Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros GMELIN 1789)

engl.: Black Redstart


Weibchen Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros)

Foto: K. Rönsch, (Hohenlubast, 03/2005).


Männchen Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros)

Foto: K. Rönsch (07/2005).


In Mitteleuropa leben zwei der elf Rotschwanzarten, der häufige und im Siedlungsbereich des Menschen vorkommende Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) und der seltenere und heimlichere Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus). Zwischen beiden mitteleuropäischen Rotschwanzarten kann es zu Verpaarungen und Hybriden kommen.
Der Name des Hausrotschwanzes weist bereits auf die Charakteristik dieses Singvogels hin: Er ist in der Nähe von Häusern zu finden und hat einen auffallend rostroten Schwanz.
Ursprünglich war der Hausrotschwanz ausschließlich ein Vogel der Gebirge. Doch seit ca. 250 Jahren hat ein Großteil der Hausrotschwänze die felsige Bergwelt gegen die Städte und Dörfer des Menschen als Lebensraum eingetauscht. Die Art ist somit ein echter Kulturfolger und besonders bei der Wahl des Neststandortes sehr anpassungsfähig. Deshalb können Hausrotschwänze auch sehr leicht und regelmäßig beobachtet werden.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Schnäpperverwandte (Muscicapidae)
Gattung: Rotschwänze Phoenicurus


Vorkommen

Europa besiedelt der Hausrotschwanz mit Ausnahme Nordskandinaviens und Nordosteuropas vollständig. Auf den Nordseeinseln brütet er stellenweise nur sporadisch.
Er kommt außerdem in Nordwestafrika vor und besiedelt Klein-, Mittel- und Zentralasien bis nach Westchina. Ab Mitte des 19. Jh. breitet sich die Art in Europa ständig in nördlicher und nordwestlicher Richtung erfolgreich weiter aus. Auch bis Moskau und im Baltikum wurde die Art festgestellt.


Biotop

Ursprünglich war der Hausrotschwanz im felsigen Gelände bis hin zum alpinen Hochgebirge anzutreffen und hat sich dann an den Siedlungsbereich des Menschen angepasst. In den Alpen brüten Hausrotschwänze bis in 3.200 m NN. Mittlerweile sind Hausrotschwänze auch im Flachland in den Industriezentren, Häfen, Städten und Dörfern anzutreffen. Hier werden Tagebaue, Kiesgruben, Abraumhalden, große Ruinen, Baustellen, Geröllhalden, Schutt- und Lagerplätze bevorzugt. In Feldfluren und Wäldern ist das Vorkommen an menschliche Bauten (Scheunen, Hütten, Schuppen und Wohnhäuser) gebunden.


Wanderungen

Hausrotschwänze sind typische Kurz- und Mittelstreckenzieher. Aus seinen Winterquartieren im Mittelmeerraum, milderen atlantischen Breiten und Nordafrika kehrt der Hausrotschwanz als einer der ersten Zugvögel bereits im März in die Brutgebiete zurück. Die Männchen treffen meistens vor den Weibchen ein und besetzen die entsprechenden Brutreviere und kontrollieren den vorjährigen Brutplatz.
Im Oktober zieht der Großteil der Hausrotschwänze wieder in ihr Überwinterungsgebiet. Einzelne Vögel können allerdings bis in den Dezember hinein bei uns verweilen und zunehmend sind auch Überwinterungen festzustellen.


Merkmale

Äußerlich fällt an dem 14 cm großen und 13 bis 22 g schweren Singvogel vor allem der rostrote Schwanz auf, der beim Sitzen häufig zittert. Männchen und Weibchen lassen sich recht gut voneinander unterscheiden (s. Tabelle 1). Der Großteil der Männchen im 1. Lebensjahr ähnelt zu dieser Zeit den Weibchen. Einzig die Hausrotschwanzweibchen können mit den Weibchen des verwandten Gartenrotschwanzes verwechselt werden.

Tab. 1: Aussehen der beiden Geschlechter des Hausrotschwanzes (zum Vergleich Weibchen des Gartenrotschwanzes).

Merkmale Männchen Weibchen Weibchen Gartenrotschwanz
Kopf Stirn schwarz, teilw. mit weißem Fleck; Oberkopf / Nacken dunkel schiefergrau braun- bis rauchgrau Kopf/Hals graubraun
Auge Iris braunschwarz/schwarz Iris dunkelbraun
Kinn/Kehle schwarz hell rauchgrau Kehle weiß bis isabellfarben
Schnabel braunschwarz/schwarz; kurze Borsten dunkelgrau
Oberseite dunkelschiefergrau bis schwarz mit hell schiefergrauen Säumen braun- bis rauchgrau rußig graubraun bis olivbraun
Brust schwarz heller als Oberseite, mehr gewölkt rostorange bis isabellbraun
Bauch grau heller als Oberseite, mehr gewölkt rostorange bis isabellbraun; Bauchmitte weißlich
Beine braunschwarz/schwarz schwarz
Flügel dunkelbraungrau bis bräunlich schwarz; Unter-seite heller und grauer; heller Flügelspiegel Oberseite braun- bis rauchgrau; Unterseite heller und grauer Oberseite graubraun bis braun, Außensäume bis rostbraun; Unterseite beige mit rostrotem Anflug
Bürzel (bräunlich) rostorange rostorange
Schwanz (bräunlich) rostorange; braune Mittelfedern rostorange


Die Flügelspannweite beträgt 23 bis 26 cm.
Der älteste nachgewiesene Ringvogel erreichte ein Alter von 10 Jahren. Der Großteil dürfte aber nicht älter als 3 bis 5 Jahre alt werden.


