Schwarzstirnwürger (Lanius minor J.F. GMELIN 1788)

engl.: Lesser Grey Shrike

Der Schwarzstirnwürger (Lanius minor) ist in Deutschland als Brutvogel der offenen Landschaften Ende der 70er Jahre ausgestorben. Die letzten Nachweise von Einzelbruten stammen aus den Jahren 1984 und 1987. Die Ausbreitung des Schwarzstirnwürgers erfolgte in historischer Zeit immer in Perioden mit aufeinanderfolgenden trockenen und warmen Sommern. Das trockene und warme Klima hat einen deutlichen Einfluss auf das Nahrungsangebot des Schwarzstirnwürgers und damit den Bruterfolg. In Zeiten mit weniger optimalen Sommern wurden die vormals besiedelten Brutgebiete wieder aufgegeben, um später erneut besiedelt zu werden. Dieser Prozess wurde Mitte des 20. Jh. durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den damit verbundenen Landschaftsveränderungen bzw. den massivem Einsatz von Agrochemikalien unterbrochen. Dadurch gelingt es dem Schwarzstirnwürger auch in klimatisch günstigen Perioden nicht mehr, ehemals aufgegebene Brutgebiete zu besiedeln.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Würger (Laniidae)
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)


Vorkommen

Der Schwarzstirnwürger brütet in Süd- und Osteuropa. Im Osten endet das geschlossene Verbreitungsgebiet im Uralvorland, wobei das Baltikum mittlerweile nur sporadisch besiedelt wird. In den Ländern der nördlichen Balkanhalbinsel, wie in Rumänien und Teilen Griechenlands, ist der Schwarzstirnwürger noch ein häufiger Brutvogel. Im Westen brüten in Frankreich noch 25 Brutpaare. In Italien ist der Bestand in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Restbestände siedeln in Österreich, Tschechien und der Slowakei.
In Sibirien östlich des Ural, im Iran und Mittelasien brütet eine geographische Variation, die sich durch helleres Gefieder auszeichnet.


Biotop

Der Schwarzstirnwürger ist ein baumbrütender Steppenvogel, der offene Habitate mit Einzelbäumen bzw. Baumgruppen und Gebüschinseln bevorzugt. Dabei werden auch Obstwiesen mit wenigen Bäumen, Viehweiden mit einzelnen Schattenbäumen und extensiv bewirtschaftete Weinstöcke bzw. Obstbaumalleen, die von Feldern umgeben sind, genutzt.
Der Mensch wird nach Möglichkeit gemieden. Es werden aber auch Bruten in unmittelbarer Nähe des Menschen beobachtet, bei denen die Vögel sehr vertraut sind.


Wanderungen

Der Schwarzstirnwürger ist ein Langstreckenzieher, der in den trockenen Dornbuschsteppen und Akaziensavannen Südwestafrikas überwintert. Die meisten von ihnen konzentrieren sich dabei in Botswana und Namibia, nur wenige ziehen weiter bis in die Kapprovinzen. Dieses Gebiet wird von der Masse der Vögel aus dem gesamten Verbreitungsgebiet genutzt. Europäische Vogel fliegen dabei über das östliche Mittelmeer bis Zypern, überfliegen die östliche Sahara und folgen dann dem ostafrikanischem Graben. Möglicherweise werden für den Frühjahrs- bzw. Herbstzug unterschiedliche Routen benutzt. Der Wegzug beginnt in Mitteleuropa Ende August und endet Mitte September. Ende April / Anfang Mai treffen die Vögel dann wieder in ihren Brutgebieten ein.


Merkmale

Der Schwarzstirnwürger ist viel größer als ein Sperling, aber nur unwesentlich kleiner als der ihm optisch sehr ähnliche Raubwürger.
Insgesamt ist der Schwarzstirnwürger - ähnlich wie der Raubwürger - mit grauer Oberseite, schwarzen Flügeln und Schwanz gezeichnet.
Markante Unterscheidungsmerkmale zum Raubwürger sind:
1. Der Schwarz ist kürzer und breiter weiß abgesetzt.
2. Die zusammengelegten Flügel reichen über die Schwanzwurzel hinaus.
3. Die Gesichtsmaske ist beim Schwarzstirnwürger breit schwarz und nicht - wie beim Raubwürger - durch einen schmalen weißen Streifen von der grauen Kopfoberseite abgesetzt. Die weiße Unterseite ist beim Schwarzstirnwürger rosa überhaucht und er zeichnet sich durch einen großen weißen Flügelfleck (Basen der Handschwingen) aus.
Das breite schwarze Stirnband des Schwarzstirnwürgers ist bei den Weibchen der Art schmaler und blasser ausgeprägt. Die Jungvögel wirken insgesamt mehr bräunlichgelb und dunklere Gefiederpartien sind dunkelbraun statt schwarz. Die namensgebende schwarze Stirn ist bei den Jungvögeln noch deutlich schmaler als bei den Altvögeln und reicht nicht bis auf die Stirn.


Stimme

Der Gesang ist leise schwätzend und besteht aus rauhen aber wohlklingenden Lauten. Die Rufreihen werden schäckernd oder schilpend vorgetragen. Es können auch Imitationen anderer Arten auftreten. Wobei Hänflings-, Finken-, Lerchen- und Rauchschwalbenstrophen vorkommen können. Aber auch Rufe von Wachtel, Fasan und Rebhuhn sowie die von Limikolen werden täuschend ähnlich nachgeahmt.


