Kleiber (Sitta europaea Linnaeus 1758) - Vogel des Jahres 2006

engl.: European Nuthatch


Kleiber sind gedrungene, kurzschwänzige, lebhafte und auffällige Singvögel, die an Bäumen herumklettern und als einzige Vögel Mitteleuropas mit dem Kopf voran an Baumstämmen abwärts klettern können. Sie lieben lichte Wälder, Gärten, Parkanlagen, auch Nadelhochwälder und kommen im Winter gerne an die Futterhäuser, wo sie sich mit Erdnüssen füttern lassen. Auch in den Städten kann man sie mittlerweile auf Friedhöfen und in alten Parkanlagen beobachten.
Der Kleiber verdankt seinen Namen dem Verhalten, das Einflugloch seiner Bruthöhle bis auf die für ihn passende Größe mit Lehm zu verkleben (kleiben).

Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Kleiber (Sittidae)
Gattung: Kleiber (Sitta)


Vorkommen

Die Vogelfamilie der Kleiber umfasst 22 Arten. Verwandte europäische Arten sind der auf Korsika vorkommende Korsenkleiber (Sitta whiteheadi) und der in Südosteuropa und Vorderasien vorkommende Felsenkleiber (Sitta neumayer).
Der eurasische Kleiber kommt in 17 Unterarten in Europa, Nordwest-Afrika und Asien (mit Ausnahme von Süd- und Südostasien) vor. Das Verbreitungsgebiet reicht somit von der Iberischen Halbinsel, England und dem mittleren Skandinavien, quer durch Europa, bis nach Marokko, der Nordküste des Mittelmeeres, der Nordosttürkei, dem Kaukasus und dem Iran sowie weiter bis zum nördlichen Asien durch Russland bis nach Kamschatka, den Kurilen, China und Japan.
Kleiber treten allerdings nicht im Hohen Norden Europas und in den asiatischen Steppen- und Wüstengebieten östlich des Kaspischen Meeres auf.

Biotop: In erster Linie ist der Kleiber in höhlenreichen Altholzbeständen der Laub- und Laubmischwälder anzutreffen, in denen große, alte und borkige Bäume wachsen. Daher kann man den Kleiber nicht nur in Wäldern, sondern auch in nicht isoliert stehenden Feldgehölzen, in Parkanlagen, Alleen und großen Gärten antreffen. Die höchsten Brutvorkommen wurden im Gebirge bei 2.200 m Höhe festgestellt.

Wanderungen: Kleiber sind Standvögel und ihrem Revier normalerweise ganzjährig treu.
Die Jungvögel suchen sich nach dem Erreichen der Selbstständigkeit eigene Reviere und ziehen deshalb lokal umher. Im Sinne des Vogelzuges ziehende Kleiber werden extrem selten beobachtet.


Merkmale

Typisch für den Kleiber sind die kompakte, gedrungen wirkende „halslose“ Gestalt mit kurzem Schwanz und der relativ große Kopf mit dem kräftigen, langen spitzen Schnabel. Mit einer Größe von 12 bis 15 cm (14 cm) sind Kleiber kohlmeisengroß. Auffallend ist die kauernde Körperhaltung der 20 bis 24 g schweren Kleiber.
Männchen und Weibchen sind weitestgehend gleich gefärbt (s. Tabelle 1), wobei die Männchen besonders an den Flanken eine kontrastreichere Färbung aufweisen.
Beim Klettern setzt der Kleiber die Füße nicht neben- sondern übereinander. Er kann dadurch sowohl aufwärts als auch kopfüber abwärts einen Baumstamm hinunterlaufen.

Aufn. B. Bünger, Mariensee (2005).

Tab. 1: Aussehen des Kleibers (mitteleuropäische Subspezies Sitta europaea caesia Wolf 1810).

Merkmale Männchen und Weibchen
Kopf Oberseite und Stirn blaugrau mit weißlichen Wangen
Auge schwarzer Augenstreif vom Oberschnabel bis zu den Halsseiten; Iris dunkelbraun
Schnabel blei-, blau- oder dunkelschiefergrau mit schwarzer Spitze
Kehle/Kinn weißlich
Rücken blaugrau
Flanken kastanienbraun; Weibchen matt kastanienbraun
Brust ockergelblich (orangerot) bis rostfarben
Bauch ockergelblich (orangerot) bis rostfarben
Flügel Oberseite blaugrau bis bräunlich
Beine gelblichbraun; Zehen mit starken dunkelgrauen Krallen
Schwanz Oberseite blaugrau und Unterschwanzdecken kastanienbraun


Flugbild

Auffallend sind beim fliegenden Kleiber die abgerundeten Flügel und der kurze Schwanz sowie die ockerfarbige bis rostrote Unterseite. Die Flügelspannweite beträgt 22 bis 27 cm.

