Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes Linné 1758)

Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes Linné 1758)


engl.: Eurasian Nutcracker

Bild Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes)

Abb. 1: Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes).

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Der Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) gehört in die Singvogelfamilie der Rabenvögel. Er ernährt sich überwiegend von den Samen der Nadelbäume, das ermöglicht ihm eine einzigartige Anpassung an seinen montanen Lebensraum.

Eine verwandte Art ist der nordamerikanische Kiefernhäher (Nucifraga columbiana).

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Familie: Krähenverwandte (Corvidae)
Gattung: Nucifraga Brisson 1760

Vorkommen


Der Tannenhäher brütet in Deutschland vor allem im Alpenraum, in den Vogesen, im Schwarzwald und in den höheren Mittelgebirgslagen (Eifel, Ardennen, Sauerland, Weserbergland, Harz) mit Nadelwäldern. Diese Vögel sind überwiegend Standvögel. Außerdem kommt die Nominatform N. caryocatactes in Westrussland bis zum südlichen Ural, im südlichen Skandinavien sowie in Mittel- und Osteuropa vor.

Biotop


Der Tannenhäher ist ein typischer Vogel des Montanwaldes und in den Zentralalpen ab 700 bzw. 1.100 m und bis max. 2.000 m über dem Meeresspiegel bis hin zur Baumgrenze zu finden.

In den ostdeutschen Mittelgebirgen kommen Tannenhäher oberhalb 400 m NN vor.

Wanderungen


In Jahren mit schlechtem Fruchtertrag der sibirischen Zirben erfolgt - manchmal invasionsartig - ein starker Zustrom von der Unterart N. macrorhynchos, die sich durch einen längeren und schlankeren Schnabel von der Nominatform N. caryocatactes unterscheidet, aus Ostrussland und Sibirien. Dabei sind Flugstrecken von bis zu 3.000 km möglich. Der Rückflug dieser sibirischen Tannenhäher ist weniger umfangreich, da viele Vögel sterben und einige wenige auch zurückbleiben und am Invasionsort brüten.

Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme deutet das Auftreten von Invasionsvögeln in unseren Breiten nicht automatisch auf einen strengen Winter hin.

Merkmale


Ein Tannenhäher ist mit 32 bis 35 cm Körpergröße etwa so groß, wie ein Eichelhäher (Garrulus glandarius) und 150 bis 210 g schwer. Aber er hat einen kürzeren Schwanz, einen lang gestreckten Kopf und vor allem einen längeren, kräftigen schwarzen Schnabel. Charakteristisch ist auch der Kehlsack, eine stark dehnbare Hautfalte im Unterschnabel. Außerdem befindet sich im Unterschnabel eine Art Leiste, die als Widerlager zum Knacken von Samen dient.

Vom dunkelbraunen, mit kleinen weißen Flecken übersäten bzw. besprenkelten Gefieder (im Volksmund daher „Starenkrähen“ genannt) heben sich die braunschwarzen, breiten und rund wirkenden Flügel ab. Oberkopf und Nacken sind ungefleckt, dunkel- bis schwarzbraun und heben sich daher ebenfalls deutlich ab. Die Iris ist von dunkelbrauner Farbe. Besonders fallen - vor allem im Flug - die weißen Unterschwanzdecken und die ebenfalls weiße Schwanzspitze auf. Die Läufe sind schwarz gefärbt. Männchen und Weibchen sind von gleicher Gefiederfarbe (s. Tabelle 1).

Die Jungvögel sehen etwas heller bzw. blasser (wie „Milchschokolade“) aus, allerdings mit hornbraunem Schnabel und Läufen sowie mit grauer bis graubrauner Iris.

Der Flug (Spannweite 49 - 53 cm) ist geradlinig und wirkt nicht ganz so unbeholfen, wie der des Eichelhähers.

Tab. 1: Gefiedermerkmale.

