Seidenschwanz (Bombycilla garrulus LINNAEUS, 1758)

Seidenschwanz (Bombycilla garrulus LINNAEUS, 1758)


engl.: Waxwing

Der markante Seidenschwanz erscheint in Deutschland als unregelmäßiger Wintergast, der zu den Invasionsvögeln gezählt wird. In der Zeitspanne vom Spätherbst bis zum Frühjahr sind Einzelvögel oder wenige Trupps zu beobachten.
Eine echte Invasion von Schwärmen mit mehreren tausend Vögeln über den ganzen Winter findet allerdings nur in mehrjährigen Abständen statt. Die letzte Invasion war im Winter 2004/05 zu beobachten.
Durch das auffällige Gefieder und die prägnanten Rufe fällt der Seidenschwanz auch ungeübten Beobachtern schnell auf. Überall wo es beerentragende Bäume und Sträucher gibt, kann man im Winter das Glück haben, Seidenschwänze zu beobachten. Dabei werden sowohl Großstädte, Friedhöfe und Parks als auch Dörfer, Feldgehölze und kleine Waldungen aufgesucht. Die Vögel bleiben so lange, bis die jeweiligen Beeren aufgefressen sind.
Das (seiden-)weiche Gefieder führte schon frühzeitig im Volksmund zur Namensgebung dieses Singvogels.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeriformes)
Familie: Seidenschwänze und Verwandte (Bombycillidae)
Unterfamilie: Seidenschwänze (Bombycillinae)


Vorkommen

Die Unterfamilie der Seidenschwänze wird durch eine Gattung mit drei Arten repräsentiert, die über die nördliche Hemisphäre in abwechslungsreichen Waldgebieten verbreitet sind (s. Tabelle 1).

Tab. 1: Verbreitung und Unterscheidung der Seidenschwänze.

Art Vorkommen Merkmal
1. Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) holarktische Taigazone; Nordskandinavien; SW-Küste Hudsonbai weiß-gelbe Flügelabzeichen; rotbraune Unterschwanzdecken; gelbe Schwanzspitze
2. Zedernseidenschwanz (Bombycilla cedrorum) Nordamerika, überlappend mit Seidenschwanz; in Deutschland Ausnahmegast ohne Flügelabzeichen; weiße Unterschwanzdecken; gelbe Schwanzspitze
3. Bombycilla japonica Ostsibirien, Amurland rote Unterschwanzdecken und Schwanzspitze; Armschwingen mit roten Spitzen


Die natürliche Grenze im Norden des Verbreitungsgebietes stellt das Ende des geschlossenen Waldes dar. Die südliche Grenze verläuft in Schweden bei 67° N, im mittleren Ost-Finnland, in Süd-Karelien sowie zwischen Ladoga- und Onega-See bis nach Perm.
Regelmäßig brüten Seidenschwänze in der sibirischen Taigazone. Wobei die Hauptverbreitung in Nordsibirien liegt.


Wanderungen

Seidenschwänze sind Standvögel und auch Teilzieher. Wenn genügend Ebereschenbeeren im Brutgebiet vorhanden sind, bleiben die Seidenschwanzfamilien anfangs dort und ziehen dann später nur wenig nach Süden. Dieses Verhalten findet alljährlich statt. Ist das Futter aber knapp, kann es auch zu Zwischeninvasionen kommen, wobei nur relativ geringe Entfernungen zurückgelegt werden.
Bei äußerst mangelhaftem Beerenangebot und hohen Schneelagen im Brutgebiet wandern die Seidenschwänze Ende Oktober/Anfang November invasionsartig nach Mitteleuropa (bis zum Bodensee und in die Schweiz), nach Westeuropa (bis Frankreich) und auch nach Osteuropa (bis Ungarn), um dann dort zu überwintern. Der Rückzug ist meistens Ende März beendet.
Allerdings kann in Invasionswintern bei besonders ungünstigen Bedingungen auch ein regelrechter Wegzug einsetzen und einige Vögel ziehen dann weiter, bis in den Mittelmeerraum. Es kommt dann auch vor, dass Einzelvögel bis in den April/Mai und unter Umständen bis in den Sommer vor Ort bleiben.
In Mitteleuropa beringte Vögel zogen 4.800 km weit, bis in ihre sibirische Brutheimat.


Aussehen

Tab. 2: Körpermerkmale und Aussehen des Seidenschwanzes.

Größe / Körperteil Merkmal / Farbe
Größenvergleich knapp starengroß
Länge / Gewicht 17/18 cm / 42 bis 75 g
Kopf hell graubraune Seiten- und Ohrdecken; graubrauner Oberkopf (weinrot überhaucht)
Stirn kastanienbraun
Scheitel kastanienbraun; nach hinten hängende Scheitelfedern bilden eine aufrichtbare Federholle
Auge schmale weiße Kante unter u. hinter Auge
Iris dunkelbraun
Augen- / Zügelstreif schwarz
Bartstreif kurz und weiß
Kinn schwarz
Kehle schwarz
Schnabel kräftig mit leicht hakenförmig gebogener Spitze; schwarz mit gelblicher Basis
Nacken graubraun
Rücken (rötlich braun) graubraun
Bürzel (hell-)aschgrau
Brust / Unterseite hell graubraun mit rötlichem Hauch
Bauch / Unterseite bräunlich grau; Bauchmitte gelblich
Flanken hell graubraun mit rötlichem Hauch
Flügel schwarz; Abzeichen mit weißer Bänderung und gelben Rändern an den Schwungfedern; glänzend rote Hornplättchen an den Außenfahnen der Armschwingen
Unterflügel graubraun
Füße schwarz
Schwanz Schwärzlich, Basis grau, gelbe Endbinde


Durch ihr eher tropisches Aussehen (vgl. Tabelle 2) erregen Seidenschwänze - vor allem im eher farblosen Winter - schnell Aufmerksamkeit. Dazu kommt die charakteristische aufrichtbare Federhaube.
Männchen und Weibchen gleichen sich in ihrem Aussehen weitgehend und sind nur in der Nähe an wenigen Merkmalen zu unterscheiden.

