Kormoran (Phalacrocorax carbo Linnaeus 1758)

Kormoran (Phalacrocorax carbo Linnaeus 1758)


engl.: Great Cormorant

Vogel des Jahres 2010

Kormorane sind Wasservögel und Verwandte der Pelikane, Albatrosse und Sturmtaucher. Weltweit gibt es rund 38 Kormoran-Arten. Fast alle davon leben am Meer. Die lateinische Artbezeichnung carbo (Kohle) ist auf das kohlschwarze Gefieder der Vögel zurückzuführen.
Kormorane sind spezialisierte Fischfresser. Deshalb werden sie stellenweise noch heute in China, Japan und Mazedonien zum Fangen von Fischen abgerichtet und somit nutztierartig gehalten, wobei dies neben dem Tourismus auch teilweise der Fischerei dient. Die Fangmethode besteht darin, den Vögeln einen Halsring anzulegen, der das Abschlucken der von den Kormoranen gefangenen Fische verhindert. Der Halsring ist mit einer Leine verbunden. Der Fischer fährt in der Nacht zum Fang hinaus und lockt mit Fackellicht die Fische zum Boot, die dann vom Kormoran gefangen werden. Nach erfolgreichem Fang wird der Vogel von der Beute gefüttert oder er kann für sich fischen. Seit 1.400 Jahren ist diese Zusammenarbeit zwischen Mensch und Vogel nachweisbar. In Europa begann die Fischjagd mit Kormoranen im 14. Jh. und war besonders im 17. Jh. weit verbreitet. In Westeuropa betrachtete man diese Methode, wie z. B. die Beizjagd, allerdings eher als Sport.
Im Gegensatz dazu kann in Deutschland seit der Bestandszunahme der im Volksmund auch Wasserraben oder Scharben genannten Vögel nicht mehr von einer derartig harmonischen Mensch-Tier-Beziehung gesprochen werden. Kormorane als Fischfresser kommen in direkten Konflikt mit Anglern, Berufsfischern und Teichwirten. Mit der Wahl zum Jahresvogel 2010 wird die Diskussion über die wirtschaftlichen Schäden, die durch die schwarzen Vögel stellenweise entstehen, erneut erbittert geführt. Der vollzogene Abschuss von ca. 15.000 Kormoranen jährlich ist ein weiteres Beispiel dafür, dass der Mensch in einem gestörten Ökosystem immer zu Lasten der betroffenen Arten reguliert, anstatt nach alternativen Methoden im Sinne der betroffenen Vögel zu suchen und die „Schäden“ gesamtgesellschaftlich zu tragen. Das dieser Konflikt nicht neu ist, belegen andere Namen (Aalkrähe, Aalschlucker, Aalgans usw.), die der Volksmund den Kormoranen im Mittelalter gegeben hat.

Systematische Einordnung


Ordnung: Ruderfüßer (Pelecaniformes)
Familie: Kormorane / Scharben (Phalacrocoracidae)
Gattung: Kormorane (Phalacrocorax)

Vorkommen


Der Kormoran ist weltweit verbreitet. Er kommt von Labrador über Grönland und Europa, über Zentralasien, bis nach Australien und Neuseeland vor. In Europa unterscheiden die Ornithologen zwei Unterarten von Phalacrocorax carbo (s. Tabelle 1), deren Unterscheidung im Feld sehr schwierig ist und durch die Altersunterschiede sowie die Gefiederkleider zusätzlich erschwert wird. Ein mögliches Unterscheidungsmerkmal ist die Befiederungsgrenze am nackten Kehlsack, die unter dem Auge einen rechten oder spitzen Winkel ausbildet.
Das ideale Habitat des Kormorans sind fischreiche Süß-, Brack- und Salzgewässer, wie Meeresküsten, flache Seen in Meeresnähe, Flussmündungen und nicht zu tiefe Stauseen. Dabei bevorzugen Kormorane möglichst großflächige Gewässer, die ihnen die Möglichkeiten bieten, die notwendige Nahrungsmenge zu erbeuten. In deren Nähe wählen sie auch ihren Schlafplatz, um zur Nahrungsaufnahme nicht entsprechend weit fliegen zu müssen.

