Mauersegler (Apus apus Linné 1758) - Vogel des Jahres 2003

engl.: Common Swift

Der Mauersegler (Apus apus) ist ein typischer Kulturfolger, der die Bauwerke des Menschen zum Nisten nutzt. Deshalb sieht und hört man ihn vor allem über Städten und größeren Dörfern.

Mauersegler werden trotz ihres rasanten Fluges und ihrer größeren Flugsilhouette oft mit den Schwalben verwechselt. Darauf deutet auch ihr volkstümlicher Name „Turmschwalbe“ hin.

Mauersegler sind aber weder mit der Familie der Schwalben verwandt noch zählen sie zu der Ordnung der Singvögel. Wie ihr Name sagt, gehören Mauersegler in die Familie der Eigentlichen Segler, die wiederum zu einer eigenen, tropischen Ordnung den Seglern gehört. Am nächsten verwandt sind sie mit der Familie der Baumsegler und den Kolibris. Wobei letztere oft als eigene Ordnung in der Systematik geführt werden.

Da Mauersegler den größten Teil ihres Lebens fliegend verbringen, glaubte man in der Antike, dass die Vögel keine Füße hätten. Carl von Linné konservierte diese Vorstellung und benannte den Mauersegler in der wissenschaftlichen Nomenklatur Apus apus - den Fußlosen.

Echte Verwandte des Mauerseglers sind der in Deutschland seltene und in einigen kleinen Kolonien brütende - aber größere und hellere - Alpensegler (Apus melba) sowie der ausnahmsweise auftauchende Fahlsegler (Apus pallidus).


Systematische Einordnung

Ordnung: Segler (Apodiformes)
Familie: Eigentliche Segler (Apodidae)
Gattung: Apus Scopoli


Vorkommen

Der Mauersegler ist in Europa und auch in Mitteleuropa unregelmäßig anzutreffen und konzentriert sich besonders häufig in größeren Siedlungen und in Ballungsräumen. Die Art kommt von den britischen Inseln bis zur europäischen bzw. nordwestafrikanischen Atlantikküste vor. Im Norden stellenweise bis Lappland und an den Baikalsee. In einigen Teilen des Balkans fehlt die Art völlig und in anderen Gebieten existieren nur spärliche Vorkommen (z.B. Teile Dänemarks, fehlt weitgehend in Ungarn). Auf den größeren Nordseeinseln brüten Mauersegler nur ausnahmsweise.


Biotop

In den Mittelgebirgen (z.B. Harz) endet das Brutvorkommen - bedingt durch das Fehlen von Ortschaften - bereits zwischen 600 bis 700 m Höhe.

Durch die Vergrößerung der städtischen Ballungsräume kam es zum Anwachsen einiger Bestände. Andererseits sinken in einigen Stadtzentren die Bestände.

Als Biotope werden in Großstädten hohe Steinbauten bevorzugt, so z.B. die Stadtzentren (Hochhäuser), historische Bauten (Wasser- und Kirchtürme), Industrie- und Hafenanlagen. In Kleinstädten werden dagegen bevorzugt Burgen und Kirchen genutzt.

Seltener werden natürliche Felswände (z.B. Kreideküste von Rügen, Steinbrüche in Thüringen) als Biotope ausgewählt. Im nordöstlichen Harz gibt es eine Population von Baumhöhlenbrütern mit ca. 400 bis 500 Brutpaaren. In früheren Jahren waren mehrere kleinere Baumbrüterkolonien in Deutschland bekannt. Bis auf einige wenige verschwanden diese im Zuge von forstwirtschaftlichen Maßnahmen.


Wanderungen

Der Mauersegler verbringt nahezu sein gesamtes Leben in der Luft und schläft sogar im Fliegen.

An dieses Leben im Luftraum sind die Zugvögel perfekt angepasst. Sie sind Langstreckenflieger, die in Äquatorial- und Südafrika überwintern und nur für sehr kurze Zeit nach Deutschland zum Brüten zurückkommen. Dabei folgen sie in der Luft stets den günstigsten Witterungs- und Nahrungsverhältnissen und können erstaunliche Flugleistungen vollbringen. So wurden 1.410 km in 4 Tagen nachgewiesen. Im Winterquartier streifen sie weit umher und bleiben wahrscheinlich ständig in der Luft.

Der Abflug in die Winterquartiere beginnt in Mitteleuropa bereits Mitte Juli / Anfang August.

Erfolglose Brutvögel, Einjährige, Jungvögel und verpaarte Männchen wandern als Erste ab. Einzelne Weibchen (durch Anlegen von Fettreserven nach der Brut), Spätbrüter und Jungvögel verzögern den Wegzug allerdings bis Ende Oktober / Anfang November. Auch Beobachtungen Ende November / Anfang Dezember sind bekannt.

