Haussperling (Passer domesticus LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 2002

Haussperling (Passer domesticus LINNAEUS 1758) - Vogel des Jahres 2002


engl.: House Sparrow

Bild Haussperling Männchen und Weibchen

Foto: Haussperling Männchen (oben im Bild) und Weibchen (unten), K. Rönsch (Wettin, 01/2011).

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Der Haussperling (Passer domesticus) - vom Volksmund Spatz genannt - ist mit Sicherheit der bekannteste Singvogel und wurde mit Ausnahme der heißen Tropen fast weltweit verbreitet. Er ist ein Kulturfolger, der sich seit über 10.000 Jahren dem Menschen in seinen Siedlungen angeschlossen hat. Ursprünglich in den Steppengebieten Vorderasiens zu Hause, hat der Spatz im Gefolge der nomadischen Reitervölker Europa erobert. Im Zuge der Entdeckung und Besiedlung von anderen Kontinenten durch die Europäer siedelten diese den Spatz, in den nachfolgenden Jahrhunderten, in allen Teilen der Welt, als einen ihnen vertrauten Vogel der Heimat an. In der Tat ist das Schicksal des Haussperlings eng mit dem des Menschen verbunden, da er sich in dessen Siedlungen - wie kaum ein anderer Vogel - zu Hause fühlt. Dies wird ihm allerdings nun zum Verhängnis. Der moderne Ordnungssinn lässt kaum noch Nischen und Ritzen zu, in denen Sperlinge brüten können. Außerdem gibt es immer weniger Insekten, die für die Jungenaufzucht notwendig sind.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Sperlinge (Passeridae)
Gattung: Passer BRISSON

Vorkommen


Die Familie der Sperlinge umfaßt 4 Gattungen mit 36 Arten. Bei uns treten Feld- und Haussperling sowie der Schneesperling (früher Schneefink genannt) auf. Mit Ausnahme weniger Landstriche in Südostasien, Westaustralien, einigen äquatorialen Gebieten und an den Polen ist der Spatz auf der ganzen Welt verbreitet. Er kommt sowohl bei 49°C in Afrika als auch bei - 26°C in Schweden zurecht. Nach Amerika kam der Spatz angeblich 1852 durch einen Shakespeare-Fan, der alle Vögel aus dessen Werken auch in Amerika heimisch sehen wollte. Auch die Auswanderer, die Australien besiedelten, hatten ihren Haussperling mit im Gefolge. Ebenso wurde der Haussperling auch auf den Malediven eingeführt und lebt dort aber nur in Male.
Viele Inseln in Ozeanien erreichte er auf Schiffen als blinder Passagier.

Merkmale


Sperlinge sind unauffällig braun bis grau gefärbte, bis zu 30 g schwere, finkenähnliche Vögel mit kräftigem, konischen Schnabel, der aber nicht weiter spezialisiert ist.
Der 14 bis 16 cm große Spatz fällt besonders durch seinen großen Kopf und den kräftigen Schnabel auf. Spatzen können Fluggeschwindigkeiten von bis zu 60 km/h erreichen.
Männchen und Weibchen des Haussperlings unterscheiden sich in ihrem Aussehen.
Die Männchen sind deutlich auffälliger gezeichnet. Sie haben eine schwarze Kehle, weiße Wangen, einen aschgrauen/dunkelblaugrauen Scheitel, einen braunen Nacken und kastanienbraune Streifen an den Kopfseiten. Den bräunlichen Rücken zieren schwarze Streifen. Brust und Bauch sind aschgrau gefärbt. Die braunen, dunkel gestreiften Flügel ziert eine weiße Binde.
Die Weibchen sind insgesamt unscheinbarerer matt braun gefärbt. Sie haben einen einfarbig graubraunen Kopf mit einem Überaugenstreif.
Das Sperlingsgefieder besteht vor der Mauser aus 3.200 Federn und wiegt 1,4 g. Nach der Mauser umfaßt es 3.500 bis 3.600 Federn und wiegt 1,9 g. Gemausert wird nur einmal im Jahr.

Stimme

Der Gesang des Haussperlings ist ein eher monotones aber lebhaftes Tschilpen ("tschilp"). Häufig zetert er aber auch "terrteterrterr" oder gibt einfache Warnrufe von sich. Der Lockruf beim Spatz ist ein einfaches "schilp, schilp". Ganz anders dagegen der Gesang, der aus einer Aneinanderreihung von Lockrufen und zirpenden Lauten besteht.

Nahrung


Der Haussperling ernährt sich vorwiegend vegetarisch mit einer Vorliebe für Körner und Samen der verschiedensten Unkräuter. In den Städten hat sich der Spatz dem Angebot angepasst und gilt als Allesfresser. Besonders an Imbißständen und in Freiluftlokalen stellt er dies unter Beweis. Denn dort ernährt er sich gern von Brotresten. Die moderne Wegwerfgesellschaft stellt also ein Paradies für den Sperling dar. Seine Anpassungsfähigkeit kennt keine Grenzen. So waren Haussperlinge die ersten Vögel in Großbritannien, die den Meisen das Öffnen der Milchflaschen nachahmten.
Die Jungen allerdings füttert der Haussperling in den ersten Tagen fast ausschließlich mit Raupen und anderer tierischer Nahrung. Oft stehen diese nicht zur Verfügung und es wird Brot an die Jungen verfüttert. Die Folgen sind Verdauungsstörungen, die bis zum Tode führen können.

