Rotdrossel (Turdus iliacus Linnaeus 1766)

engl.: Redwing / Eurasian Trush

Aufn. K. Rönsch (Borkum, 28.10.2004)


Rotdrosseln (Turdus iliacus) sind scheue Walddrosseln. In Deutschland treten sie nur als Durchzügler oder Wintergäste auf und mit etwas Glück kann man sie dann vor allem an Beerensträuchern und Frucht tragenden Bäumen sowie an Fallobst in Gärten und Parks beobachten. Oft sind sie dann mit anderen Drosseln - vor allem Wacholderdrosseln (Turdus pilaris) - vergesellschaftet.
Auffällig sind ihre rostroten bzw. „weinfarbigen“ Flanken, die ihr - neben den auf rot bezugnehmenden Namen - auch noch den Namen „Weindrossel“ gegeben haben.
Wirken Rotdrosseln bei uns im Winter sehr scheu, so sind sie in ihrer nordischen Brutheimat viel vertrauter. Zum Teil brüten sie dort auch in den Gärten und Parks der Großstädte. Auf Island sogar an Gebäuden.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Drosseln (Turdidae)
Gattung: Eigentliche / Echte Drosseln (Turdus)


Vorkommen

Rotdrosseln kommen in Südwestgrönland, Schottland, z. T. auf den Shetlands, in Nordeuropa, auf dem Baltikum und in Russland (bis zur Kolyma, Murmansk und Kanin-Halbinsel) vor. Auch Polen, Weißrussland und die Ukraine werden besiedelt. In Mitteleuropa brüten sie nur sporadisch und in seltenen Ausnahmefällen.
Auf Island und den Färöern kommt eine etwas größere und dunklere Unterart vor.


Biotop

Rotdrosseln bevorzugen als Biotop Laubholz reiche Waldtypen mit einer dichten Strauchschicht (z. B. Birken- und Weidengestrüpp). Im Norden werden vor allem lichte Nadel- und Birkenwälder bis hin zur Tundra besiedelt und in Europa Pappel-, Weiden- und Schwarzerlenbestände.
Die Rotdrossel besiedelt aber auch die städtischen Gärten und Parks.


Wanderungen

In Mitteleuropa sind Rotdrosseln von Oktober bis April entweder auf dem Durchzug oder auch als Wintergäste festzustellen. Die in Mitteleuropa überwinternden Drosseln treten oft in großen Trupps auf. Auf dem Zug bilden sich z. T. sehr große Schwärme mit mehreren Tausend Vögeln.
Diejenigen Rotdrosseln, die in südlichere Winterquartiere ziehen, überwintern vor allem im Mittelmeerraum. Dort ziehen sie bis zu den Kanarischen Inseln, Madeira, Tunesien und Südmarokko.
Von allen Drosseln zieht die Rotdrossel über die weitesten Teilstrecken und einzelne Vögel können extreme Leistungen (z. B. 2.500 km in vier Tagen) aufweisen.
Bei diesen Wanderungen sind Rotdrosseln sehr witterungsabhängig und der Zug konzentriert sich dann auf wenige geeignete Nächte im Jahr. Entsprechend länger sind deshalb ihre Aufenthalte an den Zwischenrastplätzen mit entsprechendem Beerenangebot, wo die relativ kleinen Drosseln ihre Fettreserven ergänzen. Daher kommt es vor, dass einzelne Vögel an verschiedenen und weit voneinander entfernten Plätzen überwintern. So verbrachte z. B. eine Rotdrossel den ersten Winter in England und den nächsten im Libanon.


Merkmale

Männchen und Weibchen sind bei der Rotdrossel gleich gekennzeichnet (siehe Tabelle 1).

Tab. 1: Merkmale und Gefiederzeichnung der Rotdrossel.

Größe / Körperteil Merkmal
Größenvergleich kleiner als Amsel und Singdrossel
Größe / Gewicht 21 cm / 60 – 80 g (beim Zug auch < 60 g)
Stirn graubraun
Überaugenstreif auffallend hell/weißlich von der Ohrgegend bis zum Oberschnabel
Auge Iris dunkelbraun
Bartstreif von der Schnabelbasis unter den Wangen bis zum Nacken hell/rahmfarben
Kinn weißlich/rahmfarben
Kehle weißlich/rahmfarben seitlich und hinten kräftig dunkel bis schwarzbraun längsgestreift
Schnabel dunkelbraun mit gelblich/grünlicher Basis
Nacken graubraun
Rücken graubraun
Bürzel graubraun
Brust / Unterseite weißlich, Vorderbrust wie Kehle, Hinterbrust dunkel diffus längsgefleckt
Bauch / Unterseite Weißlich, Bauchseiten dunkel diffus längsgefleckt; Bauchmitte ungefleckt
Flanken rot bis rostbraun mit sparsamen braunen Flecken
Flügel kontrastreich, mit helleren und dunklen Braunschattierungen, Flügelspannweite 33 bis 34 cm
Unterflügel rötlich
Beine hellbraun/bräunlich fleischfarben mit hornbraunen Krallen
Schwanz graubraun/fahlbraun und kurzschwänziger als die Singdrossel


Flug: Rotdrosseln fliegen sehr schnell, geradlinig und auf dem Zug in großer Höhe. Charakteristisch sind ihre gut sichtbaren roten Unterflügel.


