Rauchschwalbe (Hirundo rustica LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1979

Rauchschwalbe (Hirundo rustica LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1979


engl.: Barn Swallow

Bild Rauchschwalbe (Hirundo rustica)

Foto: Rauchschwalbe am Nest (H.-D. Wowries, Wistedt).

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Die Rauchschwalbe (Hirundo rustica) ist ein volkstümlicher Vogel, der sowohl als Glücksbringer als auch als Frühlingsbote galt und der das Haus angeblich vor Feuer schützen sollte. Das Brüten in Kaminen, Schornsteinen oder Rauchfängen soll ihnen den Namen ?Rauchschwalben" eingebracht haben. Wegen ihrer rostroten Kehle wurde sie auch Feuer- oder Blutschwalbe genannt, aufgrund des Brütens in Ställen auch Stallschwalbe. Mit der Sesshaftigkeit des Menschen in unserer Region lieferten die Häuser und Hütten der Rauchschwalbe willkommene Brutplätze. So wurde sie zum Kulturfolger.
Voller Bewunderung schrieb BREHM in seinem Tierleben: ?Die Rauchschwalbe fliegt am schnellsten, abwechselndsten und gewandtesten unter unseren Schwalben; sie schwimmt und schwebt, immer rasch dabei fortschießend, oder fliegt flatternd, schwenkt sich blitzschnell seit-, auf- oder abwärts, senkt sich in einem kurzen Bogen fast bis zur Erde oder bis auf den Wasserspiegel herab, oder schwingt sich ebenso zu einer bedeutenden Höhe hinauf, und alles dieses mit einer Fertigkeit, welche in Erstaunen setzt; ja, sie kann sich sogar im Fluge überschlagen. Mit großer Geschicklichkeit fliegt sie durch enge Öffnungen, ohne anzustoßen. Zum Ausruhen wählt sie hervorragende Örtlichkeiten, welche ihr bequemes Zu- und Abstreichen gestatten; hier sonnt sie sich, hier ordnet sie ihr Gefieder, hier singt sie."

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schwalben (Hirundinidae)
Gattung: Hirundo

Vorkommen


Die Rauchschwalbe brütet in ganz Europa, aber nur vereinzelt in Island, auf den Färöern und auf Malta. In den Alpen fehlt sie ab etwa 1.000 m und in den Mittelgebirgen ab 800 m. Außerdem kommt sie in Nordwestafrika und in Asien (mit Ausnahme der tropischen Gebiete) und in Nordamerika vor. Die Verbreitung reicht bis weit nach Norden. Dabei bildet der Polarkreis in Europa und Asien die Nordgrenze. In Nordamerika ist dies eine Linie von der Mündung des St.-Lorenz-Stromes bis hinauf nach Alaska.

Die höchsten Brutvorkommen befinden sich in den Karpaten und in der Hohen Tatra bei 1.350 m.
Vorkommen Rauchschwalbe (Hirundo rustica) - Vogel des Jahres 1979

Wanderungen


Die Rauchschwalbe ist ein Zugvogel, der von Mitte April bis September/Anfang Oktober im Brutgebiet anzutreffen ist.
Vor dem Abflug versammeln sich die Rauchschwalben gern an Massenschlafplätzen, die sich oft im Schilf befinden.
Die Überwinterungsgebiete erstrecken sich von Mittelafrika (Kongo, Uganda) bis nach Südafrika. Außerdem gibt es Wintervorkommen in Indien und im Iran. Im afrikanischen Winterquartier sind die Vögel über Savannen, feuchten Grasländern, Sümpfen und offenen Kulturlandschaften anzutreffen, aber auch über Regen- und Nebelwäldern in 3.000 m Höhe.
Im Dorf Boje-Enyi in SO-Nigeria machen jedes Jahr im Dezember fast 1 Million Rauchschwalben einen Zugstopp. Früher wurden von der dortigen Bevölkerung - vom Ältesten des Dorfes streng reglementiert - bis zu 5.000 Schwalben je Jahr in mondhellen Nächten an ihren Schlafplätzen mit Leimruten gefangen. Derzeitig wird versucht, mithilfe einer regionalen Schweinezucht den Nahrungsbedarf der Bevölkerung ganzjährig zu decken und damit den Schwalbenfang zu stoppen. Während des Herbstzuges können anhaltende Schlechtwetterperioden zum Zugstau und damit zum Massensterben von Rauch- und Mehlschwalben (Hungertod) führen. Das letzte derartige Ereignis fand 1974 statt. Damals wurden Hunderte von Schwalben von freiwilligen Helfern eingesammelt und per Bahn oder Flugzeug über die Alpen nach Südfrankreich oder Nordafrika verfrachtet.

