Haubenmeise (Lophophanes cristatus Linnaeus 1758)

engl.: European Crested Tit


Die Haubenmeise (Lophophanes cristatus) ist eine kleine standorttreue Meisenart, die vor allem in europäischen Nadelwäldern häufig anzutreffen ist. Aufgrund ihrer charakteristischen Federhaube kann sie mit keinem anderen Singvogel verwechselt werden. Da sie ein ausgesprochener Standvogel ist, kann man sie im Winter auch an Futterhäusern beobachten.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Meisen (Paridae)
Gattung: Lophophanes


Vorkommen

Die Haubenmeise kommt nur in Europa vor und ist hier in mehreren geographischen Variationen vertreten (s. Tabelle 1).
Das Einzugsgebiet der Haubenmeise erstreckt sich von der kontinentalen Nordsee- und Atlantikküste ostwärts bis an den Unterlauf der Petschora und den Südural.
Die Art ist in Mittel- und Osteuropa, Südwest- und Südosteuropa (nicht in Italien) und in Nordeuropa (außer Lappland) verbreitet. Auf den Britischen Inseln (mit Ausnahme von Schottland), Südgriechenland und Kleinasien kommen Haubenmeisen nicht vor. Die nördliche Taiga- und Tundrazone wird gemieden.
Wahrscheinlich haben Haubenmeisen während der letzten Eiszeit in einem einzigen Gebiet in SW-Europa ausgeharrt und sind dann nach der Eiszeit von dort aus nach Norden, Osten und Nordosten vorgedrungen.

Tab. 1: Verbreitung und Variationen der Haubenmeise.

Geographische Variationen Merkmale Vorkommen
L. cristatus abadiei Jouard, 1929 relativ kleine Größe und intensivere Färbung, auf der Oberseite und an den Flanken rötlichbraun gefärbt, im Norden längerer Schwanz Bretagne und Nordwestfrankreich
L. cristatus scoticus Pražak, 1897 Nordschottland
L. cristatus weigoldi Tratz, 1914 Portugal und Spanien
L. cristatus baschkirikus Snigirewski, 1931 blasses Gefieder, Flanken schwach bzw. nicht gelblichbraun Uralregion
L. cristatus bureschi von Jordans, 1940 größere Körpergröße (Flügellänge) Gebirge in Albanien, Griechenland, Bulgarien
L. cristatus cristatus Linnaeus, 1758 längerer Schwanz, gelblichbraune Flanken Skandinavien, NO-Polen und Westrussland
L. cristatus mitratus C.L. Brehm, 1831 gelblichbraune Oberseite, rötlichbraune Flanken; montane
Populationen sind blasser Mitteleuropa, Alpen und Pyrenäen


Biotop

Haubenmeisen bewohnen Nadel- und Mischwälder. Bevorzugt werden reine Kiefern- und Fichtenwälder. Mehr noch als die mit ihr konkurrierende Tannenmeise (Parus ater) ist die Haubenmeise ein reiner Nadelwaldvogel und dort vor allem auf alte Holzbestände angewiesen.
Seltener kommen Haubenmeisen daher in den Nadelholzbereichen von Gärten und Parks sowie in Buchenbeständen vor. In Südwesteuropa bewohnt die Haubenmeise außerdem Korkeichenbestände.
Innerhalb des Waldes benötigt die Haubenmeise Lichtungen und abgestorbene bzw. sterbende Stämme, in denen sie eine Bruthöhle anlegen kann.

Die Haubenmeise ist ein typischer Standvogel und kommt auch ohne vermehrte Verluste mit harten Wintern klar. Außerhalb der Brutzeit und vor allem im Winter streifen Haubenmeisen oft mit anderen Kleinvögeln vergesellschaftet umher und sind gelegentlich in kleinen Gruppen auch an Futterstellen in menschlichen Siedlungen zu beobachten.
Großräumige Wanderungen wurden bisher bei Haubenmeisen noch nicht nachgewiesen und ökologische Barrieren (z. B. größere Wasserflächen) werden nicht überwunden.


Merkmale

Bei der Haubenmeise sehen beide Geschlechter gleich aus, wobei die Weibchen etwas leichter als die Männchen sind. Die wesentlichen Merkmale sind in Tabelle 2 dargestellt.
Trotz ihres auffälligen äußeren Erscheinungsbildes, das vor allem durch die markante Haube geprägt wird, können sich die Haubenmeisen perfekt in das Erscheinungsbild ihrer Umgebung einfügen (s. Abb. 1).

