Raubwürger (Lanius excubitor LINNAEUS 1758)

Raubwürger (Lanius excubitor LINNAEUS 1758)


engl.: Great Grey Shrike, amerik. Northern Shrike

Der fast drosselgroße Raubwürger (Lanius excubitor) ist unser größter einheimischer Würger, der auch im Winter bei uns ausharrt und durch seine auffällige schwarz/weiße Zeichnung kaum verwechselbar ist. Er bewohnt in zahlreichen Rassen fast die gesamte paläarktische Region.
Sein lateinischer Name excubitor = Wächter deutet auf eine würgertypische Verhaltensweise hin: Das wächterähnliche Ansitzen von exponierten Jagdwarten in Erwartung eines Beutetieres. Andererseits wird der Raubwürger auch als Wächter bezeichnet, weil er manchmal das Erscheinen von Greifvögeln mit lautem Gezeter vermeldet. Aufgrund dieser Eigenschaft nutzten ihn die Falkoniere beim Falkenfang, um die anfliegenden Greifvögel anzuzeigen. Eine weitere für ihn typische Würgereigenschaft, ist das Aufspießen von Beutetieren als Vorrat.
Obwohl er deutlich kleiner ist, brachten ihm sein elsterähnliches Aussehen und vor allem das ?Schäckern" im Volksmund die Namen Busch-, Strauch- sowie Drillelster oder auch Elsterle ein.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Würger (Laniidae)
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)

Vorkommen


Der Raubwürger ist ein weit verbreiteter Brutvogel. Das Verbreitungsareal wird durch zwei differenzierte Subspezies der Art besiedelt. Die bei uns heimische excubitor-Gruppe, die das Nordareal bewohnt, kommt außer in Europa, in Asien (bis Ostasien) und im nördlichen Afrika auch in ähnlicher Form in Nordamerika vor. Die europäische Form brütet im Norden bis Nordskandinavien und im Nordteil des europäischen Teils Rußlands sowie in West-, Mittel- und Ostsibirien bis Sachalin bzw. zu den Kurilen. Im Süden kommt er bis zur Linie Mittelfrankreich - Schweiz - Nordostitalien - nördliches Jugoslawien - Westrumänien vor. Er fehlt auf Kamschatka, den Britischen Inseln, auf Island, Irland, in Griechenland und in Kleinasien. Dänemark wurde erst im 20. Jh. von Süden her besiedelt.

Biotop


Offenes Gelände mit einzelnen Bäumen und Buschgruppen, das eine gute Rundumsicht garantiert, stellt den idealen Lebensraum für den Raubwürger dar. Dies sind vor allem Streuobstwiesen, Moore, Waldränder und Truppenübungsplätze. Vor allem der Bodenbewuchs darf nicht zu hoch sein, um gute Jagdmöglichkeiten zu bieten.

Wanderungen


Der Raubwürger ist ein Teilzieher, der in seinem Brutgebiet umherstreift. Außerdem überwintern bei uns Vögel aus den nordöstlichen Brutgebieten.

Merkmale


Der Raubwürger ist mit 24 bis 25 cm etwa starengroß, 65 bis 70 g schwer und mit langem Schwanz, runden Flügeln sowie einem arttypischem Hakenschnabel versehen. Er erreicht eine Spannweite von 0,35 m. Der verwandte Schwarzstirnwürger ist nur unwesentlich kleiner. Auffallend ist die schwarzweiße Färbung des Raubwürgers. Seine Oberseite ist überwiegend hellgrau und die Unterseite ist reinweiß. Wenn das Gefieder noch frisch ist, sind Brust und Seiten rosa überhaucht. Das Schultergefieder ist gegenüber den dunklen Flügeln deutlich weiß aufgehellt. Von den schwarzen Flügeln setzt sich eine weiße Flügelbinde ab, die besonders im Flug sichtbar wird. Auch der schwarze Schwanz ist durch äußere weiße Abschnitte gekennzeichnet. Charakteristisch ist die schwarze Gesichtsmaske, die als breites Band von der Ohrgegend durch das Auge bis zur Schnabelbasis verläuft und gegenüber dem grauen Oberkopf durch eine schmale weiße Linie abgegrenzt ist. Die Stirn ist ebenfalls grau.

