Wanderdrossel (Turdus migratorius Linnaeus, 1766)

engl.: American Robin

Die Wanderdrossel (Turdus migratorius) ist die einzige „echte“ Drossel der Gattung Turdus in Nordamerika. So wie ihre Verwandte, die europäische Amsel (Turdus merula) war auch die Wanderdrossel ursprünglich eine ausschließlich in Wäldern brütende Singvogelart. Jetzt ist sie großenteils verstädtert und brütet auch in Sekundärwäldern. Sie dringt bis in die Millionenstädte vor und besiedelt vor allem Gärten, Parks und Friedhöfe.

Die europäischen Siedler, die nach Amerika einwanderten, übertrugen oft die Namen von ihnen bekannten Vögeln aus ihrer Heimat auf die bodenständigen Vogelarten, die sie in Nordamerika antrafen. So bekam die Wanderdrossel - aufgrund ihrer rostfarbenen Brust - den Namen Robin = Rotkehlchen.

In Europa ist die Wanderdrossel ein seltener Ausnahmegast, der wahrscheinlich oft nur mithilfe von Schiffen bis hierher kam. Bisher kam es zu über 10 Nachweisen in Deutschland. Beobachtungen sollten deshalb der Deutschen Seltenheitskommission mitgeteilt werden.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Familie: Drosseln (Turdidae)
Gattung: Eigentliche / Echte Drosseln (Turdus)


Vorkommen

Die Wanderdrossel ist in der gesamten Waldzone Nordamerikas von der polaren Baumgrenze im Norden (Alaska, Kanada, Neufundland) südwärts bis an den Rand der Subtropen, Zentralflorida, der Küste des Golfs von Mexiko und inselartig in den Bergen Mexikos sowie bis zur Südspitze der Halbinsel Nieder-Kalifornien verbreitet. In diesem riesigen Verbreitungsgebiet kann man sieben Unterarten unterscheiden.


Biotop

Die Ansprüche der Wanderdrossel an ihren Lebensraum sind mit denen unserer heimischen Amsel (Turdus merula) vergleichbar. Daher wird sie auch als „neuweltliches Gegenstück“ der Amsel bezeichnet. Besiedelt werden die unterschiedlichsten Wälder, Parks, Gärten und Kulturland.


Wanderungen

In einem Großteil ihres Brutgebietes ist die Wanderdrossel ein Zugvogel und zieht in großen Schwärmen in den Süden der USA.
Einzelne Vögel ziehen allerdings weiter bis nach Mittelamerika (Yucatan, Guatemala) bzw. in die Karibik (Kuba, Bahamas, Bermudas, Jamaika oder bis Puerto Rico).
Außerdem gibt es einzelne Populationen, die als Standvögel in ihrem Brutgebiet überwintern. Kälteeinbrüche oder Schneestürme können dann zur kurzfristigen Massenabwanderung von 10.000 und mehr Drosseln bis nach Florida führen.


Merkmale

Männchen und Weibchen sind nicht immer sicher voneinander zu unterscheiden (siehe Tabelle 1).
Die Jungvögel unterscheiden sich bis zum 1. Lebensjahr deutlich von den Altvögeln. Ihre gelblichrostfarbene Unterseite ist mit schwarzen Flecken versehen. Die Spitzen der Armdecken können deutliche, weißliche und dreieckige Flecken aufweisen, die bei den Altvögeln matter und verwaschener sind.
Markant ist außerdem ein schwarzer Kinnstreif.

Tab. 1: Aussehen und Merkmale der beiden Geschlechter der Wanderdrossel.

Merkmale Männchen Weibchen
Größe/Gewicht 25 cm; 54 - 94 g kleiner und leichter
Kopf dunkel bräunlichgrau / schwarz grau
Augenabzeichen 3 kleine, weiße Flecken vor, hinter und über dem Auge
Iris schwarzbraun
Kehle weiß, schwarz gestrichelt
Schnabel chromgelb mit dunkelbrauner Spitze dunkel hornbraun mit gelbem Schnabelwinkel
Rücken bräunlich grau / schiefergrau grau
Flügel graubraun
Brust lebhaft ziegelrot blasser, matt ziegelrot
Bauch Bauchmitte weiß
Bürzel blass, hellbraun
Beine dunkelbraun
Schwanz graubraun, Unterschwanzdecken weiß


Im Flug bzw. beim Auffliegen fallen die rostbraunen Unterflügel und die kleinen weißlichen Schwanzecken auf.

