Schneeammer (Calcarius nivalis Linnaeus 1758)

Schneeammer (Calcarius nivalis Linnaeus 1758)


engl.: Snow Bunting

Kaum ein anderer Landvogel brütet so weit nördlich, wie die Schneeammer (Calcarius nivalis). In vielen arktischen Gebieten ist sie deshalb auch die häufigste Vogelart.

Bereits im Herbst bevor der Winter bei uns Einzug hält, erscheinen die Schneeammern in kleinen Trupps an den deutschen Küsten, um wie viele andere arktische Wintergäste auch, das Wattenmeer und sein reichhaltiges Nahrungsangebot als Überwinterungsplatz zu nutzen.

Ammern sind Vögel mit kurzem dickem Schnabel, die überwiegend im offenen Gelände anzutreffen sind. Die frühere Bezeichnung der Schneeammer Plectrophenax (lateinisch = Trugsporn) im Artnamen der Schneeammer wies auf die lange Hinterkralle hin, die eine Anpassung und Unterstützung für das häufige Laufen dieser Art darstellt. Der Vogelfuß erhält damit einen zusätzlichen Halt. Der zweite Teil des Namens nivalis (lateinisch = schneeweiß) bezieht sich auf einige wenige der Ammern – wahrscheinlich die ältesten Männchen – die, wenn sie im Winterkleid zu uns kommen, fast weiß sind und aus den Schneeammertrupps deutlich hervor stechen.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Ammern (Emberizidae)
Unterfamilie: Ammern (Emberizinae)
Gattung: Spornammern Calcarius Bechstein 1803

Vorkommen


In Europa brütet die Schneeammer in den Tundren, Gebirgen und an den Küsten des hohen Nordens. So z. B. auf Island und Grönland sowie in Norwegen, Finnland und Schottland. Aber auch an den Küsten des sibirischen Eismeeres, auf den arktischen Inseln Spitzbergen, Jan Mayen und auf der Bäreninsel. Außerdem brüten Schneeammern auch in den arktischen Gebieten Nordamerikas.

In Deutschland kann man Schneeammern vor allem an der Nord- und Ostseeküste von September/Oktober bis April als häufigen Wintergast beobachten. Im Binnenland gelingt dies deutlich seltener.

Biotope


Schneeammern bevorzugen Flechtentundren mit wenig Vegetation bis nahe an den Eisrand und hochgelegene Fjällflächen. Dabei wird sehr steiniges Gelände besiedelt. An den Meeresküsten und an Flussmündungen der Tundren bietet das aufgetürmte Treibholz einen idealen Lebensraum. Die sich daran anschließenden offenen Tundrenflächen werden von einer anderen Ammernart, der Spornammer (Calcarius lapponicus) bewohnt.

Aber auch Ruderalflächen, Äcker und bereits abgeerntete Felder werden von der Schneeammer genutzt.

Wanderungen


Im Winter ist die Schneeammer vor allem auf übersichtlichem und spärlich bewachsenem Gelände (z. B. Flugplätze, Baustellen und Dünen) anzutreffen, wobei sie artreine Schwärme bilden. Bei der Wahl des Winterquartiers ist sie sehr flexibel und ihr Verhalten wird stark durch das Wetter beeinflusst. So kann die Schneeammer sowohl Langstreckenzieher als auch Teilstrecken- oder Kurzzieher sein.

Das Wanderverhalten kann individuell aber auch sehr extrem sein. So überwinterte ein Vogel für einen Winter in Westeuropa und verbrachte den nächsten bereits in Nordamerika (Neufundland). Grönländische Schneeammern überwintern vor Ort oder ziehen zu den britischen Inseln und Irland. Andere grönländische Ammern fliegen nach Nordamerika oder nach Nordrussland.

Die Schneeammer wurde aber auch schon über dem grönländischen Inlandeis und sogar direkt am Nordpol beobachtet. Ein Exemplar hatte sich bis nach Hawaii verirrt.

Merkmale


Die Schneeammer ist mit 17 cm Größe sperlingsgroß. Sie hat einen gedrungenen Körper, mit langen Flügeln und einem relativ kurzen Schwanz.

Wie kaum ein anderer Singvogel variiert die Schneeammer in den verschiedenen Altersstufen und während der Jahreszeiten in ihrer Gefiederzeichnung. Dies hatte früher zu derartigen Verwirrungen geführt, dass einige Forscher die verschiedenen Kleider für mehrere Arten hielten. Die großenteils weißen Flügel heben sich allerdings zu allen Jahreszeiten vom übrigen Gefieder ab, was im Flug besonders gut zu sehen ist. Der Schnabel ist im Sommer schwarz gefärbt und im Winter braungelb, mit schwarzer Spitze. Beine und Füße sind schwarz gefärbt und die Iris ist von brauner Farbe.