Stimme

Kleiber sind sehr stimmfreudige Vögel, die dadurch schnell auf sich aufmerksam machen. Bereits an milden Wintertagen hört man ihren lauten wohlklingenden Gesang, ein weithin schallendes, auf und ab klingendes „tüh tüh tüh“, das zu einem langen Triller verdichtet wird. Bereits von Ende Dezember bis ins Frühjahr hinein grenzen die Männchen ihr Revier mit ausdauernden und lauten Rufen („wi-wi-wi“) ab.
Auf die meisenähnlichen Lockrufe „sit sit“ deutet der lateinische Name des Kleibers hin.
Die ältesten beringten Kleiber erreichten ein Alter von 9 Jahren.


Nahrung

Kleiber leben zur Vegetationszeit hauptsächlich von Insekten (Käfern, Heuschrecken, Ameisen), deren Eiern und Larven sowie von Spinnen. Die Lieblingsnahrung der Kleiber sind allerdings Insektenlarven, die sie unter oder zwischen der Baumrinde erbeuten.
Zum Herbst hin stellt sich der Kleiber auf vegetarische Nahrung um und es werden die Samen verschiedener Laub- und Nadelbäume gefressen. Im Winterhalbjahr stehen vor allem Haselnüsse, Bucheckern und trockene Früchte auf dem Speiseplan der Kleiber. An den winterlichen Vogelfütterungen fressen Kleiber vor allem Erdnuss- und Sonnenblumenkerne.

Kleiber an der Winterfütterung (Aufn. B. Bünger, Mariensee, 2005).

Um eine Nuss öffnen zu können, wird diese in eine Baumspalte oder Rindenritze geklemmt und damit fixiert. Dann hämmert der Kleiber die so gesicherte Nuss ähnlich wie die Spechte auf. Nach Meisenart presst der Kleiber aber auch kleine Samen mit den Füßen an Zweige und hackt sie dann auf. Daher wird der Kleiber auch „Spechtmeise“ genannt, da seine Lebensweise, seine Nahrungsaufnahme und auch sein Verhalten sowohl an Spechte als auch an Meisen erinnern.
Wenn im Spätsommer und im Herbst ein Überangebot an Samen besteht, legen Kleiber auch Futterverstecke in ihrem Revier an, die später geleert werden. Im Frühsommer und Sommer werden auch Insekten versteckt, deren Kopf vorher zertrümmert wurde.


Brutbiologie

Bereits im zeitigen Frühjahr (im März) beginnen Kleiber mit dem Ausbau der Brutstandorte, nachdem potentiell geeignete Bruthöhlen schon im vorangegangenen Herbst inspiziert und im Februar gereinigt worden sind.
Als sogenannte sekundäre Höhlenbrüter beziehen Kleiber zur Brut natürliche Baum- und Spechthöhlen. Vor allem die Höhlen des Buntspechts (Dendrocopos major) weisen die für den Kleiber passende Größe auf. Um die natürlichen Höhlen gibt es einen starken Konkurrenzdruck mit anderen Vogelarten, wie dem Feldsperling (Passer montanus), den Meisen, Fliegenschnäppern, mit Säugern (Fledermäuse, Bilche) und mit Insekten (Hornissen, Wespen und Hummeln). Gern werden deshalb Nistkästen als Ersatz angenommen. Stellenweise wurden auch natürliche Spalten, Mauern oder Heuschober als Neststandorte ausgewählt. Kleiber nisten meist über 2,0 m vom Boden entfernt. Manchmal werden aber auch Höhlen bezogen, die sich kurz über dem Boden befinden.
Ist der Eingang der Bruthöhle oder zum Nistkasten zu weit, wird er mit einer Mischung aus Erde, Lehm und Speichel bis auf die Körpermaße der Vögel, das sind etwa 30 bis 35 mm, zugemauert.

Kleiberhöhle in einem alten Apfelbaum (Aufn. B. Bünger, Mariensee, 2006).


