Mehlschwalbe (Delichon urbica LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 1974

engl.: House Martin (Common House-Martin)


Bild Mehlschwalbe Kolonie (Delichon urbica) - Vogel des Jahres 1974


Die Mehlschwalbe (Delichon urbica) ist ein volkstümlicher Vogel. So ermittelte MENZEL (1996) 34 volkstümliche Namen für die Mehlschwalbe, die sich auf Aussehen, Neststandort und Nestbaumaterial beziehen. Allerdings dürften viele, besonders die lokal verwendeten, bereits in Vergessenheit geraten sein.
Auch sonst hat sich vielerorts die Einstellung der Menschen gegenüber den Mehlschwalben geändert. Der Ordnungssinn in den Städten macht dem Kulturfolger arg zu schaffen. Immer seltener finden sich in der städtischen Betonlandschaft die für den Nestbau notwendigen Pfützen und Kleingewässer sowie nicht versiegelte Bodenbereiche. Auch die Nester an den Gebäuden stören, da der Kot der Jungvögel der Mehlschwalben für Verschmutzungen sorgt.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schwalben (Hirundinidae)
Gattung: Delichon


Vorkommen

Die Mehlschwalbe brütet in ganz Europa und ist überall ein verbreiteter und häufiger Brutvogel. Allerdings ist die Besiedlung vom Vorkommen menschlicher Siedlungen abhängig. Die Felsbrüter der Art tragen wenig zur Arealausweitung bei, da auch sie im Gebirge Gebäude bevorzugen. Ab 2.000 m Höhe werden die Vorkommen spärlicher. Außerhalb Europas kommt die Art in Asien ostwärts bis Nordwestsibirien, in Japan sowie in Nordwestafrika vor.


Wanderungen

Die Mehlschwalbe ist ein Zugvogel und Weitstreckenzieher, der von April bis Oktober im Brutgebiet anzutreffen ist. Die Vögel überwintern im gebirgigen Afrika vom Südrand der Sahara bis zur Kapprovinz. Im Überwinterungsgebiet ist die Mehlschwalbe nur selten in großer Zahl, sondern überwiegend einzeln oder in kleinen Gruppen anzutreffen. Dabei werden felsige und unzulängliche Gebiete bevorzugt. Zu Massenansammlungen kommt es nur bei Buschfeuern, wenn die Vögel die aufgescheuchten Insekten jagen.
Vor dem Abflug ins Winterquartier versammeln sich die Mehlschwalben in großen Schwärmen auf Leitungsdrähten.
Katastrophen während des Zuges, hervorgerufen durch anhaltende Schlechtwetterperioden, können zum Zugstau und damit zum Massensterben von Mehlschwalben (Hungertod) führen. Das letzte derartige Ereignis fand 1974 statt. Damals wurden Hunderte von Schwalben von freiwilligen Helfern eingesammelt und per Bahn oder Flugzeug über die Alpen nach Italien, Südfrankreich oder Nordafrika verfrachtet.


Merkmale

Die Mehlschwalbe ist etwas kleiner als die Rauchschwalbe und 12 bzw. 13 cm groß. Ihr Gewicht liegt bei 16 bis 25 g. Die Oberseite ist glänzend blauschwarz gefärbt - mit matteren schwärzlichen Flügelfedern - von der sich die weiße Unterseite und der weiße Bürzel deutlich abheben. Der blauschwarze Schwanz ist kein so tief eingeschnittener Gabelschwanz wie bei der Rauchschwalbe. Die Beine und die Füße der Mehlschwalbe sind weiß befiedert.
Jungen Mehlschwalben fehlt noch der metallische Glanz im Gefieder und sie sind insgesamt grauer gefärbt.
Auffallend beim Flugbild ist der leuchtend weiße Bürzel. Die Flügel wirken breiter als bei der Rauchschwalbe, der Schwanz wirkt leicht gegabelt und ist ohne äußere Schwanzspieße.
Ihr Flug wirkt mehr flatternd und nicht so elegant wie der Flug der Rauchschwalbe. Außerdem entwickelt die Mehlschwalbe eine höhere Flügelschlagfrequenz.


