Hakengimpel (Pinicola enucleator Linnaeus 1758)

Hakengimpel (Pinicola enucleator Linnaeus 1758)


engl.: Pine Grosbeak

Der drosselgroße Hakengimpel (Pinicola enucleator) ist ein Bewohner der eurasischen und nordamerikanischen Taigazone, der nur selten und unregelmäßig im Winter aus seiner Brutheimat bis nach Mitteleuropa vordringt.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Finken (Fringillidae)
Unterfamilie: Zeisig-gimpelartige Finken (Carduelinae)
Gattung: Pinicola Vieillot 1807

Vorkommen


Der Hakengimpel ist eine weit verbreitete Finkenart. Er brütet in Nordskandinavien, Sibirien, in der Nordmongolei, im Amurland, auf Sachalin, den Kurilen, in den Gebirgen von Hokkaido, in Alaska, im Nordwesten und in Teilen des Westens der USA bis Mittelkalifornien bzw. Arizona und in Kanada.

Biotop: Der Hakengimpel besiedelt die lichten Nadel- und Mischwälder der Taiga, in denen hauptsächlich Zirbelkiefern, Lärchen und Fichten zu finden sind. Außerdem findet man ihn auch in Birken- und Erlenwäldern. Als Brutbiotope dienen die Ränder von Waldmooren, Täler oder die Säume von Flussläufen.

Wanderungen


Der Hakengimpel ist im Brutgebiet überwiegend Stand- oder Strichvogel oder auch Teilzieher. Die nordeuropäischen Vögel sind Zugvögel und Teilzieher.

Gelegentlich kommt es aus den russischen Gebieten in größeren zeitlichen Abständen zu invasionsartigen Wanderungen nach Skandinavien, bis an die südliche Grenze ihres Brutareals. In West- und Mitteleuropa taucht der Hakengimpel daher nur als sporadischer Invasionsgast auf. Im 20. Jahrhundert wurde er nie in größerer Zahl nachgewiesen.

Aussehen


Der Hakengimpel ist mit 20 bis 22 cm Größe kernbeißergroß. Hervorstechend ist sein kräftiger dunkel horngrauer, aber kurzer Schnabel, dessen Oberschnabel eine stark gebogene dunkle und den Unterschnabel überragende Spitze hat. Dieser Schnabel weist den Hakengimpel als typischen Körnerfresser aus und erinnert in Verbindung mit der Gefiederfärbung eher an einen Kreuzschnabel.

Im ersten Lebensjahr haben die Männchen sehr große Ähnlichkeit mit den adulten und schlichter gezeichneten Weibchen. Geschlechtsreife Männchen und Weibchen sind aber sehr unterschiedlich gefärbt. Auffallend sind bei beiden Geschlechtern die weißen oder rosa Säume der Armschwingen, die sich als Flügelbinden auf den braunen Flügeln abzeichnen.

Gefiedermerkmale der Männchen:

Kopf: undeutlicher Zügelstreif und schwarzbraune Augenumgebung, schwarze Nasenborsten;

Kinn und Wangen weißlich; übriger Kopf, Scheitel, Kehle und Hals lebhaft rosa bis scharlachrot

Augen: Iris mittel- bis dunkelbraun

Nacken, Vorderrücken, Brust, vordere Flanken und Bürzel: rosa bis scharlachrot

Mittelrücken und Schultergefieder: mehr graubraune Federbasen mit rosa Spitzen

Unterkörper: rauchgrau

Füße: braunschwarz

Schwanz: lang und am Ende tief eingekerbt, schwarzbraun

Bei den Weibchen sind die rosa bis scharlachroten Gefiederpartien des Männchens durch ein gold- oder bronzegelb ersetzt, dass durch ausgedehnte graue Federabschnitte abgesetzt wird. Im Verlaufe der Brutzeit nutzt sich das Gefieder ab und das Gelb der Federpartien geht weitgehend verloren. Vorder- und Mittelrücken sowie der Bürzel werden einheitlich graubraun.

Stimme


Der leicht zu erkennende Gesang besteht aus lauten flötenden sowie auf- und absteigenden gequetschten Elementen. Es können aber auch längere Pfiffe und Gesangsteile anderer Arten enthalten sein. Anhören soll er sich wie „düdlidelüdelidüledih“, „pil-pülü pil-pil-pülü“. Auch nach der Brutzeit und im Winter wird der Gesang vorgetragen. Die Altvögel verständigen sich durch helle melodische und gimpelartig laute Kontaktrufe („tui-thu“ oder auch „pii-uu“), sind aber in der Brutzeit sehr schweigsam.