Das Männchen ist im Brutkleid durch seine schwarzweiße Färbung sehr auffällig. Der Kopf, der Hals und die Unterseite sind weiß. Der Rücken, die Handflügel und die Schwanzmitte sind schwarz gefärbt. Im winterlichen Schlichtkleid sind Kopf und Nacken gelbbraun gefärbt, da die weiße Grundfarbe durch rostbraune bzw. beige Federränder verdeckt wird. Das gleiche gilt für den schwarzen Rücken, der aufgrund der Federränder braun bzw. gelb gestreift aussieht. Besonders gut sichtbar sind im Flug die weißen Flügelspitzen.

Das Schneeammerweibchen ist deutlich kontrastärmer gekennzeichnet. Im Brutkleid ist es am Kopf deutlich mehr weiß gefärbt, wobei die Ohrgegend von brauner Farbe ist. Der Nacken ist schwarz getüpfelt. Das Schlichtkleid des Weibchens ist ähnlich dem des Männchens. Der Schwarzanteil auf dem Rücken ist allerdings geringer. Der Schwanz zeigt an den Außenkanten weniger weiß.

Die Änderungen im Gefieder werden vor allem durch die Abnutzung der andersfarbigen Federsäume bewirkt.

Die Jungvögel haben noch eine bräunliche Unterseite sowie eine dunklere Brust und Flanken.

Stimme


Der Gesang der Schneeammer besteht aus kurzen, klaren Trillern mit raschem Tonhöhenwechsel. Der Lockruf - ein kurzes pfeifendes „piü“ - ist weit zu hören.

Alter: Die ältesten beringten Schneeammern wurden fast acht bzw. sieben Jahre alt.

Nahrung


Die Schneeammer ernährt sich vor allem von kleinen Sämereien und bodennahen Insekten, die sie im Spülsaum des Wattenmeeres oder an den Pflanzen der anliegenden Salzwiesen findet.

An Sämereien werden besonders die vom Queller, verschiedenen Melden u. a. Salzpflanzen gefressen.

Bei der Nahrungssuche bildet die Schneeammer dichte Schwärme, die sich immer in einer Richtung entlang des Spülsaums vorwärts bewegen. Dabei werden die vordersten Vögel regelmäßig überholt, indem die hintersten Vögel auffliegen und wieder vorn landen.

Während der Nahrungssuche im Spülsaum ist die Schneeammer oft mit Berghänflingen (Carduelis flavirostris) und Ohrenlerchen (Eremophila alpestris) vergesellschaftet, die hier ebenfalls Wintergäste aus dem hohen Norden sind.

Brutbiologie


Als Brutvogel des hohen Nordens kommt die Schneeammer hervorragend mit Winterwetter zurecht. Zwischen Mitte Mai bis Juni, je nach Schneeschmelze, treffen die Ammern am Brutplatz ein. Oft bleiben einige Brutpaare für mehrere Brutzeiten und auch über diese hinaus zusammen. Während der Balz singen die Männchen von einer erhöhten Warte aus und zeigen anfangs auch Singflüge.

Die Schneeammer ist ein Bodenbrüter. Das Nest wird zwischen oder unter Steinen sowie in Treibholzhaufen versteckt angelegt. Es besteht aus trockenen Halmen, Moos und Flechten. Innen wird das Nest mit Federn und Haaren ausgepolstert, die als Wärmedämmung dienen.

Nicht selten besteht eine enge Nachbarschaft zum Menschen. So kann man die Nester z. B. auch in Autowracks und in alten Ölfässern finden, auf Flugplätzen und im Baugelände.

Das Schneeammerweibchen bebrütet die (3) 4 bis 6 (8) grünlichweiß bis rahmfarben gezeichneten und mit einer m. o. w. starken rostbraunen Fleckung versehenen Eier allein. Während der 12 bis 13tägigen Brutzeit wird es vom Männchen gefüttert. Schneestürme übersteht das Weibchen vergraben im Schnee. In diesem Zustand kann es über mehrere Tage hindurch ausharren. Nach 9 bis 13 Tagen Fütterung verlassen die jungen Schneeammern dann das Nest und werden noch bis zu zwölf weitere Tage außerhalb des Nestes von beiden Eltern gefüttert.

Bestand


In Deutschland ist die Schneeammer Wintergast, der in kleinen Trupps in strengen Wintern bis zu den Alpen vordringen kann. Ansonsten kann die Schneeammer regelmäßig an den Küsten der Nord- und Ostsee beobachtet werden.

© Dirk Schäffer (2005, aktualisiert 03 / 2008)