Kolkrabe (Corvus corax LINNAEUS 1758)

engl.: Ravn

Foto: K. Rönsch, Kolkrabe Tierpark Stralsund

Mit einer Spannweite von bis zu 1,50 m ist der Kolkrabe (Corvus corax) der größte Rabenvogel der Welt und somit sowohl unser größter einheimischer Sing- als auch Rabenvogel. Trotz seiner Größe wird er öfter für eine der ebenfalls schwarz gefärbten und mit ihm verwandte Rabenkrähe (Corvus corone) gehalten.
Sprichwörtlich ist - wie bei allen Rabenvögeln - auch bei dem Kolkraben seine Intelligenz. Aus diesem Grund kann man ihn, vor allem bei der Nahrungssuche, auch in der Nähe des Menschen beobachten. Seine schwarze Gefiederfarbe, seine raue Stimme und seine Vorliebe für Aas, die in im Mittelalter auf die Schlachtfelder und Hinrichtungsplätze führte, haben dem Kolkraben im Volksmund einen schlechten Ruf eingebracht. So wurde er u. a. als "Galgen- und Pestvogel" bezeichnet. Dies hat ihm offenbar eine stellenweise bis heute andauernde Feindschaft des Menschen eingebracht.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Rabenvögel (Corvidae)
Gattung: Rabenverwandte (Corvus LINNAEUS, 1758)


Vorkommen

Der Kolkrabe ist ein Meister der Anpassungsfähigkeit. Er besiedelt die gesamte Nordhalbkugel (einschließlich Nordamerika) bis in die Polargebiete im Norden und bis an die Sahara im Süden. Selbst auf Grönland und in Island ist er anzutreffen. In Asien ist der Kolkrabe bis nach Nordostchina und Nordindien verbreitet.
Der Kolkrabe brütet auf den Britischen Inseln, in Frankreich, Spanien, Portugal, Skandinavien und in Osteuropa bis an den Ural. Außerdem findet man ihn im Süden in der Türkei, in Griechenland, Italien, auf den Mittelmeerinseln und dann weiter bis Israel, Syrien Irak, Iran und Pakistan. Der Kolkrabe kommt zudem in Marokko, Algerien und Tunesien als Brutvogel vor.
In Deutschland trifft man auf den Kolkraben vor allem in den Alpen, in Schleswig-Holstein, Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist er wieder häufiger Brutvogel. In den anderen Bundesländern ist seine Verbreitung noch sporadisch (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Nordrhein-Westfalen) oder er fehlt ganz.


Biotop

In allen Lebensräumen, angefangen von den Großstädten, in Urwäldern, Steppen, Wüsten bis hin zur Tundra und in den Gebirgen, ist der Kolkrabe als Brutvogel zu finden.


Wanderungen

Die alten Kolkraben sind fast ausschließlich Standvögel, die sich ganzjährig in ihrem Brutgebiet aufhalten.
Die jungen Kolkraben hingegen, verlassen das Brutrevier der Eltern und können auf der Suche nach eigenen Revieren bis zu mehrere hundert Kilometer weit wandern. Sie schließen sich dann mit anderen jungen Raben zu großen Trupps zusammen und verbleiben in diesen bis zu ihrer Geschlechtsreife (nach ca. 3 Jahren).
Im Winter und vor allem an Orten mit einem großen Nahrungsangebot (z.B. Mülldeponien) kann es allerdings generell zu großen Konzentrationen an Kolkraben kommen. In der Nähe von ergiebigen Nahrungsquellen finden sich die Kolkrabentrupps dann auch gemeinsam an Schlafplätzen ein.


Merkmale

Der Kolkrabe ist ein imponierender Rabenvogel, der zwischen 0,8 und 1,5 kg wiegen kann. Mit 0,60 bis 0,63 m Körperlänge und 1,20 bis 1,50 m Spannweite ist er etwa so groß wie ein Mäusebussard.
Das komplette Gefieder beider Geschlechter ist von schwarzer Farbe mit metallischem Glanz. Auch Beine, Schnabel und Auge sind schwarz gefärbt. Daher wird der Kolkrabe oft mit der deutlich kleineren, aber genauso gefärbten und nahe verwandten Rabenkrähe (Corvus corone) verwechselt. Vor allem der klobige Schnabel und die deutlich abstehenden Kehlfedern sind sichere Unterscheidungsmerkmale.

Charakteristisch und besonders auffällig sind der mächtige Schnabel und der keilförmige Schwanz im Flugbild. Außerdem können sich Kolkraben im Flug auf den Rücken drehen, was den anderen Rabenvögeln nicht gelingt.