Brutbiologie


Der Haussperling nistet meist an Gebäuden in Höhlen, Mauernischen, unter losen Dachpfannen und in Spalten. Aber auch Nistkästen, Schwalbennester und Spechthöhlen werden zur Brut ausgewählt. Auch als Untermieter in Greifvogelhorsten und Storchennestern kann man ihn finden. In Viehstellen baut er Freinester auf Lampen und ähnlichen geeigneten Neststandorten. Besteht Nistplatzmangel, werden auch Freinester in Bäumen angelegt.
Der Spatz lebt gern gesellig und brütet deshalb oft in Gemeinschaft mit anderen Paaren. Ein Sperlingspaar lebt in der Regel in "Dauerehe".
Das kugelförmige Nest ist sehr locker und unordentlich gebaut. Es besteht aus Stroh, Wolle, Gras, Stoff-, Papier- und Kunststoffresten. Manchmal hat das Nest noch eine angedeutete Nesthaube. Der Innenraum der Nester ist mit Federn ausgepolstert.
Die Brutzeit der Haussperlinge beginnt Mitte bis Ende April, dauert bis August und in diesem Zeitraum können 2 bis 3 oder auch 4 Bruten aufgezogen werden. Spatzen legen 5 bis 6 Eier. Diese haben auf weißem bis bräunlichen Grund eine graue bis tief braune Fleckung, die sehr stark variieren kann. Nach 11 bis 13 Tagen schlüpfen zwischen vier bis sechs Junge aus den bebrüteten Eiern. Der Nachwuchs wird überwiegend mit Insekten gefüttert. Junge Haussperlinge werden nach einem Jahr geschlechtsreif. Viele fallen aber bis dahin ihren zahlreichen Feinden (Sperber, Turmfalke, streunende Katzen) und dem Straßenverkehr zum Opfer.

Bestand


In der Antike galt der Spatz als Delikatesse und Lieferant für Heilmittel. So sollte sein Kot bei Zahnschmerzen und gegen Sommersprossen helfen. Wegen seiner Häufigkeit und der Vorliebe für Körner wurde der Spatz aber auch gnadenlos verfolgt. Im Jahre 1559 ärgerte sich ein protestantischer Pfarrer aus Dresden dermaßen über die Spatzen, die seine Predigt störten, dass er diese wegen "ihres unaufhörlichen verdrießlichen großen Geschreis und ärgerlichen Unkeuschheit ... " mit dem Bann belegte. Friedrich der Große verfügte, dass jeder seiner Untertanen pro Jahr einen getöteten Spatz abliefern muss.
Weltweit soll es 500 Millionen Haussperlinge geben. Die Lage in Europa sieht allerdings nicht mehr so rosig aus. Nachdem die Spatzen bis in die 50er Jahre verfolgt wurden sind, hat sich die Lage nunmehr dramatisch verändert. In den letzten Jahren ist überall ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Der Haussperling ist - wie andere Kulturfolger auch - ein Opfer der Veränderungen, die sich in den Siedlungen vollziehen. Die voranschreitende Sanierung der Gebäude läßt für Gebäudebrüter kein Loch und keine Spalte übrig, die als Brutplätze dienen könnten. Es gibt kaum noch unversiegelte Flächen und dazu kommt der chemische Vernichtungsfeldzug gegen die Insekten. Die Pferdeäpfel, denen die Spatzen ihren Siegeszug verdanken, gibt es schon lange nicht mehr und die Misthaufen sind aus den Dörfern verschwunden. Somit wird die Nahrung für die Spatzen knapp. Auch die intensive Landwirtschaft wirkt sich negativ auf die Ernährung der Spatzen aus. Denn früher konnten die Vögel auf Dreschplätzen, abgeernteten Getreidefeldern und bei Transporten eine Vielzahl von Körnern sammeln. Das ist jetzt vorbei. Auch in den dörflichen Gebieten haben sich die Lebensgrundlagen der Haussperlinge verändert. Pferde werden nur noch zu Sportzwecken gehalten und die individuelle Kleintierhaltung (vor allem Hühner) gibt es auch kaum noch. In Großbritannien ist die Zahl der Haussperlinge in den letzten 20 Jahren um fast 60 % zurückgegangen und der Vogel wurde auf die Rote Liste gesetzt. Außerdem wurde ein Wettbewerb ausgerufen, der die Ursachen des Rückgangs klären soll.
Für Ostdeutschland wird ein Bestand von 4.500000 Brutpaaren angenommen. In den Städten können dabei Siedlungsdichten von 25 bis 50 Brutpaaren/10 ha erreicht werden, die in den Dörfern sogar bei 50 bis 100 BP/10 ha liegen können.

© Dirk Schäffer ( 2002, aktualisiert 03/2011)