Steinadler (Aquila chrysaetos Linnaeus, 1758) - Tier des Jahres 2001 in der Schweiz

engl.: Golden Eagle


Der Steinadler (Aquila chrysaetos) kommt in Deutschland nur noch in den Alpen vor. Er ist etwas kleiner als unser größter einheimischer Adler, der Seeadler (Haliaeetus albicilla), wirkt aber trotzdem sehr elegant und majestätisch.
Der Steinadler ist ein großer kräftiger Greifvogel, der aufgrund seiner Stärke und seiner Gewandtheit schon frühzeitig die Phantasie der Menschen angeregt hat. Dementsprechend kennt der Volksmund auch viele Namen für den Steinadler, wie z. B. Berg-, Königs-, Gold-, Hasen- oder Stockadler. Auch als Wappenvogel war und ist der Steinadler beliebt. Bereits im Römischen Reich wurde der Steinadler als Zeichen des Gottes Jupiter das Sinnbild der kaiserlichen Macht und diente als Feldzeichen der römischen Legionen. Später führte Karl der Große den Steinadler als kaiserliches Wahrzeichen. Im 12. Jh. wurde der Steinadler zum deutschen Reichswappen erhoben. Von 1919 bis 1935 war das kaiserliche Wappen der Hohenstaufer in seiner romanisch-gotischen Form das Reichswappen. Seit 1950 ist der Steinadler der Wappenvogel der Bundesrepublik Deutschland und ziert die Euromünzen.
Nach wie vor ist der Steinadler bei Falknern ein beliebter Beizvogel und so werden für diese Form der Nutzung regelmäßig Adler gezüchtet und abgerichtet.


Systematische Einordnung

Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)
Familie: Habichtverwandte (Accipitridae)
Unterfamilie: Habichtsartige (Accipitrinae)
Gattung: Aquila


Vorkommen

Aufgrund der extremen Verfolgung in den letzten Jahrhunderten ist das Vorkommen des Steinadlers mittlerweile inselartig auf die höheren Gebirge mit ihren steilen Felswänden beschränkt.
Früher war der Steinadler in verschiedenen Unterarten über große Teile Eurasiens, Nordamerikas und Nordwestafrikas verbreitet, doch mittlerweile ist er in vielen Gegenden bereits ausgerottet. Nur noch wenige Brutpaare brüten in den Alpen. Außerdem ist der Steinadler noch Brutvogel in Schottland, dem Baltikum, Norwegen, Nordschweden, Südfinnland, auf der Iberischen Halbinsel, in den Karpaten, im französischen Zentralmassiv, auf den größeren Mittelmeerinseln sowie in Nordosteuropa und in großen Teilen Asiens.
In Süd- und Mitteleuropa findet man den Steinadler nur in Gebirgslandschaften.


Biotop

In der Ebene bevorzugt der Steinadler ausgedehnte Waldungen. Im waldarmen Gebirge benötigt er allerdings hohe Felswände zur Anlage seines Horstes.


Wanderungen

Die Steinadlerpaare, die in den deutschen Alpen brüten, sind großenteils Stand- und gelegentlich auch Strichvogel. Gelegentlich können in Mitteleuropa auch Steinadler aus Nord- und Nordosteuropa nachgewiesen werden.
Die jungen und noch nicht geschlechtsreifen Adler streifen weit umher, bevor sie sich in der Nähe ihres Geburtsortes ein eigenes Revier suchen.


Merkmale

Der Steinadler kann zwischen 77 und 95 cm groß werden. Die kleineren Männchen werden 3,5 kg und die deutlich größeren Weibchen bis zu 4,5 kg schwer.
Die Altvögel haben ein überwiegend dunkelbraun gefärbtes Gefieder, von dem sich die goldgelb getönten Oberkopf- und Nackenpartien deutlich abheben. Daher rührt auch der Name Goldadler (Golden Eagle). Die Handschwingen und der Schwanz (Stoß genannt) sind schwarzbraun gefärbt.
Bei den jungen Adlern ist der Schwanz weiß mit fast schwarzer Endbinde und auf der Unterseite der gespreizten Flügel sind ein großer weißer Fleck nahe der Handwurzel sowie grauweiße Flecken im Unterflügel sichtbar (s. Abb. 1). Die Weißfärbung der jungen Adler nimmt mit zunehmendem Alter - etwa ab dem fünften Lebensjahr - ab. Im 6. Lebensjahr sind die Adler dann ausgefärbt.

