Schwanzmeise (Aegithalos caudatus LINNAEUS 1758)

Bild Schwanzmeise Winter (Aegithalos caudatus)
Foto: K. Rönsch (04/2010).

Bild Schwanzmeise Winter (Aegithalos caudatus) - nordisch, weißer Kopf
Foto: K. Rönsch (04/2010).


Die Schwanzmeise (Aegithalos caudatus) ist ein markanter und unverwechselbarer Singvogel, der seinen Namen - aufgrund des verglichen zum Körper überdimensional langen Schwanzes - zu Recht erhielt. Deshalb ist die Art auch leicht zu bestimmen, wenn man sie in den Baumwipfeln ausmacht. Sie ist zwar nirgends häufig, ist aber trotzdem regelmäßiger Brut- bzw. Standvogel im Winter.
In strengen Wintern kann es zu hohen Verlusten unter den kleinen Vögeln kommen. Außerdem wurden aus vielen ehemaligen Brutgebieten der Schwanzmeise forstwirtschaftlich genutzte Hochwälder.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schwanzmeisen (Aegithalidae)
Gattung: Aegithalos HERMANN


Vorkommen

Die Schwanzmeise brütet von der Atlantik- bis zur Pazifikküste. Die Art fehlt in Europa nur auf den Balearen, auf Sardinien sowie auf Kreta und kommt in Norden Skandinaviens bis zum Polarkreis vor. Die Inseln im Wattenmeer werden nur ausnahmsweise besiedelt.
In Europa existieren zwei Unterarten: Aegithalos c. caudatus L. 1758 und Aegithalos caudatus europaeus HERM 1804. Durch Paarung untereinander kommt es zu Vermischungen der beiden Unterarten.
In Mitteleuropa haben die Vögel einen breiten schwarzen Streifen über dem Auge. Es können aber auch vereinzelt weißköpfige Schwanzmeisen entdeckt werden, die der nordeuropäischen Form sehr ähneln.


Biotop

Die Schwanzmeise besiedelt in Mitteleuropa Auwälder und gut strukturierte Laubwälder mit einer gewissen Bodenfeuchte. Bevorzugt werden auch Ufergehölze in der Nähe von Gewässern und Moorgehölze. Schwanzmeisen findet man ebenso in Parks, Gärten, Friedhöfen und Obstgärten mit altem Baumbestand sowie in unterschiedlich strukturierten Fichtenkulturen.

Die Schwanzmeise ist in Mitteleuropa Standvogel und bekommt in den Wintermonaten Verstärkung von nordischen weißköpfigen Verwandten, welche die einheimischen Vögel oftmals in ihrer Anzahl übertreffen.


Merkmale

Die Schwanzmeise ist viel kleiner als ein Haussperling. Von den 14 bis 15 Zentimetern Körperlänge entfällt der größere Teil auf den Schwanz, deshalb auch ihr Name. Die Unterseite ist weiß. Die Schulterfedern, Flanke und Bauch sind rosa- bis weinrot getönt. Der Nacken, die Rückenmitte, die Flügel und der Schwanz sind überwiegend schwarz. Besonders auffällig sind die weißen Außenfedern des extrem langen Schwanzes und der winzige, kurze und dicke schwarze Schnabel. Am weißen Kopf hebt sich ein dunkler bräunlicher bis schwarzer Überaugenstreif ab.


Stimme

Der Gesang ist selten zu hören und ist ein leises Zwitschern aus 3 bis 5 Elementen. Ein echter Reviergesang fehlt der Art. Die typischen Erregungsrufe sind kombiniert mit einem hohen ?tserrrr".

Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von 8,1 Jahren.


Nahrung

Dank ihrer Geschicklichkeit und aufgrund ihres geringen Gewichts sind Schwanzmeisen ganz besonders dafür ausgerüstet, Zweig-, Gebüsch- und Baumspitzen zur Nahrungssuche aufzusuchen. Es gibt keinen Baumteil, den sie nicht erreichen können. Durch diese Anpassung konnten sie sich in der Kronenregion eine eigene ökologische Nische erobern. Größere Beute wird sogar in hängender Haltung aus dem Fuß gefressen. Bei der Nahrungssuche fliegt der Schwarm bzw. der Einzelvogel von Baum zu Baum, um die Zweige nach Nahrung zu untersuchen. Dabei wird jeder Baum nur einmal je Tag angeflogen, das erhöht die Chance, Insekten zu erbeuten.
Als Beute dienen vorwiegend kleine Insekten und deren Entwicklungsstadien, wobei Spinnen - vor allem deren Eier und Jungspinnen - bevorzugt werden. Weitere Beutetiere sind Mücken, Blatt- und Schildläuse, Kleinschmetterlinge sowie deren Eier und Raupen. Kleine Teile von Knospen und Früchten gehören ebenso zum Nahrungsspektrum.
Außerhalb der Brutzeit sind Schwanzmeisen gesellig und ziehen in Trupps von 3 bis 30 Vögeln zur Nahrungssuche umher. Der Schwarmzusammenhalt ist so groß, daß man außerhalb der Brutzeit nie eine einzelne Schwanzmeise sieht. Wird ein Vogel gefangen, versucht er sofort und laut rufend wieder Anschluß an den Schwarm zu erhalten.


