Schleiereule (Tyto alba SCOPOLI 1769) - Vogel des Jahres 1977

Schleiereule (Tyto alba SCOPOLI 1769) - Vogel des Jahres 1977


engl.: Common Barn-Owl

Die Schleiereule (tyto alba = weiße Eule) ist ein weit verbreiteter Nachtvogel, der aber trotzdem in Deutschland in seinem Bestand gefährdet ist. Das liegt daran, daß sie sich als typischer Kulturfolger sowohl durch Brutstandort als auch Ernährung an menschliche Siedlungen angepasst hat, was ihr nun - aufgrund der rasanten landschaftlichen Veränderungen - zum Verhängnis wird.

Systematische Einordnung


Ordnung: Eulenvögel (Strigiformes)
Familie: Schleiereulen (Tytonidae)
Unterfamilie: Schleiereulen (Tytoninae)
Gattung: Schleiereulen (Tyto)

Vorkommen


Die Schleiereulen sind eine kosmopolitische Vogelfamilie. Man ordnet ihnen 12 Arten in 2 Gattungen Tyto und Phodilus mit nur 2 Arten zu.
Die Schleiereule ist mit ca. 30 Unterarten eine der verbreitetesten Vogelarten überhaupt. Sie ist in Amerika von British Columbia, über fast die gesamte USA, in Mittel- und Südamerika bis nach Feuerland und den Falklands verbreitet. Auf den Galapagos-Inseln lebt eine besondere Unterart. In Asien werden die Arabische Halbinsel, Indien, Südostasien und Indonesien besiedelt. In Afrika fehlt die Art nur in den tropischen Regenwäldern sowie in den Wüsten und Halbwüsten. Auch in Australien, aber nicht in Neuseeland, kommt die Schleiereule vor.
Sie ist in fast ganz Mitteleuropa bis 600 m NN verbreitet.

Wanderungen


Als Standvogel und überwiegender Mäusejäger hängt die Größe des Schleiereulenbestandes von der Stärke des Winters und dem dann vorhandenen Nahrungsangebot ab.

Biotop


Die Schleiereule ist in allen Landschaften Deutschlands ? mit Ausnahme des Bayrischen Waldes, des südlichen Alpenvorlandes und des Schwarzwaldes ? verbreitet.
Die Verbreitung der Schleiereule wird weitestgehend durch Klima und Vegetation bestimmt. In Gebieten, in denen die Winter regelmäßig geschlossene Schneedecken aufweisen, kann sich die Schleiereule nicht ansiedeln. Auch geschlossene Waldländer werden von ihr gemieden.

Merkmale


Die langbeinige Schleiereule ist 0,34 m lang und 350 g schwer. Ihre Unterseite ist weiß bzw. hellgelb gefärbt und die Oberseite des Gefieders ist orange- bis rotbraun. Diese ist grau bzw. weiß gefleckt. Der helle, herzförmige Gesichtsschleier umrahmt die schwarzen Augen. Deshalb hieß sie früher auch ?Herzeule". Schleiereulen haben keine Federohren. Ihr gelblich-grauweiß gefärbter Schnabel wird von den Gesichtsfedern fast verdeckt.

Der Supersinn der Eulen: Abgesehen davon, daß die Sehschärfe des Eulenauges die des Menschen bei weitem übertrifft, ist die Nacht das bevorzugte Medium der Schleiereule. Sie kann bei geringen Lichtmengen auf Sichtjagd gehen, oder aber ihre Beute nur nach dem Gehör orten. Dabei wirkt ihr namensgebender Gesichtsschleier wie ein Schalltrichter mit dessen Hilfe sie regelrecht ?Richtungshören" kann. Sogar mit Hilfe des Krümmungsradius dieses ?Hohlgesichtes" kann die Entfernung der Beute ? ähnlich wie die Krümmung einer Augenlinse ? scharf gestellt werden. Auch die unterschiedliche Höhe der Ohren hilft bei der Ortung. So können die Schallwellen mit einem winzigen Zeitunterschied eintreffen.
Rupft man allerdings die Gesichtsfedern der Eule aus, greift sie beim Beuteanflug stets daneben.
Das superweiche Gefieder ermöglicht der Schleiereule einen fast geräuschlosen Flug. Sie hat eine Flügelspannweite von 0,90 m.

Stimme


Die Rufe der Schleiereule erinnern eher ein Schreien. Charakteristisch sind ihr Schnabelklappen und die Rufe, die an ein "Schnarchen" erinnern.

Nahrung


Das Schicksal der Schleiereule ist eng mit dem ihrer Hauptbeute, den Kleinsäugern und allen voran mit der Feldmaus (Microtus agrestis) verknüpft. Neben Mäusen (Hasel-, Erd-, Wald-, Scher- und Zwergmaus) und Ratten werden aber auch Spitzmäuse (Wald-, Feld- und Haus-), Maulwürfe, Frösche, Vögel sowie Insekten während der nächtlichen Beutezüge ergriffen. Die Beutetiere haben dabei ein bevorzugtes Gewicht von 5 bis 30 g, wobei die Höchstgrenze zum Tragen bei 200 g liegt. Der Nahrungsbedarf liegt bei 70 bis 104 g, wobei 10 % als unverdauliche Reste in Form von Gewöllen ausgeschieden werden. Im Gegensatz zu anderen Eulenarten würgen die Schleiereulen ihre Gewölle einmal am Tag an bestimmten Plätzen aus, die geschützt und trocken sein müssen (z. B. auf Dachböden, Baumspalten usw.). Die Gewölle unterscheiden sich ebenfalls von denen der anderen Eulen. Sie sind glänzend schwarz, wurstförmig, an beiden Enden abgerundet und von der Größe eines Männerdaumens (2,2 bis 8,0 cm). Nach einigen Tagen werden die Gewölle dann matt schwarz. Die Größe der Gewölle richtet sich aber stark nach der Konstitution des jeweiligen Vogels.
Schleiereulen kehren regelmäßig im Winter an Orte zurück, in denen sie auch bei strenger Kälte Mäuse erbeuten können. So gab es bereits Experimente, bei denen die Eulen mit weißen Mäusen über den ganzen Winter gefüttert wurden. Die Eulen können im Winter nur bei bis zu 8 cm Schneedeckenstärke die darunter befindlichen Mäuse hören.
In Großbritannien werden öfters Schleiereulen beobachtet, die ?geisterhaft glühten". Diese Irrlichter sorgten für eine entsprechende Verwirrung bei den Beobachtern dieser Erscheinung. Allerdings handelt es sich um das Mycelium des Pilzes Armillaria mellea, das Licht abgibt. Schleiereulen fressen diesen Pilz von verrottenden Bäumen ab.