Abb. 1: Steinadler mit goldgelbem Nacken und Weiß im Stoß (Beizvogel, Aufn. H.D. Wowries).


Ein besonderes Merkmal der Adler sind ihr Schnabel, der stets länger ist als die Hälfte des Kopfes und ihre schrägen Nasenlöcher. Der sehr kräftige und massive Schnabel des Steinadlers ist an der Wurzel gerade und an der Spitze mit einem Haken versehen.
Die Beine (Ständer genannt) sind vollständig befiedert und die Federhosen reichen bis an die Zehen. Die goldgelben Fänge sind mit stark gekrümmten und scharf zugespitzten Krallen ausgestattet. Daher ist der Steinadler ein sogenannter Grifftöter.
Eine Verwechslung des Steinadlers mit unausgefärbten jungen Seeadlern (Haliaeetus albicilla) ist kaum möglich, da der Seeadler einen charakteristischen keilförmigen Schwanz aufweist. Möglich ist allerdings die Verwechslung mit dem Schelladler (Aquila clanga).

Das Flugbild der Adler ist durch die langen, brettartigen dunkelbraunen Flügel mit den parallel gespreizten bzw. gefingerten Handschwingen charakterisiert (s. Abb. 2). Die Unterflügeldecken sind dunkler als die hellen Schwungfedern. Der Flügelschlag ist langsam und kräftig. Bezeichnend sind die langen Phasen des Gleitens. Beim Gleiten hält der Steinadler die tief gefingerten Schwingen leicht V-förmig und mit den Spitzen nach unten.
Da das mittlere Paar der Stoßfedern gleich lang ist und die übrigen Schwanzfedern abgestuft sind, wirkt der vergleichsweise breite und lange Stoß in der Luft leicht abgerundet.
Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zum Seeadler und zum etwas kleineren und plumperen Kaiseradler (Aquila heliaca) sind im Flugbild die zum Körper hin schmaler werdenden Flügel.
Die Flügelspannweite des männlichen Steinadlers kann bis zu 2,00 m und die des Adlerweibchens bis zu 2,30 m betragen.

Abb. 2. Junger Steinadler, links im Flug und rechts beim „Manteln“ der Beute. (Beizvogel, Aufn. H.D. Wowries).


Stimme

Der Steinadler ruft bussardähnlich, aber rauer „hiiä“, oder eher bellend „jick jick jick“ bzw. „keckekeck“.
Der Steinadler kann in der freien Natur ein Alter von über 30 Jahren erreichen.


Nahrung

Der Steinadler ist ein Such- und Ansitzjäger, die seine Beute nur am Boden schlägt. Er ist ein sehr kräftiger Greifvogel, der bis zu 7 kg schwere Beutetiere wegtragen kann.
Aus dem Luftraum oder einer hohen Sitzwarte in seinem Revier sucht der Adler den Boden nach Beute ab und stürzt sich dann überraschend, oft aus großer Höhe, auf sein Opfer.
Erbeutet werden überwiegend Murmeltiere, daneben auch Alpenschneehasen, Reh- und Gamskitze, Auer- (Tetrao urogallus), Birk- (Tetrao tetrix) und Alpenschneehühner (Lagopus muta), Füchse, streunende Hauskatzen und Eichhörnchen.
Gern vertreibt der Steinadler andere Greifvögel von seiner Beute und spart so den Jagdaufwand. Um Konkurrenten fern zu halten, deckt der Steinadler - wie andere Greifvögel auch - seine Beute mit den Flügeln ab. Dieses Verhalten nennt man „Manteln“ (s. Abb. 2).
In nahrungsarmen oder extremen Zeiten, wie z. B. im Winter, ernährt sich der Steinadler auch regelmäßig vom Aas verendeter Tiere.


