Nachtigall (Luscinia megarhynchos C.L. Brehm 1831) - Vogel des Jahres 1995

Nachtigall (Luscinia megarhynchos C.L. Brehm 1831) - Vogel des Jahres 1995


engl.: Nightingale

Die Nachtigall (Luscinia megarhynchos) ist ein Singvogel, der im dichtem Unterholz von Laub- und Mischwäldern und verwilderten Gärten lebt. Durch diese versteckte Lebensweise und ihr schlichtes braunes Gefieder entdeckt man die Nachtigall nur selten.

Den Gesang der Nachtigall kennt allerdings fast jeder, da er auch nachts weithin hörbar erschallt und von vielen Dichtern beschrieben und besungen wird. Er ist vielleicht der schönste Singvogelgesang überhaupt. Wenn der Lebensraum der Nachtigall zusagt, findet man sie auch im Siedlungsbereich des Menschen.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schnäpperverwandte (Muscicapidae)
Gattung: Erdsänger Luscinia T. Forster 1817

Vorkommen


Die Nachtigall ist Brutvogel in Nordafrika, Mitteleuropa, Vorder- und Mittelasien bis zur Mongolei. In Nordeuropa werden Südengland, Schleswig-Holstein, Teile Mecklenburgs und Polens besiedelt.

Man unterscheidet Luscinia m. megarhynchos C.L. Brehm in Europa

L. m. hafizi Sewertzow vom Wolga-Delta an ostwärts

L. m. africana Fischer & Reichenow im Kaukasus, auf der Krim und in

Teilen Vorderasiens

Eine der Nachtigall zum Verwechseln ähnliche und verwandte Singvogelart ist der Sprosser (Luscinia luscinia), mit dem sie im Grenzgebiet auch parallel vorkommt.

Biotop


Die Nachtigall bevorzugt lichte und nicht zu trockene Laubwälder mit dichtem Unterholz in der Ebene und im Hügelland. Sie besiedelt mittlerweile auch verwilderte Parks, Friedhöfe und Gärten mit hohen Büschen. Bevorzugt werden Biotope mit Wasserflächen (Fluss- und Teichufer), die für ein reichliches Insektenangebot sorgen.

Die Nachtigall fehlt in den Mittelgebirgen ab etwa 300 bis 500 m NN, wurde aber auch schon in 1.100 m Höhe beobachtet.

Wanderungen


Die Nachtigall ist ein Langstreckenflieger, der überwiegend nachts wandert. Ab Anfang August bis Anfang September verlässt die Nachtigall ihre Brutgebiete, um im tropischen Westafrika (Senegal, Gambia) oder in den Trockensavannen Kenias und Tansanias zu überwintern. Kurz vor dem Aufbruch fressen sich die Vögel eine Fettschicht an.

Ende März bis in den Mai hinein trifft die Nachtigall wieder in ihren Brutgebieten ein.

Merkmale


Die Nachtigall ist mit 16,5 cm größer als die beiden Rotschwanzarten und langschwänziger als das Rotkehlchen (Erithacus rubecula). Sie wiegt ca. 22 g.

Die Gefiederoberseite der Nachtigall ist rötlichbraun und die Unterseite weißgräulich bis graubraun gefärbt. Die Kehle, die Vorderbrust und die Flanken sind von hell graubrauner Farbe. Der Schnabel ist schwarzbraun gefärbt.

Auffallend, besonders beim Abflug, sind die rotbraunen Oberschwanzdecken.

Der leicht gerundete rotbraune Schwanz und die nicht gewölkte Brust sind die beiden äußeren Hauptunterscheidungsmerkmale zum gleichgroßen und sonst sehr ähnlich gezeichneten Sprosser.

Stimme


Der Gesang ist sehr charakteristisch und beginnt mit leisen aufeinanderfolgenden Elementen, denen dann melodisch auf- und absteigende Abschnitte folgen, die bereits maximale Lautstärken erreichen und deren Silben rhythmisch wiederholt werden. Dies ist das bekannte „Schlagen“.

Besonders beim Nachtgesang werden bis zu 260 mögliche charakteristische und pfeifende Strophen eingebaut. Am Ende eines Gesanges folgt meistens ein Abschluss. Insgesamt zeichnet sich der Gesang als sehr variabel aus. Bekannt sind Weibchengesänge, Dialekte und Mischgesänge von Sprossern. Verpaarte Revierbesitzer singen besonders in den Morgen- und Abendstunden. Die unverpaarten Männchen singen auch die gesamte Nacht hindurch. Die jungen Männchen lernen den Nachtigallenschlag als Nestlinge oder kurz danach. Sie tragen ihn aber erst im nächsten Jahr vor.

Außer dem Gesang werden Rufe zur Verständigung eingesetzt, die bestimmte Umweltereignisse oder ein spezifisches Verhalten anzeigen. Bekannte Nachtigallenrufe sind ein schnarrendes „karr“ bei Erregung, ein tiefes „tack“, oder ein schmatzendes „teck“.

Die ältesten freilebenden Nachtigallen erreichten ein Alter von acht Jahren, in der Gefangenschaft wurden bis zu 20 Jahre nachgewiesen.