Im Frühjahr kehren die ersten Vögel pünktlich Ende April bzw. um den ersten Mai herum zurück und besetzen sofort - ohne zu zögern - ihre angestammte Nisthöhle. Die Jungen bleiben ihrem Geburtsort ebenfalls treu.

Wenn wegen Regen oder Kälte das Futter um den Brutplatz knapp wird, weichen die Mauersegler in Schönwettergebiete aus, die mehrere hundert Kilometer entfernt sein können.

Viele Segler flüchten vor ungünstiger Witterung aber auch und legen auf dieser sogenannten Wetterflucht Tausende von Kilometern zurück. Dabei können die Vögel in Gebieten erscheinen, wo sie sonst nicht vorkommen.

Auf ihren Wanderungen werden einige Mauersegler weit in den Norden verschlagen. So wurden einzelne Exemplare auf Island, bei Spitzbergen und Nowaja-Semlja, bei Murmansk sowie in Nordsibirien gesichtet.


Aussehen

Ein ausgewachsener Mauersegler kann bis zu 17 cm lang werden und ist damit größer als europäische Schwalben. Der Mauersegler hat eine Flügelspannweite von 42 - 48 cm und ein Durchschnittsgewicht von 43 g.

Beim Mauersegler sind beide Geschlechter gleich ruß- bis bräunlichschwarz gefärbt. Von dieser Grundfarbe hebt sich nur die grauweiße Kehle des flachen Kopfes ab.

Der kurze, breite Schnabel und die kräftigen Klammerfüße, der kurzen Beine sind schwarz. Die Altvögel können zwar sehr gut klettern und an Zweigen und Stangen hängen, aber nicht auf ihnen sitzen, da alle vier Zehen sind nach vorne gerichtet. Wenn eine freie Strecke von 10 bis 12 m vorhanden ist, starten gesunde Vögel mühelos auch vom Boden, indem sie sich mit den Füßen abstoßen.

Im Flug wirkt der Mauernsegler einfarbig dunkel. Die Flügel sind lang und sichelförmig, der kurze Schwanz ist gegabelt. Bei gutem Wetter können Flughöhen von bis zu 3.600 m erreicht werden.


Stimme

Zur Brutzeit sind Mauersegler sehr gut und vor allem weit zu hören, besonders wenn sie in Trupps in rasantem Flug haarscharf um die Häuser fliegen. Ihre Rufe sind meistens ein lautes „sirr“ oder „srih“, die oft als Wechselrufe bzw. im Duett zu hören sind.

Alter: Der Mauersegler ist erstaunlich langlebig. Der älteste Ringvogel, der bereits ausgewachsen gefangen wurde, zählte 21 Jahre.


Nahrung

Die Nahrung des Mauerseglers besteht ausschließlich aus Fluginsekten und an Fäden schwebenden Spinnen. Bisher wurden in Europa über 500 verschiedene Arten nachgewiesen, die als Beute dienen. Hauptsächlich werden Blattläuse, geflügelte Ameisen, Zikaden, Käfer und Hautflügler im Flug erbeutet. In Afrika werden schwärmende Termiten bevorzugt.

Die übliche Flughöhe zur Jagd beträgt 6 bis 50 m, aber auch bis 300 m sind möglich. Bei schlechtem Wetter fliegen die Vögel - ähnlich wie Schwalben - in 30 bis 50 cm Abstand dicht über der Vegetation, über Wiesen, Felder, Wasserflächen und Dächer.

Gern nutzen die Vögel heranziehende Gewitterfronten zur Nahrungsaufnahme, die sie dafür auch gezielt aufsuchen. Offensichtlich werden bei diesen Wetterlagen eine Vielzahl von Insekten durch starke Winde aufgewirbelt.

Getrunken wird im Gleitflug, indem sie ihren Schnabel blitzschnell ins Wasser eintauchen.


Brutbiologie

Die bevorzugten Nistplätze von Mauerseglern liegen meist sehr hoch verborgen unter den Simsen und Dachsparren, in Mauerlöchern, in undichten Jalousiekästen mehrgeschossiger älterer Gebäude. Sie brüten dort gern in Kolonien, in denen sich die Neststellen oft dicht nebeneinander befinden. Dabei verteidigt allerdings jedes Paar - oft sehr aggressiv - eine abgeschlossene Nisthöhle mit eigenem Zugang, die über viele Jahre immer wieder benutzt wird. Bei Nistplatzmangel sind auch Bruten in den Nestern der Mehlschwalbe an Gebäuden sowie in Brutröhren der Uferschwalbe in Steilhängen möglich.