Merkmale


Die Oberseite der Rauchschwalbe glänzt metallisch in einem dunkel- bis schwarzblauen Ton, von ihr hebt sich die braunrote Stirn deutlich ab. Ebenfalls braunrot gefärbt ist die Kehle, der sich ein blau- bzw. braunschwarzes Brustband (Kropfband) anschließt, das von rötlichen Federn umsäumt wird. Die restliche Brust und die gesamte Unterseite (Bauch und Flanken) sind weißlich-rahmfarben bis hell rostrot getönt. Der Schnabel ist schwarz. Der Schwanz (mit Schwanzspießen) ist tief eingeschnitten von schwarzbrauner Farbe mit schwach bläulichem bzw. flaschengrünem Schimmer. Die Weibchen und die Jungvögel besitzen kürzere Schwanzspieße als die Männchen. Jungvögel wirken insgesamt matter, mit hellerer Kopfzeichnung.
Das Flugbild ist schlank und länglich. Dabei sind die Flügel schmal und gebogen und länger als bei Mehlschwalben. Auffällig ist der tief gegabelte Schwanz mit den langen Schwanzspießen. Die Schwanzfedern sind durch sichtbare weiße Flecken an der Unterseite gekennzeichnet.

Stimme


Die häufigste Stimmäußerung der Rauchschwalbe ist ein plauderndes, langgezogenes und wohlklingendes Gezwitscher mit tiefen Schnurrern am Ende der Strophen. Das Zwitschern wird auch von den Weibchen und den Jungvögeln vorgetragen. Besonders am Brutplatz und bei Massenansammlungen dient es als wichtiges Kontaktmittel. Der häufigste Lock- bzw. Kontaktruf ist ein einfaches bis mehrsilbiges ?wi" bzw. ?wid wid", das bei Gefahr ein hohes ?ziwitt" (?zidit") wird. Mitunter ist auch ein Schnabelklappen zu hören.

Es wurden Rauchschwalben nachgewiesen, die noch im Alter von 11 Jahren brüteten. Die ältesten freilebenden Vögel erreichten ein Alter von 12 bzw. mindestens 16 Jahren.

Nahrung


Das Beutespektrum richtet sich vor allem nach dem lokalen Insektenangebot im Brutgebiet und kann deshalb sehr variabel sein.
Rauchschwalben ernähren sich von Fluginsekten vor allem von Fliegen, Mücken, Käfern, Schmetterlingen und auch flügellosen Insekten, die an Fäden schweben. Die größten erbeuteten Insekten sind Libellen.
Die normale Fluggeschwindigkeit bei der Jagd beträgt 25 bis 50 km/h. Für die größeren Insekten wird die Geschwindigkeit auf 70 - 80 km/h gesteigert. Kleine Insekten werden im Gleitflug erbeutet.
Oft jagen die Rauchschwalben zusammen mit Mehlschwalben, allerdings im Luftraum unter diesen. An regnerischen und wolkigen Tagen können die Schwalben verstärkt über Gewässeroberflächen von Gräben und kleinen Bächen sowie über feuchten Wiesen, die sich in der Nähe der Ortschaften befinden, beobachtet werden, wo sie das dortige Insektenangebot nutzen. Dabei können von der Wasseroberfläche auch nicht flugfähige Insekten und Wasserläufer weggeschnappt werden.
Bei Regen und Wind wird entlang windgeschützter Zonen (Hecken, Waldränder, Windschutzstreifen) gejagt. Außerdem können bei schlechtem Wetter Insekten und Spinnen auch im Flatterflug von Stall- und Häuserwänden abgelesen werden. Auf dem Boden kann dann ebenso gejagt werden.
Im Winterquartier bilden Termitenschwärme und Moskitos eine beliebte Beute. Auch das Auftreten von Buschbränden wird für die Insektenjagd ausgenutzt.
Getrunken und gebadet wird im Flug.