Tab. 1: Vorkommen und Merkmale der beiden Unterarten von Phalacrocorax carbo.

Unterarten Vorkommen Merkmale
Phalacrocorax carbo carbo auch als „atlantische Rasse“ bezeichnet Atlantikküsten West- und Nordeuropas: Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Island; auch Labrador, Grönland und Nordamerika; überwiegend Klippenbrüter größer als sinensis und längerer Schnabel, bläulicher Glanz des schwarzen Gefieders
Phalacrocorax carbo sinensis als „Fest-landrasse“ bezeichnet Mitteleuropäische Küsten und Binnenland; flexibel in der Wahl der Brutplätze (am Boden, in Bäumen, im Schilf) grünlicher Glanz des schwarzen Gefieders

Wanderungen


In Europa gibt es zwei Teilpopulationen des Kormorans. Die östliche erstreckt sich entlang der Donau mit Schwerpunkten in der Ukraine, in Ungarn und im Donaudelta.
Im Nordwesten brüten Kormorane entlang der Kanalküste und an der Ostsee. Die Hauptbrutgebiete liegen in Holland, Dänemark, Norddeutschland, Polen, den baltischen Staaten und Südschweden. Mittlerweile dringt der Kormoran in Mitteleuropa ins Binnenland vor und ist selbst in der Schweiz Brutvogel.
Im Winter ziehen die Kormorane nach Süden teilweise entlang der Atlantikküste nach Frankreich, Spanien und Nordafrika sowie über Mitteleuropa bis ans Mittelmeer. Selbst in der Lybischen Wüste wurde ein Überwinterungsplatz gefunden. Zu Beginn des Frühjahrs, im Februar und März, erfolgt die Rückwanderung in die Brutgebiete – welcher Vogel früher dort ist, hat eine höhere Chance, einen entsprechend sicheren Brutplatz in der Kolonie zu besetzen.

Aussehen

Bilder in der Galerie


Kormoranmännchen erreichen, gemessen von der Schnabelspitze bis zu den Schwanzfedern, eine Länge von 80 bis 96 cm und werden somit deutlich größer als die Weibchen (72 – 90 cm). Die Vögel wiegen im Mittel 2,50 kg (1,70 bis 3,20 kg) und haben eine Flügelspannweite von bis zu 1,60 m. Das Gefieder der Altvögel ist schwarz. Die Augen sind grün (s. Abbildung 1).

Bild Kormoran (Phalacrocorax carbo linnaeus)

Abb. 1: Kormoran im Tierpark Cottbus (08 / 2009, K. Rönsch).

Am Ende des Winters zur Brutzeit tragen die Kormorane ein Brutkleid, bei dem Teile des Kopfes, des Halses und des Nackens weiß gefärbt sind. Den Hinterkopf ziert dann ein Federschopf, dessen einzelne Schmuckfedern bereits während der Brutzeit wieder anfangen auszufallen.
Teilweise kann der Kormoran mit zwei verwandten Arten, die ebenfalls in Europa vorkommen, verwechselt werden (vgl. Tabelle 2), der Krähenscharbe (Phalacrocorax aristotelis) und der kleinsten europäischen Kormoranart, der Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmaeus).
Das Flugbild der Kormorane ist kreuzartig mit langem Schwanz und weit nach vorn gestrecktem Hals. Dabei fliegen die Vögel oft in langen und welligen Schrägreihen.
In Gefangenschaft können Kormorane ein Alter von bis zu 30 Jahren erreichen.

Tab. 2: Vorkommen und Merkmale verwandter Kormoranarten.