Dieser Eigenart verdankt der Vogel auch seinen Namen. Dieser Trieb ist so stark entwickelt, dass auf alle Fälle geklebt wird, selbst dort, wo das normale Maß am Flugloch bereits vorhanden ist. Dann wird die Klebmasse einfach innen und außen an der Bruthöhle angebracht. Besonders Nistkästen werden an der Außenwand vom Flugloch bis zum Dach gern zugekleistert. Ein sicheres Zeichen, dass der Kasten vom Kleiber bewohnt wird. Aber auch alle Ritzen und Spalten der Höhle oder des Nistkastens werden zugekleistert. Die Mauerarbeiten können sich über ein bis zwei Wochen erstrecken.
Die Zumauerung des Höhleneinganges hilft dem Kleiber auch vor Brutplatzkonkurrenten, wie z. B. dem größeren und aggressiveren Star (Sturnus vulgaris) und schützt die Brut vor Fressfeinden, wie den Mardern und Eichhörnchen. Kleiber wählen vor allem größere und voluminöse Höhlen aus, die sie mit einer dicken Rindenschicht gegen Nässe vom Höhlenboden oder eindringende Feuchtigkeit isolieren. Bei diesen tiefen Höhlen fällt es Waschbären und Mardern besonders schwer, durch Hineingreifen mit der Pfote an die Jungen oder den brütenden Altvogel zu gelangen, um diese herauszuziehen.
Kleiberpaare sind oft lebenslang zusammen und bleiben auch ihrem Revier treu. Allerdings gibt es auch bei Kleibern Seitensprünge, so dass die Jungen nicht vom Revierinhaber, sondern von einem anderen Männchen stammen. Vor allem im Spätsommer kommt es zu vermehrten Auseinandersetzungen mit anderen Kleiberpaaren, die ein Revier besetzen wollen. Nicht immer sind bei diesen Kämpfen die Revierinhaber erfolgreich.
Bei der Balz vollführt das Männchen oft einen langsamen Imponierflug oder es nimmt eine Imponierhaltung mit geplustertem Gefieder, gespreizten Flügeln und gefächertem Schwanz ein.
Das Nest wird vom Weibchen aus Rinden- und Holzstücken gebaut und mit Haaren, Federn sowie auch Gras ausgekleidet. Wenn vorhanden, wird als Nistmaterial sehr gern zersplissene Kiefernrinde verwendet und dann in großen Mengen eingetragen.
Die Weibchen legen von Mitte April bis in den Mai hinein sechs bis acht, manchmal auch bis zu zehn milchig weiße Eier mit rostroten Flecken. Verlässt das Weibchen seine Bruthöhle auch nur für kurze Zeit, deckt sie die Eier mit Blättern oder Rinde zu. Die Brutzeit dauert 14 bis 16 Tage. In dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen gefüttert. Nach dem Schlüpfen bleiben die Jungvögel 22 bis 25 Tage in der Bruthöhle und werden von beiden Altvögeln mit Insekten und deren Larven (z. B. Raupen) versorgt. Beim Ausfliegen sind die jungen Kleiber dann schon sichere Flieger und bleiben noch acht bis zehn Tage mit den Eltern zusammen, bevor sie abwandern und sich ein Revier in der Umgebung suchen. Bereits im ersten Frühjahr werden die jungen Kleiber geschlechtsreif und können dann eine eigenen Brut großziehen.
Da der Kleiber bei uns eine der am frühesten brütenden Arten ist, können späte Fröste zum Tod der gesamten Brut führen. Eine zweite Brut wird aber in der Regel - auch nach anderen Verlusten - nicht versucht.


Bestand

In Deutschland sind ca. 8 % der europäischen Kleiberpopulation beheimatet und absolut wird der Brutbestand auf 600.000 bis 1,4 Millionen Brutpaare geschätzt. Für die Schweiz werden 70.000 bis 120.000 und für Österreich 300.000 bis 500.000 Brutpaare angenommen.
Der Bestand gilt als stabil und der Kleiber wird als nicht gefährdete Art eingestuft. Es ist jedoch bereits jetzt zu befürchten, dass der Bestand in Zukunft kleiner werden könnte, weil sein Lebensraum durch die ökonomischen Zwänge der Forstwirtschaft beeinflusst wird.
Damit hat Deutschland eine zentrale Verantwortung für die Art und ihren Lebensraum. Somit gilt es, höhlenreiche Altholzbestände und strukturreiche, lichte Laub-, Laubmisch- und Nadelwälder zu erhalten. Vor allem müssen zukünftige Schutzbemühungen auf die alten Rotbuchen- und Eichenwälder konzentriert werden.

Kleiber am Futterautomaten (Aufn. B. Bünger, Mariensee, 2005).


Vogel des Jahres

Als typischer Waldbewohner ist der Kleiber auf Bäume angewiesen, um auf ihnen Nahrung zu suchen und auf ihnen zu brüten. Die Wahl des Kleibers zum Vogel des Jahres 2006 erfolgte deshalb als Plädoyer für den Schutz von alten Buchen- und Eichenwäldern.
Der Kleiber steht somit stellvertretend für einen typischen Lebensraum in Deutschland und Mitteleuropa, der unverzichtbar für viele Tier- und Vogelarten, wie z. B. Fledermäuse, Spechte, Schnäpper oder Greifvögel, ist.

© Dirk Schäffer (01/2005, aktualisiert 12/2010)