Merkmal Eigenschaft / Farbe
Größe/Gewicht 30 - 33 (35) cm / 150 - 180 (210) g
Gestalt nur wenig größer als Eichelhäher
Oberkopf dunkel- bis schwarzbraun
Nacken dunkel- bis schwarzbraun
Kehle mit dehnbarer Falte (Kehlsack); hell schokoladenbraun mit weißen Sprenkeln / Strichen auf jeder Feder
Iris grau bis graubraun
Schnabel etwa kopflang und kräftig; schwarz
Oberseite hell schokoladenbraun mit weißen Sprenkeln / Strichen auf jeder Feder
Unterseite hell schokoladenbraun mit weißen Sprenkeln / Strichen auf jeder Feder
Flügel breit, gerundet; dunkelbraun bis schwarz; Handschwingen z. T. weiß an der Basis der Innenfahne (Flugmerkmal)
Bürzel braunschwarz
Oberschwanz braunschwarz
Unterschwanz weiß
Schwanzspitze weiße Endbinde
Beine schwarz

Stimme


Der Tannenhäher ist insgesamt nicht sehr gesangs- und ruffreudig. Der in der Balzzeit zu hörende Gesang ist leise schwätzend, mit integrierten rauen Lauten und erinnert an den der Elster (Pica pica). Gern sitzt der Tannenhäher dabei auf erhöhten Warten, wie z.B. Koniferenspitzen.

In den Gesang werden geschickte Imitationen anderer Vogelarten mit eingebaut.

Weitaus häufiger ist der kennzeichnende lang gezogene Ruf zu hören. Dieser erinnert an die Rabenkrähe (Corvus corone). Das „krrrräähh“ bzw. „krärr-krärr“ klingt aber länger, rollender und höher. Manchmal sind auch dohlenartige Rufe - wie „jäk“ und „kja“ - zu hören.

Nahrung


Die Nahrungssuche findet auf Bäumen, in Büschen und auch am Boden statt. Gefressen werden vor allem die Samen der Arven, Kiefern, Fichten und Haselnüsse sowie verschiedene Baumfrüchte. Weiterhin gehören auch Bucheckern, Eicheln, Esskastanien, Walnüsse und nicht geerntetes Obst zur Nahrung. Durch seine spezielle Anpassung an die Ernährung über Baumsamen erhält der Tannenhäher ausreichend Kohlenhydrate und damit Energie, um im kalten Gebirgsklima zu überleben.

Die Samen werden entweder durch das Pressen mit dem Schnabel oder durch wuchtige Schnabelhiebe geöffnet, wobei die Samen mit den Zehen festgehalten werden. Dieser Vorgang findet an bestimmten Orten - z.B. auf Felskuppen oder Arvenästen - statt, die der Häher dafür immer wieder aussucht. dies sind die so genannten „Häherschmieden“. Im Sommer ist der Tannenhäher - wie alle Rabenvögel - Allesfresser. Dann werden neben Insekten, Schnecken, Würmern und kleinen Wirbeltieren - bis zur Größe einer Haselmaus - auch Eier und Jungvögel erbeutet. Aas verschmäht der Tannenhäher ebenfalls nicht.

Für den Winter und die nachfolgende Brutsaison werden je nach Höhenlage ab Mitte August, oder auch später, Nahrungsdepots aus Baumsamen und -früchten angelegt, die am Boden versteckt werden. Selbst unter einer hohen Schneedecke kann der Tannenhäher diese Verstecke wieder finden.

Als Versteckplatz wird strukturiertes Gelände aufgesucht. Besonders beliebt sind allerdings die Wurzelbereiche der Bäume, die durch den Schutz der Baumkronen großenteils auch Schnee frei bleiben können. Die Verstecke müssen einen lockeren Boden aufweisen und einen guten An- und Abflug gewährleisten. Der Transport der Samen erfolgt im Kehlsack. Bis zu 100 Arvensamen oder auch bis zu 20 Haselnüsse kann der Tannenhäher auf diese Weise im Flug zu seinen Verstecken transportieren. Aufgrund seiner Leidenschaft für die Samen der im alpinen Raum verbreiteten Arve heißt er im Engadin auch „Arvenhäher“.

Je nach Zustand der Bodenoberfläche werden 15 bis 25 Samen pro Versteck eingetragen. Dafür wird mittels Schnabelhieben ein 0,5 bis 2 (5) cm tiefes Erdloch gehackt, dass mit lockerer Erde oder Flechten abgedeckt wird.

Für einen Winter und die folgende Brutsaison legt jeder Häher bis zu 6.000 Verstecke an und sammelt bis zu 100 000 Samen. Manchmal werden bis zu 15 km für einen Sammelflug zurückgelegt. Um dieses außerordentliche Verhalten zu realisieren, besitzt der Tannenhöher ein sehr gutes Gedächtnis. Zudem verfügt er über ein außergewöhnlich gut entwickeltes Raumorientierungsvermögen, mit dessen Hilfe er sich an besonderen geographischen Landmarken u. a. Merkmalen in seinem Revier orientiert. Die Erfolgsrate der Wiederfunde seiner Verstecke liegt bei ca. 85 %.

