Wacholderdrossel (Turdus pilaris Linnaeus 1758)

engl.: Fieldfare

Abb. 1: Wacholderdrossel (K. Rönsch, Köln).

Abb. 2: Wacholderdrossel am Nest (K. Rönsch, Köln, 2005).


Die ursprünglich nordische Wacholderdrossel (Turdus pilaris) hat bei der Ausdehnung ihres Brutareals nach Südwesten etwa seit 1820 auch Deutschland besiedelt. Heute kann man sie fast überall beobachten, wobei sie als Brutvogel nur lückenhaft verbreitet ist und vor allem die Drosselschwärme in den Herbst- und Wintermonaten auffallen, die dann noch durch Artgenossen aus dem Norden verstärkt werden. Auch in einigen Städten und vor allem in größeren Dörfern brüten Wacholderdrosseln mittlerweile erfolgreich.
Die volkstümlichen Namen Krummet- oder Krammetsvogel beziehen sich darauf, dass die Drosseln gern auf frisch gemähten Wiesen (Krummet bedeutet kurze Wiese) nach Würmern suchen bzw. von der in einigen Regionen üblichen Bezeichnung, den Wacholderbaum Krammet zu nennen.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Drosseln (Turdidae)
Gattung: Echte Drosseln (Turdus)


Vorkommen

Ursprünglich war die Wacholderdrossel ein Brutvogel der Taiga Mittel- und Westsibiriens, die sich über Skandinavien nach Europa verbreitet hat.
Mittlerweile bewohnt die Wacholderdrossel die mittlere und nordöstliche Paläarktis von Schottland und Mittelfrankreich, nach Osten bis hin zum Amur in Sibirien. In Europa bildet sich eine Grenze südlich der Karpaten, Kroatien und der Alpen heraus. Einzelne Brutpaare besiedeln auch Großbritannien, Grönland und im Süden Makedonien und Griechenland.
In den Alpen stellen Höhen über 1.900 m die Verbreitungsgrenze dar, wobei einzelne Vögel auch noch höher beobachtet wurden.


Wanderungen

Die Wacholderdrossel ist in Mitteleuropa überwiegend Kurzstreckenzieher und verbringt den Winter vor allem in Mittel- und Südwesteuropa, im Mittelmeerraum, aber auch in Kleinasien, im Nahen Osten sowie in Nordafrika. Allerdings können einzelne Vögel auch weit nördlich eines einmal gewählten Winterquartiers ausharren. So ist die Wacholderdrossel in milden Wintern Standvogel und wandert nur bei extremer Kälte in Richtung Südwesten. Bei den Wanderungen richtet sie sich nach dem Angebot an Beeren.


Biotop

Die Wacholderdrossel bewohnt halboffene Landschaften. In Mitteleuropa sind dies vor allem Waldränder und Baumgruppen mit angrenzendem feuchtem Grünland. Aber auch Streuobstwiesen, Auwälder, Parks, Feldgehölze und größere Gärten werden von der Wacholderdrossel besiedelt. Wichtig sind Grünland mit kurzem Rasen und kleinräumig feuchte Flächen, die ein entsprechendes Wurmangebot aufweisen. Dazu müssen isolierte Baum- und Buschgruppen als Neststandorte passen, die einen freien An- und Abflug gewährleisten.


Aussehen

Die Geschlechter der Wacholderdrossel unterscheiden sich nicht. Die wesentlichen Größen- und Gefiedermerkmale sind der Tabelle 1 zu entnehmen.

Tab. 1: Aussehen und Merkmale der Wacholderdrossel.

Merkmale Färbung (beide Geschlechter)
Größe/Gewicht 22 bis 27 cm (größer und kurzbeiniger als die Amsel)
Stirn / Scheitel schiefergrau
Überaugenstreif deutlich weiß
Iris dunkelbraun
Kehle / Kinn beige bis rostgelb mit schwärzlichen Strichen
Schnabel gelb bis gelborange mit schwarzbrauner Spitze
Schultern kastanienbraun
Hals hinterer Hals schiefergrau; Halsseiten beige bis rostgelb mit dichter schwärzlicher Fleckung
Rücken oberer Teil rötlich braun; mittlerer und hinterer Rücken kastanienbraun
Flügel Schwungfedern dunkel graubraun mit schmalem hellen Rand; weiße Unterflügeldecken und rötlich braune Oberflügeldecken
Brust Vorderbrust beige bis rostgelb mit kräftigen, schwärzlichen Strichen
Bauch weiß
Flanken blass und rötlich beige, mit kräftigen, dunklen, pfeilspitzenähnlichen Flecken
Bürzel bräunlich grau
Beine dunkelbraun
Schwanz braunschwarz, weiße Unterschwanzdecken; schiefergraue Oberschwanzdecken (Weibchen bräunlich)


Stimme

Auffällig ist ein lautes, lachendes und oft wiederholtes „schack, schack, schack“. An dieser charakteristischen Lautäußerung ist diese Drossel schnell zu bestimmen, auch wenn sie noch nicht zu sehen ist.

