Rotmilan (Milvus milvus LINNAEUS, 1758) - Vogel des Jahres 2000

Rotmilan (Milvus milvus LINNAEUS, 1758) - Vogel des Jahres 2000


engl.: Red Kite / Kite

Bild Rotmilan auf Horst (Milvus milvus)

Foto: K. Rönsch, Wettin 2012

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Der Rotmilan (Milvus milvus) ist fast ein rein europäischer Vogel. Sein Verbreitungszentrum liegt dabei in Mitteleuropa und dort vor allem in den Neuen Bundesländern. Rotmilane sind sogenannte Kulturfolger, die auch in der Nähe der Siedlungen brüten und von der menschlichen Tätigkeit profitieren. Es verwundert nicht, dass der Rotmilan somit auch im Volksmund bekannt ist. Dies belegen Namen wie ?Gabelweihe", ?Bunte Weike", ?Kikendieb" u.a.
Allerdings bereitete die Produktionsumstellung innerhalb des Pflanzenbaus, die sich nach der Wende in den Neuen Bundesländern vollzog, dem Milan arge Schwierigkeiten. Der Rückgang des Grünlandes, das durch die Verringerung der Rinderbestände nicht mehr benötigt wurde, zugunsten von Raps- und Maisanbauflächen, reduzierte die von ihm nutzbaren Nahrungsflächen dramatisch. Der Bestand ist zwar noch nicht gefährdet, aber die lokale Verminderung der Brutpaare seit Anfang der 90iger Jahre ist ein deutliches Achtungszeichen. Aufgrund seines Verbreitungsschwerpunktes - mit zwei Dritteln des Weltbestandes - in Deutschland muss der Schutz des Rotmilans eine vorrangige Aufgabe darstellen.

Systematische Einordnung


Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)
Familie: Habichtverwandte (Accipitridae)
Unterfamilie: Milane (Milvinae)
Gattung: Milane (Milvus)

Vorkommen


Der Rotmilan besiedelt West- (Spanien), Mittel-, Süd- und Osteuropa (Baltikum, Ukraine), die Kanaren sowie Nordwestafrika (Marokko). Brutvorkommen in Vorderasien bedürfen der Überprüfung. Südschweden und Großbritannien stellen inselförmige Randareale der Verbreitung dar. In Norwegen ist der Rote Milan ausgestorben und in Dänemark können seit längerer Zeit keine Brutvorkommen festgestellt werden. Auf den Kapverdischen Inseln ist der Rotmilan durch eine eigenständige Rasse M. milvus fasciicauda vertreten, die durch den eingewanderten Schwarzmilan verdrängt wird.
Der Rotmilan fehlt in den Alpen und im nördlichen Alpenvorland, im Böhmischen Becken, in der Niederungarischen Tiefebene und in den Tiefebenen Belgiens, der Niederlande, Westniedersachsens und im Westen Schleswig-Holsteins.

Biotop


Der Rotmilan bevorzugt alte Baumbestände, die an Kulturland grenzen und reich gegliederte Landschaften, in denen sich bewaldete und freie Flächen abwechseln. Besonders gern besiedelt er die Wald-Feld-Grenze (im Hakel auf 30 km Länge). Diese Erscheinung wird als ?Randeffekt" bezeichnet. Das Jagdgebiet ist 5 bis 10 km vom Horst entfernt. Gern siedelt sich der Rotmilan in Gewässernähe an. Er ist aber nicht so an diese gebunden wie der Schwarzmilan. Zunehmend kann man beide Milanarten auch in Großstädten beobachten.

Wanderungen


Rotmilane sind Sommervögel, die von März bis September im Brutgebiet anwesend sind. Der Abzug beginnt im August. Die Vögel wandern bis nach Südeuropa, dem nördlichen Mittelmeerraum und nach Nordafrika, in kleiner Zahl auch bis in den Nahen Osten.
Seit den 50iger Jahren können zunehmend Überwinterungsversuche und Ansammlungen im Brutgebiet beobachtet werden. Diese Entwicklung wird durch die Erschließung neuer Nahrungsquellen wie Müllkippen, Schlachthöfe, Straßen (Verkehrsopfer) und Abfallhaufen begünstigt. Dabei kommt es zur Bildung von Winterschlafplätzen mit 40 bis 60 und mehr (bis zu 200) Vögeln. Diese Schlafplätze werden stellenweise über das ganze Jahr genutzt.

