Rotkopfwürger (Lanius senator LINNAEUS, 1758)

engl.: Woodchat Shrike

Der Rotkopfwürger (Lanius senator) ist ein bunter Singvogel, der zur Familie der Würger gehört. Würger zeichnen sich durch einige Besonderheiten - wie einen starken, nach unten gebogenen Hakenschnabel, dem Festhalten der Beute mit dem Fuß und deren Aufspießen auf Dornen - aus. Diese in Deutschland nur noch im klimatisch günstigen Süden regelmäßig brütende Würgerart ist im übrigen Gebiet nur noch vereinzelt sporadischer Brutvogel und insgesamt selten zu beobachten. Einer neuerlichen Ausbreitung stehen mittlerweile auch die weiträumigen anthropogenen Landschaftsveränderungen entgegen, die den Vögeln keine geeigneten Bruthabitate mehr bieten können.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Würger (Lanidae)
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)
Gattung: Würger (Lanius)


Vorkommen

Das Brutvorkommen erstreckt sich von Marokko, der libyschen Küste, bis zu den nördlichsten Oasen Algeriens über die Inseln des Mittelmeeres (vereinzelt in Zypern) - mit Ausnahme der Balearen, Sardiniens, Korsikas und den Tyrrhenischen Inseln - weiter bis zur Iberischen Halbinsel nach Frankreich bis zu den Ardennen und ins Pariser Becken. Weiter im Osten nach Belgien, Deutschland, Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei (nur noch vereinzelte und sporadische Vorkommen). Der Rotkopfwürger brütet auch in Kleinasien und vereinzelt in der Türkei. Auf der Balkanhalbinsel brütet die Art vor allem in den Küstengebieten und geschützten Beckenlagen. Eine Arealerweiterung erfolgte nur in Bulgarien.
Der Rotkopfwürger war noch im 19. und auch stellenweise bis zum 20. Jh. ein in Mitteleuropa verbreiteter Brutvogel, der mittlerweile im Verschwinden begriffen ist. Derzeitig gelangen regelmäßig nur noch einzelne Zugvögel bis zu den Nordseeinseln und bis zur Ostseeküste.


Biotop

Als Lebensraum bevorzugt die Art Streuobstwiesen und Obstbaum-Alleen an Landstraßen. Oftmals besiedelt er auch alte, gut strukturierte und noch bewirtschaftete Obstgärten am Dorfrand, wo das Gras regelmäßig gemäht und beweidet wird. Besonders mag er in den Gärten die Bohnenstangen, von denen aus er auf Jagd geht.
Im Gegensatz zum Schwarzstirnwürger siedelt der Rotkopfwürger auch in Habitaten mit dichteren Strauchschichten und Baumbeständen.


Wanderungen

Der Rotkopfwürger verbringt den geringsten Teil des Jahres im Brutgebiet. Die brutlosen bzw. ledigen Vögel verlassen bereits Anfang Juli die Brutgebiete. Der Rest folgt zwischen Juli und September, wobei der überwiegende Teil im August zieht. Der Zug geht über Frankreich, Spanien und dann weiter nach Marokko. Dabei überfliegen die europäischen Rotkopfwürger das Mittelmeer in breiter Front und bevorzugen eine südwestliche Zugrichtung. In Marokko ist der Rotkopfwürger ein häufiger Beutevogel der dort ansässigen Eleonorenfalken (Falco eleonorae), die um diese Zeit mit den erbeuteten europäischen Zugvögeln ihre Jungen aufziehen.
Sehr schnell erreichen die Vögel - nach Überquerung der Sahara - ihre Winterreviere an der Elfenbeinküste, in Ghana, Niger und im Senegal. Im März verlässt der Großteil dann das Überwinterungsgebiet und trifft von Anfang bis Ende April in SW-Deutschland ein.


