Saatkrähe (Corvus frugilegus LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1986

engl.: Rook

In jedem Herbst machen die Saatkrähen wieder von sich reden. In riesigen Schwärmen fallen sie - oft vergesellschaftet mit Dohlen - in unser Land ein. Der Uneingeweihte wundert sich und ist der Meinung, dass sich die Krähen wieder stark vermehrt haben und denkt dabei an geplünderte Singvogelnester. Doch tatsächlich sehen die Fakten anders aus. Bei den Vogelscharen handelt es sich um Saatkrähen aus Skandinavien, Osteuropa und dem Baltikum. Diese Vögel verlassen nach der Brutzeit ihre Brutgebiete und kommen nach Mitteleuropa, um dem strengen Winter in ihrer Heimat zu entfliehen. Mittlerweile sind dies Schwärme allerdings viel kleiner geworden, da die Saatkrähe vor allem im Osten stark verfolgt wurde und auch ihr Lebensraum durch die intensive Landwirtschaft beeinträchtigt wird.
Die Saatkrähe plündert keine Singvogelnester. Dies macht schon eher die mit ihr verwandte und oft mit ihr verwechselte Rabenkrähe (Corvus corone).
Als ursprünglicher Vogel der Waldsteppen besiedelte die Saatkrähe die durch den Menschen geschaffenen Agrarlandschaften und ist in Russland weit in die Taiga vorgedrungen.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Rabenvögel (Corvidae)
Gattung: Rabenverwandte (Corvus Linné 1758)


Vorkommen

Die Saatkrähe ist weit verbreitet und bewohnt große Teile Europas. Ihr Brutgebiet im Norden reicht bis England (ohne das schottische Hochland), Südskandinavien bzw. Südfinnland und im Süden bis Norditalien sowie Nordgriechenland. Die westliche Verbreitung endet in NW-Frankreich und NW-Spanien. In Russland endet das Verbreitungsgebiet in Mittelasien und SW-Sibirien. Weiter im Osten (Jakutien, N- bzw. O-China) tritt die Form C. frugilegus pastinator der Saatkrähe in mehreren isolierten Vorkommen auf.
Zwischen 1869 und 1874 erfolgte die Einbürgerung in Neuseeland, die erfolgreich verlief.

Biotop: Die Saatkrähe bevorzugt offene Agrarlandschaften mit Getreideäckern, Grünländern, Baumgruppen und Feldgehölzen.


Wanderungen

In Osteuropa ist die Saatkrähe ein ausgesprochener Zugvogel. In Mittel- und noch mehr in Westeuropa ist sie dagegen ein ausgesprochener Strich- bzw. Standvogel. Ostdeutsche Brutvögel überwintern zu fast 50 % im Brutgebiet, wandern aber auch bis nach Belgien, Dänemark, in die Niederlande und nach England. Andere nestjung beringte Vögel wurden in SW-Frankreich und am Atlantik wieder entdeckt.
Die Brutheimat der deutschen Wintergäste reicht von Polen und den baltischen Staaten bis ins östliche Rußland. Der Wegzug beginnt im September und verstärkt sich mit dem Zuzug im Oktober. In strengen Wintern verzögert sich der Abzug bis Ende März.
Für polnische Saatkrähen wurden während des Zuges Tagesleistungen von 60 km ermittelt.
Über der Ostsee kann es bei Nebel zu starken Verlusten unter den desorientierten Vögeln kommen.


Merkmale

Die Saatkrähe sieht der mit ihr verwandten Rabenkrähe sehr ähnlich. Sie ist jedoch an der weißlich-grauen, unbefiederten Schnabelwurzel, die sich markant vom blauschwarz glänzenden Gefieder absetzt und der steilen Stirn sehr gut von der Rabenkrähe zu unterscheiden. Der gräuliche Schnabel wirkt lang und spitz mit gleichmäßiger Biegung. Die Beine (auch „Hosen“ genannt) sind lockerer befiedert und machen einen struppigen Eindruck. Insgesamt wirkt die Saatkrähe im Gegensatz zur kräftigen Rabenkrähe weniger kompakt und viel schlanker. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt. Das Gefieder der Jungvögel ist allerdings matter und von rauchschwarzer Farbe. Der Schnabel ist schwärzlich und die Wangenfärbung fehlt.

Das Flugbild der Saatkrähe zeichnet sich durch schmalere, längere Flügel und einen etwas längeren, deutlich gerundeten Schwanz aus.
Sie fliegt eleganter mit elastischen Flügelschlägen und segelt öfter.

Die Stimme ist ein einzelnes heiseres Krächzen, das wie „ahg“ oder „gahg“ klingt. Bereits im Winterhalbjahr kann man diese Rufe zweisilbig hören.

Das höchste Alter bei verschiedenen Ringvögeln lag zwischen 16 und 19 Jahren.