Merkmale


Der Rotmilan ist 0,50 bis 0,62 m (0,66 m) groß und somit größer als der Mäusebussard. Nordafrikanische Vögel und die der Kanarischen Inseln sind kleiner, als ihre europäischen Verwandten.
Auf den ersten Blick kann man den fliegenden Rotmilan mit dem ähnlichen Schwarzmilan leicht verwechseln. Beim genauen Hinsehen wirkt der Rotmilan aber größer, langflügeliger, und langschwänziger. Außerdem ist er viel kontrastreicher gefärbt. Das Gefieder ist tief rostrot, mit auffallend hellem, grauweißem und sich dadurch deutlich abhebendem Kopf, welcher eine dunkle Strichelung aufweist. Die Oberseite ist braun, die Unterseite - Brust und Bauch - sind rostbraun mit dunkelbrauner Strichelung.
Die Oberflügeldecken sind rostfarben mit deutlich hellem Rand. Die Schwanzdecken leuchten oben kastanienbraun, weisen dunkle Ecken an der Spitze auf. Auf dem unterseits fahlbraunem Schwanz ist unten eine blasse Bänderung erkennbar.
Im Jugendkleid sind die Vögel ähnlich der Altvögel gefärbt.

Das Flugbild des Rotmilans ist unverkennbar. Dafür sorgen die langen, recht schmalen und stark gewinkelten Flügel, deren schwarze Spitzen leicht aufgerichtet sind sowie ihre großen weißen Handschwingenfelder, die sich deutlich von der sonst rötlichen Unterseite abheben. Der auffallend lange, tief gegabelte Schwanz führte dazu, dass der Vogel im Volksmund auch treffend ?Gabelweihe" genannt wird.
Der Flug des Rotmilans ist leicht und gewandt. Er fliegt geschickt mit langsamen tiefen elastischen Flügelschlägen und langen Gleitphasen. Dabei dient der sehr bewegliche Schwanz als Steuerruder, mit dessen Hilfe er sich im Fluge häufig drehen und auch schwenken kann. Die Spannweite des Rotmilans beträgt 1,60 m (1,75 ? 1,95 m).
Die Rufe des Rotmilans - ?chje-chji-chji, chji-chjii-chjie ..." - klingen ähnlich denen des Schwarzmilans aber weniger klangschön und höher als beim Bussard. Oft auch trillernd ?hiäh", hiiiä, glie rie ...".

Die ältesten nachgewiesenen Ringvögel erreichten ein Alter von 24 bzw. 25 Jahren. In Gefangenschaft lebte ein Vogel 33 Jahre.

Nahrung


Um an seine Nahrung zu gelangen, ist der Rotmilan sehr mobil. Beuteflüge von bis zu 12 km sind dabei durchaus möglich. Auf seiner Speiseliste stehen Kleinsäuger (vor allem Mäuse und Feldhamster), Vögel, Fische, Reptilien, Frösche, Regenwürmer, Insekten und Aas. Größere Beutetiere werden durch kräftige Schnabelhiebe auf den Kopf getötet. Die Hauptanteile der Beute können lokal sehr verschieden sein. So ernährte sich die Population im Hakel ursprünglich fast ausschließlich vom Feldhamster. Mit der zunehmenden Intensivierung innerhalb der Landwirtschaft verschwanden vielerorts die Feldhamster. Chemieeinsatz und intensive Bearbeitungsmethoden brachten den Feldhamster - als ehemals großflächig bejagten ?Ernteschädling" und Pelzlieferanten - innerhalb zweier Jahrzehnte auf die Rote Liste der bedrohten Arten. Aufgrund der fehlenden Nahrung stellten sich die Milane um und sind nun häufig auf Müllkippen und an Fernverkehrsstraßen anzutreffen. Besonders in ihrem spanischen Überwinterungsgebiet sind sie auf die dortigen Müllkippen zur Ernährung angewiesen.
Außerdem ist der Rotmilan auch ein erfolgreicher Beuteschmarotzer und jagt anderen Greif- und Rabenvögeln die Beute ab.

Brutbiologie


Der Horst wird hoch oben in Nadel- oder Laubbäumen errichtet. Er wird selbstgebaut, aber häufiger von anderen Arten (z.B. Mäusebussard, Habicht und Krähen) übernommen und neu hergerichtet. In jahrelang genutzten Revieren werden einige Horste im Wechsel immer wieder benutzt. Als Nestbaumaterial werden Lumpen, Plastiktüten, altes Papier, Fellreste, Knochen oder Stroh verwendet. Das künstliche Nistmaterial birgt für die Jungen viele Gefahren, da sie sich oft in Schnüren u.a. hoffnungslos verheddern und daran auch qualvoll zugrunde gehen können.
Der Rotmilan zeitigt eine Jahresbrut. Die Brutzeit beginnt frühestens Ende März, normalerweise aber ab Anfang Mai und dauert 28 bis 32 Tage.
Das Gelege umfasst 2 bis 3 Eier, selten 4 oder nur eines. Die weißen, variabel rötlich oder braunviolett gepunkteten und glanzlosen Eier messen 56,5 mm x 44,5 mm und wiegen um die 60,0 g. Es brüten nur die Weibchen. Die männlichen Vögel bewachen und bedecken das Gelege, wenn das Weibchen das Nest verlässt. Die Jungen werden etwa 45 bis 50 Tage im Nest gefüttert. In den ersten 14 Tagen schafft das Männchen die Nahrung gewöhnlich allein herbei, während das Weibchen die Jungen damit füttert und hudert. Später wechseln sich beide Altvögel ab. An die Nestlingszeit der Jungen schließt sich eine ein- bis zweiwöchige Ästlingszeit an.

