Schwarzspecht (Dryocopus martius L.)

engl.: Black Woodpecker

Foto: K. Rönsch, Dübener Heide, 03/2005


Im Ökosystem Wald hat der Schwarzspecht eine wichtige Funktion: Er schafft für viele Höhlenbewohner egal, ob Vögel, Insekten (z. B. Hornissen und soziale Bienen) oder Säugetiere (z. B. Fledermäuse, Eichhörnchen, Siebenschläfer u. a. Bilche sowie Baummarder) Wohnraum. Schwarzspechte zimmern jährlich mehrere Höhlen, wobei neben der eigentlichen Bruthöhle auch noch mehrere Schlafhöhlen entstehen. Die überzähligen verlassenen Höhlen werden von anderen Tierarten genutzt.
Viele höhlenbrütende Vogelarten sind regelrecht auf Höhlen des Schwarzspechtes angewiesen, da sie keine eigenen bauen können und in unseren intensiv forstwirtschaftlich genutzten Wäldern keine trockenen oder toten Bäume erhalten bleiben, in denen natürliche Baumhöhlen in entsprechender Anzahl und Größe entstehen. Vogelarten, die Schwarzspechthöhlen nutzen sind: Rauhfußkauz, Sperlingskauz, Waldkauz, Hohltaube, Star, Wiedehopf, Dohle, Schellente, Gänsesäger und die früher bei uns brütende Blauracke.


Systematische Einordnung

Ordnung: Spechtvögel (Piciformes)
Familie: Spechte (Picidae)


Vorkommen

Das Verbreitungsgebiet des Schwarzspechtes umfaßt Europa und geht im Norden von Dänemark bis an den Polarkreis in Norwegen, weiter bis Kamschatka, Sachalin, Nordjapan.
In Spanien brütet der Schwarzspecht u. a. in den Pyrenäen, in Italien kommt er bis zum Alpensüdfuß vor. Die Balkanhalbinsel wird bis in den griechischen Teil Makedoniens besiedelt. Südlich trifft man ihn von der nördlichen Dobrudscha, über die Moldau in Moldawien, weiter bis Orenburg, Nordkasachstan, zum Süd-Altai bis zur nördlichen Mongolei und Korea an.
In Nord- und Westeuropa konnte der Schwarzspecht zu Anfang des 20. Jh. mit der Zunahme des intensiven Fichtenanbaus sein Areal erweitern. Trotzdem schwankt der Bestand in vielen Teilen seines Verbreitungsgebietes, oder sinkt sogar.
Der Schwarzspecht lebt sowohl in der Ebene als auch im Mittelgebirge in Höhen bis 800 m (im Erzgebirge bei 1.000 m). Sein Vorkommen hängt vor allem von geeigneten Altholzbeständen ab. In seinem Brutgebiet ist der Schwarzspecht Standvogel, also das ganze Jahr anwesend. Die Jungspechte jedoch ?verstreichen? über größere Strecken. Allerdings können einige Populationen aus Nordeuropa und auch heimische Vögel bei ungünstigen Bedingungen zum Zug- oder Strichvogel werden.


Aussehen

Der krähengroße Vogel ist der größte europäische Specht und wiegt 260 bis 340 g. Männchen und Weibchen haben pechschwarzes Gefieder - deswegen rief der Volksmund den Schwarzspecht auch "Holzkrähe" - unterscheiden sich aber durch eine unterschiedlich ausgeprägte rote Kopfkappe. Die des Männchens erstreckt sich über den Scheitel von der Stirn bis in den Nacken. Das Weibchen besitzt nur einen roten Hinterhauptfleck. Der Schnabel ist bei beiden Geschlechtern gelblich elfenbeinfarben.
Der Flug ist nicht, wie bei anderen Spechtarten wellenförmig, sondern gerade, wirkt aber sehr schwerfällig. Ebenso wirkt das Hüpfen auf dem Boden. Normal fliegt er mit einer Geschwindigkeit von 28 bis 39 km/h, kann aber auf der Flucht bis zu 60 km/h erreichen.
Schwarzspechte können ein Alter von bis zu 7 Jahren erreichen.