Stimme: Bei Erregung sind „wik-wik-wik“, oder „tschit-tschit-tschit“ Rufe zu hören.
Der hastig und gepresst vorgetragene Gesang klingt langweiliger und einförmiger als der von Singdrossel (Turdus philomelos) und Amsel (Turdus merula). Eher erinnert er an den der Ringdrossel (Turdus torquatus).

Die ältesten Ringvögel erreichten ein Alter von 11 Jahren. Ein Käfigvogel wurde 17 Jahre alt.


Nahrung

Die Wanderdrossel frisst besonders gern Gartenfrüchte und Wildbeeren. Selbst Mangroven- und Kohlpalmenfrüchte können auf der Speisekarte stehen. In Obstanbaugebieten kann es daher zu Konflikten mit den Farmern kommen.
Aber auch Insekten bilden einen Großteil ihrer Nahrung. Erbeutet werden Käfer, Raupen, Heuschrecken und Fliegen. Zur Nahrung zählen außerdem Regenwürmer, Schnecken, Tausendfüßer und Spinnen. In Ausnahmefällen werden auch Amphibien, Reptilien, Vogelnestlinge, Kleinsäuger und selbst Fischchen gefressen.
Angenommen werden aber ebenso Brot u. a. Futtermittel an den Fütterungen in den Großstädten.


Brutbiologie

Viele Wanderdrosseln sind sehr reviertreu. Das führt dazu, dass sie mitunter mehrere Jahre hintereinander zum selben Nest zurückkehren und dort brüten (Max. bis zu zwölfmal in sechs Jahren!). Dabei wird das Nest in der neuen Brutsaison ausgebessert.
Als Neststandorte werden Bäume und Sträucher, Spaliere, Zaunpfähle, Gartentore, Dachrinnen, Simse und Balken ausgesucht. Aber auch Bodennester kommen vor. Die vorrangige Nesthöhe beträgt 1,5 bis 7 m (max. bis 24 m). Auch fremde Nester werden benutzt und ausgebaut.
Das Nest wird vom Weibchen allein gebaut. Nur ausnahmsweise helfen einzelne Männchen mit. Der kompakte Bau besteht aus Gräsern, Halmen, Stängeln, Wurzeln, Schnur-, Garn- und Textilabfällen. Die Innenauskleidung bildet eine bis zum Nestrand reichende Lehmschicht.
Das Gelege besteht aus drei bis sechs, in den meisten Fällen vier Eiern. Die Eier sind einfarbig dunkel grünlichblau und selten mit dunkelbraunen Punkten gesprenkelt. Gebrütet wird 11 bis 14 Tage lang.
Die Jungen werden 14 bis 16 Tage lang im Nest von beiden Altvögeln gefüttert. Nach dem Ausfliegen betreut das Männchen die Jungen, so dass das Weibchen zur nächsten Brut schreiten kann. Pro Jahr können so bis zu drei Bruten erfolgen. Im hohen Norden erfolgt allerdings nur eine Brut.
Verluste von Gelegen werden vor allem durch Unwetter, Kälteeinbrüche, Schlangen, Katzen, Grauhörnchen und auch andere Vogelarten wie z. B. Blauhäher (Cyanocitta cristata) und Purpurgrackel (Quiscalus quiscula) hervorgerufen. Die Eier des Braunkopf-Kuhstärlings (Molothrus ater) - eines in Nordamerika verbreiteten Brutparasiten - werden regelmäßig aus den Nestern entfernt, was man von anderen Singvogelarten nicht beobachten kann. Es kommt aber auch vor, das Wanderdrosseln ihre Jungen im selben Nest, mit denen von anderen Arten aufziehen. Derartige Mischbruten wurden z. B. mit Trauertaube (Zenaida macroura) und Hausfink (Carpodacus mexicanus) beobachtet.


Bestand

Die Wanderdrossel profitiert von der weiteren Urbanisierung des Kontinents, so z. B. von der verstärkten Anlage feuchter Rasenanlagen in den Städten. Dadurch ist ihre Bestandsdichte in den Siedlungen und Randbiotopen der Städte bereits größer, als es die Art in ihrem natürlichen Lebensraum erreichen könnte. In den 50iger und 60iger Jahren kam es zu starken Bestandseinbrüchen durch DDT-Anwendungen, die zur Vergiftung der Regenwürmer führte.

© Dirk Schäffer (2006, aktualisiert 03 / 2008)