Neuntöter (Lanius collurio LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1985

engl.: Red-backed Shrike


Bild Neuntöter Rotrückenwürger Männchen (Lanius Collurio)

Bild Neuntöter Rotrückenwürger Weibchen (Lanius Collurio)

Rotrückenwürger bezeichnet wurde, ist ein etwa drosselgroßer Singvogel, der zur Vogelfamilie der Würger gehört. Die Würger zeichnen sich durch einige Besonderheiten - wie einen starken, nach unten gebogenen Hakenschnabel, dem Festhalten der Beute mit dem Fuß und deren Aufspießen auf Dornen - aus. Letzterer Eigenschaft verdankt der Vogel auch seinen Namen Neuntöter bzw. Dorndreher. Der Volksmund erzählt, dass er maximal nur neun Beutetiere aufspießt bzw. erst nach neun Opfern mit der Mahlzeit beginnt. Aus diesem Grund wurde dem Neuntöter auch Mordlust nachgesagt: Er wurde deshalb verfolgt und getötet.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Würger (Laniidae)
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)


Vorkommen

Der Neuntöter brütet in Eurasien und ist der weitverbreitetste mitteleuropäische Würger. Im Norden reicht sein Brutgebiet von Südskandinavien bis Mittelfinnland und weiter in östlicher Richtung bis ins Westsibirische Tiefland. Im Süden reicht es bis zu den Pyrenäen, Italien, Griechenland und Kleinasien. Im Westen werden die Bretagne und die Normandie nicht besiedelt. In Großbritannien brüten nur noch 1 bis 3 Paare vereinzelt in Schottland.


Biotop

In Mitteleuropa bewohnt er weitestgehend offene Landschaften mit Büschen (besonders Dornbüschen) wie z.B. Waldränder, Lichtungen, Moore, Heiden, Trockenhänge, Äcker und Wiesen mit Büschen. Wenn verwilderte Abschnitte mit Dornbüschen vorliegen, besiedelt er auch größere Gärten, Friedhöfe und Parks.


Wanderungen

Der Neuntöter verbringt den geringsten Teil des Jahres im Brutgebiet. Allein acht Monate hält er sich im Überwinterungsgebiet - oder auf dem Weg dorthin bzw. von dort zurück - auf. Sein Zug verläuft als sogenannter ?Schleifenzug". Er zieht Ende August / Anfang September nicht in der allgemeinen südwestlichen Richtung, also über Spanien und Westafrika ins Winterquartier, sondern in südöstlicher Richtung, in einer schmalen Front über Griechenland und Ägypten zu den Savannen- und Buschsteppenländern Ost-, Süd- und Südwestafrikas. Der Heimzug erfolgt weiter östlich über das Rote Meer, Transjordanien und schließlich über Kleinasien zurück in die mittel- und westeuropäischen Brutgebiete, wo er Anfang Mai eintrifft. Dieser Zugverlauf des Neuntöters hat vermutlich seine Ursache in den jahreszeitlich geänderten Windverhältnissen innerhalb der Mittelmeerregion. Aufgrund seiner Zugleistung gehört der Neuntöter zu den Langstreckenziehern.
Der vor allem in den Ländern der Dritten Welt sprunghaft zunehmende Einsatz von Insektiziden hat einschneidende Folgen für die Ernährung zahlreicher Vogelarten, die sich wie der Neuntöter animalisch und dabei überwiegend von Insekten in ihren Durchzugs- und Überwinterungsgebieten ernähren. Die massiven Bekämpfungsmaßnahmen von Insekten, Schnecken und anderen Tieren zum Zwecke der Eindämmung oder Ausrottung von Krankheitserregern oder aus wirtschaftlichen Gründen reduzieren alle diese Tierarten in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Erschwerte Nahrungssuche und Nahrungsmangel für die insektenfressenden Zugvögel sind die Folge. Dazu kommt die Zerstörung von Lebensräumen großen Ausmaßes.


Merkmale

Der Neuntöter zeichnet sich durch auffälligen Geschlechtsdimorphismus aus.
Männchen: Der Rücken und die Schultern sind rotbraun, der Oberkopf, der Nacken sowie der Bürzel sind blaugrau gefärbt. Die dunklen Flügelfedern weisen rostbraune Federränder auf. Es trägt eine markante Gesichtsmaske in Form eines breiten schwarzen Striches von der Schnabelbasis durchs Auge. Die Unterseite leuchtet lebhaft rosaweiß. Der schwarze Schwanz wird von weißen Seiten gesäumt. Die dunkelbraunen Flügelfedern sind mit helleren braunen Rändern gesäumt.
Weibchen: Die Oberseite ist ebenfalls rotbraun, aber weniger rötlich als beim Männchen und der Oberkopf und der Bürzel sind mehr braun. Die Gesichtsmaske weist eine bräunliche Farbe auf und wird am oberen Ende durch einen kurzen hellen Brauenstreif geziert. Die rahmweiße Unterseite wird an Brust und Flanken durch dunkle Halbmonde charakterisiert.
Jungvögel: Diese sind ähnlich wie die Weibchen gefärbt, aber die Ober- und Unterseite sind bei ihnen kräftig geschuppt.


Stimme

Der Gesang ist ein leises abwechslungsreiches Schwätzen mit gepressten und kratzenden Elementen, der selten zu hören ist. Die Stimmen anderer Vogelarten können imitiert werden und bilden einen wichtigen Bestandteil des Gesangs, der oftmals 10 min und länger andauern kann. Der häufigste Ruf ist ein raues "Gek gek", das Aufmerksamkeit andeuten soll. Außerdem werden auch Warn-, Alarm- und Angriffslaute benutzt.

Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von 10 Jahren und 2 Monaten und der älteste Vogel in Gefangenschaft ein Alter von 11 Jahren.