Stimme


Für die Stimme des Raubwürgers ist ein elsterähnliches Schäckern charakteristisch oder ein harter Ruf wie ?wäd, wäd". Der schwätzende Gesang besteht aus kurzen, meist etwas rau klingenden, laut quäkenden und pfeifenden Lauten. Der Gesang wird ohne Gliederung der einzelnen Strophen und mit vielen Imitationen von anderen Vogellauten vorgetragen.
Der bereits von den Falknern im Mittelalter genutzte ?Wächterpfiff", der dem Raubvogel als Warntriller oder Angriffsruf dient, hört sich an wie ?trrr" oder länger ?trrr-tr-tr-trrr".

Das höchste Alter beim Raubwürger wurde mit 6 Jahren und 10 Monaten für einen hessischen Vogel bzw. mit 7 Jahren und 4 Monaten für einen finnischen Vogel dokumentiert.

Nahrung


Der Raubwürger sitzt meist auf erhöhter Warte - vorrangig in 2,0 bis 5,0 m Höhe - und schlägt seine Beute dann am Boden. Die Ansitzwarten wechselt er in einem typischen bogenförmigen Flug. Freie Flächen kann er aber auch nach Turmfalkenmanier im ?Rüttelflug" bejagen. Der Raubwürger ist bei der Nahrungswahl sehr flexibel und kann sich schnell auf günstige Situationen einstellen. So nimmt er z.B. auch Aas zu sich. Zum Beutespektrum des Würgers gehören kleine Säugetiere, verschiedene Kleinvogelarten, kleine Reptilien und Großinsekten. Kleinsäuger wie Feld- und Erdmäuse werden mit heftigen Schnabelhieben gegen den Hinterkopf getötet. Insekten packt er mit dem Schnabel und tötet sie durch Bisse in den Thorax. Als Beutevögel werden Goldhähnchen, Meisen, Pieper, Ammern, Lerchen, Finken und Sperlinge geschlagen. Selbst weitaus schnellere Arten als er selbst, wie z.B. Schwalben, kann der Raubwürger überwältigen. Dabei überrascht er die Vögel entweder am Boden, oder er ?pflückt" sie im Vorbeifliegen von ihrer Sitzwarte bzw. ergreift sie während des Fliegens. Vor allem bei hohen Schneelagen im Winterhalbjahr stellt sich der Raubwürger großenteils auf Kleinvögel um. Dann verfolgt er auch nach Fehlangriffen - ähnlich wie der Sperber - hartnäckig seine Beute über weite Strecken, selbst bis in die Büsche hinein. Darum nannte ihn der regionale Volksmund auch ?Gebüschfalke" und ?Finkenbeißer".
Bei Bedarf unternimmt er in der Brutzeit bis zu 3 km weite Beuteflüge.
Bis 20 g schwere Beutetiere werden im Schnabel transportiert, darüber hinausgehende trägt er mit den Füßen weg. Die Beute, die er nicht verschlucken kann, bringt er zu seinen Fressplätzen. Das sind Aststummel, Zweigenden, Astgabeln, Borkenstücke, Dornensträucher und Stacheldraht. Hier wird die Beute erst fixiert und dann er reißt er sich schnabelgerechte Brocken ab. Unverdauliche Beutereste werden als Gewölle wieder ausgeschieden.
An den Fress- und Spießplätzen wird die überschüssige Beute für Notzeiten als Vorrat gelagert. Oftmals werden diese Plätze auch von Eichelhähern und Elstern regelmäßig kontrolliert und geplündert.

