Habicht (Accipiter gentilis Linnaeus 1758)

Habicht (Accipiter gentilis Linnaeus 1758)


engl.: Northern Goshawk

Bild Habicht (Accipiter gentilis)

Weitere Bilder in der Galerie


Erfreulicherweise hat der Bestand des Habichts in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen. Das war nicht immer so, denn kaum ein anderer Greifvogel wurde bzw. wird so verfolgt, wie dieser Greifvogel. Aufgrund seiner Beute - z. B. Hühnervögel (Haushuhn, Fasan, Rebhuhn, Auer- und Birkhuhn) und Tauben - mit der er einerseits in direkter Konkurrenz zum Jäger steht und andererseits so manchem Taubenzüchter oder Geflügelhalter ein Dorn im Auge ist, kommt der Habicht immer wieder in Schwierigkeiten. Diese Problematik wird sich noch weiter verschärfen, da sich mit der zunehmenden Haltung von Legehennen und Mastgeflügel in großen Beständen und in Auslauf- bzw. Freilandhaltungsverfahren ohne den entsprechenden Schutzvorkehrungen, für den Habicht verstärkt leicht zu erlangende Nahrungsquellen erschließen.
Der Volksmund hat seine Jagdvorlieben und -methoden sowie seine Ähnlichkeit mit dem nahe verwandten Sperber aufs Korn genommen. Dies verdeutlichen Namen wie Hühnerhabicht, Stockfalke, Doppelsperber, Taubenhabicht, Stößer u. a.
Obgleich es bei der heimlichen Lebensweise des Habichts gar nicht so leicht ist, ihn zu Gesicht zu bekommen, ist er durchaus auch ein Kulturfolger. So findet man ihn nicht nur in abgeschiedenen großen Wäldern, sondern auch an Waldrändern, in der Nachbarschaft von Feldern und großen Obstplantagen. Auch in den größeren Waldgebieten der Städte haben sich mittlerweile einige Brutpaare angesiedelt.

Systematische Einordnung


Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)
Familie: Habichtverwandte (Accipitridae)
Unterfamilie: Habichtsartige (Accipitrinae)
Gattung: Habichte (Accipiter)

Vorkommen


Der Habicht ist als Stand- und Strichvogel außer in Europa, auch in vielen Teilen Asiens und in Nordamerika anzutreffen. Man kann mehrere Rassen unterscheiden, die in der Größe von Norden nach Süden abnehmen und in der Gefiederfärbung variieren. Habichte brüten somit fast in der gesamten nördlichen Nadelwaldzone und Laubmischwaldzone. In Nordamerika von der Waldgrenze in Alaska und Kanada beginnend bis nach Kalifornien und Nordwestmexiko. Ursprünglich in ganz Europa vorkommend, wurde der Habicht in Großbritannien und Irland bereits ausgerottet. In Dänemark ist er auf Jütland beschränkt. Neuere Brutnachweise in Großbritannien betreffen offenbar ausgesetzte bzw. entflogene Exemplare.
Im Norden Europas vom Rand der Waldtundra (Norwegen, Schweden, Mittel- und Südfinnland, Südrand der Taigazone) über Mittel-, West- (Frankreich, Spanien) und Osteuropa (Ukraine, europäisches Russland, ungarische Tiefebene bis zu den Südalpen) kommt der Habicht im Süden bis an das Mittelmeer vor und erreicht Nordmarokko, Sardinien, Sizilien sowie Griechenland. Ebenso besiedelt der Habicht Kleinasien, den Nordiran, die Waldinseln der kasachischen Steppe, den Norden der Mongolei, die Mandschurei, Sachalin, die Südkurilen und die japanische Insel Hondo.
Habichte bevorzugen sowohl im Flachland als auch im Gebirge ausgedehnte Waldungen mit hohen Bäumen. Sie jagen aber mit Vorliebe im offenen, mit Hecken und lichten Gehölzen durchsetzten Gelände. In den Alpen wird stellenweise bis 1.500 – 600 m Höhe gebrütet, ansonsten liegt die Grenze bei 1.200 m Höhe.
Im Winter streifen die Orts treuen Habichte im Umkreis ihres Brutgebietes, in einem Radius von bis zu 75 km, beutesuchend umher.

