Schneesperling (Montifringilla nivalis Linnaeus 1766)

engl.: Snow Finch / White-wingend Snowfinch

Der Schneesperling (Montifringilla nivalis) ist ein ausgesprochener Hochgebirgsvogel. Seine Brutorte liegen zwischen 1.900 m NN (2.500 m) und 3.000 m NN - mit wenigen Ausnahmen z. B. in der Schweiz auch bis 3.400 m NN - Höhe.
Da der Schneesperling zur Singvogelfamilie der Sperlinge gehört, sollte er deshalb, im Gegensatz zu seiner früheren Bezeichnung „Schneefink“, auch als Sperling benannt werden.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Sperlinge (Passeridae)
Gattung: Montifringilla


Vorkommen

Der Schneesperling (Nominatform) kommt inselartig in den Alpen sowie den Hochgebirgen Südwesteueropas (Pyrenäen) und Südeuropas (Balkan, Apenninen) vor. Zudem gibt es eine kleine Population auf Korsika.
Weitere Vorkommen des Schneesperlings gibt es in den Hochgebirgen der Türkei, im Kaukasus sowie in den Hochgebirgen Zentral- (z. B. Hindukusch, Tibet) und Mittelasiens.
In Deutschland ist der Schneesperling seltener Brutvogel der Bayerischen Alpen. Hier ist er in Höhen zwischen 1.800 und 2.450 m NN lokal verstärkt verbreitet.


Biotop

Schneesperlinge leben das ganze Jahr über in den hochalpinen Zonen der Gebirge. Nur selten werden einzelne Vögel auf über 4.500 Metern über Meer beobachtet und auch nur wenige Vögel sind unter 1.000 m NN anzutreffen. Die Schneesperlinge bevorzugen im Gebirge die kurzrasigen Matten, die Schuttfelder und Blockhalden. In den Felsgebieten findet man sie auf den Gipfeln und Passbereichen in der Nähe von Gletschern und Schneefeldern.


Wanderungen

Meistens sind Schneesperlinge Standvögel, die im Winter auch an die Fütterhäuser der Berghütten kommen und oft das ganze Jahr über in der Nähe von Bergrestaurants verbringen. Allerdings kann es bei schlechten Wetterlagen durchaus zu Wanderungen einzelner Vögel im Alpenraum kommen. Täglich suchen die Schneesperlinge außerhalb der Brutzeit gemeinsam ihre Schlafplätze auf, die bis zu 3 km entfernt sein können und in den höheren Felswänden liegen. Jeder Vogel hat seine eigene Felsspalte, die ihm als Schlafplatz dient und heftig gegenüber Artgenossen verteidigt wird. Diese tiefen Felsrisse weisen ein deutlich wärmeres und trockeneres Mikroklima auf, als die raue Umgebung.


Merkmale

Der Schneesperling ist mit 17/18 cm Körpergröße etwas größer als der Haussperling (Passer domesticus). Verwechslungsgefahr besteht mit der Schneeammer (Plectrophenax nivalis). Der Schnabel des Schneesperlings ist allerdings spitzer, die Vögel sind hochbeiniger und erinnern eher an einen Finken, denn an eine Ammer oder einen Sperling (s. Abbildung 1)! Schneesperlinge haben einen graubraun gefärbten Rücken, von dem sich helle Säume abheben. Die untere Seite des Gefieders ist weiß und von ihr hebt sich ein kleiner schwarzer Kehlfleck ab. Bei den Weibchen ist der Kehlfleck undeutlicher ausgeprägt oder er fehlt bei einigen Weibchen ganz. Die Flügelabzeichen der Weibchen sind weniger dunkel gefärbt als die der Männchen. Der Schnabel ist bei den Weibchen gelblich mit schwarzer Spitze. Die Jungvögel sehen den Weibchen ähnlich, sind allgemein unscheinbarer gefärbt, mit eher braunem Kopf.
Der Schwanz ist eingekerbt und die Flügelspitzen gehen beim sitzenden Vogel bis über die Schwanzmitte hinaus. Die Iris ist kastanienbraun und die Füße sind dunkel graubraun bis schwarz gefärbt.
Die ausgewachsenen Männchen sind im Prachtkleid am Oberkopf und an den Kopfseiten grau gefärbt, die Handschwingen sind schwarz und der Schnabel ist ebenfalls schwarz gefärbt. Der Bürzel und die Oberschwanzdecken sind schwarzbraun. Von diesen heben sich die weißen Schwanzkanten ab. Zusammen mit den weißen Flügelpartien und den dunklen Abzeichen sind dies markante Kennzeichen, an denen Schneesperlinge leicht im Flug zu erkennen sind. Im Schlichtkleid haben die Männchen ebenfalls einen gelblichen Schnabel sowie einen mattgrauen Kopf und einen weniger dunklen, aber noch sichtbaren Kehlfleck.

