Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes Linnaeus, 1758)

Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes Linnaeus, 1758)

Bild Kernbeisser (Coccothraustes coccothraustes)

Foto: K.Rönsch (Wettin, 12/2010)

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engl.: Hawfinch / Grosbeak

Der Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes) ist ein farblich sehr auffälliger und kräftiger Fink, der vor allem durch seinen sehr robusten Schnabel unverwechselbar gekennzeichnet ist. Da er auch die Friedhöfe und großen Parks der Städte besiedelt und dann im Winter die Futterhäuser besucht, zählt er zu den bekannteren Singvögeln.
Der Name deutet auf den spezialisierten Nahrungserwerb dieses Finken hin, der mit dem überaus kräftigen Schnabel Kerne und Nüsse knacken kann, um an deren Samen zu kommen. Da Kernbeißer gerne Kirschkerne knacken, wird der Vogel im Volksmund auch Kirschkernknacker genannt.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Finkenvögel (Fringillidae)
Unterfamilie: Zeisig-gimpelartige Finken (Carduelinae)
Gattung: Kernbeißer Coccothraustes Pallas 1811

Vorkommen


Der Kernbeißer ist die einzige Art dieser Finkenvogelgattung und über die ganze Nordpaläarktis verbreitet. Er kommt von Großbritannien, Frankreich, der Iberischen Halbinsel und Marokko ostwärts bis Kamschatka, Sachalin, den Südkurilen und bis nach Hokkaido (Japan) vor. Im Süden bilden Nordalgerien, Nordwesttunesien, Sardinien, der Zentralapennin, Makedonien, Thrakien, der Westen und der Norden Anatoliens, Transkaukasien sowie der Nordiran die Grenze. Ein kleines Vorkommen existiert in Mittelasien.
Die nördliche Grenze des Verbreitungsgebietes bilden der südlichste Teil Norwegens, Süd- und Mittelschweden, Finnland, Südkarelien. Sie verläuft dann weiter über den zentralen Teil des europäischen Russlands, über den Baikalsee und die Amur-Region bis zum Ochotskischen Meer.
Die höchsten Brutvorkommen bestehen im Kaukasus und in Afghanistan (bis 2.200 m).

Biotop


Der Kernbeißer bevorzugt lichte Laubwälder in der Ebene und im Gebirge. Auch große Parkanlagen, Friedhöfe und größere verwilderte Gärten in den Städten werden besiedelt. Vor allem Hainbuchen-, Buchen-, Eschen- und Steinobstbestände liefern dem Kernbeißer das entsprechende ganzjährige Samenangebot und auch Raupen in der Brutzeit.
Auf den Wattenmeerinseln, dem Marschland und den Küstendünen fehlt der Kernbeißer. Ebenso werden waldarme und großflächige Agrarlandschaften sowie Wirtschaftsnadelwälder gemieden.

Die Kernbeißer, die bei uns leben, sind Standvögel. Die Vögel aus den nördlichen Brutgebieten ziehen im Winter allerdings in südeuropäische Länder.
Merkmale

Der Kernbeißer ist ein großer, kompakt gebauter Fink mit einem kurzen Schwanz. Er ist in seiner Gefiederfarben unverkennbar und fällt vor allem durch seinen großen und enorm kräftigen Schnabel auf.

Mit 16,5 cm Größe ist der Kernbeißer knapp starengroß und sehr robust.
Der Schädel des Kernbeißers ist 2,5 mal größer und fast viermal schwerer als der des Buchfinken und die Basis des Unterschnabels ist fest im Schädel verankert, um den entsprechenden Muskeldruck für das Knacken von Kernen aufbringen zu können. Zudem besitzt der Kernbeißer den wahrscheinlich ausgeprägtesten Gaumen aller körnerfressenden Singvögel, da dieser durch Hornhöcker verstärkt wird.
Beide Geschlechter sind gleich gefärbt, wobei aber das Gefieder der Weibchen deutlich matter, weniger kontrastreich und gräulicher aussieht.
Den Jungvögeln fehlt die schwarze Augen-Kehl-Maske und der Kopf wirkt gelblich bis olivgrau.
Aussehen des Kernbeißers

Kopf: braun mit schwarzer Augen-Kehl-Maske
Hinterkopf: rötlich zimtbraun
Iris: individuell variierend von grau- bis rotbraun
Scheitel/Wangen: gelblich zimtbraun
Vorderkehle/Kinn: schwarz; übrige Kehle weinrötlich zimtbraun
Schnabel: heller Schnabelgrund, der im Sommer blau-/bleigrau und im Winter hellbeige-fleischfarben gefärbt ist
Hals: hellgrau
Nacken: hellgrau
Rücken: rot- bis dunkelbraun
Schulter: kastanienbraun mit weißbrauner Binde zwischen Schulter und Flügelansatz
Brust: weinrötlich zimtbraun
Bauch: weinrötlich zimtbraun; Hinterbauch: weiß bis zu den Unterschwanzdecken
Beine: in der Brutzeit ? bräunlichrot und ? bis korallenrot; ab Herbst blass bräunlich bis fleischfarben
Flügel: schwarz mit weißen Schulterflecken und weiße Flügelbinden
Bürzel: gelblich zimtbraun
Schwanz: warmbraun mit weißer Unterseite und weißem Schwanzende

Stimme


Der Gesang des Kernbeißers ist ein sehr leises und anspruchsloses Zwitschern. Da die Vögel in den höchsten Spitzen der Baumkronen leben, hört man sie eher, als das man sieht. Auffällig sind die markanten ?zieht?-Flugrufe oder das explosionsartig scharfe ?tsik?.