Abb. 1: Durch Form und Farbe ist die Haubenmeise perfekt an ihre Umgebung
angepasst (Aufn. B. BÜNGER, Mariensee, 2006).

Jungvögel im ersten Lebensjahr unterscheiden sich durch eine kürzere Federhaube und ein graues schmaleres Halsband. Die weißen Gefiederanteile der Altvögel sind bei den Jungen gräulich.


Tab. 2: Merkmale und Aussehen der Haubenmeise.

Merkmale Färbung
Größe/Gewicht 11 - 12 cm; 10 g bis 13 g; kleiner als ein Haussperling (Passer domesticus)
Kopf weiß mit weißen Halsseiten und Zügel, eingefasst in ein hinter dem Auge beginnendes, halbmondförmiges schwarzes Band (schwarze Umrahmung der Wangen)
Federhaube verlängerte Scheitelfedern, spitz dreieckig und leicht nach vorn gebogen, schwarz-weiß gemustert (geschuppt oder gefleckt)
Augenstreif dunkler Strich durch das Auge; bildet hinter dem Auge einen Haken nach unten
Iris rotbraun
Kehle schwarzer Kehlfleck, der sich in einem schmalen schwarzen Band an den Halsseiten entlang nach hinten zum Genick fortsetzt und die hintere Begrenzung der hellen Backen bildet;
Schnabel glänzend schwarz
Rücken / Nacken graubraun
Flügel braun
Brust schmutzigweiß; hell bräunlichgrau
Bauch schmutzigweiß; hell bräunlichgrau
Flanken creme- bis lehmfarben
Beine dunkelgrau
Schwanz braun


Der Flug der Haubenmeise ist flatternd und recht schnell. Haubenmeisen erreichen eine Flügelspannweite von siebzehn bis zwanzig Zentimetern.


Stimme

Das Lautrepertoire der Haubenmeise ist im Vergleich zu den anderen Meisenarten gering. Die häufigsten Lautreihen sind ein unverkennbares „zi zi gürr“ oder kurz „gürr“, die bei Erregung auch trillernd zu hören sind und in unterschiedlicher Länge und Dauer wiederholt werden. Zudem können diese Laute auch schnurrend und ratternd klingen. Der Gesang wird in raschen Folgen bei hohem Tempo vorgetragen und besteht aus den genannten Lautreihen, wobei ein eigentlicher Reviergesang, wie er von den anderen Meisenarten bekannt ist, nicht abzugrenzen ist.

Die Lebenserwartung der Haubenmeise beträgt unter günstigen Umständen in der Natur etwa zwei bis drei Jahre. Einige Haubenmeisen erreichen aber ein Alter von bis zu neun Jahren. Dieses aufgrund ihrer geringen Größe hohe Alter wird mit ihrer ausgeprägten Standorttreue in Verbindung gebracht.


Nahrung

Im Sommer braucht die Haubenmeise tierische Nahrung wie Spinnen und Insekten, die sie mit den Füßen festhält und mit dem Schnabel bearbeitet. Im Winter ernährt sie sich von Nadelbaumsamen oder von Erdnüssen und Körnern am Futterhaus.
Die Haubenmeise findet ihre Nahrung meist hoch in den Bäumen. Im Frühjahr kann man Haubenmeisen auch auf dem Boden finden, wo sie vor allen Spinnen jagen. Bei der Bewegung im Unterholz legen die Haubenmeisen ihre Haube an. Welche Funktion die Haube speziell hat, ist noch nicht geklärt.
Die Haubenmeise ernährt sich im Frühjahr und Sommer hauptsächlich von Gliederfüßern, Insekten in allen Entwicklungsstadien, Spinnen und Samen. Im Spätsommer werden auch Sämereien von Koniferen und anderen Nadelholzgewächsen gefressen. Größere Insekten oder Samen werden mit den Füßen festgehalten und mit dem Schnabel bearbeitet.
Bereits im Sommer beginnt die Haubenmeise Nahrungsverstecke anzulegen.
Sie ist wenig gesellig und nur im Winter bilden sich kleine Trupps, die dann auch mit anderen Meisen vergesellschaftet sein können. Dann kann man die Haubenmeisen auch am Futterhaus beobachten (s. Abb. 2).

Abb. 2: Haubenmeise an der Winterfütterung (Aufn. B. BÜNGER, Mariensee, 2005).