Nahrung

Der Name Saatkrähe ist irreführend. Denn die Hauptbestandteile ihrer Nahrung sind Engerlinge (z. B. vom Maikäfer), Heuschrecken, Raupen, Würmer, Drahtwürmer, Käfer, Schnecken und Wühlmäuse. Außerdem sind auch Abfälle, Aas, Obst, Reste von Feldfrüchten und nur in geringem Maße Körner Nahrungsbestandteil. Eine ergiebige Nahrungsquelle stellen Maulwurfshügel für die Krähen dar. Durch die grabende Tätigkeit dieser Tiere werden Würmer, Engerlinge u. a. Getier an die Oberfläche gebracht und dann von den Krähen erbeutet. Mitunter werden unzureichend abgedeckte Mieten von den Vögeln entdeckt und als Futterquelle genutzt. Auch aufgrund des Nahrungsaufnahmeverhaltens, das durch Stochern, Bohren und Wenden charakterisiert wird, unterscheidet sich die Saatkrähe von den anderen Rabenvögeln.
Nachdem die Saatkrähen auch die Müllkippen als Plätze mit leicht zu erlangender Nahrung kennenlernten, kam es in den Wintern zu gewaltigen Konzentrationen an Saatkrähen. Diese Schwärme nutzen auch jede Nacht, wenn keine Störungen eintreten, die gleichen Schlafplätze, an denen es zu ungeheuren Ansammlungen (bis zu 100.000 Vögel) kommen kann. Während des Winters leert die Saatkrähe nicht geerntete Obstbäume, sammelt Nüsse bzw. Körner und hat gelernt, Schulhöfe, Mülltonnen und Futterhäuser nach Fressbarem zu durchsuchen. Neues Futter wird erst anderen Vögeln zur Probe überlassen. Auch das Abjagen des Futters von Artgenossen und das Stehlen bei anderen Vögeln gehört zur Strategie.


Brutbiologie

Im Frühjahr ziehen die großen Schwärme wieder in ihre nördlichen Brutgebiete. Nur wenige Paare bleiben dann bei uns und ziehen hier einmal im Jahr ihre Jungen auf. Die Saatkrähe brütet in großen Kolonien in den hohen Bäumen von Feldgehölzen, oft sind über 100 Paare zusammen, gern auch in der Nähe des Menschen in den Städten. Bereits im Februar vollführen die Paare ihre Balzflüge und -spiele. Das Nest wird von beiden Altvögeln auf den äußeren Kronenzweigen von alten Laub- und Nadelbäumen - meist über 15 m Höhe - zusammen errichtet, wobei das Männchen mehr das Nistmaterial heranschafft und das Weibchen das eigentliche Nest errichtet. Für den Nestbau werden alte Nester der Kolonie, Elsternester u. a. verwendet und abgetragen oder es wird beim Nachbarn Nistmaterial gestohlen. Dürres Reisig wird aktiv von Bäumen abgebrochen oder vom Boden aufgesammelt. Nester, die den Winter überstanden haben, werden ausgebessert und oft über Jahre genutzt.
Die Brutzeit beginnt oft schon im März, meist aber im April. Die Bebrütung setzt vor Vollendung des Geleges ein und beträgt 16 bis 19 Tage. In den dicht beieinander stehenden Nestern werden (3) 4 bis 5 (7) Eier gelegt. Es brüten nur die Weibchen auf den sehr variabel grünlich gefärbten und braun gesprenkelten Eiern. Dabei werden sie von den Männchen aus dem Kehlsack gefüttert. Es erfolgt nur eine Jahresbrut, nach deren frühzeitigem Verlust Ersatzgelege möglich sind. Die Jungen werden von beiden Elternteilen gefüttert, fliegen nach etwa 30 Tagen aus und werden dann aber noch längere Zeit von den Altvögeln betreut. Obwohl das Nest sehr sauber gehalten wird, ist die Sterblichkeit der Jungen sehr groß. Die Ursachen sind überwiegend menschliche Störungen und das Fällen der Horstbäume sowie Parasiten (Luftröhrenwurm), die durch Regenwürmer übertragen werden. Viele Junge verhungern auch durch Nahrungsmangel.
Verlassene Saatkrähennester werden gern von Turmfalken und Waldohreulen als Brutstätten genutzt.