Brutbiologie


Ursprünglich lebte die Rauchschwalbe wahrscheinlich in der Nähe von Gewässern an Felswänden, Steilküsten und brütete an deren Wänden bzw. in Höhlen, wobei ausgewaschene Höhlen in Ufern bevorzugt wurden. Nach der Anpassung an den Menschen steht das Nest fast ausnahmslos im Inneren von Gebäuden. Grundbedingung ist ein offenes Fenster oder eine andere Öffnung, die den Vögeln zur Verfügung steht. Als Brutgebäude dienen Ställe aller Art, Hausflure, Scheunen, bewohnte Zimmer, Schuppen usw. Genutzt werden auch Formen von Vorbauten und Unterstelldächern aller Art in Bahnhöfen, Tankstellen, Tordurchfahrten, Kircheneingänge und Klostergängen. Dies ist bereits der Übergang zum brüten außerhalb von Gebäuden, das z.B. an Brücken und Schleusen zu beobachten ist.
Das Nest wird senkrecht an der Wand auf einem vorstehendem Balken, Brettchen oder Haken angebracht. Es hat die Form einer Viertelkugel, ist etwa 20 cm breit und 10 cm tief. Die Stärke der Nestwand beträgt 1 bis 2 cm. Einige Nester werden auch auf Lampen (bevorzugt Neonröhren in Ställen), auf Rohrleitungen, horizontalen Balken oder Trägern angebracht. Diese Nester haben die Form einer flachen Schüssel. Alle Nester sind aber so gebaut, dass sie nach oben einen Schutz durch die Wand des Gebäudes haben. Ausgenommen sind die Nester, die in Lüfterschächten und Kaminen errichtet werden. Am Nestbau, der 8 bis 12 Tage dauern kann, beteiligen sich beide Partner. Allein die Auspolsterung kann bis zu 2 Tage beanspruchen. Die Bauzeit verlängert sich bei Schlechtwetter und verkürzt sich mit fortschreitender Brutsaison.
Das Nest besteht aus feuchter Erde und Lehmkügelchen, die mit Stroh-, Heuhalmen und Pferdehaaren vermischt werden. Alle Bauteile werden mit Speichel zusammengeheftet. Lokal können die Nester auch fast ausschließlich aus Rinder- oder Schweinedung errichtet werden. Im Gegensatz zur rauen Außenseite, aus der die verwendeten Halme und Reiser heraushängen, wird die Innenseite geglättet und mit Federn, Würzelchen, feinen Haaren sowie Gras ausgepolstert. Die Nester werden mehrere Jahre hintereinander benutzt. Manche von ihnen bis zu acht Jahre (max. 25 Jahre)!
Die Rauchschwalbe zeitigt 2 - 3 Jahresbruten, wobei die Gelegegröße aus 4 bis 5 (selten 6) Eiern besteht. Die Eier sind weiß mit violettgrauen und rotbraunen Flecken, ihr Durchmesser beträgt 19,5 x 13,3 mm und das Eigewicht 2,0 bis 2,2 g.
Die Brutzeit verläuft von Mai bis September. Dabei findet die erste Brut von Ende Mai bis in den Juni und die zweite Brut von Juli bis Anfang August statt. Die zweite Brut besteht meist nur aus 4 Eiern. Die spätesten Jungen wurden im Oktober beobachtet.
Das Weibchen brütet 13 bis 16 Tage auf den Eiern. Die Bebrütungsdauer ist erheblichen Schwankungen unterworfen, da das Weibchen bei kühlerem Wetter erheblich mehr Zeit für die Nahrungssuche aufwendet, wofür es des Nest verlässt. Schlechtwetterperioden können oftmals zum Totalverlust der Jungen führen, Spätbruten werden dann im Stich gelassen. Allerdings besitzen die Jungen die Eigenschaft der Torpidität, das heißt sie können bei kaltem Wetter in eine Kältestarre fallen. Besonders die Nesthäkchen sind vom Nahrungsmangel betroffen. Dann können sie noch zusätzlich von blutsaugenden Parasiten (Laus- und Vogelblutfliege) geschwächt werden. In Hitzeperioden kommt es wiederum vor, dass sie von den kräftigeren Geschwistern aus dem Nest gestoßen werden.
Im Alter von drei Wochen verlassen die Jungen das Nest. Beide Altvögel füttern die Jungen gemeinsam. Gefüttert werden Fliegen, Mücken, Schlupfwespen, kleinere Schmetterlinge, Blattläuse und Zikaden.