Einige Wacholderdrosseln erreichten ein Alter von 18, 11 und 10 Jahren.


Nahrung

Im Sommer werden von der Wacholderdrossel vor allem Regenwürmer gefressen. Aber auch Schnecken, Spinnen und Insekten (Heuschrecken, Käfer und Larven) gehören zur Nahrung.
Außerhalb des Sommers bilden Beeren und Fallobst den Hauptbestandteil des Speisezettels.


Brutbiologie

Wacholderdrosseln sind Koloniebrüter. Dabei können bis zu 30 und mehr Paare ihre Nester gemeinsam und auch gleichzeitig bauen. Oft finden sich dann mehrere Nester in einem Laub- oder Nadelbaum.
Aber auch Gebäude, Mauern, Felsen und der Boden werden als Neststandorte ausgewählt.
Die Nestbasis wird häufig auf alten Bäumen oder hohen Sträuchern aus groben Grashalmen, Blättern und Lehm erbaut. Dann wird das Nest mit nasser Erde ausgekleidet und anschließend wird der Napf mit feinen Grashalmen ausgepolstert.
Das Nest selbst steht oft auffallend offen in Stammgabelungen, oder auf starken Ästen am Baumstamm. Nach einer Bauzeit von vier bis fünf Tagen ist das Nest fertig.
Das Weibchen legt (2)5 bis 6(7) blaugrüne Eier mit roten Tupfen. Die Eiablage erfolgt in Mitteleuropa frühestens Ende März und überwiegend im April. Die Brutzeit dauert 10 bis 13 Tage.
Die Bebrütung erfolgt ausschließlich durch das Weibchen. Die Nestlinge werden bis zum Alter von 9 bis 10 Tagen nur vom Weibchen gehudert und nach dieser Zeit aber von beiden Eltern gefüttert. Die Nahrungsflüge der Altvögel erfolgen meist nur in einem Umkreis bis zu 250 m Entfernung zum Nest.

Während der Brutzeit ist die Wacholderdrossel gegenüber natürlichen Feinden und auch Menschen sehr aggressiv. Dies ist notwendig, da manche Kolonien von Rabenvögeln (Krähen, Elstern und Eichelhähern) geplündert werden. Die Wacholderdrosseln verteidigen ihr Brutrevier, in dem sie ihre Feinde aus dem Sturzflug heraus ankoten.
Das Anspritzen mit Kot stellt eine wirkungsvolle und gefährliche Waffe dar. Denn wenn das Gefieder eines Räubers beschmutzt und verklebt wird, kann das zur Flugunfähigkeit führen und der Räuber kommt selbst in Gefahr. Stören Menschen die Drosseln, können auch sie mit Drosselkot beworfen werden. Dies betrifft auch in der Nähe sitzende Greifvögel und Eulen sowie Eichhörnchen.
Die jungen Wacholderdrosseln werden von beiden Eltern gefüttert und verlassen nach etwa 2 Wochen das Nest. Mit 18 Tagen können sie schon gut fliegen und sind mit etwa 30 Tagen selbständig.
Zweitbruten kommen in Mitteleuropa regelmäßig vor. Die letzten Gelege können Ende Juni getätigt werden. Generell können zwei Bruten in der Zeit von April bis Juni erfolgen.


Bestand

Die Wacholderdrossel ist ein häufiger Brut- und Jahresvogel mit vielen Verbreitungslücken, dessen Arealausbreitung noch nicht abgeschlossen ist.
Für die Ausbreitung der Art war sicherlich auch das Verbot des massenhaften Fanges der Vögel förderlich. Denn bis um die Jahrhundertwende wurden Wacholderdrosseln auf dem sogenannten Dohnenstieg mit Schlingen gefangen und anschließend als Krammetsvögel auf den Märkten verkauft.
Wahrscheinlich trugen auch die großflächige Waldrodung und die extensive Weidewirtschaft in geschichtlicher Zeit mit dazu bei, dass sich die Art verbreiten konnte.
Derzeitig führt die Intensivierung der Landwirtschaft, die eine großflächige Ausräumung der Landschaft und einen kontinuierlichen Rückgang von Grünland zur Folge hat, auch bei der Wacholderdrossel zu regionalen Bestandsrückgängen.

© Dirk Schäffer (08 /2009, aktualisiert 04/2011)