Reiherente (Aythya fuligula Linnaeus 1758)

Reiherente (Aythya fuligula Linnaeus 1758)


engl.: Tufted Duck, Tufted Pochard

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Die Reiherente ist eine Tauchente und wahrscheinlich die häufigste Aythya-Art, die über die gesamte Paläarktis verbreitet ist. Sie verdankt ihren Namen dem markanten Federschopf, der an den des Reihers erinnert und der auch im Ruhekleid noch etwas sichtbar bleibt.
Reiherenten sind, von Osten und Norden kommend, nachträglich nach Mitteleuropa eingewandert. Offenbar geschah dies bereits im 18. Jahrhundert. Sie sind auch beliebte Ziervögel, die bereits im 17. Jahrhundert auf den Parkteichen von Versailles und im Londoner Hydepark gehalten wurden. Nach den Zuchterfolgen des Berliner Zoos am Anfang des 20. Jahrhunderts findet man Reiherenten heute fast in jedem zoologischen Garten und auf vielen Parkgewässern.

Systematische Einordnung


Ordnung: Gänsevögel (Anseriformes)
Familie: Entenvögel (Anatidae)
Unterfamilie: Enten (Anatinae)
Gattungsgruppe: Tauchenten (Aythyini)
Gattung: Aythya

Vorkommen


Reiherenten brüten im nördlichen Europa und Asien von Island im Westen, bis Kamschatka im Osten. Die nördliche Grenze bildet der Rand der Waldtundra. Südlich kommen sie von Südfrankreich, über das mittlere Europa, bis nach Nordjapan vor. 1895 siedelte sich die Reiherente auch auf Island an. In Belgien, in den Niederlanden und in Frankreich breitet sie sich nach wie vor aus. In der Schweiz stieg der Bestand enorm an, nachdem sich die Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha) in Schweizer Gewässern ansiedelte.
In Deutschland ist die Reiherente ein unregelmäßiger Brutvogel, der sich weiterhin ausbreitet und ab Anfang Oktober ein häufiger Überwinterungsgast ist.

Biotop


Reiherenten sind an stehenden oder träge fließenden Gewässern mit Uferbewuchs anzutreffen. Die Größe der ausgewählten Gewässer variiert von Teichen und Parkgewässern bis zu größeren Seen und Flussbuchten.

Wanderungen


Reiherenten sind großenteils Zugvögel und wandern bis West- und Südeuropa bzw. Nord- und Mittelafrika, wobei in Äthiopien und im Sudan die größten Winteransammlungen sind. Einige Gruppen überqueren auch die Sahara und fliegen zum Tschadsee oder nach Nigeria. Andere ziehen zum Mittelmeer, zum Kaspischen oder zum Schwarzen Meer, bis zum Persischen Golf, nach Nordthailand und zu den Philippinen.
Die isländischen Reiherenten überwintern in Irland und Schottland.
Die wichtigsten europäischen Überwinterungsgebiete sind die Britischen Inseln, die westliche Ostsee von Mittelschweden südwärts bis Dänemark, Schleswig-Holstein und Mecklenburg sowie die Niederlande. In Deutschland werden das Niederrheingebiet, Südbayern, der Bodensee, der Schweriner See sowie die vielen Havelseen zwischen Potsdam und Brandenburg als Winterquartiere bevorzugt.
Generell werden zur Überwinterung eisfreie Süßgewässer ausgewählt, wo wie z. B. auf Stauseen, sehr große Rastzahlen erreicht werden. Aber auch in Meeresbuchten und in Flussmündungen sind die Enten anzutreffen. In der Schweiz wurden in den letzten Jahren jeweils zwischen 150.000 und 200.000 Reiherenten gezählt. Den Rekord hält eine Reiherente, die in Ostsibirien beringt wurde und 8.100 km flog, um in der Schweiz zu überwintern.