Merkmale

Der 18 cm große Rotkopfwürger zeichnet sich durch eine markante schwarz-weiß gezeichnete Oberseite aus. Die Schultern sind weiß. Ein breites, schwarzes Stirnband, das Zügel und Ohrdecken einschließt, bildet eine markante Gesichtsmaske, die zwei rundliche bis dreieckige weiße Flecken über der Schnabelwurzel zieren. Davon heben sich kontrastreich die braunroten Scheitel-, Nacken- und Vorderrückenfedern ab. Der Bürzel ist wieder weiß und der Rücken ist blaugrau gefärbt. Die weiße Unterseite wird von den rahmfarbenen Flanken begrenzt. Der schwarze Schwanz wird von weißen Seiten gesäumt. Die braunschwarzen Flügelfedern sind mit helleren weißlichen Rändern gesäumt.
Das Weibchen ist insgesamt wie das Männchen gefärbt, wirkt aber mehr brauner, auch die Maske ist nicht ganz so ausgedehnt und hat braune Ränder.
Der Gesang ist ein nicht in Strophen gegliedertes Geschwätz, das aus harten und rauen Lauten sowie den Imitationen anderer Arten besteht. Anders als bei den anderen Würgerarten hat der Gesang des Rotkopfwürgers eine territoriale Bedeutung. Auch das Weibchen singt und es kommt zu Duettgesängen der Partner. Der lauteste und längste Ruf des Würgers ist ein vom Männchen vorgetragenes ?drirrd", das gegenüber Rivalen geäußert wird.

Die ältesten Ringvögel erreichten ein Alter von 6 Jahren bzw. 5 Jahren und 10 Monaten.


Nahrung

Der Rotkopfwürger jagt seine Lieblingsnahrung - Fluginsekten - fliegenschnäpperartig von erhöhten Warten wie Leitungsdrähten, Zaunpfählen, Strauchspitzen u.a. Vorrangig werden Großinsekten wie Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge erbeutet. Hummeln, Wespen und Bienen werden vor dem Verzehr entstachelt. Bei schlechtem Wetter wird die Nahrung auch am Boden gesucht und Regenwürmer, Käfer und Gehäuseschnecken aufgenommen. Außerdem vervollständigen kleine Wirbeltiere wie Eidechsen, Frösche und Mäuse den Speiseplan. Bei reichlich vorhandener Beute wird diese - wie bei allen Würgern üblich - an den Dornen von Büschen oder auch an Stacheldraht aufgespießt. Aufgrund der deutlich überwiegenden Insektennahrung werden kaum Gewölle ausgeschieden, dies erfolgt aber dann umfangreicher, wenn größere Beute gefangen und verspeist wurde. Werden kleine Wirbeltiere gespießt, dann wird zuerst der Kopf geöffnet und anschließend das Gehirn verzehrt.
Im Spätsommer und im Herbst wird die tierische Nahrung durch Beeren (Holunder und Himbeeren) und Früchte (Kirschen) ergänzt. Vereinzelt können Rotkopfwürger auch zu Vogeljagdspezialisten werden. Gejagt werden sowohl entkräftete Zugvögel im Winterquartier als auch Jung- bzw. Altvögel im Brutgebiet.
Typisch für den Rotkopfwürger ist der Verzehr der Nahrung ?aus der Faust". Dabei hält der Vogel das Beuteobjekt mit dem Fuß und reißt mit dem Schnabel kleine Stücke ab. Auch beim Transport von schwerer Beute können die Füße zum Einsatz kommen, indem die Beute vom Schnabel übergeben wird.