Arten Vorkommen Merkmale
Krähenscharbe Phalacrocorax aristotelis (Meeresvogel der Felsküsten) von den Atlantikküsten Nordeuropas (Island, Irland, Norwegen), Nordruss-land bis Marokko; teilweise im Mittel-meer und Schwarzen Meer; selten im Binnenland; Gast um Helgoland schwarzes Gefieder, nach vorn gekrümmte Federholle auf der Stirn; gelber Schnabelgrund; 65 – 80 cm groß und bis zu 2.300 g schwer)
Zwergscharbe Phalacrocorax pygmaeus vom östlichen Mittelmeer, Balkan, über Klein- bis Mittelasien; im Binnen-land am Neusiedler See und Ungarn; an sumpfigen/verschilften Seen schwarzes Gefieder und kleiner Schnabel; brauner Kopf; deutlich kleiner (45 – 55 cm groß und 565 bis 870 g schwer)


Kormorane schwimmen tief eingetaucht, wie die nicht verwandten Taucher, mit ausgerichtetem Hals und schräger Schnabelhaltung. Unter Wasser schwimmen Kormorane durch Grätschschlag der Beine, abwechselnd mit den Beinen rudernd und mit zusammengelegten Beinen paddelnd. Oft nehmen sie dabei die Flügel zu Hilfe. So können sie beim Tauchen normalerweise in Tiefen von einem bis zehn, manchmal aber auch in 15 bis 20 Meter Tiefe vordringen. Sie bleiben dabei bis zu 45 Sekunden unter Wasser. Allerdings wird auch von 40 m tiefen Tauchgängen, bis zu 200 Meter Tauchweite und einer Tauchdauer von 90 Sekunden berichtet. Das Tauchen wird dadurch erleichtert, dass die Knochen nur wenige Luftkammern enthalten, was sich allerdings ungünstig auf die Flugleistung auswirkt. Außerdem haben Kormorane viel Blut, dass dementsprechend viel Sauerstoff aufnehmen kann und so lange Tauchgänge ermöglicht. Auch das teilweise wasserdurchlässige Gefieder ist eine Anpassung an das Tauchen, da dadurch der Auftrieb vermindert wird. Allerdings wird das Gefieder nicht - wie regelmäßig behauptet - vollständig durchnässt, so dass sich der Vogel nach jedem Tauchgang „trocknen“ müsste. Mit nassem Gefieder würde der Kormoran beim Schwimmen und Tauchen im Winter sofort unterkühlen, weil nasses Gefieder die Wärmeisolation nicht gewährleisten könnte. Zudem wäre ein sofortiges Auffliegen bei Gefahr nicht möglich. Das Kleingefieder des Kormorans besteht aus einer inneren wasserabweisenden und einer äußeren wasserdurchlässigen Schicht. Die Federn der wasserabweisenden Zone sind durch parallel verlaufende Federästchen gekennzeichnet, die über Bogen- und Hakenstrahlen miteinander verbunden sind und dadurch kein Wasser durchlassen.
Auch Kormorane besitzen eine Bürzeldrüse, deren Sekret aber offenbar nur zur Geschmeidigkeit der Federn beiträgt.
Somit stellt sich die Frage, welche Funktion das Ausbreiten der Flügel hat, welches der Trocknung des Gefieders zugeschrieben wurde. Denn oft sieht man Kormorane stundenlang mit ausgebreiteten Flügeln auf Pfählen, in Bäumen, auf Reusen und anderen Anlagen sitzen.
So wird angenommen, dass durch das Ausbreiten der Flügel in deren Muskulatur Wärme erzeugt wird, die dann zum Anwärmen der erbeuteten Fische für deren Verdauung dient. Je kälter der erbeutete Fisch ist, umso länger hält das Ausbreiten der Flügel an, das etwa 10 bis 20 Minuten dauern kann. Wenn die Kormorane allerdings bei der Verdauung gestört werden, kann es dazu kommen, dass sie die Beute wieder auswürgen, um leichter und schneller abfliegen zu können. Zudem sollen ausgebreitete Flügel für Artgenossen auch eine Signalfunktion haben, indem sie auf sich lohnende Fischgründe hinweisen.