Baumbrüter nutzen Spalten in den Bäumen sowie die alten Höhlen von Schwarz-, Bunt- und Grünspechten. In Deutschland werden als Brutbäume vornehmlich Eichen genutzt.

Die Partner treffen meist im Abstand von 10 oder mehr Tagen an der Nisthöhle ein. Die Partner wechseln innerhalb der Brutsaison nur beim Tod von einem der beiden Vögel. Eine Neuverpaarung erfolgt dann recht schnell (bereits nach ein bis zwei Tagen möglich). Nur wenige Altvögel, die im Besitz einer Nisthöhle sind, bleiben während der Saison ohne Partner.

Die Balz findet im Flug statt und beginnt bereits im November im Winterquartier. Dabei wechseln sich Flugjagden und Gleitflüge miteinander ab. Auch die Kopulation erfolgt während des Fliegens. Bereits einen Tag nach der Paarung beginnen beide Vögel mit dem Nestbau. Das Nest wird, möglichst weit vom Eingang der Nisthöhle entfernt, angelegt. Es besteht aus leichten, schwebenden Materialien: Federn, trockenen Halmen, Blättern, Samen, Fasern, Haaren oder Papierfetzchen. Das Material wird im Fluge mit dem Schnabel erhascht und mit Speichel zu einer zähen Masse verklebt, die schnell härtet. Das Nest wird für viele aufeinanderfolgende Bruten neu eingespeichelt und benutzt.

In der Mitte des Nestkranzes bleibt oft der nackte Boden sichtbar. Dort entsteht die Nestmulde durch Scharren und Körperdrehen im Untergrund. Ein Mauerseglernest hat im Durchmesser etwa 10 cm und ist 2 cm hoch. Wenn vorhanden, werden auch die Nestunterlagen von anderen Arten (Haussperling, Hausrotschwanz, Bachstelze) annektiert und überbaut.

Der Mauersegler hat normalerweise eine Jahresbrut mit zwei, maximal vier weißen und glanzlosen Eiern. Geht das Gelege durch Schlechtwetter oder andere Einflüsse verloren, kann ein Ersatzgelege vorkommen. Männchen und Weibchen bebrüten die Eier abwechselnd während der 18 bis 20 Tage dauernden Brutzeit, die sich bei kaltem Wetter verlängern kann. Nach dem Schlupf der Jungen werden diese 2 bis 7 Tage gehudert. Ab dem 6. bis 13. Tag öffnen sich die Augen der Nestlinge, die von beiden Altvögeln gefüttert werden. Ab dem 10. Tag fangen die Jungen an, im Nestbereich umherzuklettern.

Ein- bis zweimal pro Stunde bringen die Altvögel Futterballen ans Nest, die im Kehlsack aus der gesammelten Nahrung (ca. 90 bis 800 Insekten, je nach Größe der Arten) entstehen. Die Tagesleistung eines Brutpaares kann dabei über 20.000 Insekten betragen, die zusammen ca. 50 g Gewicht entsprechen. Bei Wärme und Sonnenschein wird das Wachstum der Jungvögel gefördert, die dann täglich bis zu 7,8 g zunehmen können. Regen und Kälte (Nahrungsmangel) hemmen diesen Prozess allerdings deutlich. Dabei kann sich das Gewicht der Jungvögel in 24 Stunden um 6,6 g reduzieren.

Junge Mauersegler unterscheiden sich im Gefieder von den Altvögeln durch eine deutlich ausgeprägtere weiße Kehle und Stirn sowie durch weiße Säume an den Spitzen des Großgefieders (besonders an den Flügelfedern).

Das Wohlbefinden und die Gesundheit der jungen Segler können durch Parasiten (z.B. Seglerlausfliege (Crataerina pallida) erheblich beeinträchtigt werden. Diese saugen das Blut der Jungvögel. Bereits andererseits - z.B. durch Hunger - geschwächte Jungtiere können bei starkem Befall verenden. Das gründliche Säubern der Nisthilfen und Brutplätze im Herbst z.B. mit kochendem Wasser (kein Einsatz von chemischen Mitteln) kann den Parasitenbefall im nächsten Jahr stark einschränken. Stellenweise fallen die Jungen auch anderen Räubern (Ratten, Wiesel, Steinmarder, Schleiereule, Katzen) zum Opfer. Viele verunglücken auch durch Abstürze aus der Nisthöhle, weil sie sich bei der Fütterung zu weit hervorwagen oder sich bei großer Hitze abkühlen wollen und dann in der Nisthöhle umherkrabbeln,

Nach 37,5 bis 56,5 Tagen Nestlingzeit (abhängig vom Wetter) fliegen die Jungen aus. Davor nehmen sie oft keine Nahrung von den Eltern mehr an, um durch hungern das optimale Fluggewicht zu erreichen. Ohne zu üben, sind sie von Anfang an perfekte Flieger und völlig selbständig.