Bild Schneesperling (Montifringilla nivalis)

Abb. 1: Schneesperlinge am Futterhaus (Aufn. T. Kutzer, 2010).


Stimme

Der Reviergesang des Männchens ist sperlingsähnlich, besteht aus schilpenden Lauten und wird in Nestnähe, von einer Warte, oder auch im Singflug vorgetragen.
Meistens hört man durchdringende „chi“ bzw. „pchie“-Rufe als Stimmfühlungslaut.


Alter

Das nachgewiesene Höchstalter im Freiland beträgt 11 Jahre.


Nahrung

Schneesperlinge halten sich mittlerweile oft in der Nähe von Bergrestaurants oder Skiliftstationen auf, wo sie auch im Winter noch anzutreffen sind. So haben sie sich eine neue Nahrungsquelle erschlossen, indem sie sich von Zivilisationsabfällen ernähren.
Die Hauptnahrung bilden aber Insekten, vor allem Käfer und deren Larven sowie Spinnen. Im Winter werden vorrangig Sämereien von Alpenpflanzen gefressen.
Am Boden bewegen sich Schneesperlinge schreitend, und nicht hüpfend wie andere Sperlingsarten, fort.
Bei der Nahrungsaufnahme werden im Sommer die abtauenden Ränder der Schneefelder genutzt, die dann vor allem Schnakenlarven und Schmetterlingsraupen freilegen.


Brutbiologie

Der Schneesperling brütet in Felsklüften und auch in Felsnischen, seltener in Nagerhöhlen (z. B. von Murmeltieren). Stellenweise werden Hohlräume, die an den verschiedensten Konstruktionen, wie an Gebäuden (hinter Verschalungen und Fensterläden), an Lawinenverbauungen, an Ski-Stationen und in Masten von Skiliften zu finden sind, für den Nestbau genutzt. Aber auch Nistkästen mit langem Gang zum Nestraum werden angenommen. Der Abstand zwischen den einzelnen Nestern ist oft sehr gering.
Bereits im März beginnt die Balz. Ab Mitte Mai wird das Nest ausschließlich vom Weibchen in den frühen Morgenstunden und Abendstunden aus Halmen gebaut. Der Nestbau dauert so gewöhnlich 5 bis 8 Tage und wird auch bei Schnee und Frost nicht unterbrochen. Im Gegensatz zu anderen Sperlingsarten ist das große Nest geglättet und wirkt deshalb nicht unordentlich. Innen wird es mit Federn ausgepolstert.
Schneesperlinge brüten ein- und manchmal auch zweimal im Jahr. Sie bleiben ihrem Brutplatz treu. Kommt es während der Brutzeit zu Schlechtwettereinbrüchen mit ungünstigen Witterungsbedingungen, dann können vereinzelt Gelege aufgegeben werden, da die Aufrechterhaltung der Bruttemperatur für die Weibchen eine enorme energetische Belastung darstellt, weil sie von den Männchen nicht gefüttert werden. Die Brutzeit dauert von Mai bis Juli. Dabei werden 4 bis 5 hellgraue Eier je Brut gelegt. Die Brutdauer ist mit 13 bis 15 Tagen bei den stellenweise sehr niedrigen Umgebungstemperaturen gering. Der Schlupf der Jungen fällt auf die Zeit des größten Insektenangebotes (z. B. Schnaken, Schmetterlinge und vor allem deren Larven). Mit diesen werden die Jungen 20 bis 23 Tage lang von beiden Eltern gefüttert. Gebäudebrüter brauchen gegenüber den Felsbrütern nicht soviel Energie (Länge der Flugstrecke) und Zeit bei der Nahrungsbeschaffung aufzuwenden.
Nach dem Ausfliegen schließen sich die Jungen zu großen Schwärmen zusammen, die sich zum Winter wieder in kleine Trupps (10 bis 15 Vögel) auflösen.


Bestand

In der Schweiz ist der Schneesperling nicht gefährdet und weist einen stabilen Bestand von 4.000 bis 8.000 Vögeln (ca. 2.000 Brutpaare) auf. In Deutschland brüten ca. 100 bis 300 Schneesperlingspaare und in Österreich ca. 1.800 Brutpaare. Probleme treten durch den zunehmenden Tourismus auf, der zur Beunruhigung der Vögel führt. Andererseits hat der Wintertourismus zur Ansiedlung in den Ortschaften geführt, in denen die Art von den besseren Nahrungsbedingungen vor allem bei ungünstigem Wetter profitiert.

© Dirk Schäffer (05 / 2010)