Nahrung

Neuntöter nutzen zum Nahrungserwerb oft erhöhte Warten wie z.B. Leitungsdrähte, Zaunpfähle, Strauchspitzen u. a., von denen aus sie auf Jagd nach Großinsekten (Käfern, Heuschrecken, Schmetterlingen, Hummeln, Bienen, Wespen), Gehäuseschnecken, kleinen Eidechsen, Fröschen, Mäusen und Jung- bzw. Altvögeln (bis zu 30 Arten von Sperlingsvögeln nachgewiesen) gehen. Unverdauliche Nahrungsreste werden in Form von kleinen Speiballen ausgeschieden. Bei reichlich vorhandener Beute wird diese auf Dornen von Büschen oder auch Stacheldraht aufgespießt. Im Spätsommer und im Herbst wird die tierische Nahrung durch Beeren (z.B. von Holunder und Himbeere) und Früchte (z.B. Kirschen) ergänzt.
Warum besitzen Würger innerhalb der Vogelwelt die einzigartige Veranlagung, ihre Beute aufzuspießen?
Zu dieser Frage existieren verschiedene Theorien bzw. Antworten:

1. Futterreserven
Die älteste Erklärung geht davon aus, dass die aufgespießte Beute als Vorratslager dient, um in beutearmen Zeiten bzw. bei schlechtem Wetter das Überleben der Jungen zu sichern.
Möglicherweise hat es innerhalb der Stammesgeschichte die Überwältigung von Vögeln sowie Kleinsäugern und das Anlegen von Nahrungsvorräten durch das Aufspießen dieser Tiere den Würgern überhaupt erst ermöglicht, die insektenreichen Tropen zu verlassen und sich in kälteren Gebieten anzusiedeln.

2. Signalfunktion
Die solcherart gesammelten Beutetiere und das Aufspießen dieser ?Trophäen" zeigen Artgenossen an, dass das Wohngebiet schon besetzt ist.
In der Paarungszeit erhalten die Weibchen vielleicht so Informationen über die Fitness und Kraft des Männchens, indem die Menge der Beute verrät, wie viel Nahrung die Männchen für die Familie herbeischaffen können. Denn Männchen mit vollen Vorratskammern brüten früher, erfolgreicher und öfter als solche ohne Reserven.


Brutbiologie

Neuntöter führen eine monogame Saisonehe. Das Nest steht meist niedrig (1,5 bis 2,5 m Höhe) in Büschen aller Art. Wobei Dornen- und Stachelsträucher, wie Weiß- bzw. Schwarzdorn, Heckenrose, Berberitze, Schlehe und Brombeere bevorzugt werden. Auch Baumbruten treten auf.
Der Nestbau wird von beiden Partnern betrieben. Generell kann man an Neuntöternestern drei Schichten unterscheiden: Der lockere Außenbau wird aus dünnen Ästen, Stängeln, Borke, Würzelchen sowie Laub errichtet. Der Mittelbau wird überwiegend aus Moos und Halmen gefertigt, die Polsterung besteht aus Federn, Tierhaaren u.a. In Neuntöternestern wurden auch schon Folienstücke, Schnüre, Textilien und Papier gefunden.
Die Brutzeit beginnt im Mai und es gibt nur eine Brut. Bei Verlust des ersten Geleges finden aber bis in den Juli hinein Nachbruten statt. Die 4 bis 6, zuweilen auch 7 oder 8 Eier des Neuntöters variieren in den unterschiedlichsten Grundfarben. Zwischen weißen, sandfarbenen, roten, und grünlichen Eiern gibt es alle nur denkbaren Übergänge, wobei besonders der Fleckenkranz am stumpfen Pol charakteristisch ist. Nur das Weibchen brütet 14 bis 16 Tage lang und nach weiteren zwei Wochen verlassen die Jungen das Nest. Nach 26 Tagen fangen die Jungen an, selbständig zu jagen und sind mit 42 Tagen ausgewachsen. Die Verluste an Jungvögeln bzw. Nestern werden durch Rabenvögel, Katzen, Hermeline, Siebenschläfer, Greifvögel und Marder verursacht.
In vielen Gebieten ist der Neuntöter einer der häufigsten Kuckuckswirte. Der Kuckuck, aber auch Eichelhäher, Goldammer, Steinschmätzer, Steinkauz, Bussarde, Elster und Turmfalke sowie gelegentlich auch Menschen werden im Brutbezirk oft heftig attackiert.


Bestand

Auch beim Neuntöter hat der Schutzaspekt globalen Umfang. Gefährdet sind - vor allem durch die Lebensraumzerstörung und den Pestizideinsatz - alle drei Teilareale seiner Verbreitung, also das Brut-, Durchzugs- und Überwinterungsgebiet, die für die Arterhaltung entscheidend sind. Besonders in den landwirtschaftlich stark genutzten Gebieten ist der Vogel durch die Verarmung der Landschaft infolge der Rodungen von Hecken und Feldgehölzen gänzlich verschwunden. Außerdem verschwanden in vielen Landesteilen weitere Biotope durch die Aufgabe von Weidewirtschaft und Streuobstanbau. Deshalb wurde der Neuntöter großenteils in Randhabitate zurückgedrängt.
In Deutschland hat der Neuntöter starke Bestandseinbußen hinnehmen müssen. Wurden in der ersten Hälfte des 20. Jh. noch alle größeren Nordseeinseln besiedelt, so fehlt er seit 1950 z.B. in vielen Tieflandsgebieten Nordrhein-Westfalens sowie in den Marschlandschaften Niedersachsens und Schleswig-Holsteins.
Der Bestand in Großbritannien, wo der Vogel noch im 19. Jh. weit verbreitet war, ist erloschen.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 04/2011)