Stieglitz (Carduelis carduelis LINNAEUS, 1758)

Stieglitz (Carduelis carduelis LINNAEUS, 1758)


engl.: European Goldfinch

Bild Stieglitz, Distelfink (Carduelis carduelis)

Bild Stieglitz, Distelfink (Carduelis carduelis)

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Der Stieglitz (Carduelis carduelis) auch unter dem Namen Distelfink bekannt, gehört zu den farbenfrohesten Finkenarten und ist daher auch einfach zu bestimmen. Hinzu kommt, dass er ganzjährig beobachtet werden kann und vor allem im Winter ein Gast der Futterhäuser ist. Der wissenschaftliche Name ?Carduelis? leitet sich von lat. carduus (Distel) ab.
Bis in das 20. Jahrhundert war er zudem ein beliebter Volieren- und Käfigvogel, der aufgrund seiner prächtigen Gefiederfarben gehalten wurde. Mittlerweile ersetzen ihn weitestgehend exotische Vogelarten.
Bereits frühzeitig fand der Stieglitz Eingang in Mythen und Literatur, da er im Mittelalter als Talisman zum Schutz gegen die Pest gehalten wurde und aufgrund seiner Vorliebe für die dornigen Disteln als christliches Symbol für die Passion und den Opfertod Jesu Christi dient.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Finken (Fringillidae)
Unterfamilie: Zeisig-gimpelartige Finken (Carduelinae)
Gattung: Zeisige (Carduelis BRISSON, 1760)

Vorkommen


Der Stieglitz kommt in fast ganz Europa, außer in Mittel- und Nordskandinavien sowie auf Island vor. Von Westeuropa erstreckt sich das Verbreitungsgebiet bis Mittelsibirien im Norden und weiter nach West- bis Zentralasien. Außerdem kommt der Stieglitz in Nordafrika vor. Zudem wurde er vom Menschen auf Neuseeland und einigen Inseln Ozeaniens angesiedelt.

Biotop


Offene baumreiche Landschaften, Obstgärten, Streuobstwiesen, lichte Wälder, Alleen und Parks sind die bevorzugten Lebensräume des Stieglitzes. Auch in den Städten findet er auf Friedhöfen und in naturnahen Gärten ihm zusagende Standorte, an denen er ganzjährig zu beobachten ist.

Wanderungen


Der Stieglitz ist sowohl Standvogel als auch Kurzstreckenzieher. Die Vögel, die abwandern, überwintern vor allem in Westeuropa.
Im Spätherbst und im Winter sieht man ihn häufig auf Brachland, Ruderalflächen und an Wegesrändern, auf denen die Stauden stehengeblieben sind und er somit deren Samen ?ernten? kann. Dann bildet der Stieglitz oft große Schwärme zusammen mit verwandten Finkenarten, wie z.B. Erlenzeisig (Carduelis spinus), Girlitz (Serinus serinus), Grün- (Carduelis chloris) und Bergfink (Fringilla montanus).

Merkmale


Der Stieglitz ist mit ca. 12 bis 14 cm Körpergröße einer der kleinsten Finkenvögel, etwa so groß wie ein Haussperling (Passer domesticus) und wiegt ca. 16 g. Besonders auffallend ist sein schwarz-weißer Kopf mit einer dunkelroten Gesichtsmaske. Der Rücken und die Flanken sind zimtbraun. DerBürzelbereich ist weiß. Die Flügel sind überwiegend schwarz und besitzen ein deutlich abgesetztes, gelbes Flügelband, das im Flug besonders auffällt. Der helle Schnabel ist für Finken ungewöhnlich spitz. Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum im Aussehen. Das Männchen ist allerdings etwas größer und farbenprächtiger mit gelblichem Bauchgefieder. Es hat eine größere und dunklere Gesichtsmaske, die teilweise die hintere Ecke des Auges erreicht. Auch der Flügelspiegel ist intensiver gefärbt und die kleinen Deckfedern der Flügel sind von schwarzer Farbe. Der Schnabel ist etwas spitzer und länger sowie mit einer gebogenen Spitze ausgestattet. Das Weibchen hat grüngelbes Bauchgefieder und eine kleinere rote Gesichtsmaske, die nicht bis zur Hälfte des Auges und bis zur Kehle reicht.
Die Jungvögel haben einen einfarbig grauen Kopf und eine gefleckte Brust. Auf den Schwanzfedern haben sie hellbraune Flecken.