Stimme

Die häufigste Stimmäußerung der Mehlschwalbe ist ein kurzes Schwätzen, das überwiegend aus Rufen besteht. Allerdings ist der Gesang, ein leises Leiern ("Leierschwalbe"), weniger abwechselungsreich als bei der Rauchschwalbe und es fehlt das Schnurren am Ende der Strophen. Bei Gefahr ruft die Mehlschwalbe ein hohes "zier" oder "ziürr". Im Flug wird als Ruf ein "prrt" oder "tschiripp" vorgetragen, das sich insgesamt weicher als der ähnliche Ruf der Uferschwalbe anhört.

Mehlschwalben erreichen selten ein Alter über 6 Jahre. Die älteste deutsche Mehlschwalbe wurde 14,5 Jahre alt.


Nahrung

Mehlschwalben ernähren sich von kleinen Fluginsekten, wie z.B. Mücken, Blattläuse, Fliegen, Käfer, Schmetterlinge und Wasserinsekten, die ausschließlich im Flug erbeutet werden. Die Insekten werden von unten angeflogen und dann ergriffen. Das Beutespektrum kann je nach Brutgebiet sehr variabel sein. Bevorzugt wird zur Jagd offenes Gelände. Oft jagen sie zusammen mit Rauchschwalben, allerdings im Luftraum über diesen. An regnerischen und wolkigen Tagen können die Schwalben verstärkt über Gewässeroberflächen beobachtet werden, wo sie das dortige Insektenangebot nutzen, da sich bei Abkühlung über den Gewässern noch für einige Zeit sogenannte Warmzonen bilden und bestehen bleiben. Dabei werden dann sogar Libellen erbeutet, oder auch die in großen Schwärmen über Gewässern auftretenden Köcherfliegen.