Nahrung


Die Hauptbeute des Kormorans stellen Fische dar, die tauchend erbeutet werden. Ein Kormoran frisst ca. 300 bis 500 g Fisch je Tag. Diese Nahrungsmenge schwankt allerdings von Vogel zu Vogel und hängt von vielen Einflussfaktoren (z. B. Alter des Vogels, Umgebungs- und Wassertemperatur, Nahrungsangebot) ab, die dafür entscheidend sind, wie viel Energie der einzelne Vogel für das Fliegen und Tauchen aufwenden muss.
Bei Nahrungsanalysen konnten bis zu 25 Fischarten nachgewiesen werden. Beutefische sind Aale, Äschen, Flussbarsche, Forellen, Karpfen, Rotaugen, Plötzen, Schleie, Stichlinge, Sandaale, Heringe, Zander u. a. Zur Nahrung können auch Meeresborstenwürmer gehören. Bevorzugt gejagt werden eher schlanke und gut sichtbare Weißfische. Treten Fischarten kurzzeitig in größeren Massen auf, wie z. B. der Hering beim Laichen in Küstengewässern, werden sie auch vorrangig von den Kormoranen gefressen. Erbeutete Einzelfische können bis zu 500 g wiegen. Es wurde aber schon ein verendeter Kormoran gefunden, der einen 400 g schweren Barsch nicht verschlucken konnte. Ebenso erstickten einzelne Kormorane, die noch größere Fische fressen wollten.
Bei einem Kormoran in der Schweiz enthielt der Magen 300 Kleinfische von 2 cm Länge.
Andererseits wurden schon Aale bis 75 cm Länge festgestellt.

Jagdverhalten


Kormorane jagen gerne in größeren Trupps, wobei sie eine Kette oder einen Halbkreis bilden. Die Fische werden entweder in der Mitte zusammengetrieben oder gegen ein Hindernis (Staumauern, Ufer) gedrängt. Ist die Beute in Reichweite, erfasst der Kormoran den Fisch mit seinem Hakenschnabel. Anschließend taucht er auf, um den Fisch mit dem Kopf voran zu verschlucken. Bei kleinen Fischen geschieht das ohne Probleme. Es wurden jedoch auch tote Kormorane gefunden, die versuchten für sie zu große Fische (z. B. Aale) zu verschlucken und an diesen erstickten. Andere Kormorane ertrinken in Fischreusen, oder verenden in Fischernetzen. Auch in Angelschnüren und -haken verfangen sich regelmäßig Kormorane.
Nicht jeder Tauchgang endet aber für den Kormoran erfolgreich. Fische, die den Kormoranen entkommen, erhalten durch den Schnabelstoß oft offene Wunden und Verletzungen. Diese ermöglichen dann Krankheitserregern die Fische zu infizieren, so dass sie unter Umständen auch durch die Infektionen sterben können.

Brutbiologie


Kormorane sind Koloniebrüter, die an sich an einigen Brutplätzen mit bis zu 8.000 Brutpaaren konzentrieren können. Die Nester werden in Bäumen, Sträuchern, Weidengestrüpp (s. Abbildung 2), an Felsen, auf Schiffwracks, Schifffahrtszeichen oder auch am Boden errichtet.
Der Kot der Vögel ist allerdings stark ätzend und führt auf die Dauer zum Absterben der Bäume, bis diese zusammenbrechen. Spätestens dann werden die Kolonien kleiner und an anderen Standorten werden neue errichtet. Auch gemischte Kolonien, zusammen mit Graureihern (Ardea cinerea), kommen vor.

Bild Kormoran (Phalacrocorax carbo) Kolonie

Abb. 2: Kormorankolonie bei Bergen auf Rügen (03 / 2007, K. Rönsch).