Merkmale


Habichte erreichen eine Größe von 48 bis 60 cm und eine Flügelspannweite von 105 bis 120 cm. Das bussardgroße Weibchen ist dabei wesentlich größer als das Männchen. Dieses wird Terzel genannt und ist im Vergleich nur wenig größer, als das nahe verwandte Weibchen des Sperbers (Accipiter nisus). Habichtweibchen erreichen ein Gewicht von (900) 1.000 bis 1.300 (1.400) g. Die Terzel sind dagegen nur 680 bis 800 (900) g schwer. Beide Geschlechter sind sich vom Gefieder her sehr ähnlich. Beim Weibchen wirken der helle bzw. weiße Überaugenstreif und der schwarze Augenstrich allerdings etwas verwaschener. Die Oberseite des Gefieders ist schiefergrau bis dunkel- bzw. graubraun gefärbt. Deutlich hebt sich von diesem eine schwarze Kopfkappe ab, die erst im fortgeschrittenen Alter deutlich ausgeprägt wird. Die Weibchen wirken insgesamt etwas bräunlicher und werden nie so schön bläulich wie die Männchen. Die Gefiederunterseite ist von weißlicher Grundfärbung und mit einer engen, dunkelbraunen, gesperberten Querbänderung versehen. Die Augeniris ist bei den weiblichen Habichten von gelber Farbe und geht bei den männlichen Vögeln ins Orange über.
Der lange Schwanz, der beim Habicht Stoß heißt, ist mit vier breiten, dunklen Binden gezeichnet. Der kurze aber starke Schnabel ist - bis auf den gelben Schnabelwinkel - schwarz und gekrümmt. Die krallenbewehrten, unbefiederten Beine werden beim Habicht als Ständer bezeichnet und sind gelb gefärbt.
Juvenile Habichte unterscheiden sich noch deutlich von den Altvögeln und können, aufgrund ihrer dunkel- bis rotbraunen Längsflecken auf der gelblichen Unterseite des Gefieders, die wie Tropfen wirken, mit dem Mäusebussard (Buteo buteo) verwechselt werden. Ihre Oberseite ist heller braun gefärbt, als die der adulten Habichte und die Augeniris ist noch von grauer Farbe. Mit dem Ende des 2. Lebensjahres sind die jungen Habichte ausgefärbt. Bis dahin werden sie, aufgrund der rotbraunen längsgetropften Brust, auch als „Rothabicht“ bezeichnet.
Die Flügel, die bei Greifvögeln Schwingen genant werden, sind kurz und abgerundet. Im Fluge ist der Habicht an dem langen, gleichmäßig breiten, selten gefächerten Stoß und an den weißen Unterschwanzdecken zu erkennen. Er fliegt schnell, sehr wendig und dabei meist sehr niedrig über dem Erdboden. Nach mehreren schnellen Flügelschlägen geht der Habicht häufig in lange Gleitphasen über. Im Gegensatz zu anderen Greifvögeln rüttelt der Habicht nie. Besonders aus größerer Entfernung kann man den fliegenden Habicht mit dem kleineren Sperber leicht verwechseln.

Stimme


Außer am Horst, sind Habichte nicht sehr ruffreudig. Markant sind die besonders bei Störungen hervorgebrachten „gik gik gik ...“ Rufe. Besonders nach dem Ausfliegen äußern die Jungen regelmäßig Standortlaute, die wie „klijäh“ klingen.
Die ältesten Ringvögel erreichten ein Alter von bis zu 20 Jahren. In Gefangenschaft können Habichte bis zu 30 Jahre alt werden.