Brutbiologie

In einigen Gegenden hat die Mehlschwalbe ihre ursprüngliche Gewohnheit an Felsen zu brüten beibehalten. Diese möglichst senkrechten, vegetationsfreien Wände zeichnen sich durch eine raue Oberfläche und Überdachungen aus, die Schutz vor Regenwasser und anderen Wetterunbilden bieten. Mehlschwalben sind gesellige Vögel, die im europäischem Raum Kolonien mit maximal 200 Brutpaaren bilden können. Anders als die Rauchschwalbe ist die Mehlschwalbe nicht so eng an die menschliche Nutztierhaltung gebunden. So brütet die Mehlschwalbe gleichermaßen an Gebäuden in Städten und Dörfern. Als Brutgebäude werden freistehende, große und mehrstöckige Einzelgebäude bevorzugt. Die Nester werden dort an der Außenseite der Gebäude an der Dachunterkante aber auch in Giebel-, Balkon- und Fensternischen oder unter anderen Mauervorsprüngen angebracht. In Neubaugebieten werden bevorzugt die Balkone besiedelt.
Als Brutstandorte dienen auch Industriegebiete und technische Anlagen. So können Kolonien an Brücken, Talsperren und Schleusen, Fußgängerüberwegen oder auch auf Fähren (Rügen) entstehen. Bestehende Kolonien werden oft über Jahre hinweg als Nistplätze beibehalten.
Die Wahl für den Neststandort wird auch durch die Nähe von Gewässern (großenteils im Radius von 500 m) oder die Bodenbeschaffenheit beeinflusst. Beide Faktoren spielen für den Bau des Nestes (Material) eine entscheidende Rolle. Vorjährige Nester werden bevorzugt angenommen und ausgebessert. Oftmals werden diese Nester aber auch aufgegeben, wenn sie zu stark von Ungeziefer heimgesucht werden.
Das Nest wird senkrecht an der Wand an rauhem Mauerwerk angebracht. Es hat die Form einer Halbkugel, ist etwa 13 - 20 cm breit, 9 - 15 cm tief und 7 bis 18 cm hoch. Einige Nester in Kolonien können auch vollkugelig sein und besitzen eine Eingangsröhre. Das Baumaterial für das Nest, hauptsächlich Ton, Lehm und Schlamm, wird aus Pfützen, feuchten Bodenaufschlüssen oder Gewässerufern gewonnen und mit Speichel vermischt. Stellenweise wird auch Rinder- oder Schweinedung, seltener reine Gartenerde verwendet. Für die Auspolsterung der Nestmulde werden Grashalme, Moos, Stroh, Wurzeln, Federn u.a. Materialien verwandt.
Der Nestbau kann 8 bis 18 Tage dauern und wird durch beide Partner durchgeführt. Dabei verlängert sich die Bauzeit bei Schlechtwetter und verkürzt sich mit fortschreitender Brutsaison. Häufig kommt es vor, dass die Mehlschwalbennester von anderen Vogelarten besetzt werden. Nachgewiesen wurden bisher 13 verschiedene Vogelarten. Als starker Konkurrent kann sich dabei der Haussperling Passer domesticus erweisen.
Die Mehlschwalbe zeitigt 2 Jahresbruten, wobei die Gelegegröße aus 4 bis 5 (selten 6) Eiern besteht. Die Gelegegröße wird durch den Zeitpunkt des Nestbaus beeinflusst. Paare, die neue Nester bauen, haben meist nur 3 - 4 Eier. Die Eier sind reinweiß, ihr Durchmesser beträgt 18,1 x 13,1 mm und das Eigewicht 1,05 bis 2,1 g. Die Brutzeit beginnt Mitte Mai und endet im September. Die spätesten Jungen wurden im Oktober beobachtet. Beide Partner bebrüten die Eier, der Hauptanteil entfällt auf das Weibchen. Die Brutzeit beträgt 12 bis 15 Tage. Die Altvögel füttern die Jungen gemeinsam. Bei kaltem und nassem Wetter geht die Fütterungsfrequenz deutlich zurück bzw. wird ganz eingestellt. Anhaltende Schlechtwetterperioden führen dann oftmals zum Tod der Jungen. Wobei Extremsituationen zu hundertprozentigem Brutausfall innerhalb einer Kolonie führen können.
Gefüttert werden deutlich kleinere Insekten als bei Rauchschwalben, wie Blattläuse, Mücken, Fliegen, Hautflügler, kleinere Schmetterlinge und Flugameisen. Die Nahrung wird mit Speichel vermengt und als Futterballen übergeben.


Bestand

Für Deutschland geht eine Gesamtschätzung von 700.000 bis 1.400 000 Brutpaaren aus. Großräumige Bestandsbeurteilungen sind bei der Mehlschwalbe allerdings wenig zuverlässig. Besonders lokale Bestände sind starken Schwankungen unterworfen, die sich durch Zugkatastrophen, Zerstörung und Aufgabe von Kolonien ergeben. Weitere Probleme ergeben sich aufgrund von menschlichen Einflüssen. Die zunehmende Verstädterung der Dörfer, die mit einer Versiegelung des Umlandes einhergeht, führt dazu, dass die Mehlschwalbe kaum noch feuchte Plätze findet, an denen sie Baumaterial für ihre Nester findet. Das gilt auch für die Populationen in den Städten. Zusätzlich wird der Schwalbe - aufgrund der Verschmutzung durch Kot - die Neubesiedlung von Gebäuden verwehrt. Dabei werden oftmals die Nester zerstört. Die Architektur neuer Gebäude bietet außerdem den Schwalben keine Möglichkeiten mehr, um ihre Nester anzukleben.
Über das Anbringen von Nisthilfen und Kunstnestern können die Schwalben allerdings deutlich gefördert werden. Mithilfe von Kotbrettern kann man auch der Verschmutzung vorbeugen.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 03/2011)