Stimme

Der Kolkrabe hat eine imposante und laute Stimme. Sein Lautrepertoire ist eines der variabelsten in der Vogelwelt und wird noch zusätzlich durch umfangreiche Lautimitationen bereichert. Die meisten Laute sind allerdings situationsspezifisch, können aber auch in anderen Zusammenhängen verwendet werden. Markant sind ihre tiefen "korrk" Rufe sowie andere Rufe, die wie "rrab" und "klong" klingen. Menschen und andere Feinde werden im Revier mit lautem "raa" oder "grraa" angekündigt.
Ein von Menschen handaufgezogener Kolkrabe wird sehr zahm und anhänglich. Er kann perfekt Stimmen nachahmen und ist gut trainierbar, da er ein intensives Spielverhalten und Beschäftigungsbedürfnis aufweist. Deshalb wurden früher oft junge Kolkraben aus dem Nest geholt und gezähmt. Der Kolkrabe kann sehr gut Personen unterscheiden und weiß sehr genau, welche Gefahr ein Jäger mit einem Gewehr darstellen kann.

Einzelne Kolkraben - vor allem solche, die in Gefangenschaft leben - können so alt wie ein Mensch werden. Freilebende Vögel werden dieses Alter kaum erreichen. Die ältesten Ringvögel wurden 12 Jahre alt bis 20 Jahre alt.


Nahrung

Der Kolkrabe ist ein typischer Allesfresser, der in seiner Ernährung sehr anpassungsfähig und auch nicht sehr wählerisch ist. Er erbeutet vor allem kleine Wirbeltiere (Mäuse, junge Hasen, Amphibien), Küken und Eier sowie Insekten aller Art (z.B. Maikäfer). Er frisst aber auch Beeren und Früchte. In Seevogelkolonien, bei Wasservögeln und selbst bei Greifvögeln und Eulen plündert der Kolkrabe die Gelege und erbeutet Jungvögel. Wie alle Rabenvögel weiß auch der Kolkrabe, dass nach einer Jagd immer der Aufbruch (Eingeweide des erlegten Tieres) anfällt, den er sich dann mit seinen Konkurrenten unter den Aasfressern teilt. Selbst an den Meeresküsten sucht der Kolkrabe im Spülsaum nach angeschwemmten Meerestieren, Schnecken und Muscheln. Unverdauliche Nahrungsbestandteile werden als Gewölle wieder ausgewürgt.
Die extensive Mutterkuhhaltung auf großräumigen Weideflächen ohne Geburtsüberwachung und teilweise mit mangelnder Geburtshygiene (keine Entfernung von Nachgeburten) hat dazu geführt, dass der Kolkrabe frisch geborene Kälber auf ihre Vitalität prüft. Entdeckt er schwache Kälber oder Totgeburten, beginnt er an den Weichteilen zu fressen. Auch frischgeborene Schaflämmer und Ferkel von Hausschweinen in Freilandhaltung können auf diese Art und Weise vom Kolkraben getötet werden.
Besonders die Nahrungsreste auf den Müllkippen des Menschen stellten einen wichtigen Nahrungsbestandteil dar. Vor allem Winter wird Aas gefressen. Der Kolkrabe ist hochgradig auf das Auffinden von Kadavern spezialisiert und ist oft der erste, der einen Kadaver und frisch verendete Tiere entdeckt. Auch Verkehrsopfer sind eine ergiebige Nahrungsquelle für den Kolkraben. Besonders im Februar/März, wenn die Küken schlüpfen und andere Nahrungsressourcen noch knapp sind, stellt Aas einen wichtigen Faktor für den Bruterfolg der Raben dar. Wie andere Rabenvögel versteckt auch der Kolkrabe für Notzeiten Nahrungsstücke.