Stimme

Das Männchen hat einen anspruchslosen, unnachahmlich heiser gequetschten bzw. schnalzenden und unverwechselbaren Gesang, der von einer erhöhten Position - z. B. einem Dachfirst, einer Fernsehantenne oder einem Schornstein - bereits früh am Morgen vorgetragen wird. Der Reviergesang besteht aus 2,5 bis 4 Sekunden langen Strophen, die i. d. R. drei Abschnitte aufweisen.
Der Warnruf ist ein hartes "tk-tk", der mit stärkerer Erregung in immer kürzeren Abschnitten folgt und von aufgeregtem Knicksen und Schwanzzittern begleitet wird. Nach der Mauser, ab September, beginnt eine weitere Gesangsphase, die bei einigen Männchen bis zum Wegzug in die Winterquartiere anhält.


Nahrung

Der Hausrotschwanz ist ein Insektenfresser und Wartenjäger, der im Herbst auch Beeren, Früchte und Sämereien nicht verschmäht. Zum Beutefang werden vor allem vegetationsarme Flächen (z. B. Baustellen, Schotterflächen, Industrie- und Bahnanlagen) aufgesucht.
Die Hauptbeute stellen Spinnen und Insekten dar, wobei letztere oft durch überraschende und wendige Flugmanöver von einer Sitzwarte aus gefangen werden. Als Ansitzwarten dienen Pfähle, trockene Äste, Zäune, große Steine, Grabsteine, Mauern und trockene Stauden. Aber auch auf kurzem Rasen, Grasland und felsigem Boden geht der Vogel auf die Jagd. Im Winter werden gern Dachböden, Keller und Lagerhäuser zur Insektenjagd aufgesucht, so sie durch Fenster oder Öffnungen zugänglich sind. Beliebt sind ebenso Kompost- und Misthaufen.
Erbeutet werden Käfer und Schmetterlinge sowie deren Larven und Puppen, seltener Blattläuse, Wanzen und Ohrwürmer. Größere Raupen werden vor dem Fressen gequetscht und/oder mehrmals gegen Unterlagen geschlagen. Von großen Schmetterlingen werden die Flügel abgetrennt.


Brutbiologie

Für sein Nest wählt der Hausrotschwanz beinahe Höhlen und Halbhöhlen jeglicher Art aus und ist dabei oft unempfindlich gegenüber Lärm und Gerüchen. So brütet er in Carports, in Mauernischen jeder Art, in Holzstapeln, in Briefkästen, Blumentöpfen, Laternen, Steinhaufen, Futterhäuschen, auf Balken, an der Wand lehnenden Gegenständen, in Maschinen und selbst in abgestellten Fahrzeugen. Hausrotschwanznester findet man auch in Ruinen, Schuppen, Ställen und Werkstätten, wo er Regale, Wandvorsprünge, Simse, Rauchschwalbennester u. a. Unterlagen nutzt. Auch alte Drosselnester werden als Brutstandort genutzt. Gern wird als Nistkasten eine sogenannte Halbhöhle, die es in den verschiedensten Ausführungen gibt, als Nisthilfe angenommen.
Das Nest wird ausschließlich vom Weibchen aus Graushalmen, Heu, Stroh, Moos, Flechten, feinen Zweigen, Dung und Federn sowie Wolle, Haaren bzw. Grannen zur Innenauspolsterung gebaut. Aber auch nichtorganisches Material, wie Putz, Kunst- und Isolierfasern jeder Art, Werg und Glaswolle dienen als Nestbaumaterial.
Hausrotschwänze brüten bis zu zweimal, ausnahmsweise auch dreimal, im Jahr. Dabei werden sowohl neue Nester gebaut, als auch die Nester der Erstbrut erneut genutzt. Die Brutzeit beginnt Mitte April (frühestens Ende März) und kann sich bis in den Juli hinein erstrecken.
Das Weibchen legt 4 bis 6 weiße Eier, die von ihm 13 bis 17 Tage lang bebrütet werden. Die Jungen werden von beiden Eltern (12) 15 bis 19 (20) Tage lang gefüttert. Dabei können bis zu 380 Fütterungen am Tag stattfinden. Ca. nach dem 5. Tag können die Jungen sehen und sperren dann zielgerichtet in die Richtung der anfliegenden Eltern. Die Jungen werden nach dem Ausfliegen noch bis zum Selbständigwerden betreut, da sie nach dem Ausfliegen noch nicht völlig flugfähig sind und sich dann oft am Boden, in Sträuchern und Bäumen verstecken.
Hausrotschwänze, die ihre eigene Brut verloren, wurden u. a. dabei beobachtet, wie sie bei anderen Artgenossen oder bei Rauschwalben (Hirundo rustica) und Kohlmeisen (Parus major) mit fütterten. Der Hausrotschwanz ist auch Wirtsvogel für den Kuckuck (Cuculus canorus).


Bestand

Der Hausrotschwanz ist in ganz Deutschland verbreitet, häufig und damit nicht gefährdet. Er profitiert auch von den angebotenen Nisthilfen im Siedlungsbereich.

© Dirk Schäffer (10 / 2010)