Torpidität

Die enorme Spezialisierung der Mauersegler kann auch gefährlich für die Vögel werden. Nämlich dann, wenn anhaltendes nasskaltes und windiges Wetter auftritt, dass die Insekten am Fliegen hindert. Das fehlende Futter kann so zu erheblichen Verlusten unter den Seglern und ihrer Brut führen. Um diese Gefahren zumindest teilweise auszugleichen, haben sich die Vögel (z.B. auch Kolibris) physiologisch - durch eine winterschlafartige Erscheinung, die Torpidität (lat. torpidus = betäubt) - angepasst. Es ist ein Starrezustand, der nachts durch Kälte und Nahrungsmangel ausgelöst werden kann. Die Nestlinge des Mauerseglers können bei längerem Ausbleiben der Altvögel und dadurch auftretenden Futtermangel ebenfalls in diesen Zustand verfallen. Die Jungvögel können dann ihre Atemfrequenz und ihre Körpertemperatur auf ein Minimum (1 - 5°C über der Umgebungstemperatur) senken. Am Morgen oder bei Erwärmung der Umgebung steigt die Körpertemperatur wieder auf 37°C (normal bis 39°C) an. Um ihre zum Überleben unbedingt notwendige unterste Körpertemperatur (20°C) während der Starre aufrecht zu erhalten, verbrennen sie Körperfett und Muskelmasse. Mit zunehmender Dauer der Kälteperiode wächst die tägliche Länge des Starrezustandes. Hält der Zustand an (höchstens ein bis zwei Wochen) und das Körpergewicht der Jungvögel sinkt unter 20 g, dann kommt meist jede Wetterbesserung und Fütterung durch die Altvögel zu spät.

Altvögel können auf diese Weise höchstens 3 bis 4 Tage Kältestarre ertragen. Dabei darf die kritische Körpertemperatur von 36°C nicht unterschritten werden.


Bestand

In Deutschland brüten ca. 450.000 bis 900.000 Mauerseglerpaare, davon ca. 110.000 in Ostdeutschland. Aufgrund der hohen Lebenserwartung beeinflussen Jahre ohne Nachwuchs den Bestand kaum, wohl aber das wetterbedingte Massensterben von Altvögeln.

Auch bei Kälteperioden werden Mauersegler und auch Schwalben oft Opfer des Straßenverkehrs. Denn dann sind sie häufig dicht über den noch warmen Fahrbahnen auf Futtersuche, da sich dort noch Insekten aufhalten. Auch während der Suche nach geeigneten Nistplätzen können Mauersegler tödlich verunglücken. Eine weitere - zunehmende - Gefahr stellen vor allem in Süddeutschland senkrechte Stabantennen von Autos dar, die von den Vögeln offenbar bei der Jagd übersehen. Kollisionen treten auch während des Zuges mit Leuchttürmen, Flugzeugen und Leitungsdrähten auf.

Fliegen die Vögel in Öffnungen von Bauwerken oder Gebäuden und verirren sich in den dahinterliegenden Hohlräumen, ohne den Ausgang zu finden, gehen sie zugrunde.


Vogel des Jahres

Bei der Renovierung bzw. Sanierung von Gebäuden und bei Dacharbeiten wird immer seltener auf die Mauersegler Rücksicht genommen. Dabei werden die Nistplätze ganzer Kolonien vernichtet, ohne dafür Ersatz zu schaffen. Stellenweise werden sogar brütende Vögel oder ihre Jungen eingemauert. Da Mauersegler an einmal gewählten Nistplätzen festhalten und ungern neue Plätze wählen, wird es für sie zunehmend schwieriger erfolgreich zu brüten. Wahrscheinlich müssen sie deshalb immer mehr mit weniger optimalen Brutplätzen Vorlieb nehmen müssen. Dabei kommt es durch Unfälle und Witterungseinflüsse zu Brutausfällen. Die zunehmende Anzahl verletzt oder verlassen aufgefundener Jungvögel scheint eine Folge dieser Entwicklung zu sein.

Deshalb soll der Mauersegler stellvertretend für alle Gebäudebrüter auf den Schutz dieses Lebensraumes aufmerksam machen.

© Dirk Schäffer (12/2002)