Brutbiologie

Bereits im Februar lösen sich die Wintertrupps der Schwanzmeisen auf. Die Weibchen suchen sich dann eine andere Familiengruppe von Männchen aus. Innerhalb des Winterreviers der männlichen Familiengruppe schließen sich die neu gebildeten Paare noch eine Zeit lang zusammen, bevor dann bereits Ende März bzw. Anfang April die Brutzeit beginnt. Die ?Jungenschwärme" lösen sich später auf. Die einzelnen Vögel gliedern sich dann an den ?Balzplätzen" in die Gruppen mit den adulten Vögeln ein. Innerhalb der Balz zeigen die Meisen schmetterlingsähnliche Flugbewegungen, die von schnellen Landungen unterbrochen werden.
Ihr kugelförmiges Nest baut die Schwanzmeise sowohl hoch im Gebüsch und in Astgabeln von Bäumen sowie in den äußersten Spitzen der Nadelbäume als auch unter zwei Metern Höhe in immergrünen Sträuchern. Auch Bodennester wurden schon angelegt.
Das Nest ist ein oval kugeliger Bau mit einem seitlichen Eingang in der oberen Hälfte. Es besteht aus fest verflochtenen Haaren, Spinngeweben, Pflanzenwolle, dünnen Grashalmen, Flechten und Moos. Die Flechten und die Birkenrinde dienen je nach Standort zur Tarnung nach außen und isolieren das Nest außerdem zusätzlich gegen Kälte. Gegen die Kälte soll außerdem eine mehrschichtige Federauskleidung schützen. Um das zu erreichen, sind zwischen 1.500 und 3.000 kleine Federn nötig. Daher kann die Bauzeit auch bis zu drei Wochen andauern, ehe das Nest fertig ist. Auch schlechtes Wetter kann dazu führen, daß Nester bis zu 30 Tage lang aufgegeben werden. Während des Nestbaus und zur Zeit der Kopulationen werden auch Mitglieder des eigenen Schwarms heftig bekämpft und aus der Nähe des Nestes vertrieben.
Gelegt werden dann 6 (8 ) bis 12 (14) schmutzig weiße bzw. gelbliche, breitovale, nach einer Seite abgespitzte Eier mit blaß- bis rostroten Flecken, die das Weibchen 12 bis 14 Tage lang bebrütet. Die Bebrütung beginnt oft schon bevor das Gelege komplett ist. Manchmal legen auch zwei Weibchen in ein Nest. Während der Brutzeit wird das Weibchen vom Männchen gefüttert. Die Nestlingszeit beträgt 14 bis 18 Tage. Die Fütterung erfolgt durch beide Altvögel, die oftmals durch andere adulte Vögel Unterstützung erhalten, so dass bis zu 6 Vögel eine Brut betreuen können. Diese Vögel sind aber aus demselben Schwarm und meistens mit dem Brutpaar verwandt. Das Weibchen kann dadurch seinen Fütterungsanteil reduzieren und die Jungen über längere Zeiten wärmen, was für deren Entwicklung sehr vorteilhaft ist. So können pro Nest bis zu 12 Junge aufgezogen werden. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch mindestens zwei Wochen gefüttert. Überwiegend findet nur eine Jahresbrut statt. Das Stattfinden einer Zweitbrut ist bisher noch nicht sicher nachgewiesen wurden.
Allerdings wurden auch schon Schwanzmeisen beobachtet, die bei Kohlmeisenbruten mit fütterten.


Bestand

In unseren Breiten ist die Schwanzmeise ein regelmäßiger Brutvogel, der aber in geringer Dichte auftritt. In einigen Gebieten verschwand sie, weil ihr die charakteristischen bodenständigen Flechten zum Nestbau fehlten, was wiederum auf die Luftverschmutzung zurückzuführen ist. Einige städtische Gebiete wurden aufgrund der verstärkten Brutverluste durch Rabenvögel wieder aufgegeben. Die genaue Ermittlung des Brutbestandes ist bei der Schwanzmeise durch die besondere Form der Brutbiologie, des Schwarmverhaltens und dem Helfersystem bei der Jungenaufzucht schwierig.
An der nördlichen Verbreitungsgrenze in Finnland und Norwegen, können strenge Winter zum völligen Verschwinden der Schwanzmeise über mehrere Jahre hinweg führen, um bei günstigen Bedingungen wieder invasionsartig in den aufgegebenen Gebieten zu erscheinen. Durch die Zunahme der intensiven Forstwirtschaft in Finnland wird aber generell mit einem Rückgang der Bestände gerechnet.
Basierend auf den Mittelwerten der vergangenen Jahre kann in Westdeutschland von einem Bestand von 110 bis 130.000 Brutpaaren ausgegangen werden. In Ostdeutschland geht man von ca. 50.000 Brutpaaren aus.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 03/2011)