Brutbiologie


Die Schleiereule nistet in alten Bauernhäusern, Taubenschlägen, Scheunen, Kirchtürme, Dachgeschosse alter Schlösser oder Burgen, Ruinen und auch in Baumhöhlen. Auch Nistkästen in Gebäuden werden sehr gern angenommen.
Bereits ab Ende Februar bis Anfang März beginnt die Brut, nachdem das Weibchen den Nistplatz ausgewählt hat. Alle 1 bis 2 Tage legt das Weibchen ein Ei, beginnt aber bereits nach dem 1. Ei mit dem Brüten. Es brütet die 4 bis 8 weißen Eier (manchmal sogar 15!) in 32 bis 34 Tagen allein aus. Als Nestunterlage dient dafür oft nur eine Schicht von zerbissenen Gewöllen. Während dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen mit Nahrung versorgt.
In Jahren mit schlechtem Mäuseangebot wird entweder gar nicht gebrütet, oder die Eierzahl ist sehr gering. Reicht während der Brutzeit für das Weibchen die Menge von 2 bis 4 Mäusen pro Nacht aus, so muss das Männchen nach dem Schlupf der Jungen bis zu 20 Mäuse in der Nacht erbeuten. Das Weibchen muß in dieser Zeit die nackten Jungen wärmen und ist an das Nest gebunden. Wenn die Jungen im Alter von 15 Tagen bereits kleine Beute ganz verschlucken können, geht auch das Weibchen auf Jagd. Die Jungen werden dann bis zum Alter von 70 Tagen gefüttert, bis sie flügge werden. Danach halten sie sich noch einige Zeit im Revier der Eltern auf, bis sie vertrieben werden. In Jahren mit gutem Nahrungsangebot siedeln sich die Jungen in der Nähe der Eltern an.
In Mäusejahren findet ab Ende Mai eine zweite Brut statt. Dann können auch sogenannte Schachtelbruten auftreten, bei denen das Männchen noch die Jungen füttert und das Weibchen bereits die Eier der 3. Brut ausbrütet.

Vogel des Jahres


Die Schleiereule wurde als Vogel des Jahres gewählt, um auf die Folgen der tiefgreifenden Veränderungen in der Agrarlandschaft aufmerksam zu machen. Sie steht stellvertretend für viele andere Vogelarten, die auf eine abwechslungsreiche und strukturierte Kulturlandschaft angewiesen sind.

Aktuelle Faktoren für die Gefährdung der Schleiereule:
- der Feind Nr. 1 der Schleiereule ist, mit über 50 % Verlusten, der Straßenverkehr
- die Vernichtung von Brutstandorten, vor allem im ländlichen Raum, dadurch finden die Vögel kaum noch eine Kirche oder Scheune
mit entsprechendem Einflugloch
- die Zerstörung der Jagdbiotope durch intensive Landwirtschaft
- Stromleitungen, Zaundrähte und ähnliche Hindernisse führen immer wieder zu Opfern unter den Vögeln
- Vergiftungen durch Mäuse- und Rattengifte stellen eine weitere Gefahr dar
Aber auch natürliche Faktoren, wie z. B. strenge Winter und schlechte Mäusejahre, können zum Erlöschen ganzer Populationen führen.

Bestand


Eine bundesweite Bestandsschätzung zeigte für 1985 ca. 13.000 Brutpaare. Damit gilt die Schleiereule als potentiell gefährdet. Diesen Tatbestand hat überwiegend der Mensch mit seinen rigorosen Landschaftsveränderungen zu verantworten.
Auch der menschliche Aberglaube hat bis vor gar nicht langer Zeit dazu geführt, dass die Schleiereule als Totenvogel verschrien war. Sie wurde gefangen und an Kirch- und Scheunentore genagelt.

Allerdings wurde auch die Schleiereule einer Inselfauna zum Verhängnis. Um die Rattenplage auf den Seychellen einzudämmen, setzte man dort Schleiereulen aus. Diese Versuche waren zuerst nicht von Erfolg gekrönt. Dann gelang es den Eulen aber doch einen stabilen Bestand aufzubauen. Leider erbeuteten die Eulen nur wenige Ratten, dafür aber dezimierten sie den Bestand der Feen-Seeschwalben (Gygis alba). Die reinweißen Seeschwalben waren nachts leicht an ihren Ruheplätzen zu erkennen und wurden leichte Eulenbeute. Als diese Problematik erkannt wurde, war es für die Seeschwalben auf zwei Inseln schon zu spät, daran änderte auch die nun einsetzende erfolgreiche Dezimierung der Eulen nichts. Auch die ohnehin seltene Seychellen-Turteltaube wurde von der Schleiereule stark dezimiert.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 02/2011)