Stimme

Aufnahme: Gesang des Schwarzspechtes, aufgenommen am 05.04.2017 in der Nähe von Wettin, © Karsten Rönsch



Schwarzspechte machen sich vor allem durch den Standortruf "kliööh" bzw. "kijäh", der weit durch den Wald schallt, oder durch den Flugruf "krrü - krrü - krrü" bemerkbar. Der Warnruf ist ein dohlenähnliches "kijak". Während der Paarungszeit im März und April hört man weit hin das kraftvolle laute Trommeln, das durch schnelle Schnabelschläge auf einen Resonanzkörper (vornehmlich trockene Äste) entsteht. Die Trommelfrequenz der Männchen beträgt 40 Schläge in 2,5 Sekunden bzw. 17 Schläge / sec., oder tausendmal pro Minute. Weibchen trommeln weniger intensiv.


Nahrung

Für die Nahrungssuche bevorzugen Schwarzspechte Nadelwälder, somit sind Brut- und Nahrungsbiotop in der Regel nicht identisch. Die Hauptnahrung bilden die Larven, die Puppen sowie die Imagines verschiedener Ameisenarten und holzbewohnender Käferarten (z. B. Borken- und Bockkäfer). Gern verzehrt er die Larven der Holzwespe. Den Lebensraum dieser Insekten stellen alte, morsche und abgestorbene Bäume sowie bevorzugt alte Baumstrünke dar. Diese zerlegt der Schwarzspecht gern vollständig in fingerlange Späne und entrindet manche Bäume fast völlig. Außerdem legt er Ameisennester in Bäumen frei bzw. durchwühlt er auch ganze Ameisenhaufen. Käferlarven und Ameisen erbeutet er, indem er sie mit seiner Zunge erfaßt.
Aber auch andere Käferarten (Hirsch- und Schnellkäfer), Blattwespen, die Raupen verschiedener Schmetterlingsarten, Spinnen und kleine Schnecken werden erbeutet. Seltener stehen kleine Früchte und Beeren auf dem Speiseplan.