Ein nordamerikanischer Ringvogel erreichte ein Alter von 9 Jahren.

Nahrung


Gefressen werden vor allem die Samen der Arven, Kiefern und Fichten. Der Hakengimpel ist in seiner Ernährung stark an die sibirischen Zirben angepasst. Wie unsere alpine Zirbelkiefer bringen die sibirischen Kiefern sehr nahrhafte nussartige Samen hervor, die der Hakengimpel direkt am Zapfen freilegt, ohne dass er diesen vom Zweig entfernt. Dabei kommt ihm sein markanter Schnabel mit der überstehenden Spitze (= Hakenschnabel) zu Hilfe. Auch sein lateinischer Name, der mit „Kiefern bewohnender Entkerner“ übersetzt werden kann, deutet auf diese Form des Nahrungserwerbs hin. Fehlt die Zirbelkiefer, wie z. B. in der Lärchentaiga, dient die in der Strauchzone wachsende Zwergzirbelkiefer als Ersatz. Da die Zirbenzapfen erst im Juli und August richtig reifen, ist der Hakengimpel bis dahin auf Beeren, Knospen, Sämereien u. a. pflanzliche Kost angewiesen.

Das Wanderverhalten richtet sich stark nach dem Ertrag der Vogelbeeren im Brutgebiet. Bleibt dieser aus oder ist er gering wandern die Vögel in südliche Gebiete, wo sie vor allem auch die Beeren der Eberesche und des Wacholders fressen.

Insekten werden nicht nur abgelesen oder aufgepickt, sondern auch aktiv im Verfolgungsflug erbeutet. Gefressen werden Insektenlarven, Spinnen sowie kleine Gehäuse- und Nacktschnecken.

Wenn der Hakengimpel in Siedlungsgebieten überwintert, besucht er auch die Futterhäuser.

Brutbiologie


Der Hakengimpel trifft bereits ab Februar bis März in seinem Brutgebiet ein und bleibt dann bis zum Beginn der eigentlichen Brutzeit noch in kleinen Trupps zusammen.

Das Nest steht meist niedrig und nahe am Stamm in Nadelbäumen, in Wacholderbüschen (an der Baumgrenze im Verbreitungsgebiet) oder auch in Birken und Weiden.

Beim Nestbau wird das Weibchen teilweise vom Männchen unterstützt. Auf einen Unterbau aus Reisern und Wurzeln werden Moos-, Flechtenstücke und Kiefernnadeln eingebaut. Die Nestmulde wird mit Tierhaaren, Flechten, feinste Würzelchen, Moosteilen und Grasblättern ausgepolstert.

Bei allen Aktivitäten wird das Weibchen vom Männchen aufmerksam beobachtet und gegen vermeintliche Rivalen abgeschirmt. Hakengimpel zeigen wenig Scheu vor dem Menschen und lassen während der Brut Annäherungen bis auf geringe Distanzen zu.

Das Gelege besteht aus drei bis fünf grünlichblauen und vor allem am stumpfen Pol dunkel gefleckten Eiern, die im Mai bis Juni gelegt werden. Beim Brüten wird das Weibchen vom Männchen unterstützt. Während der Brutzeit füttert das Männchen sein Weibchen aus dem Kropf. Die Jungen werden von beiden Altvögeln aus dem Kropf mit einem Nahrungsbrei von Schnabel zu Schnabel gefüttert. Zusätzlich werden auch Insekten (z. B. Schnaken und Mücken) an die Jungen verfüttert. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch wochenlang aus dem Kropf von ihren Eltern versorgt.

Bei günstigem Samenangebot findet eine weitere Brut statt und bei Verlust der ersten Brut kommt es zu Ersatzgelegen.

Bestand


Der Hakengimpel hat in seinen skandinavischen Brutgebieten an Boden verloren und zieht sich Richtung Norden zurück. Auch als Wintervogel ist er z. B. in den Ostseeanrainerländern seltener zu beobachten. Dies wird einerseits auf die Klimaerwärmung zurückgeführt und andererseits auf den Verlust von Bruthabitaten durch massive Kahlschläge in den Taigawäldern.

© Dirk Schäffer (01/2011)