Uferschwalbe (Riparia riparia LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1983

engl.: Sand Martin (Bank Swallow)

Die Uferschwalbe (Riparia riparia) ist unsere kleinste einheimische Schwalbe. Aufgrund ihrer spezialisierten Nistplatzwahl (Brut in Steilwänden) ist sie mittlerweile sehr lückenhaft verbreitet und in vielen Gebieten nur noch als Durchzügler zu beobachten. Uferschwalben sind Koloniebrüter, die sich ihre Brutröhren in den Boden von Steilwänden graben.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schwalben (Hirundinidae)
Gattung: Riparia


Vorkommen

Die Uferschwalbe kommt in weiten Teilen Nordamerikas und Eurasiens vor, wobei drei Populationsgruppen für das Hauptareal mit verschiedenen Übergangsformen unterschieden werden. Die Nordgrenze ihres Verbreitungsgebietes reicht bis Ostsibirien und Fennoskandinavien. Im Süden brüteten einige wenige Paare in Tunesien, Algerien und Marokko. Die Balearen und die anderen Mittelmeerinseln (Kreta, Zypern, Korsika, Sardinien, Sizilien) werden nur beim Durchzug aufgesucht.
In Mitteleuropa ist die Uferschwalbe in den Tiefländern bis max. 750 m Höhe anzutreffen und besiedelt hier die Flusstäler mit den abbauwürdigen Sand- und Kiesvorkommen.


Wanderungen

Die Uferschwalbe ist ein Weitstreckenzieher der von April bis Oktober im Brutgebiet anzutreffen ist. Die Vögel überwintern in West- bzw. Zentralafrika (besonders zahlreich im Gebiet um den Tschadsee), Ostafrika (besonders im Gebiet der Grabenbruchseen) sowie im Transvaal, Zululand und Natal. Während des Zuges ist die Uferschwalbe, nicht selten in Gesellschaft von anderen Schwalben und Seglern, oftmals weitab vom Wasser anzutreffen. An einigen afrikanischen Seen kann es dann zu Massenansammlungen kommen. Außerhalb der Jungenaufzucht halten sich Uferschwalben gern auf vegetationsfreiem Boden zusammen mit Rauchschwalben auf.
Die Uferschwalbe beginnt bereits im August und damit früher als die Rauch- und Mehlschwalben mit dem Wegzug. Nachzügler können bis in den Oktober / November hinein beobachtet werden. Altvögel ohne Brut oder mit nur einer Brut verlassen die Kolonien bereits im Juni. Die Jungvögel verlassen die Altvögel nach dem Selbständigwerden und bilden dann große Schlafplätze. Diese befinden sich bevorzugt in Weidendickichten oder im Schilf.


Merkmale

Die Uferschwalbe ist unsere kleinste und zierlichste Schwalbe, mit einer Größe von 12,0 cm. Beide Geschlechter sind gleich gezeichnet. Die Oberseite ist stumpf grau- bzw. erdbraun gefärbt. Von dieser heben sich deutlich die weiße Unterseite und die ebenfalls weißen Halsseiten ab, zwischen denen ein braunes Kropfband verläuft. Die Unterflügeldecken und die Achselfedern sind dunkelbraun gekennzeichnet.
Der schwarze Schnabel ist breit und flach mit einer gebogenen Spitze. Die schwarzen Beine und Füße der Uferschwalbe sind bis auf ein kleines Federbüschel am unteren Lauf unbefiedert.
Jungvögel haben zeichnen sich durch beige gesäumte Federn der Oberseite aus. Ebenfalls beige ist die Kehle. Der dunkelbraune Schwanz ist flach und weniger gegabelt als bei der Mehlschwalbe. Das Flugbild wirkt nicht so flatternd, wie das der Mehlschwalbe, wirkt aber gegenüber der Rauchschwalbe unruhiger, flitzender und schneller. Allerdings sind weniger geradlinige Gleitbahnen als bei den anderen Schwalben zu beobachten. Während des Beutefluges werden die Flügelschläge oft plötzlich eingestellt, die Flügel angelegt, die Beute wird geschnappt und erst im Herabfallen werden die Flügel wieder bewegt.
Ins Wasser gefallene Altvögel können sehr gut schwimmen.