Der Stieglitz hat eine geringe Lebenserwartung. Im Freiland erreicht er ein Alter von ungefähr 5 Jahren. Käfigvögel können bis zu 17 Jahre alt werden.

Stimme


Der Gesang ist recht leise und ähnlich dem nahe verwandten Erlenzeisig. Er besteht aus schnellem Trillern und Zwitschern. Außer während der Mauser kann man den Gesang fast das ganze Jahr hindurch hören. Der Name Stieglitz leitet sich vom charakteristischen dreisilbigen Ruf ab, der oft auch im Flug zu hören ist. Dieser hört sich an, wie ein durchdringendes ?didelit? oder auch ?stiglit?.

Nahrung


Die Hauptnahrungspflanzen vom Stieglitz stellen überwiegend Wildkräuter dar (152 nachgewiesene Arten), die vor allem auf Brachen, Ödland und an Wegrändern wachsen und deren Samen er frisst. Aber auch Baum- (Birke und Kiefer), Sonnenblumen- und Knöterichsamen zählen u.a. dazu. Der auffallend lange und spitze Stieglitzschnabel eignet sich besonders dafür, um die Samen von Disteln und anderen Korbblütlern zu gelangen. Auf der Suche nach diesen Sämereien klettert der Stieglitz geschickt an Stauden und Zweigen entlang. Die Vorliebe für Distelsamen brachte dem Stieglitz auch den Namen ?Distelfink? ein. Im Winter sieht man die Stieglitze auch häufig an Futterstellen.

Brutbiologie


Der Stieglitz ist seinen Artgenossen gegenüber wenig territorial und verteidigt nur den engeren Nestbereich, so dass es zur Bildung von Brutgruppen kommen kann.
In der Brutsaison von April/Mai bis Juli/August sind zwei Bruten möglich. Das Nest wird in vier bis sechs Tagen vorzugsweise hoch in Bäumen oder im oberen Bereich von Büschen aus kleinen Zweigen, Wurzeln, Pflanzenfasern, Moos und Flechten gebaut. Der Napf des Nestes wird mit Tierhaaren, Federn und Diestelwolle ausgepolstert.
Die 4 bis 6 blau weißlichen und rot gefleckten Eierwerden vom Weibchen nach Ablage des dritten Eies ca. 12 bis 14 Tage lang bebrütet. In dieser Zeit wird es vom Männchen mit Nahrung versorgt. In den ersten sechs Lebenstagen füttert das Weibchen die Jungvögel aus dem Kropf. Die Nahrung erhält es vom Männchen, das vor allem Ameisenpuppen Fruchtfliegen und Blattläuse als Futter heranschafft. Ab dem fünften bis siebten Lebenstag öffnen die Jungvögel die Augen und werden dann von beiden Eltern mit Insekten gefüttert. Zusätzlich erhalten sie dann bereits Sämereien als Futter. Ab dem zwölften Lebenstag setzen die Jungvögel den Kot, der anfangs von den Altvögeln weggebracht wird, auf dem Rand des Nestes ab. Zu diesem Zeitpunkt können sie bei Gefahr bereits das Nest verlassen. In Ausnahmefällen ist das schon ab dem achten Lebenstag möglich.
Im Alter von 14 Tagen fliegen die Jungen aus und werden dann noch bis zu weiteren 14 Tagen gefüttert, bis sie - mit 28 bis 30 Tagen - selbstständig sind. In dieser Zeit beginnt das Weibchen bereits ein neues Nest für die zweite Brut zu bauen.

Bestand


Der Stieglitz gilt als nicht gefährdet, da der europäische Bestand ca. 12 Millionen Brutpaare umfasst, die ungefähr die Hälfte des Weltbestandes repräsentieren. Lokale Bestandschwankungen sind allerdings möglich. So wurde der Stieglitz in der Schweiz 2003 zum Jahresvogel ausgerufen, da ihm durch den übermäßigen Einsatz von Pestiziden seine Nahrungsgrundlage, die Sämereien der Wildkräuter, entzogen wurde.
Alle Käfigvögel stammen mittlerweile aus Nachzuchten, da Wildfänge für die Käfighaltung nicht mehr gestattet sind. Eine Ausnahme innerhalb Europas stellt hier leider Malta dar, wo zeitlich befristet weiterhin Stieglitze für die private Käfighaltung gefangen werden dürfen.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 01/2012)