Nahrung

Der Schwarzstirnwürger bevorzugt die Ansitzjagd von 3 bis 5 m hohen Sitzwarten aus. Das können Pfähle, dürre Bäumchen, Drahtleitungen, hohe Stauden oder auch Steine sein. Auf Flächen ohne geeignete Warten, wendet er auch den turmfalkenähnlichen Rüttelflug an, um das Gelände zu kontrollieren. Besonders bei schönem Wetter macht er Jagd auf fliegende Beute und zwar besonders auf größere Insekten wie Hummeln, Mai-, Rosen- und Mistkäfer. Bei windigem und regnerischen Wetter weicht er auf die Jagd zu Fuß aus. Dabei untersucht er, hüpfend und kurzzeitig flatternd, den Boden zwischen den Pflanzen.
Der Schwarzstirnwürger erbeutet im Gegensatz zu seinen Verwandten fast ausschließlich Insekten. Bevorzugt werden dabei Lauf-, Blatt-, Rüssel- und Aaskäfer. Selten werden Kleinnager wie z.B. Feld- und Wühlmäuse erjagt. Die meisten Beutetiere werden ganz verschluckt. Allerdings werden schlecht schmeckende - wie Kartoffelkäfer oder Großschmetterlinge - zerbissen und nur der Abdomen wird gefressen. Giftdrüsen und Warnfarben von Insekten schrecken Schwarzstirnwürger nicht ab. Oft bilden solche Insekten einen nicht unbeträchtlichen Anteil an der Nahrung. Unverdauliche Nahrungsreste werden als Gewölle wieder ausgewürgt. Das Aufspießen der Nahrung, wie bei anderen Würgern üblich, wird beim Schwarzstirnwürger nur selten beobachtet.


Brutbiologie

Beide Partner suchen kurz nach der Ankunft im Brutgebiet einen geeigneten Nistplatz aus. Das Nest wird immer auf Bäumen in 4 bis 12 m Höhe errichtet. Pappeln und Obstbäume werden dabei oft bevorzugt. Der Nestbau kann bis zu 6 Tage dauern und wird von beiden Geschlechtern durchgeführt, wobei der Anteil des Männchens überwiegt. Als Nistmaterial verbaut der Würger vorzugsweise frische Sprosse von Stauden und Kräutern sowie blühende Zweige. Dabei werden weiß behaarte, aromatisch duftende Pflanzen bevorzugt, deren Blüten nach außen schauen. So werden z.B. Klatsch- und Saatmohn eingebaut. Trockene Halme, Zweige und Stengel werden nur in wenigen Stücken verwendet. Für die Nestmulde werden überwiegend Federn, Schafwolle, Tierhaare, Schnur bzw. Papierstückchen und kleine Stücke von anderen Pflanzen verwendet. Das anfangs hellgrüne Nest nimmt nach dem Abwelken und Trocknen des frischen Baumaterials eine weiße bis graue Farbe an. Das Weibchen legt 5 bis 7 hellgrüne bis blaßgrüne Eier, die meist am stumpfen Pol mit großen, unregelmäßigen hell- bis dunkelbraunen Flecken bzw. auch kleinen Punkten gezeichnet sind. In der Regel findet nur eine Jahresbrut statt. Bei Gelegeverlust ist ein Nachgelege möglich. Das Weibchen brütet etwa 16 Tage und beginnt damit beim 4. bzw. 5. Ei. Das Schlüpfen der Jungen kann sich deshalb bis zu 40 h hinziehen. Die Nestlingszeit beträgt 14 Tage. Die Jungen sind nach dem Ausfliegen aber noch mindestens weitere 14 Tage von ihren Eltern abhängig. Der größte Teil der Brutverluste ist auf nasskaltes Sommerwetter zurückzuführen.


Bestand

Vom Übergang des 18. zum 19. Jh. war der Schwarzstirnwürger in Mitteleuropa noch ein sehr verbreiteter und stellenweise auch häufiger Brutvogel. Brütete der Schwarzstirnwürger gegen Ende des 19. Jh. allerdings noch fast bis zur Ostseeküste und bis zur Mitte des 20. Jh. noch bis Schlesien, dem Harzvorland bzw. bis zur Schweiz, so ist er gegenwärtig in Mitteleuropa nur noch vereinzelt anzutreffen. Mittlerweile brütet er noch in der Ungarischen Tiefebene und weist hier seit Ende der 80iger Jahre an einigen Stellen erfreuliche Zunahmen auf. In Polen werden derzeitig die letzten Brutplätze verlassen, in Tschechien ist er nur noch unregelmäßig anzutreffen und in der Slowakei blieb nur ein kleiner Restbestand übrig. Auch in Österreich brüten nur noch wenige Brutpaare.
Die Ursachen dieser Entwicklung begründen sich einerseits auf die deutliche Abhängigkeit der Art von Perioden mit aufeinanderfolgenden trockenen bzw. warmen Sommern ? in denen die Erweiterungen des Brutareals erfolgen ? aber andererseits liegt die Hauptursache in den großräumigen landschaftlichen Veränderungen. So brachen in historischer Zeit des öfteren (z.B. im ersten Viertel des 20. Jh.) infolge nasskalter Sommer die Bestände zusammen. Allerdings folgten dem auch wieder Phasen der Arealerweiterung, wie z.B. von 1945 bis 1960. Inwieweit der Schwarzstirnwürger in der Lage ist, die derzeitig günstige klimatische Situation zu nutzen, um von Pannonien aus möglicherweise angestammte Brutgebiete zurückzuerobern, bleibt abzuwarten.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 04/2011)