Stimme

Rotdrosseln haben einen charakteristischen Flugruf, der den Vögeln im Schwarm zum Kontakt halten dient - es ist ein raues „tsieht“ oder „zieh“ („ziih“) - an denen man auch nachts ziehende Rotdrosselschwärme erkennen kann.
Ihren bis zu einem Kilometer weit tragenden, wohltönenden und flötenden Gesang kann man selten bei uns hören. Es ist eine abfallende, laute Reihe, die sich wie „trie triü trü tru“ (auch „trü-trü-trü“ beginnend) anhört. Der Gesang endet in einen schnarrenden und kratzenden Nachgesang, der in Länge und Variation zwischen den Vögeln sehr variabel ist. Der Strophenanfang bleibt bei vielen Männchen während der Brutperiode konstant. Allerdings gibt es unterschiedliche lokale Dialekte.
Die wenigen Brutpaare in Mitteleuropa singen weitaus seltener.

Alter: Das Höchstalter einer beringten Rotdrossel betrug 18 bzw. 12,5 Jahre.


Brutbiologie

Wenn die Rotdrosseln im April in ihrer Brutheimat eintreffen, liegt dort oft noch Schnee. Der charakteristische Gesang der Rotdrosselmännchen ist zur Brutzeit weit in den nordischen Wäldern zu hören, um die relativ großen Reviere abzustecken.
Anfang Mai beginnen die Rotdrosseln mit dem Nestbau. Das Weibchen lässt sich mehrere Tage Zeit, um den ausgewählten Neststandort auf seine Tauglichkeit zu überprüfen. In der Wahl der Neststandorte sind die Rotdrosseln (ähnlich wie die verwandte Amsel Turdus merula) allerdings sehr variabel.
Das typische drosselartige, napfförmige und relativ schwere Nest wird niedrig in Gebüschen, in Holz- und Reisighaufen, in Schling- und Kletterpflanzen, auf Baumstümpfen, am Boden an Stämmen, in dichten Jungfichten oder in Gebüschen angelehnt.
Vor allem dort, wo Bäume und Sträucher im Verbreitungsgebiet fehlen, werden auch Autowracks, leerstehende Gebäude oder deren Wände, Maschinen und Nistkästen als Brutorte ausgewählt. In Jahren mit einem hohen Bestand an Kleinnagern werden allerdings keine Bodennester angelegt.
Das Nest, das ausschließlich das Weibchen baut, besteht aus drei Schichten. Für die äußere werden grobe Gräser, Schachtelhalme, Farn, Birkenbast u. a. Materialien verwandt. Dann werden feuchte Erde, Lehm, verrottete Blätter und anderes eingearbeitet. Das Innere des Nestes wird mit feinen Gräsern ausgepolstert. Dabei können die Nester sehr hoch werden. Der Nestbau dauert drei bis sechs Tage.
Am letzten Bautag wird das erste Ei gelegt und mit der Brut begonnen. Die meist 5 bis 6 graugrünlich bis olivbraunen Eier sind vollständig mit feinen lehmbraunen Strichchen und Flecken überzogen. Sie werden nur vom Weibchen bis zu 13 Tage lang bebrütet.
Gegen Störungen am Nest sind die Vögel sehr empfindlich und verlassen dann das Gelege.
Allerdings werden die Nester auch gegen Angreifer von beiden Altvögeln aktiv verteidigt.
Beim Schlüpfen wiegen die Küken ca. 4 g. Sie werden (9) 12 bis 14 Tage lang gefüttert.
Nach Verlassen des Nestes verstecken sich ein bis zwei Tage in der Krautschicht. Später bleiben sie noch zwei bis drei Wochen zusammen und werden vor allem vom Männchen betreut.
Vor allem im südlicheren Teil des Verbreitungsgebietes kommt es zu Zweitbruten. Geht das erste Gelege verloren, kommt es schnell zu einem Ersatzgelege.
Oft brüten Rotdrosseln in den Kolonien der Wacholderdrossel (Turdus pilaris), um von deren aktiver Nestverteidigung gegenüber Feinden zu profitieren.


Nahrung

Im Sommer werden vor allem bodenbewohnende Kleintiere (Regenwürmer, Insekten und deren Larven) erbeutet. Heidelbeeren und Weintrauben sind ebenfalls Teil der Nahrung.
Im Winter sind Beeren (z. B. Berberitze, Sanddorn, Holunder, Hartriegel, Eberesche, Efeu, Eibe) und Fallsobst allerdings die hauptsächlichen Nahrungsbestandteile.
Die Nahrungssuche findet häufig auf Wiesen und Brachen sowie umgebrochenen Äckern statt. An den Küsten kann man aber auch in Tangansammlungen am Spülsaum regelmäßig Rotdrosseln beobachten.


Bestand

Außerhalb des nordischen Verbreitungsgebietes treten nur sporadische Einzelbruten auf. In Deutschland wurden z. B. zuletzt in den 80iger Jahren einzelne Bruten in Niedersachsen, im Drömling und in der Lausitz festgestellt. Einzelne Bruten gab es auch in Dänemark, Österreich, der Slowakei und Tschechien.
Kalte Winter können kurzfristig zu enormen Populationsschwankungen führen. Aber auch während es Zuges verunglücken viele Vögel an Hindernissen oder werden bei ungünstiger Witterung und Nahrungsknappheit so geschwächt, dass sie ihre Energiereserven nicht erneuern können. Viele verenden dann, oder werden Opfer von Greifvögeln, Eulen und Großmöwen.

© Dirk Schäffer (12/2005, aktualisiert 03/2008)