Die Balz findet auf dem Nest statt und besteht aus einem geduldigen Winken der Männchen mit den Flügeln, um die Aufmerksamkeit der Weibchen zu erregen. Das Nest wird von beiden Geschlechtern aus kleinen Ästen und Zweigen gebaut.
Die Brutzeit beginnt bereits mit der Ablage des ersten Eies. Die hellblauen Eier werden ca. 23 bis 25 Tage lang abwechselnd von Männchen und Weibchen bebrütet, bevor die 3 bis 4 nackten und blinden Küken schlüpfen. Nach etwa einer Woche öffnen sich die Augen und es entwickelt sich ein dichtes dunkelgraues Daunenkleid. Nach dem Flüggewerden tragen sie ein unscheinbar dunkelbraunes Jugendkleid.
Bei starker Sonneneinstrahlung wird es den Jungen oft zu heiß im Nest, dann beginnen sie zu hecheln und kühlen sich über den stark durchbluteten Kehlsack ab.

Bestand


Um 1900 gab es in Deutschland und Dänemark keine Kormorane mehr. 1912 brüteten sechs Paare an der Müritz und 1922 kamen einige auf dem Fischland dazu und es gründete sich eine Kolonie auf der Insel Pulitz bei Rügen. 1947 wurde diese durch Fischer zerstört und die Vögel zogen auf die Nachbarinsel Altrügen um. Aufgrund von Störungen brüteten dort 1950 nur nach zwölf Paare. Als sich dann 1954 bei Niederhof in einem alten Gutspark eine neue Kolonie gründete, stellte man diesen Brutplatz unter Schutz. Die Kolonie wuchs und war bis 1960/62 der einzige bzw. größte Brutplatz. 1961 trug eine der Buchen 145 Nester und 1963 erreichte die Kolonie mit 1.186 BP ihren Höhepunkt. Da gab es bereits weitere Koloniegründungen im Binnenland. Ab 1980 wurde der Bestand (5 Kolonien mit 710 Brutpaaren) allerdings gezielt reguliert und die Neugründungen von Kolonien verhindert. Trotzdem wuchs er kontinuierlich und betrug 1991 etwa 5.500 Brutpaare.
1970 gab es in Westeuropa ca. 30.000 Kormorane, die sich auf Brutkolonien in Holland, und Dänemark konzentrierten. Mittlerweile wird der Bestand in Europa auf über zwei Millionen Vögel geschätzt. Nachdem in Deutschland 1995 von 15.000 Brutpaaren ausgegangen wurde, waren es 2008 etwa 23.900. Seitdem bewegt sich der Bestand auf diesem Niveau. Es gibt ca. 140 Brutplätze. Von diesen stellen 5 % Kolonien mit mehr als 500 Brutpaaren dar. Die Mehrzahl (70 %) sind kleine Brutplätze mit weniger als 100 Brutpaaren.
In der Schweiz war nach einem Maximum von über 8.000 Kormoranen bereits 1992 wieder ein Rückgang der Art zu verzeichnen.
Vogel des Jahres

Keine Ernennung eines Jahresvogels hat bisher größere Proteste hervorgerufen, als die des Kormorans, denn schon immer haben Angler, Berufsfischer und Fischwirte die Brutkolonien der Kormorane zerstört und versucht, die Entstehung neuer Kolonien zu verhindern. Da der Vogel ein Fischjäger ist, wird er als Nahrungskonkurrent für den Menschen angesehen. Die organisierten Verfolgungsaktionen in den vergangenen Jahrhunderten hatten bereits dazu geführt, dass der Kormoran um 1900 in Deutschland und Dänemark als ausgestorben galt.

Bild Kormoran (Phalacrocorax carbo)

Kormoran in Heiligenkirchen (K. Rönsch, 2005).