Merkmale


Reiherenten sind kleine Süßwassertauchenten, die mit etwa 40 bis 47 cm Länge etwas kleiner sind, als die bekannten Stockenten. Die Erpel wiegen um 760, die Enten um 710 g. Je nach Ernährungszustand kann dabei das Gewicht auch zwischen 600 und 1.000 g schwanken.
Beide Geschlechter sehen verschieden aus:
Der Erpel (s. Abbildung 1) ist im Brutkleid an Kopf, Hals, Brust, Rücken und Hinterkörper schwarz gefärbt. Sein Bauch und die Körperseiten heben sich davon kontrastreich mit weißer Farbe ab. Der relativ kurze und breite Schnabel ist grau gefärbt und hat eine schwarze Spitze. Der Kopf wirkt relativ groß, wobei der flache Oberkopf und die steile und hohe Stirn auffallen. Vom Hinterkopf in den Nacken fallend, hat der Erpel einen schwarzen, lang herabhängenden und gut sichtbaren Federschopf (Holle), der beim Weibchen unauffälliger ausgebildet ist. Im Ruhekleid ist der Federschopf allerdings auch beim Erpel nur angedeutet. Die Iris der Reiherente ist bei den Erpeln leuchtend gelb, bei den Enten gelb, oder auch bräunlich und bei den Jungenten bis zum ersten Winter braun gefärbt.

Bild Reiherente (Aythya fuligula)

Abb. 1: Erpel der Reiherente (Aufnahme Karsten Rönsch, Bielfeld-Windel, 03 / 2004).

Die Ente ist insgesamt bräunlich gekennzeichnet, wirkt an den Flügeln etwas grauer und ist an den Flanken hell gewellt. Der kurze breite Schnabel hat um die Schnabelwurzel einen hellen Ring.
Durch das charakteristische Aussehen kann man Reiherenten kaum mit einer anderen Ente verwechseln, höchstens mit dem - besonders im Schlichtkleid ähnlich aussehenden - Erpel der Bergente. Wobei Bergenten keinen schwarzen Rücken und keinen Schopf haben.

Am Flugbild fallen die bis fast zur Flügelspitze verlaufenden weißen Flügelkanten der Reiherente und die helle Unterseite auf. Reiherenten sind wendige Flieger, die mit schnellen Flügelschlägen und hörbar pfeifendem Fluggeräusch fliegen. Die Flügelspannweite erreicht 65 bis 72 cm.

Die Stimme der Reiherenten ist ein leises zweiteiliges „quüpü“ bzw. „quipü“ oder „quüpie“, manchmal auch leiser „quäbäck“. Diese Tonreihe kann auch wiehernd „quiüüüü“ oder leiser „göööö“ vorgetragen werden. Die Ente äußert auch ein knarrendes „karrr“. Die verschiedenen Rufe können umso lebhafter werden, je mehr Ententrupps versammelt sind. Erregte Erpel rufen auch „gügü-gürr“, dem die Enten kurz mit „krök“ antworten.

Alter: Freilebende Reiherenten wurden mindestens 13 bzw. 14 Jahre alt und in Gefangenschaft wurde eine Reiherente fast 19 Jahre alt.

Nahrung


Bei der Nahrungssuche sind Reiherenten sehr anpassungsfähig und tauchen bis zu zwei Meter tief, um z. B. an Mollusken (Mies-, Herz- und Wandermuscheln) heranzukommen. Nur selten wird auch in flachen Gewässern zur Nahrungssuche gegründelt.
Gefressen werden vor allem Wandermuscheln und Wasserschnecken. Bei ausschließlicher Ernährung mit Wandermuscheln im Winter werden 760 bis 930 g je Tag (entspricht 3.000 bis 3.700 mittelgroßen Muscheln) gefressen. Auch kleine Fischchen und Kaulquappen erbeuten sie und verzehren diese gleich unter Wasser.
Im Winter ernähren sie sich mehr von pflanzlicher Kost, wie z. B. Samen und Pflanzenteile, die auf dem Wasser treiben. Aber auch an den Fütterungsstellen in den Großstädten sind sie vertreten und konkurrieren mit den größeren Stockenten (Anas plathyrhynchos) und Blessrallen (Fulica atra) um das Futter, das ihnen zugeworfen wird. Dabei sind sie - durch schnelles Wegtauchen mit dem Futter - gegenüber den anderen Arten (selbst den Lachmöwen) oft im Vorteil.