Brutbiologie

Bereits schon im Winter oder aber im zeitigen Frühjahr beginnt das Kolkrabenpaar, seinen potentiellen Brutplatz zu kontrollieren. Dabei kann es zu Auseinandersetzungen mit anderen Paaren kommen, da Kolkraben sehr territorial sind und ein großes Revier beanspruchen. Selbst Greifvögel können sie so aus ihrem Revier vertreiben oder von diesen die Horste übernehmen. Rabenpaare sind sich ein Leben lang treu und leben so lange in monogamer Dauerehe, bis einer der beiden Partner verunglückt oder stirbt. Oftmals brüten die Rabenpaare über Jahre in ein und demselben Horst, der dann jedes Jahr ausgebessert wird.
Wird ein neuer Horst gebaut, beginnt das Rabenpaar damit bereits im Januar. Die große und stabile Grundkonstruktion besteht hauptsächlich aus groben Ästen und Zweigen. Darauf folgt ein Innenbau, der aus Grassoden, feineren Ästen, biegsamen Zweigen, Wurzeln, Erde, Mist sowie teilweise auch aus Textilresten, Papier und Schnüren besteht. Die Nestmulde wird mit Fellresten, Haaren und Flechten warm und weich ausgepolstert. Im Hochgebirge liegen die Horste versteckt in Felswänden und im Flachland findet man sie auf den höchsten Bäumen und teilweise auch auf Gittermasten. Während des Bestandtiefes in Mitteleuropa unterschied man die Kolkrabenpopulationen anhand des Horststandortes in Laubholz- (bevorzugt glatte Buchen in Schleswig-Holstein) und Nadelholzbrüter (bevorzugt Kiefern in Polen) sowie die Felsbrüter in den Gebirgen.
Bereits im Februar legt das Weibchen 4 bis 6 oder auch 7 Eier, die es ca. 20 bis 21 Tage lang bebrütet und sich dabei auch von Frost und Schnee nicht beeinflussen lässt. In dieser Zeit und noch kurz nach dem Schlupf der Jungen wird es vom Männchen aus dem Kehlsack gefüttert. Die Eier sind von grünlicher Grundfarbe mit dunkelbrauner Fleckung. Die jungen Raben werden 35 bis 42 Tage im Horst gefüttert. Wenn sie durstig sind, erhalten sie eingeweichtes Futter oder bekommen aus dem Kehlsack der Eltern Wasser. Noch bevor sie vollständig flugfähig sind, verlassen sie bereits zeitweise den Horst und bewegen sich in den benachbarten Ästen. Bis in den Herbst hinein bleibt die Rabenfamilie noch zusammen. Dann verlassen die Jungen das Revier und wandern mit andern jungen Raben und Nichtbrütern zusammen umher, bis sie ein eigenes Revier besetzt haben, in dem sie dann auf Lebenszeit brüten.


Bestand

In Deutschland kam der Kolkrabe einst in allen größeren Waldgebieten als Brutvogel vor. Aufgrund des negativen Erscheinungsbildes, dass den Rabenvögeln allgemein zugeschrieben wurde, setzte bereits frühzeitig eine intensive Verfolgung derselben ein, von der auch der Kolkrabe nicht verschont blieb. Besonders die umfangreichen Vergiftungsaktionen und Abschüsse führten zu einer deutlichen Bestandsabnahme, sodass der Kolkrabe in der Mitte des 19. Jahrhunderts im westlichen Mitteleuropa bereits ausgerottet war. Nur im norddeutschen Raum, in Polen sowie in der Alpenregion überlebten einige Brutpaare den Vernichtungsfeldzug.
Nach dem 2. Weltkrieg profitierte der Kolkrabe in Deutschland vom strengen Waffenverbot und toten Weidetieren durch Viehseuchen. In den 50iger Jahren wurde er teilweise wieder verfolgt und ab den 60iger Jahren die Verfolgung eingestellt, wobei aber lokal immer wieder einzelne Kolkraben geschossen wurden. Langsam erholte sich dann der Bestand. Zusätzlich setzte man auch gezüchtete Kolkraben in geeigneten Gebieten (z.B. in Nordrhein-Westfalen, Thüringen und in den Niederlanden) aus, um sie wieder anzusiedeln. Auch jetzt hat der Kolkrabe noch große Verbreitungslücken in Deutschland und konnte sein gesamtes ehemaliges Verbreitungsgebiet noch nicht vollständig wiederbesiedeln. Die Wiedereroberung der ehemaligen Brutgebiete ist bis heute noch nicht abgeschlossen. In einigen deutschen Bundesländern (z.B. in Schleswig-Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern) kommt der Kolkrabe allerdings bereits wieder flächendeckend als Brutvogel vor.
Aktuell ist der Kolkrabe in seinem Bestand nicht gefährdet, muss aber weiterhin vor illegaler Verfolgung geschützt werden. So besteht die Gefahr, dass der Kolkrabe mit der nahe verwandten Rabenkrähe (Corvus corone) "verwechselt" wird, die in einigen Bundesländern jagdbar ist und auch intensiv abgeschossen wird. Zudem wirken sich die Schließungen offener Mülldeponien und deren fehlendes Nahrungsangebot sowie die Störungen an den Horststandorten, durch Forstarbeiten oder von Freizeitkletterern an Felswänden, negativ auf die Bruterfolge der Kolkraben aus. Der einzige Feind, den Kolkraben und ihre Jungen nach wie vor zu fürchten haben und der unter ihnen zu Verlusten führt, bleibt der Mensch.

© Dirk Schäffer (03/2011)