Stimme

Der Gesang des Männchens ist ein kurzes Schwätzen, deren Silben den Kurzrufen ähneln. Die Rufe können als raues ?tschrrip", ?tschirrip" bzw. ?tschärr" definiert werden. Sie erinnern an ein Kratzen, ähnlich dem, das beim Aneinanderreiben von Sandpapier entsteht. Die Rufe wirken weniger trillernd als die der Mehlschwalbe. Die Kurzrufe enthalten individuelle Merkmale, die der Erkennung innerhalb der Art dienen und auch als Lockrufe gegenüber den Jungen fungieren. Die Warnlaute werden besonders bei Gefahr an der Bruthöhle und beim Kampf mit Kontrahenten geäußert.

Die ältesten Uferschwalben erreichten ein Alter von 9 bzw. 10,3 Jahren.


Nahrung

Uferschwalben ernähren sich je nach Wetter und Verteilung des Insektenangebotes von kleinen Fluginsekten aller Art. Das sind u.a. Mücken, Zuckmücken, Blattläuse, kleinere Fliegen, Eintagsfliegen, Köcherfliegen und Käfer. Als Luftjäger jagen die Uferschwalben gern gesellig, aber auch einzeln, über Gewässern und können dabei bis zu 50 km/h erreichen.
Bei schlechtem Wetter wird versucht, dicht über der Vegetation oder der Wasseroberfläche Insekten zu erjagen. Bei günstigen Bedingungen erfolgt die Jagd auf frisch bearbeiteten landwirtschaftlichen Kulturen oder entlang von Gehölzen oder Röhrichten. Im Gegensatz zur Mehlschwalbe jagt die Uferschwalbe oft noch in der Dämmerung.
Getrunken und gebadet wird im Flug.