Brutbiologie


Als Brutgebiet werden gern große flache und freie Wasserflächen ausgewählt, die ein reichliches Nahrungsangebot aufweisen. Auch Inseln in Gewässern werden gern als Brutstandort ausgewählt. Aber auch andere Gewässer, wie z.B. Baggerseen, Fisch- und Ziegeleiteiche, Altwässer der Flüsse, auch ruhige Flussabschnitte sowie Parkgewässer mit freien Uferbereichen können als Brutstandorte dienen. Ebenso werden die Bodden und Buchten der Meeresküsten sowie die Schären der Ostsee besiedelt. Ein Vegetationsgürtel, wenn auch nicht allzu ausgeprägt, muss für die Ansiedlung vorhanden sein.
Bei der Balz lehnt der Erpel den Kopf zurück und lockt die Ente mit Pfeiftönen. Dabei werden schnelle, nervöse bzw. blubbernde oder auch kichernde Serien geäußert. Die Ente taucht mehrmals hintereinander den Schnabel ins Wasser und gibt dabei heiser knarrende Rufe von sich bzw. grollt sie in „Tauchentenmanier“ wie „krr krr krr …“.
Die Nester der Enten stehen in Flachwasserbereichen, auf Inseln im Wasser, versteckt im Schilf, oder zwischen Pflanzen, wie z. B. Brennnesseln. Gern nisten mehrere Paare dicht nebeneinander, oder auch am Rand von Möwenkolonien, wo sie vor anderen Beutegreifern relativ sicher sind. Das Nest selber ist flach und besteht aus Nestmaterial der näheren Umgebung sowie aus Dunenfedern der Ente.
Reiherenten sind die Enten, die als letzte, Mitte Mai, mit der Brut beginnen. Die Brutzeit erstreckt sich von Mai/Juni bis August. In dieser Zeit werden von der Ente acht bis zehn bzw. zwölf graugrüne Eier gelegt und 23 bis 25(28) Tage lang bebrütet. Der Erpel verlässt die Ente bereits wenige Tage nach Brutbeginn.
Aufgrund der Dichte und der Offenheit der Nester kommt es oft vor, dass einige Enten ihre Eier bei anderen Enten dazulegen. So wurden in einem Nest bereits über 30 Eier festgestellt.
Die Kükensterblichkeit ist besonders an der Küste sehr hoch und kann in der ersten Lebenswoche bis zu 70 % betragen. Die Bindung der Küken an die Ente ist bereits nach wenigen Tagen sehr locker. Dann schwimmen sie allein herum, oder schließen sich anderen Familien an. Dies kommt besonders an reichen Nahrungsplätzen vor, die oft von mehreren Enten und ihren Küken aufgesucht werden.
Die Befiederung beginnt am 20. Lebenstag und ist ca. am 60. Lebenstag beendet, so dass die Jungenten im Alter von 8 bis 9 Wochen voll flugfähig sind. Gegen Ende des ersten Lebensjahres werden die ersten Jungenten geschlechtsreif.

Bestand


Die Reiherente ist nicht gefährdet und nach der Stockente in einigen Gegenden Deutschlands die häufigste Entenart. In den letzten Jahrzehnten hat die Art an Zahl gewaltig zugenommen und besonders in den Städten, lassen sich die Reiherenten gern mit Stockenten zusammen füttern.
In Ostdeutschland betrug der Bestand Mitte der 80iger Jahre ca. 3.500 Brutpaare. Verbreitungsschwerpunkt waren die Lausitzer Teiche, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Erfassung des Gesamtbestandes beruht auf Winterzählungen. Für Nordwesteuropa wird ein Winterbestand von 500.000 Reiherenten angenommen.
Die Besiedelung neuer Areale begann offenbar nach der Einwanderung der Wandermuschel, die sich von Osteuropa aus nach Großbritannien verbreitete. Da die Reiherente tiefer und auch länger, als die anderen Tauchenten tauchen kann, ist es ihr möglich, diese Muscheln zu erbeuten.
So wurde die Reiherente erstmals 1958 als Brutvogel in der Schweiz nachgewiesen. Noch schneller drang sie nach Westen vor und besiedelte in kurzer Zeit Großbritannien und die Niederlande.

© Dirk Schäffer (11/2004; aktualisiert 03/2008)