Vorteile der Kolonie

Kolonie und Schwarmbildung sind charakteristische Merkmale, die zum natürlichen Verhalten der Saatkrähe gehören.
Der Zusammenhalt der Saatkrähen und auch anderer Rabenvögel im Schwarm bringt diesen viele Vorteile. Die einzelnen Krähen beobachten sich untereinander sehr genau. Fliegt eine zum Erdboden, weil sie etwas Fressbares gefunden hat, dann sehen das auch die anderen und folgen nach. Man vermutet, dass auch an den Massenschlafplätzen Informationen über ergiebige Futterquellen ausgetauscht werden, denn gemeinsam sind die Krähen stärker gegen etwaige Nahrungskonkurrenten wie Möwen und Greifvögel.
Die Brutkolonie selber dient den Vögeln als „Heiratsmarkt“ und Treffpunkt zum Informationsaustausch. Erfolgreiche Brutpaare werden beobachtet und anhand ihrer Fütterungsfrequenz erkennen andere Paare, wie ergiebig die Nahrungsquelle ist und wo sich diese befindet. Außerdem bietet die Kolonie dem Nachwuchs Schutz vor Fressfeinden.


Verfolgung

Die Beziehung zwischen Mensch und Saatkrähe war schon in den letzten Jahrhunderten durch die Einstufung der Krähe als Schädling belastet. Diese Einstellung bekam auch der Begründer der europäischen Vogelkunde Johann Friedrich Naumann zu spüren. In seinem Wäldchen unweit seines Wohnhauses befand sich eine kopfstarke Saatkrähenkolonie, die Naumann durch Einzäunung des Waldes vor Beunruhigungen schützte. Im Jahre 1849 allerdings schritt ein missgünstiger Bauer aus der Nachbarschaft zur Tat, verschaffte sich Zutritt und schoss mithilfe weiterer Dorfbewohner die Krähen ab. Erst ein mit Naumann befreundeter Pfarrer konnte dem Treiben ein Ende setzen, da die Behörden wegen „einiger Krähen“ nicht eingriffen.
Auch noch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Saatkrähe in Deutschland verfolgt. Die Feuerwehr spritzte die Kolonien aus. Jäger schossen die Nester mit Schrot aus und die Elterntiere ab, Landwirte legten vergiftetes Getreide als Fressköder aus.
Die Ernennung der Saatkrähe zum Vogel des Jahres 1986 brachte aber eine Trendwende. Es erfolgte ein Jagdverbot in der BRD und es konnte eine gewisse Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung erreicht werden. Der Rückgang des Bestandes wurde aufgehalten bzw. stieg er lokal sogar um bis zu 50 % an. Die Saatkrähe steht nunmehr nicht mehr auf der Roten Liste. Trotz dieser positiven Entwicklung ist die Saatkrähe vielen Zeitgenossen immer noch ein Dorn im Auge. So sind Landwirte beunruhigt ob der Fraßschäden, welche die Krähen in der keimenden Saat verursachen können. Noch immer wird sie aus Unkenntnis mit der Rabenkrähe verwechselt und automatisch so ebenfalls zum Nesträuber abgestempelt, der sie aber nicht ist. Das Brüten in Kolonien und die damit verbundenen Lärm- und Kotbelastungen sind derzeitig die entscheidenden Reibungspunkte, die immer wieder zur illegalen Auflösung oder behördlich genehmigten Reduzierung von Kolonien führen. Auch werden - trotz ganzjährigem Schutz - immer wieder Vögel abgeschossen.


Bestand

Ursprünglich war die Saatkrähe ein weitverbreiteter Brutvogel, der bereits frühzeitig in die Städte einwanderte. Diese Einwanderung erfolgte oft als „Schutzflucht“ vor den Nachstellungen in der Feldflur. Bereits während Goethes Besuchen in Leipzig (1765 - 68) existierten Kolonien dieser Vögel, die 1896 und 1909 erloschen. Von 1833 bis 1952 existierte in Leipzig im Paunsdorfer Wäldchen noch eine Kolonie.
Die größte historische Kolonie in Sachsen-Anhalt, das Mühlenholz bei Havelberg mit geschätzten 3.000 Nestern, fiel bis Mitte der 30iger Jahre dem Holzeinschlag zum Opfer. 1896 erlosch die bekannte Kolonie, die der Rabeninsel der Stadt Halle den Namen gab. So wurden durch Bekämpfung bereits im 19. Jh. viele Brutplätze aufgegeben. Im 20. Jh. führte vor allem der Einsatz von Agro-Chemikalien zum Rückgang der Art. Eine Erholung der Bestände erfolgte erst durch die Waffenlosigkeit nach dem 2. Weltkrieg. Mit Beginn der fünfziger Jahre wurden allerdings viele der neuen Kolonien wieder zerstört.
Die Etablierung der großen Winterschwärme in den Großstädten aufgrund der günstigen Nahrungsbedingungen schuf allerdings erneut gute Voraussetzungen für die Gründung neuer Kolonien in Städten, wobei oft in den traditionellen Agrarlandschaften nicht mehr gebrütet wird.
Der Bestand in Deutschland wurde 1992 - mit positivem Trend - auf 40.000 Brutpaare geschätzt. Die Brutbestände dieser schönen und intelligenten Vögel sind allerdings noch keinesfalls stabil.

© Dirk Schäffer (01/2011, aktualisiert 01/2014)