Nahrung


Die Nachtigall ernährt sich von erster Linie von Insekten, so z. B. von Ameisen, Würmern, Käfern, Spinnen, Insektenlarven und -puppen. Nach diesen sucht sie am blanken Boden oder in der Laubschicht unter Büschen und Bäumen, indem sie jedes Blatt wendet und darunter nach Beute stöbert. Manchmal stößt sie auch von einen Ansitz aus auf Beuteinsekten am Boden herab, oder fängt sie im Flug bzw. sammelt Beutetiere von Zweigen und Blättern ab. Im Spätsommer werden auch Holunder- und Johannisbeeren sowie kleinere Früchte und manchmal auch Sämereien gefressen.

Brutbiologie


Die Nachtigall kommt Mitte April aus ihrem westafrikanischen Winterquartier zurück. Die Hauptbrutzeit ist im Mai.

Die Männchen kommen einige Tage vor den Weibchen an und besetzen sofort ein Revier. Die Reviere können dabei sehr dicht nebeneinander liegen, werden aber gegen den Sprosser verteidigt.

Die Balz findet in der Regel in der Deckung statt. Das Männchen schlägt dabei mit den Flügeln und fächert seinen rotbraunen Schwanz, den es ständig auf und ab schlägt. Es zeigt dem Weibchen dann auch Neststandorte.

Das Bodennest liegt gut versteckt im Laub, in der Nähe von Hecken oder im dichten Gebüsch, in Höhen bis zu 0,30 m. Selten werden Astgabeln bzw. Efeuranken in Höhen über 0,50 m genutzt. Es wurde aber auch schon eine Brut in einer Mülltonne gefunden.

Das lockere, napfförmige Nest wird vom Weibchen in 3 bis 5 Tagen aus altem Laub, Stängeln und kleinen Zweigen gebaut. Es wird mit Gras und Tierhaaren ausgepolstert.

Das Weibchen bebrütet die gelblich bis dunkelbraunen und sehr variabel gezeichneten 3 bis 6 (7) Eier nach der Ablage des letzten Eies allein. Das Männchen bleibt allerdings in der Nähe und ruft es, um mit ihm zusammen auf Nahrungssuche zu gehen. Manchmal füttert es das Weibchen auch.

Wenn die Jungvögel nach 13 bis 14 Tagen Brutzeit schlüpfen, schafft zunächst das Männchen den Hauptteil des Futters heran. Es bringt dem Weibchen Spinnen, Ameisen u. a. Insekten, mit denen es dann die Jungen füttert. Die Nestlinge öffnen nach etwa fünf Tagen die Augen.

Nach weiteren 11 bis 12 Tagen verlassen die Jungen das Nest und verstecken sich sofort in der Krautschicht. Vier Tage später versuchen sie sich erstmals im Fliegen und folgen ihren Eltern. In den ersten Tagen allerdings noch ziemlich unsicher, bis sie die volle Flugfähigkeit erlangt haben. Die Jungen werden noch bis zu zwei Wochen nach Verlassen des Nestes betreut und sind wahrscheinlich schon im ersten Lebensjahr geschlechtsreif.

Nachtigallen brüten nur einmal im Jahr, bei Gelegeverlust können allerdings Ersatzbruten auftreten.

Vogel des Jahres


Der Hauptlebensraum der Nachtigall waren die Flussauen. Mit deren Dezimierung wanderte die Nachtigall immer öfter in die Städte ein und besiedelte dort die Friedhöfe, Stadtparks und verwilderte Gärten, sofern man das Falllaub liegen und dichte Gebüschzonen stehen ließ. Überalterte, belaubte Hecken, die von Brennnesseln überwuchert werden, wirken sich günstig auf die Bestände aus, da hier Nahrung und Singwarten vorhanden sind. Wo aber die letzten Büsche Axt und Säge zum Opfer fallen, muß man auf das Lied der Nachtigall verzichten. So verschwinden in vielen städtischen Biotopen die Brutpaare bereits wieder, da man in falsch verstandenem Ordnungssinn die Grünanlagen der Gärten und Parks beräumt sowie deren Wege betoniert.

Eine verheerende Wirkung üben in den Städten - besonders auf die Jungvögel und die brütenden Weibchen - die verwilderten Katzen und freilaufenden Hunde aus.

Bestand


Die wärmeliebende Nachtigall reagiert deutlich auf Klimaveränderungen und hat derzeitig durchaus die Chance, ihre Bestände zu vergrößern. Dafür muß aber einer weiteren Veränderung in ihren Lebensräumen, besonders in den städtischen Biotopen, entgegengewirkt werden. In Mitteleuropa haben sich die Bestandszahlen der Nachtigall mittlerweile auf ein gleichbleibendes Niveau eingependelt, gebietsweise nehmen sie sogar auch wieder zu. Für Ostdeutschland geht man von 50.000 Brutpaaren (+/- 50,0 %) aus. Hier weist Sachsen-Anhalt, gefolgt von Brandenburg, die höchsten Bestände auf (77,0 % der Bestände Ostdeutschlands in beiden Ländern). Für Deutschland ergab sich 1995, als die Nachtigall zum „Vogel des Jahres“ gewählt wurde, ein Bestand von 100. 000 Brutpaaren.

© Dirk Schäffer (12/2002)