Brutbiologie

Die Größe eines Schwarzspechtreviers beträgt ca. 250 bis 400 ha, in dem sich die beiden Partner außerhalb der Brutzeit weitestgehend aus dem Weg gehen. Beide Altvögel benutzen - oft über Jahre hinweg - eigene Schlafhöhlen. Zwischen zwei besetzten Bruthöhlen beträgt der Abstand mindestens 900 m. Die Brutbäume, bevorzugt werden Buche und Kiefer, sollten mindestens 4,0 bis 10,0 m hoch, astfrei und glattrindig sein.
Im April findet mit lauten Trommelwirbeln und markanten Schreien die Balz statt. Das Männchen zeigt dann dem Weibchen die Bruthöhlen. Dann wird entweder eine alte Bruthöhle ausgeräumt und neu hergerichtet, oder es wird eine Neue gezimmert, was bis zu vier Wochen dauern kann. Das Schlupfloch - in der Form eines romanischen Fensters - der Höhle hat eine Weite von 10 bis 12 cm. Die Höhle selbst kann Armtiefe (31 bis 65 cm) und mehr (88 cm) erreichen, vor allem bei Mehrfachnutzung und gleichzeitiger Fäulnis des Baumes. Bei diesen Höhlentiefen wird dann ein tiefer liegendes Einflugloch angelegt. Mehr als drei Einfluglöcher werden bei Bruthöhlen nicht gezimmert. Es wird kein zusätzliches Nistmaterial, außer den vorhandenen kleinen Spänen, eingetragen. Oftmals werden auch nur Höhlenanschläge angelegt, die einen Harzfluß des Baumes hervorrufen und nach 5 bis 6 Jahren von allein zu Höhlen ausfaulen. Erst dann werden sie durch den Specht genutzt.
Man hat ausgerechnet, daß beim Bau einer Höhle bis zu 10.000 Holzspäne anfallen, dafür sind 17 Schnabelhiebe pro Span (manchmal auch bis zu 32) notwendig. Somit muß bis zu 170.000 mal ins Holz gehackt werden, bei einer Frequenz von knapp über 100 Schlägen / min. So ein Holzspan kann dann bis zu 11 cm lang (Kiefernspäne sogar bis 18 cm) und 2 cm breit werden. Das kann der Schwarzspecht nur aufgrund morphologischer Besonderheiten und Anpassungen leisten. So wiegt sein Gehirn nur zwei bis vier Gramm und ist in besonders verstärkten Schädelknochen eingebettet. Zusätzlich wird der Schnabel der Spechte durch enorm starke Bremskräfte vor jedem Schnabelhieb innerhalb einer Tausendstelsekunde abgebremst.
Seine Höhlen baut der Schwarzspecht in äußerlich noch gesund erscheinenden Bäumen, meistens in einer Höhe zwischen 8 bis 25 m. Am liebsten nutzt er dafür dicke, gradwüchsige Rotbuchen, die auch bis in größere Höhen astfrei sind. Geeignete Bäume finden sich am ehesten in Buchen- bzw. Laubmischwäldern. Von den Nadelbäumen nimmt er gern Kiefern (seltener Tannen, Fichten und Lärchen) als Brutbäume an, wenn sie einen genügend dicken und astfreien Stamm haben. Die Brutbäume können mitunter viele Jahre hintereinander als solche dienen.
Frühestens Ende März / Anfang April, meistens aber von Mitte April bis Mitte Mai werden (2) 3 - 5 (6) glänzend porzellanweiße und 10 bis 14 g schwere Eier gelegt. Es findet nur eine Jahresbrut statt. Bei Verlust des Erstgeleges wird aber ein Ersatzgelege gezeitigt.
Die nackten Jungen schlüpfen bereits nach 12 bis 14 Tagen Brutzeit, in der sich beide Partner miteinander ablösen. Die Ablösung des Partners wird durch Rufe des Ankommenden eingeleitet, denen der Vogel in der Höhle durch Trommeln antwortet. Erst nach diesem Zeremoniell verläßt der Vogel die Höhle.
Den Jungen wächst kein Dunenkleid. Statt dessen sprießen aus ihrer Haut gleich die Blutkiele der Federn. Nach 24 bis 28 Tagen - bei kaltem Wetter auch länger (31 Tage) - sind die Jungspechte soweit entwickelt, das sie ihre Höhle verlassen können. Dann werden sie noch einige Zeit (bis zu einem Monat) von den Eltern betreut, bis sie im August das elterliche Brutrevier verlassen und sich selbst ein eigenes suchen.
Dabei können die jungen Spechte jedoch über weite Strecken ?verstreichen?.


Bestände

Da das Brutvorkommen des Schwarzspechtes vor allem vom Vorhandensein geeigneter Höhlenbäume abhängt, die sich fast ausschließlich in Altholzbeständen befinden, müssen die wenigen vorhandenen Waldstücke dieses Alters unbedingt erhalten werden. Diese Ansprüche des Spechtes und der von seinen Höhlen abhängigen Tierarten, stehen natürlich im Widerspruch zur forstwirtschaftlichen Nutzung der Wälder. Deshalb sollten in den durchgeforsteten Waldflächen genügend große Buchenbestände - deren Alter mindestens 140 Jahre und mehr betragen sollte - als Altholzinseln erhalten bleiben. Erst, wenn sich diese Bestände natürlich verjüngt haben und auf benachbarten Flächen gleichwertige Bestände herangewachsen sind, die dem Schwarzspecht neue Brutmöglichkeiten bieten, sollten sie geschlagen werden.
Allerdings hat sich der Schwarzspecht auch an die Waldplantagen mit Nadelhölzern, die überall den ursprünglichen Laubmischwald ablösten angepaßt. Selbst die Massenvermehrung von schädlichen Forstinsekten in den Monokulturen kommen ihm teilweise als Nahrungsangebot zu Gute. Auch vom Rückgang seiner beiden natürlichen Hauptfeinde - Habicht und Baummarder, deren Bestände sich derzeitig langsam wieder erholen - konnte er profitieren. Trotzdem ist er immer noch vielerorts eine seltene Art und tritt keinesfalls häufig auf. Für die Neuen Bundesländer wird ein geschätzter Bestand von 7.300 BP angenommen.