Brutbiologie

Haubenmeisen sind sehr standorttreu und sie halten sich das ganze Jahr über in ihrem Revier auf, das gegen Artgenossen verteidigt wird. So wurde ein farbberingtes Brutpaar 5 Jahre lang in seinem Revier beobachtet.
Die Paarbildung findet frühzeitig, bereits nach der ersten Mauser statt. Die Paare leben dann in Dauerehe zusammen. Die Brutsaison erstreckt sich von März bis Juni/Juli. Zur Balz führt das Männchen einen charakteristischen Flatterflug auf und folgt dem Weibchen durch die Bäume.
Die Haubenmeise ist ein ausgesprochener Höhlenbrüter, der vor allem in Höhlen und Spalten von Bäumen oder hinter der Baumrinde brütet und sich in vermoderten Baumstümpfen sowie in abgestorbenen Bäumen eine Bruthöhle zimmert.
Seltener nimmt die Haubenmeise auch Nistkästen an. Dabei werden offenbar aus Baumhöhlen gefertigte Kästen und solche, die mit einer Mischung zum Aushacken gefüllt sind, bevorzugt. Bei Mangel an geeigneten morschen Baumstämmen wählen Haubenmeisen auch andere Brutstandorte, wie z. B. Greifvogelhorste, Baumstubben, Zaunpfähle, Erdlöcher, Eichhörnchenkobel, Drossel- und Zaunkönignester aus.
Auch einzelne Obst- und Laubbäume, die außerhalb des Waldes stehen, werden dann zu Brutstandorten.
Die Bruthöhle meißelt allein das Weibchen, und zwar in ähnlicher Art und Weise wie die Spechte. Die dabei anfallenden Holzstücke und Späne werden - allerdings im Gegensatz zu den Spechten - sofort auf Äste und Zweige in bis zu 5 m Entfernung getragen. In Abhängigkeit von der Härte des Holzes kann das Aushacken der Höhle zwei bis sechs Tage in Anspruch nehmen. Die Höhlen sind oft nur bis zu 5 cm breit und 11 bis 18 cm tief. Sie werden teilweise so ausgemeißelt, dass die Höhlenwand allein durch die Baumrinde gebildet wird. Für den Nestbau werden Moos, Flechten, Tier- und Pflanzenwolle sowie Spinnweben zusammengetragen. Die Nestmulde wird mit Dunen und Federn ausgepolstert.
Die Eiablage beginnt ab etwa Mitte April. Das Weibchen legt dann vier bis acht bzw. neun weiße Eier mit rötlichen Punkten, die zum Ende hin zu einem Kränzchen verdichtet sind. Das Gelege wird 13 bis 16 (18) Tage lang bebrütet. In dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen gefüttert. Nach dem Schlupf bleiben die Jungen noch rund 18 bis 22 Tage lang in der Höhle und werden dann von beiden Eltern mit winzigen Insekten und Spinnentieren gefüttert. Bei Schlechtwetterphasen kann sich die Nestlingszeit verlängern.
Nach dem Ausfliegen können die Jungen noch bis zu drei Wochen von beiden Eltern gefüttert werden. Es findet eine Jahresbrut statt, wobei nach Brutverlust ein Nachgelege möglich ist. Im Tiefland kommen wohl auch reguläre Zweitbruten vor.
Anhand von vergleichenden Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass bei Bruten in Nistkästen mehr Junge ausfliegen als in selbstgebauten Bruthöhlen. Auch die Verluste an Bruten sind in Nistkästen geringer. Die Bruten in Baumhöhlen können durch Buntspecht (Dendrocopos major), Marder und Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) zerstört werden. Als direkte Konkurrenten, die Höhlen und Nistkästen der Haubenmeise besetzen, gelten z. B. Wendehals (Jynx torquilla) und Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), aber auch Haselmaus und Gartenschläfer. Weitere Verluste können Hornissen, Hummeln und Wespen verursachen, die entsprechende Nistkästen besetzen.


Bestand

Eine akute Gefährdung des Haubenmeisenbestandes ist gegenwärtig nicht erkennbar.
Ihre größte Dichte erreicht die Haubenmeise in den Gebirgswäldern. Von der Aufforstung der Nadelwälder hat die Haubenmeise stark profitiert, ist aber andererseits durch Waldschäden in einigen anderen Gegenden wieder seltener geworden. Insgesamt ist jedoch eine Ausbreitung der Haubenmeise zu beobachten. Die anhaltende Aufforstung mit Fichten und Kiefern fördert die weitere Ausbreitung der Art. Außerdem wachsen viele Fichtenwälder zu Altholzbeständen heran, die Haubenmeisen bevorzugen.
Zudem scheinen kalte Winter die Bestände weniger zu beeinflussen, als man es von den anderen Meisenarten kennt.

© Dirk Schäffer (12 / 2010)