Heute sind Kormorane in Europa wieder deutlich häufiger, als vor 200 Jahren und sie kommen in Regionen vor, wo sie seit langem nicht mehr beobachtet wurden. Dies kann eigentlich als Erfolg im Sinne des internationalen Vogelschutzes gewertet werden. Deshalb wurde die Art 1996 auch aus dem Anhang 1 der EU-Vogelschutzrichtlinie gestrichen, wonach sie bis dahin nicht verfolgt werden durfte.
Der Kormoran unterliegt in Deutschland nicht dem Bundesjagdgesetz und ist daher keine jagdbare Art. Auf Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes (§ 43, Abs. 8) haben die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen Kormoran-Verordnungen erlassen, nach denen der Vogel mit Ausnahmeregelung wieder bejagt werden kann. So werden nun jährlich ca. 15.000 Kormorane abgeschossen. Im Jagdjahr 2008/09 waren es 17.000. Damit hat die Entwicklung wieder an den Punkt geführt, wo nur noch wirtschaftliche Interessen das Verhältnis Mensch-Vogel bestimmen. Mittlerweile sind zumindest die Verordnung und der Erlass in Nordrhein-Westfalen aufgrund des stagnierenden Bestandes wieder außer Kraft und damit die Abschüsse beendet.
Allerdings stellt die Jagd noch nicht die letzte Lösung des „Kormoranproblems“ dar. Auch andere Maßnahmen, wie das Besprühen der Eier mit Öl, der Einsatz von Lasergewehren zur Vergrämung, die Entnahme der Eier und der Austausch gegen Kunsteier, sind umstritten. Die Beunruhigung der Vögel zur Brutzeit und damit das Auskühlen der Eier führt auch zur Beunruhigung anderer geschützter Arten. In einigen Naturschutzgebieten schossen Jäger mit Schrot in die Nester, um die Eier zu zerstören. Beim Abschießen der Ästlinge (noch nicht flugfähige Jungvögel) starben nicht sofort alle Jungvögel. Einige waren nur verletzt, andere fielen auf den Boden und verendeten später. Auf diese Weise wurden in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2003 und 2005 15.000 Jungvögel getötet. Aufgrund von Protesten wurden diese Vorgehensweise eingestellt. Nach wie vor werden illegal Brutplätze zerstört, indem die Horstbäume abgesägt werden.
Der Einsatz von Netzen, die über die Teiche gespannt werden, um die Kormorane fernzuhalten, bedarf einer Genehmigung und sachkundiger Anbringung, da nach § 13 Tierschutzgesetz derartige Anlagen zum Fernhalten von Wirbeltieren verboten sind, wenn sie Schmerzen oder Schäden bei den Tieren hervorrufen können. Dies ist möglich, wenn sich die Vögel in den Maschen verfangen.
Offenbar gibt es aber - in Gestalt des faunenfremden Waschbären - einen neuen Fressfeind für Kormorane, der alle Nester einer Kolonie ausrauben kann und damit zur Aufgabe ganzer Kolonien beiträgt. Auch der erfreulicherweise wieder angestiegene Seeadlerbestand wirkt sich auf die Kormorane aus. So attackierten und erbeuteten Seeadler (Haliaeetus albicilla) in einigen Kolonien regelmäßig Jung- und Altvögel, so dass Nester und letztendlich die Kolonien aufgegeben wurden. In Dänemark wurde dasselbe Szenario bei Steinadlern (Aquila chrysaëtos) beobachtet. Ebenso gilt dies für den Uhu (Bubo bubo), dessen Beutefang ebenfalls zur Aufgabe von Kolonien führte. Silbermöwen (Larus argentatus) und Kolkraben (Corvus corax) können Kormoranküken erbeuten und der Habicht (Accipiter gentilis) Jungvögel.
Bei bodenbrütenden Kormoranen erweitert sich die Zahl der Feinde um Wildschwein, Fuchs Marderhund, Mink, Iltis u. a.
Der natürliche Feinddruck trägt somit offenbar effektiver zur Bestandsregulierung bei, als menschliche Vernichtungsaktionen. Es wäre sinnvoll, die natürliche Entwicklung zu verfolgen, anstatt den Kormoran wie in den letzten Jahrhunderten erneut zu verfolgen.

© Dirk Schäffer (10 /2010)