Beim Verstecken verhalten sich die Vögel sehr vorsichtig und warten, bis kein anderer Vogel in der Nähe ist.

Im Winter wandert der Tannenhäher aber auch in die Täler und ist dann als regelmäßiger Nahrungsgast an den Futterhäusern sowie in Gärten und Parks zu beobachten.

Brutbiologie


Zur Brutzeit, ab Februar/März bis Mai wird das Nest von beiden Altvögeln hoch in Kiefern, Fichten, Arven und auch in Lärchen vor allem in Nähe des Stammes, in zwei bis zwölf Meter Höhe angelegt. Als Baumaterial werden Zweige, Flechten, Moos, Halme, vermodertes Holz und Erde verwendet. Die Nestmulde wird mit Gras, Rindenbast, Flechten, manchmal auch Federn und Haaren ausgepolstert.

Der Tannenhäher ist das ganze Jahr über orttreu und besetzt daher ein festes Brutrevier von 0,5 bis 8 ha Größe, das von einem Paar bis zu 15 Jahre lang benutzt werden kann. Der engere Nestbereich wird gegen Eindringlinge energisch verteidigt.

Das Weibchen legt zwei bis fünf hell grünlich oder blassblau bis weiß glänzende und mit schwachen kleinen braunen Sprenkeln versehene Eier, die auch vom Männchen mit bebrütet werden. Die Brutdauer beträgt 17 bis 19 Tage. Die geschlüpften Jungvögel werden 24 bis 28 Tage lang überwiegend mit zerquetschten Piniensamen von beiden Altvögeln im Nest gefüttert. Für die Fütterung der Jungen werden auch die angelegten Samenverstecke genutzt. Es findet nur eine Jahresbrut statt.

Mit dem Flüggewerden der Jungen wandert die Familie noch 6 bis 7 Wochen im Brutrevier umher und leert die letzten Verstecke. Dabei wird auch andere Nahrung (z.B. Insekten verfüttert). Erst wenn keine Vorräte mehr vorhanden sind, wird außerhalb des Brutterritoriums nach Nahrung gesucht. Wenn die Jungen selbständig geworden sind, verlassen sie das Revier der Eltern und schließen sich mit anderen Jungvögeln zu kleinen Trupps zusammen, die im Winter umherziehen, bis es ihnen gelingt, ein eigenes Revier zu besetzen. Einzelne Jungvögel können auf der Flucht vor dem Schnee bis zu 85 km weit abwandern. Die Jungvögel erreichen die Geschlechtsreife im ersten Lebensjahr. Der Großteil brütet aber erst später zum ersten Mal.

Bestand


Derzeitig ist der Tannenhäher in seinem Bestand nicht gefährdet und breitet sich eher mit Zunahme der Fichtenwälder aus. Der deutsche Gesamtbestand wird auf 5.000 Brutpaare geschätzt. Allein in Sachsen gibt es 200 bis 350 Brutpaare, in Thüringen ca. 550 und rund 100 im Harz. Selbst im Berliner Raum kam es schon zur Brut eines sibirischen Tannenhähers.

Im Gegensatz zu früher - als ihn seine Samensammeltätigkeit in Konkurrenz zum Menschen führte und ihm nachgesagt wurde, dass er der Waldverjüngung entgegenwirkt - hat man jetzt seinen Nutzen für den Wald erkannt und er steht wie alle Singvögel unter Schutz. Auch die Zeiten, in denen Tannenhäher auf der Speisenkarte standen, sind somit vorbei. So sind seine Samenverstecke in einigen Höhenlagen fast die einzige Möglichkeit, für eine Ausbreitung der Waldbäume. Die Zirbel-Kiefer Pinus cembra - auch Arve oder Zirbe genannt und in drei Unterarten im mitteleuropäischen Alpenraum, in Sibirien und in Korea verbreitet - ist auf seine Verstecke und die wenigen Samen, die er vergisst, für ihre Vermehrung geradezu angewiesen. Damit kann sich der Baum - unabhängig vom Menschen - im Alpenraum vermehren. Dieses Zusammenwirken zwischen Vogel und Pflanze (Baum) wird Zoochorie genannt.

© Dirk Schäffer (2004, aktualisiert 07/2012)