BRD installiert. Dabei wurden die Jungen über ein Rohr, das mit dem Käfig verbunden war, gefüttert.
Ende der 90iger Jahre wurde für Mitteleuropa ein Bestand von 640 bis 770 BP geschätzt. Die europäischen Hauptverbreitungsschwerpunkte liegen in Grönland, Frankreich, Spanien und Großbritannien.
Der amerikanische Wanderfalke konnte 1995 von der Liste der bedrohten Tierarten gestrichen werden und ist damit die erste Art, die sich landesweit von der fast vollständigen Ausrottung erfolgreich erholt hat. Auch in den USA war dies nur durch das Verbot von DDT und der Einführung eines Zuchtprogramms möglich.


Vogel des Jahres

1971 war der Bestand des Wanderfalken in beiden deutschen Staaten fast zusammengebrochen. Es gab nur noch ca. 40 Brutpaare in Baden-Württemberg. So war es folgerichtig, dass der Naturschutzbund (NABU) als erste Vogelart den Wanderfalken zum Vogel des Jahres ausrief und damit versucht hat, Menschen für den Schutz einer bedrohten Art zu sensibilisieren. Gleichzeitig startete der Landesbund für Vogelschutz ein Artenhilfsprogramm. So wurden alle bekannten Horste und neu ausgewilderten Brutpaare intensiv bewacht und betreut, das Pestizid DDT (Dichlor-Diphenyl-Trichloräthan) wurde verboten.
Im Ergebnis kann für den Wanderfalken seitdem eine erfolgreiche Bilanz gezogen werden. Heute leben wieder ca. 450 Brutpaare in Deutschland. Trotzdem braucht der Wanderfalke weiterhin unsere Unterstützung. Denn nach wie vor treten immer wieder Fälle von direkter Verfolgung auf, wobei einzelne Vögel vergiftet, oder Jungvögel zur späteren Verwendung als Beizvögel gewildert werden. Da vor allem Tauben zum Nahrungsspektrum des Falken zählen, gibt es immer wieder Konflikte mit einzelnen Taubenzüchtern. Auch die zunehmende Verbreitung des Klettersports führt zu Störungen bei einzelnen Brutpaaren.

© Dirk Schäffer (12/2002, aktualisiert 07/2009)