Das Flugbild der Seidenschwänze erinnert an das des Stars (Sturnus vulgaris).
Stimme: Die klirrenden bzw. im Schwarm klingelnden Rufe der Seidenschwänze, die sich beim Einzelvogel wie ein Sirren anhören, sind sehr auffällig. Die Rufe hören sich wie „srii“ bzw. „sirr“ an.
Der älteste Ringvogel wurde 7,8 Jahre alt. In Gefangenschaft erreichte ein Vogel ein Alter von 11,5 Jahren.


Brutbiologie

Seidenschwänze bilden in Lärchen-, Tannen-, Arven-, Zitterpappel- und Birkenwäldern lockere kleine Brutkolonien in Gewässernähe. Bevorzugt wird die Nähe feuchter Niederungen, oder die von Hochmooren sowie von lichten Stellen im Wald.
Während der Balz kommt es zum sogenannten Balzfüttern. Dabei werden oft mehrmals kleine Zweigstückchen oder Beeren zwischen den Partnern hin- und hergereicht. Dieses ritualisierte Verhalten festigt die Paarbindung zwischen den beiden Partnern. Dazu gehört auch ein hopsender Balztanz mit abwechselndem Gefiedersträuben und Aufrichten der Federholle.
Im Brutmonat Juni wird das Nest vor allem in den mittleren und oberen Kronenbereich der Nadelbäume (in Nordeuropa vor allem Fichten) gebaut. Das Weibchen wählt oft alte, kümmernde und mit Flechten bewachsene Bäume als Neststandort aus.
Das napfförmige Nest besteht aus einem Unterbau von dürren, mit Flechten bewachsenen Zweigen, Flechten sowie aus Rentiermoos und Schachtelhalmen. Die Nestmulde wird mit Koniferennadeln, Ren- und Schneehasenhaaren, Pflanzenwolle sowie auch Federn ausgepolstert.
Das Gelege besteht aus vier bis sechs - meistens fünf - blau- bis bräunlichgrauen Eiern, die dunkelgrau bzw. schwarz gesprenkelt sind. Die Eier werden zwölf bis dreizehn Tage lang vom Weibchen bebrütet.
Die Jungen werden von beiden Eltern hauptsächlich mit Insekten gefüttert. Besonders häufig werden Mücken verfüttert, die zu dieser Zeit die Taiga in riesigen Schwärmen bevölkern. Nach fünfzehn bis siebzehn Tagen fliegen die Jungen aus.
Es findet nur eine Jahresbrut statt.


Nahrung

Im Winter fressen Seidenschwänze vor allem die Beeren von Bäumen und Sträuchern. Darunter Misteln, die der Eberesche, des Wacholder, des Feuer-, Rot- und Weißdorn, des Liguster sowie des Schneeballs und der Mehlbeere. Zuallererst werden aber die Ebereschenbeeren gefressen, bevor andere Beeren genutzt werden. Auch Hagebutten und Fallobst werden angenommen. Die Mistelkerne werden nicht mit verdaut und nach der Darmpassage ausgeschieden. Das erhöht die Keimfähigkeit der Kerne.
Aufgrund des überwiegenden Beerenanteils an der Nahrung hat der Seidenschwanz eine im Vergleich - zu anderen gleichgroßen Vögeln, wie z. B. dem Star (Sturnus vulgaris), die ebenfalls Beeren fressen - eine große Leber (4,9 % des Körpergewichts) mit einer zwanzigmal höheren Stoffwechselaktivität. So kann einerseits der Alkoholgehalt überreifer Beeren schnell abgebaut werden und andererseits können von anderen Vögeln gemiedene Beeren gefressen werden.
Im Frühjahr, wenn keine Beeren mehr vorhanden sind, werden Baumblüten, die Knospen von Weiden und Pappeln sowie auch Flügelfrüchte von Ahorn, Esche und Linde gefressen. Auch der Baumsaft von Birke und Ahorn wird dann genutzt.
Seidenschwänze trinken viel und regelmäßig. Im Winter werden Schnee- und Eisstücken als Wasserersatz gefressen.
Im Gegensatz zum Winter werden in der sommerlichen Tundra vor allem Stechmücken und andere Insekten (Schnaken, Köcherfliegen, Blattkäfer, kleine Libellen und Fliegen) erbeutet. Diese werden - trotz des eher plump wirkenden Körpers des Seidenschwanzes - nach Schnäpperart in der Luft gefangen. Außerdem werden dann auch Heide- und Preiselbeeren gefressen.


Bestand

Früher waren Seidenschwänze auch als Leckerbissen für Feinschmecker beliebt und ihre Invasionen wurden mit anderen Ereignissen – wie z. B. dem Auftreten der Pest (daher im Volksmund auch „Pestvogel“ genannt) - in Zusammenhang gebracht.
Aufgrund der Wanderbewegungen ist die Bestandsentwicklung der Art schwierig festzustellen und nur grob schätzbar. Fest steht, dass der Seidenschwanz viel seltener ist als die anderen Vogelarten, wie z. B. Gimpel (Pyrrhula pyrrhula), Hakengimpel (Pinicola enucleator) und Wacholderdrossel (Turdus pilaris), die auch in der Taigazone brüten und sich im Winter ebenfalls von Beeren ernähren.

© Dirk Schäffer, Vogelschutz-online e.V. (01/2006, aktualisiert 07/2009)