Brutbiologie

Junge Steinadler werden erst im Alter von fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif und besetzen dann eigene Reviere, die mit einer Fläche von 50 bis 100 km2 sehr groß sind. Ein Steinadlerbrutpaar ist sehr standorttreu und bleibt oft ein Leben lang zusammen. Bereits Ende Dezember beginnt der Steinadler mit seinen Balzflügen, die als „Girlandenflüge“ bezeichnet werden und bis in den Februar hinein zu beobachten sind.
Als Brutstandort bevorzugt der Steinadler steile Felswände mit Nischen oder Vorsprüngen. Der Horst ist ein sehr großes Nest mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern und einer Höhe von über einem Meter. Häufig werden mehrere Horste angelegt, die im Laufe der Jahre abwechselnd zur Brut benutzt werden. Im Laufe ihres Lebens kann ein Steinadlerbrutpaar so sieben bis zehn solcher Horste anlegen.
Das Baumaterial des Horstes besteht aus grobem Astwerk. Die Horstmulde wird mit feinem Reisig, Flechten, Moos oder Heidekraut ausgelegt.
Der Steinadler brütet nur einmal im Jahr. Die Brutzeit beginnt bereits Ende Februar / Anfang März und kann bis Mitte April andauern.
Das Gelege besteht meistens aus zwei, seltener aus einem oder drei trübweißen mit braunen und grauen Flecken versehenen Eiern, deren Schale sich etwas rau anfühlt. Die Eier sind 77 x 60 mm groß, ca. 140 g schwer und werden überwiegend vom Weibchen 42 bis 44 Tage lang bebrütet.
Die Eltern übernehmen die Aufzucht der Jungadler gemeinsam. Das Zerkleinern des Futters und das eigentliche Füttern im Horst übernimmt jedoch ausschließlich das Weibchen.
Die Nestlingszeit beträgt 75 bis 80 Tage. Meist wird nur ein Junges groß.
Die flugfähigen Jungadler werden von den Eltern noch bis in den Spätwinter hinein geführt.
Viele Jungadler sterben bereits im ersten Winter, da sie es nicht schaffen, genügend Nahrung zu erbeuten. Darum ist es wichtig, dass in ihrem Lebensraum genügend Fallwild (Steinböcke, Hirsche und Gämsen) anfällt, von dem sie sich ernähren können.


Bestand

Der Steinadler wurde in der Vergangenheit als vermeintlicher Jagdkonkurrent des Menschen systematisch verfolgt und abgeschossen, so dass die Art bereits 1890 fast vollständig ausgerottet war. Nur in Bayern konnten einige Brutpaare in abgelegenen Bergregionen der Verfolgung entgehen, wenn ihre Horste für den Menschen nicht erreichbar waren. 1925 erhielt der Steinadler eine ganzjährige Schonzeit, wurde aber im übrigen Alpenraum noch bis in die 60iger Jahre bejagt.
Der Steinadlerbestand der Alpen wird auf 1.200 bis 1.300 Brutpaare geschätzt. Davon brüten in den Bayerischen Alpen 45 bis 50 Brutpaare. Da seit langem alle für Steinadler geeigneten Brutreviere im Alpenraum besetzt sind, bleibt die Tendenz des Bestandes unverändert. In Deutschland finden sich außerhalb der Alpen offenbar keine großflächigen Lebensräume, die dem Steinadler zusagen und so werden ehemalige Verbreitungsgebiete nicht wieder neu besiedelt.
Bei vielen Steinadlerbrutpaaren ist die Nachwuchsrate zu gering, um den Bestand langfristig aufrechtzuerhalten. Da in den letzten Jahren oft Brutpaare beobachtet wurden, die entweder gar nicht brüteten oder ihre Brut frühzeitig verließen, müssen auch die wenigen deutschen Brutpaare umfassend geschützt werden. Dies ist notwendig, da immer wieder Störungen der Bruten durch intensive Sport- und Freizeitaktivitäten sowie durch Hubschrauberflüge auftreten. Außerdem nehmen die Beutetiere des Steinadlers in den Alpen immer mehr ab. Im Winter verenden kaum noch landwirtschaftliche Nutztiere und zudem werden ihre Kadaver nicht mehr liegen gelassen, sondern entsorgt.
Im Rahmen eines Artenhilfsprogramms findet daher in der Brutzeit eine Überwachung aller Steinadlerhorste statt, um zumindest menschliche Störungen zu vermeiden.

Junger Steinadler (Beizvogel, Aufn. H.D. Wowries).

© Dirk Schäffer (01/2011)