Brutbiologie

Rotkopfwürger führen eine Saisonehe. Die Balz beginnt schon auf dem Heimzug vom Winterquartier und einige Paare halten dann schon zusammen. Nach Besetzung des Brutreviers, das bis zur Eiablage von beiden Partnern heftig verteidigt wird, sucht das Männchen einen passenden Neststandort. In Deutschland werden fast ausschließlich Obstbäume ausgewählt und zwar besonders Birnen, wegen der früheren Belaubung. Das Nest steht in Ästen in 3,0 bis 5,0 m Höhe und ist bis zu 5,0 m vom Stamm entfernt. Es ist kompakt, halbkugelig und wird von beiden Partnern aus frischen, krautigen Pflanzen, vor allem Gräsern, die mit Holzteilen vermischt sind, errichtet. Zuerst beginnt das Männchen zu bauen und nach zwei Tagen beteiligt sich auch das Weibchen, das dann auch der aktivere Teil werden kann. Zur Innenauskleidung tragen die Vögel Schafwolle, Papierfetzen und manchmal Federn ein.
Gern werden für das Nest, wie auch beim Schwarzstirnwürger, graufilzige Materialien bzw. blühende Pflanzen benutzt. Im Zeitraum von 4 bis 6 Tagen ist der Nestbau dann abgeschlossen. Für das Nest können bis zu 22 Pflanzenarten Verwendung finden.
Die 4 bis 6, zuweilen auch 7 oder 8 Eier, variieren in den unterschiedlichsten Grundfarben, sind farblich sehr indifferent und von hell-, bis olivgrünlicher und graugelblich, sandfarbener Farbe.
Nur das Weibchen brütet 14 bis 16 Tage lang, nachdem das letzte Ei gelegt wurde. Nach weiteren 15 bis 18 Tagen verlassen die Jungen das Nest. Nach 26 Tagen fangen die Jungen an selbständig zu jagen und sind mit 42 Tagen ausgewachsen. Sie werden aber insgesamt noch 4 bis 6 Wochen nach dem Ausfliegen von den Eltern betreut. Die meisten Verluste unter den Jungen werden durch schlechtes Wetter verursacht. Die Jungen sterben dann nicht durch Nahrungsmangel, sondern an Nässe und Unterkühlung. Bei längeren Schlechtwetterperioden verlassen die Eltern auch das Brutgebiet und ziehen vorzeitig weg. Andere Brutverluste verursachen Rabenvögel und menschliche Störungen. Flügge Junge werden von Falken erbeutet. Bei Straßen in Nestnähe kann es zu Verkehrsopfern kommen. Nach Ende des ersten Lebensjahres werden die Jungen geschlechtsreif.


Bestand

Der Rotkopfwürger ist eine wärmeliebende Art, die stark unter Klimaschwankungen zu leiden hat. Allerdings gelingt es diesem Würger trotz der klimatisch günstigen Situation nicht mehr, in die ehemals besiedelten Gebiete vorzudringen, da hier durch die intensive Landnutzung umfangreiche Eingriffe in den Bruthabitaten erfolgten, die so eine Ansiedlung unmöglich machen. Expansive Vorstöße, die - wie Anfang des 19. Jh. - die Art bis in die Ukraine und Weißrußland führten, können somit kaum noch erwartet werden. Dies zeigten bereits die letzten Expansionen 1920, 1930, 1950 und 1976 ? 78.
In den Perioden der Ausbreitung brütete die Art bis in den NO Niedersachsens, in Süd- Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern. Derzeitig kann man brütende Rotkopfwürger nur noch vereinzelt und lokal, in klimatisch günstigen Lagen Süddeutschlands, regelmäßig beobachten. um 2000 waren auch hier keine Brutpaare mehr zu verzeichnen.
In Sachsen war die Art seit Anfang des 19. Jh. ein spärlich verbreiteter Brutvogel, der dann allerdings mit der Jahrhundertwende aus den meisten Gebieten verschwand. In den 1950iger Jahren traten dann noch einmal vermehrt lokale Bruterfolge auf. Die letzten Einzelbruten wurden aber Ende der 70iger Jahre registriert. In Sachsen-Anhalt verschwand die Art ebenfalls nach dem letzten Gelegefund 1903. Der Rotkopfwürger tauchte dann als Brutvogel in den 50iger Jahren und Anfang der 60iger Jahre vereinzelt wieder auf. Es folgten dann sporadisch Einzelbruten und Brutversuche, wobei die letzten Einzelbruten bei Sangerhausen Ende der 80iger Jahre registriert wurden.

© Dirk Schäffer (12/2002, aktualisiert 02/2012)