Brutbiologie


Der Raubwürger bevorzugt als Brutgebiet offene, reich strukturierte Landschaften wie z.B. Waldlichtungen, Kahlschläge, Heiden, Moore, Feldgehölze und Streuobstwiesen mit Einzelbäumen, Strauchgruppen, Hecken u.a. Strukturen. Gern nutzt er auch extensiv genutzte Flächen. Da alle Brutreviere sehr groß sind (25 bis 100 ha), ist der Raubwürger nirgends häufig.
Das Napfnest steht meist hoch in Einzelbäumen, kann aber auch in den tieferen Bereichen der Dornensträucher stehen. Das Nest besteht an der Basis aus dürren Zweigen, Wurzeln, Reisern sowie Halmen. Für den Napf werden Gras, Moos, Federn und Haare eingeflochten. Manche Nester erhalten einen Schutz aus Stachelzweigen, oder werden überwiegend aus Federn errichtet. Auch Schnüre und Bindfäden wurden bereits als Baumaterial verwendet. Nester des Raubwürgers sind sehr stabil. Deshalb werden sie gern wieder ausgebessert und für neue Bruten genutzt. Neue Nester werden oft im selbem Baum errichtet bzw. befinden sie sich zumindest im alten Revier.
Die Legezeit der einen Jahresbrut beginnt Mitte April und dauert bis in den Mai hinein. Die 5 bis 7, manchmal auch 8 Eier sind trübweiß, mit grünlicher oder bräunlicher Tönung, auf denen eine grobe dunkelgrau- bzw. aschbraune, gleichmäßig verteilte Punktierung oder Fleckung vorherrscht. Die Eier werden im 24 h Abstand gelegt und die Bebrütung erfolgt beim vorletzten oder letzten Ei. Demzufolge schlüpfen die Jungen über 2 Tage. Die Brutdauer beträgt 14 ? 16 Tage, wobei überwiegend das Weibchen brütet und vom Männchen gefüttert wird. Beide Partner füttern die Jungen im Nest etwa 19 ? 20 Tage. Anschließend betreuen sie diese nach dem Ausfliegen noch weitere 2 bis 4 Wochen. In einzelnen Fällen füttern fremde Raubwürger bei einem Brutpaar als Helfer mit. Während der Raubwürger im Elsaß ein regelmäßiger Kuckuckswirt ist, wird er es in Deutschland nur ausnahmsweise.

Bestand


In Deutschland wurden um 1985 etwa 2.000 Brutpaare des Raubwürgers geschätzt. In Sachsen-Anhalt war er bereits im 19. Jh. ein eher sporadisch verbreiteter Brutvogel und an dieser Situation hat sich bisher nichts geändert. Der derzeitige Verbreitungsschwerpunkt liegt in der Altmark. 1967 kam es zur Wiederansiedlung bei Halle und zu einer allmählichen Bestandsvergrößerung.
Insgesamt wurde der Raubwürger an vielen Stellen aus den Tiefländern in höhere Lagen verdrängt, geht aber über 900 m nicht hinaus. So ist aus einem verbreiteten Brutvogel ein eher seltener geworden. Im Norden ist der Raubwürger allerdings häufiger als im Süden seines Verbreitungsgebietes, wo er seit dem Ende des 19. Jh. ein Großteil seines Areals verloren hat. Beim winterharten Raubwürgern sind wohl keine klimatischen Ursachen für den Rückgang verantwortlich zu machen, sondern lediglich Landschaftsveränderungen. Hauptverursacher ist vermutlich die Landwirtschaft durch Entwässerung von Mooren und Heiden, Intensivierung, der Grünlandnutzung, Umwandlung von Wiesen in Ackerland sowie der Ausräumung der Landschaft. Auch die Ausweitung der Verbauung, Torfabbau in großen Moorlandschaften und die Wiederaufforstung offener Heidelandschaften spielen gebietsweise eine Rolle. Eine Vielzahl menschlicher Aktivitäten verkleinert also die Anzahl der Brutgebiete und schmälert auch das Nahrungsangebot.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 04/2011)