Der Rotmilan als Beispiel für erfolgreichen Vogelschutz in Großbritannien

Um 1560 waren Rotmilane in London noch sehr häufig. Da sie die menschlichen Abfälle und Tierleichen beseitigten Ratten und Insekten fingen, waren sie geschätzte und gern gesehene Gäste. Die Vögel sollen sogar Nahrung von den Kindern angenommen haben.
Im 18. Jh. ging der Rotmilan dazu über, sich nicht mehr nur überwiegend von Aas, sondern auch von lebender Beute zu ernähren. Dabei fielen ihm oftmals auch Hühner zum Opfer. Das führte zu einer gnadenlosen Jagd auf den damals noch weitverbreiteten Greifvogel. Zudem galten alle Greifvögel zu dieser Zeit als potentielle Gefahr für die Fasanen- und Rebhuhnzucht und wurden folglich abgeschossen. Der Rotmilan als langsamer Flieger, der oft zum Tiefflug übergeht, war ein allzu leichtes Ziel.
Im 19. Jh. nahmen die Bestände dramatisch ab. Es gab kein Aas mehr und die Vögel wurden weiterhin verfolgt. Zwischen 1830 und 1850 gab es in England kaum noch Rotmilane und 1870 wurde bereits die letzte Brut in England registriert. 1879 erfolgte die letzte Brut in Schottland. Zu diesem Zeitpunkt hatten nur in Wales einige wenige Milane überlebt. 1905 konnten auch dort nur noch 5 Brutpaare (11 ? 12 Vögel) festgestellt werden. Mithilfe der Königlichen Gesellschaft für Vogelschutz wurde eine spezielle Gesellschaft zum Schutz des Rotmilans ins Leben gerufen. Durch die Arbeit dieser Institution gelang es, den Bestand des Rotmilans wieder anzuheben.
1920 war der Bestand langsam auf 12 Paare angestiegen, 1954 konnten 18 Brutpaare und diverse Einzelvögel ermittelt werden. 1970 gab es bereits wieder 20 Brutpaare in Wales, 1994 waren es 70. Im Jahr 2000 waren es in Großbritannien 429 Brutpaare und es wurden weitere 20 Vögel ausgesetzt.
Allerdings sind diese Vögel auch heute noch bedroht. Besonders Eiersammler stellen den Vögeln nach. Deshalb stehen die Horste des Rotmilans in Wales jetzt unter dem Schutz der Armee, um derartige Übergriffe auszuschließen.

Bestand


Der Weltbestand des Rotmilans wurde 2000 auf 17.400 bis 22.600 Brutpaare geschätzt (in Europa 1994, ca. 18.040 BP). Davon brüteten 2000 in Deutschland 9.000 bis 12.100 BP (1994 ca. 10.700). Der Bestand in Ostdeutschland beträgt 8.000 bis 9.000 Brutpaare (Anfang der 90iger Jahre). Eine der größten Konzentrationen ist in Sachsen-Anhalt zu beobachten. Milanhochburgen bilden dabei die Magdeburger Börde und das Harzvorland. Die weltweit größte Siedlungsdichte wurde im Hakel (Sachsen-Anhalt) mit etwa 100 Brutpaaren auf 10 km2 festgestellt. Im Harzvorland siedelten 1991 im Mittel 42 BP auf 100 km2. Hier hat der Bestand aber von 1991 bis 1996 um etwa die Hälfte abgenommen und die Reproduktion sank auf 1,5 Jungvögel pro erfolgreichem Brutpaar (Mittel 1,77, 1999). Im Hakel (Europareservat 1.300 ha groß) brüteten Ende der 70iger Jahre noch 136 Paare., mittlerweile sind es noch 19. In ganz Deutschland sank der Bestand von 1994 bis 1997 um 25 %!
Die höchsten Bestände wurden in den 50iger Jahren festgestellt. Für das Verschwinden des Rotmilans sind offenbar viele Faktoren verantwortlich. Das Verschwinden der großen Laubwälder und möglicherweise die Zunahme der Schwarzmilane aber vor allem die fehlenden Fruchtfolgen in der Landwirtschaft sowie der Rückgang des Luzerneanbaus und damit eine Abnahme von Beutetieren sind einige Ursachen.
In den 60iger Jahren stammten die Wiederfunde beringter Vögel aus Abschüssen in den Überwinterungsgebieten. Obwohl in ganz Europa geschützt, kommt auch das immer noch vor - auch in Deutschland. Eine weitere Gefahrenquelle mit tödlichen Folgen sind Strommasten und der Straßenverkehr.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 02/2011)