Alter: Die ältesten Ringvögel wurden mindestens 10 bis 11 Jahre alt. Ein in Gefangenschaft gehaltener Vogel wurde 19 Jahre alt.

Nahrung


Der Kernbeißer ernährt sich im Sommer vorwiegend von den Kernen verschiedener Früchte und im Winter von den großen Samen bestimmter Laub- (von Eiche, Ulme, Ahorn, Pappel) und Obstbaumarten (Kirschen) sowie vor allem von Bucheckern. Zusätzlich werden die Samen verschiedener Früchte von Sträuchern, wie z. B. Hagebutten, Himbeeren, Mehlbeeren, Feuerdorn, Hartriegel, Vogelbeere, Schwarzdorn, Holunder u. a. gefressen. Zudem stehen auch Insekten, vor allem hartschalige Käfer und deren Larven sowie Spinnen auf der Nahrungsliste. Von Juni bis August ernährt sich der Kernbeißer vorrangig von den Samen der Pflanzen aus der Krautschicht. Aber auch Knospen (von Esche, Eiche, Hainbuche, Weißdorn) und Blütenteile werden vorwiegend im Frühjahr gefressen.
Nach Berechnungen muss der etwa 58 g schwere Kernbeißer für das Knacken von Kirsch- und Olivenkernen einen Druck von 27 bis 43 kg bzw. 48 bis 72 kg aufwenden. Insgesamt dauert das Enthülsen und Verzehren eines Samens der Traubenkirsche 45 bis 50 Sekunden.

Brutbiologie


Kernbeißer balzen bereits im März und sind teilweise sehr reviertreu. Bei der Balz plustert das Männchen die Kopf- und Brustfedern auf, lässt die Flügelspitzen hängen und knickst dabei.

Das Weibchen baut, mit teilweiser Unterstützung durch das Männchen, meist auf einem hohen Ast oder am Stamm vor allem von Laubbäumen, auf einem Unterbau aus Zweigen und/oder Reisern ein napfförmiges Nest aus Wurzeln und Gras. Die Nestmulde wird mit Flechten, Baststreifen, Haaren und Fasern ausgepolstert. Die Nester sind sehr widerstandsfähig und oft wird das neue Nest nicht weit entfernt von dem des Vorjahres gebaut.
Ende April bis Mai legt das Weibchen meist 4 bis 6 oliv- bis grünlichgraue Eier, die oliv- bzw. dunkelbraun bis schwarz gepunktet oder gefleckt sind. Hinzu kommen außerdem Linien, Schnörkel und Adern in verschiedenen Brauntönen, die sich in allen Richtungen über das Ei verteilen. Aufgrund dieser charakteristischen Färbung kann das Kernbeißerei mit keinem Ei einer anderen Singvogelart verwechselt werden.
Die Eier werden etwa 12 Tage lang vom Weibchen bebrütet. In dieser Zeit wird es vom Männchen gefüttert und in den Brutpausen von diesem begleitet.
Die Jungen werden vor allem mit den Raupen von Schmetterlingen (z. B. Eichenwickler und Frostspanner), Käfer, Blattläuse und hochgewürgten Samen von beiden Eltern gefüttert. Nach ungefähr 11 Tagen Nestlingszeit verlassen die Jungen das Nest und bleiben noch bis zum Oktober/November mit den Altvögeln zusammen.
Da Verluste durch Predatoren (z. B. Rabenvögel, Marder, Eichhörnchen, Waldkauz und Bussarde) häufig auftreten, finden zu Beginn der Brutzeit Ersatzbruten statt. Nur manchmal scheint eine reguläre zweite Brut stattzufinden.

Bestand


Der Bestand des Kernbeißers ist nicht bedroht und hat in den letzten Jahren langsam etwas zugenommen. Offenbar erweitert die Art ihr Areal nach Norden, was auch durch die Anpassung an die Lebensbedingungen in Nadelwäldern und in Städten begünstigt wird.
Allerdings treten bedingt durch das unterschiedliche Samenangebot immer wieder Bestandsschwankungen auf.
Leider ist der Kernbeißer im Mittelmeerraum noch immer ein beliebtes Jagdobjekt und auch als Käfigvogel ist dieser Fink noch sehr begehrt.

© Dirk Schäffer (02/2011)