Bestand


Unsere größte einheimische Schwalbe ist als ausgeprägter Kulturfolger sowohl bei der Wahl ihrer Brutplätze als auch bei der Nahrungsaufnahme auf den Menschen angewiesen.
Die neuesten Zahlen der Gesellschaft ?Birdlife International" stuften die Rauchschwalbe in Deutschland und den Niederlanden - trotz Ausweitung des Siedlungsgebietes in den Polderflächen bis Ende der 70iger Jahre - als ?deutlich rückgängig" ein. In keinem europäischem Land wurden leichte oder deutliche Steigungen der Brutvorkommen registriert. Allerdings sind lokale Bestandsschwankungen um 20 bis 30 % durchaus normal und werden ebenso wie zugbedingtes Massensterben (aufgrund von Schlechtwettereinbrüchen) in den Folgejahren kompensiert.
Anhand von Hochrechnungen innerhalb von großräumigen Bestandsbeurteilungen ergibt sich für Deutschland die Zahl von ca. 920.000 bis 1.500 000 Brutpaare.
In vielen europäischen Ländern hängen die festgestellten Bestandsabnahmen ursächlich mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen in den dörflichen Siedlungsgebieten zusammen, auf welche die Rauchschwalbe als Kulturfolger und Gebäudeinnenbrüter dementsprechend reagierte bzw. reagiert. Hauptsächlich betrifft dies die Umstellung der extensiven Tierhaltung bzw. des Ackerbaus auf großflächige und intensive Produktionseinheiten, in deren Konsequenz sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe dramatisch verringerte. So vollzogen sich besonders in Deutschland, den Niederlanden und in Dänemark in den letzten Jahren deutliche und einschneidende Veränderungen in der Schweinehaltung. In den nun vollklimatisierten geschlossenen Ställen werden die Fenster - wenn vorhanden - über Klimacomputer geöffnet, traditionelle Brutmöglichkeiten wie Wasser-, Stromleitungen sowie Lampen sind sparsamer dimensioniert und damit für die Schwalben unattraktiv. Mastställe werden nach dem Rein-Raus-Prinzip bewirtschaftet, das heißt es erfolgt eine gründliche Reinigung mit Hochdruckreinigungsgeräten und Desinfektionsmitteln, die auch die Nester der Schwalben nicht verschont. Stallfliegen werden in den Betrieben biologisch bekämpft bzw. über mannigfaltige Präparate vergiftet.
Generell zwingt die zunehmende Verstädterung der Dörfer, die mit einem Umbau und einer Nutzungsänderung von Ställen sowie einer Versiegelung des Umlandes einhergeht, die Rauchschwalbe zur Auswahl neuer Brutmöglichkeiten. So werden zunehmend Lager- und Fabrikhallen, Garagen, Toreinfahrten, Schuppen, Hausflure, Bodenkammern u.a. den Schwalben zugängliche Orte gewählt, an denen es bei günstigen Bedingungen zu hohen Konzentrationen kommen kann. Untersuchungen zeigten, dass verglichen zu den traditionellen Brutplätzen in Ställen (aufgrund der Körperwärme der Tiere ?Warmräume" genannt), in den Ausweichquartieren (?Kalträume" genannt) die Bruten später stattfinden und auch weniger Junge schlüpfen.
Die überall vollzogene Trockenlegung von Gräben und feuchten Wiesen führte außerdem dazu, dass den Schwalben diese Strukturen - an denen sich bevorzugt Insekten konzentrieren, die von den Schwalben gejagt und erbeutet werden - nun fehlen.

© Dirk Schäffer (12/2002, aktualisiert 03/2011)