Brutbiologie

Als Brutstandorte dienen steile Wände der Flussufer, Steilküsten der Meere, steile Binnen- und Küstendünen, Sandgruben oder die Deckschicht von Steinbrüchen, soweit weiche Ablagerungen vorhanden sind (Diluvium, Alluvium). Die meisten Brutplätze befinden sich heute in Materialentnahmestellen (Kiesgruben) und angeschnittenen Halden. Auch Baugruben werden zunehmend besiedelt. Diese Standorte sind mehr oder weniger durch die menschliche Tätigkeit gefährdet. Gemieden werden Ton- Lehm- und Lößgruben (zu hoher Ton- und Schluffgehalt) sowie Standorte, deren obere Schichten mit Wurzeln durchwachsen sind, wie z.B. Sandgruben in Wäldern oder Grasnarben. Die Besiedlung einer Wand erfolgt stets von oben nach unten. Selten wird 1,50 m Entfernung vom Boden unterschritten.
In das Erdreich gräbt die Uferschwalbe eine bis zu 1,0 m lange Brutröhre. Diese hat einen Durchmesser von 4,0 bis 6,0 cm und ist leicht ansteigend angelegt. Die Brutröhren befinden sich bevorzugt im oberen Teil der Wände und sind zu Kolonien vereinigt. Die Größe der Kolonien beträgt überwiegend 20 bis 40 Brutpaare, Kolonien mit mehr als 200 Paaren sind selten. Die größten Konzentrationen in Mitteleuropa sind von der Ostseeküste bekannt.
Das Röhrengraben dient nicht nur dem Nestbau, sondern auch dem Sexualverhalten. Die fast ausschließlich grabenden Männchen und dazu die Anwesenheit der Weibchen wirken gegenseitig stimulierend auf die Paarbildung. Dabei können von jüngeren Männchen mehrere kürzere Wahlröhren gegraben werden. Gegraben wird nur mit den Füssen, wobei diese in oft wechselnder Stellung abwechselnd eingesetzt werden. Der abgekratzte Sand wird mit schnellen Bewegungen fontänenartig nach hinten befördert. Der Röhrenbau dauert im Mittel 4,4 Tage und wird durch Schlechtwetter, das Grabmaterial (4,0 bis 21,5 cm/h Arbeitsleistung) und der Ankunft in der Kolonie beeinflusst.
In der kugelförmigen Endkammer der Brutröhre wird das Nest - ein lockerer Haufen - errichtet. Der Nestbau dauert zwei Tage. Als Baumaterial dienen Grashalme, Heu, Fasern und Wurzeln. An der Ostsee wird oft Seegras verwendet. Für die Auspolsterung des Nestes werden Federn und Wolle verwandt. Oft wird Nistmaterial aus unbewachten Nachbarröhren gestohlen.
In den Kolonien der Uferschwalbe wurden bisher bis zu 12 verschiedene Vogelarten als Mitbewohner nachgewiesen. Am häufigsten sind dabei Haus- Passer domesticus und Feldsperling Passer montanus sowie der Star Sturnus vulgaris.
Die Uferschwalbe zeitigt 1 - 2 Jahresbruten, wobei die Gelegegröße aus 4 bis 7 (selten 3 bzw. 8) Eiern besteht. Die Gelegegröße wird durch den Umfang der Nestkammer und die Witterung beeinflusst. Die Eier sind glanzlos und rein weiß. Ihr Durchmesser beträgt 17,7 x 12,5 mm und das Gewicht der Eier 1,1 - 1,6 g. Die Brutzeit kann bereits Ende April/Anfang Mai beginnen und endet im September. Beide Partner bebrüten die Eier. Die Brutdauer beträgt 14 bis 15, bei schlechtem Wetter bis zu 20, Tage.
Beide Partner füttern die Jungen gemeinsam. Anhaltende Schlechtwetterperioden können oftmals zum Tod der Jungen durch Verhungern führen. Allerdings besitzen die Jungen die Eigenschaft der Torpidität, das heißt sie können bei kaltem Wetter in eine Kältestarre fallen.
Auch starke Regenfälle und Erosionen können zum Einsturz von Brutwänden beitragen. Dann werden bereits schon nach wenigen Stunden neue Kolonien am selben Standort oder in der Nähe gegründet.
Gefüttert werden deutlich kleinere Insekten als bei Rauchschwalben, wie Blattläuse, Mücken, Fliegen, Hautflügler, kleinere Schmetterlinge und Flugameisen. Die Nahrung wird als Futterballen übergeben. In den ersten 4 bis 5 Tagen wird ein Futterballen auf 2 bis 3 Junge verteilt. Später bekommt jedes Junge einen Futterballen. Die Nestlingszeit beträgt 18 bis 23 Tage. Weibchen, die ein zweites Mal brüten, überlassen die Fütterung der fast flüggen Jungvögel dann dem Männchen. Diese Weibchen verlassen oftmals die Kolonie und siedeln sich in einem anderen Teil der Kolonie, oder in einer anderen Kolonie an. Es wird eine neue Brutröhre gegraben bzw. bei der ersten das alte Nest entfernt und eine neue Nestkammer angelegt.


Bestand

Für Deutschland geht eine Gesamtschätzung von 1974 bis 1983 von 62.000 bis 78.000 Brutpaaren aus. Die höchsten Konzentrationen sind dabei in Schleswig-Holstein zu finden. Hier existiert auch die größte in Mitteleuropa bekannte Kolonie in Brodten mit 2.590 Röhren. Bestandsschätzungen erweisen sich aufgrund der regionalen Schwankungen und der schwierigen methodischen Erfassung der Brutpaare (hohe Umsiedelungsrate) als schwer zu beurteilen.
Möglicherweise sind allerdings die hohen Verluste in den Überwinterungsgebieten, durch die anhaltenden Dürren in der Sahelzone für Bestandsrückgänge mitverantwortlich.
Weitere Probleme ergeben sich regional aufgrund von menschlichen Einflüssen. So kommen mutwillige Zerstörungen der Kolonien durch Kinder und Jugendliche vor sowie Beeinträchtigungen durch Badebetrieb und Angelsport.
Außerdem kann der Abbau von Sand und Kies sowie die Weiterführung von Arbeiten in Baugruben zur vollständigen Vernichtung einzelner Kolonien führen. Aber auch beim vollständigen Erliegen der Abbauarbeiten in den Gruben eignen sich die Steilwände nach 2 bis 3 Jahren bereits nicht mehr als Brutstandorte für die Uferschwalben.
Die Rekultivierung von Sand- und Kiesgruben kann ebenso zur Brutplatzaufgabe führen.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 03/2011)