Nahrung


Der Habicht schlägt mittelgroße Vögel und Säuger bis Hasengröße. Vor allem erbeutet er schwache und kranke Tiere. Seine Beute schlägt er sowohl in der Luft als auch am Boden und tötet sie mit den stark ausgeprägten Fängen durch Kopf- und Halsgriff (Grifftöter). Als Kurzstreckenjäger wird die Beute im plötzlichen Überraschungsangriff geschlagen und meist an einem gedeckten Platz gerupft und anschließend gekröpft. Diese Rupfungsplätze werden oft regelmäßig aufgesucht. Dabei handelt es sich um ausgesuchte Bäume oder auch Baumstubben. Wenn es sich um größere, angekröpfte Beutestücke handelt, kehrt der Habicht oft mehrmals zu dieser Beute zurück.
Der Jagdflug ist flach (bis zu 50 cm Höhe vom Boden) und erfolgt geschickt, mit sehr hoher Geschwindigkeit. Diese hält er allerdings nicht sehr lange durch. Ist der erste Zugriff erfolglos, erfolgt oft kein zweiter. Aber auch zu Fuß kann der Habicht z.B. in dichter Vegetation, jagen.
Gern jagt der Habicht zwischen den Waldbäumen, oder in Schneisen. Sein Jagdrevier erstreckt sich - getrennt vom Brutrevier - über eine Größe von 3 bis 5.000 Hektar. So kann sich der Habicht bei der Jagd bis zu 6 km vom Horst entfernen. Seltener wird auch in Horstnähe gejagt.
Aufgrund des Größenunterschiedes jagen Weibchen und Männchen dementsprechend ebenso unterschiedlich große Beutetiere. Der Terzel bevorzugt Vögel von der Größe einer Meise bis zur Größe eines Huhnes und erbeutet besonders häufig Amseln, Drosseln, Finken, Ammern, Stare, Hohl- und Haustauben, Spechte, Limikolen, Dohlen, Eichelhäher und Elstern. Das Weibchen schlägt keine Kleinvögel, sondern vor allem größere Vögel, wie z.B. Krähen, Rallen, Möwen, Ringeltauben, Rebhühner, Fasane, junge Raufußhühner, Enten, andere Greife (z. B. brütende Fischadler, Waldohreulen, Turmfalken, Bussarde), selten sogar Graureiher und den Sperber als Nahrungskonkurrenten. Außerdem erbeutet es viel mehr Kaninchen und Hasen als das Männchen. Besonders gern jagen sowohl die Terzel als auch die Weibchen Tauben und Eichhörnchen, die sie im plötzlichen Überraschungsangriff überrumpeln. Dabei nutzen die Habichte die vorhandene Deckung wie Hecken, Gräben und Häuser zum „Anpirschen“ aus. Habichte betreiben auch die Ansitzjagd, das heißt: Sie sitzen auf einem Ast am Waldrand, warten auf Beute und starten dann ihre überraschenden Attacken.
Ein Habichtweibchen benötigt rund 160 g Nahrung täglich, ein Jungvogel etwa 195 g. Ein mittelgroße Habichtfamilie kann so in 50 Tagen ca. 57 kg Fleisch von 276 Beutetieren fressen.
Im Winter wird auch Aas gefressen.

Brutbiologie


Jedes Habichtpaar verteidigt ein scharf abgegrenztes Brutrevier gegenüber Rivalen oder durchziehende Jungvögel, die noch kein eigenes Revier behaupten können. Generell herrscht die Einehe vor und es besteht Reviertreue.
Die Balz beginnt im Januar/Februar und erreicht im März ihren Höhepunkt. Der Horst steht vorzugsweise tief im Wald, liegt aber dann aber in der Nähe von Schneisen, Bachläufen und Gräben, um ein ungehindertes An- und Abfliegen zu gewährleisten. Häufig werden hohe Laub- und Nadelbäume als Horststandort ausgesucht, wobei aber auch Kiefernstangenholz besiedelt wird. Der umfangreiche Horst wird von Männchen und Weibchen gemeinsam aus Ästen und Reisern in Stammnähe errichtet. Dies kann bis zu acht Tagen dauern. Die Horstmulde wird mit Blättern oder Fichten- und Tannennadeln begrünt. Auch noch während der Brutzeit werden täglich grüne Zweige von Laub- und Nadelbäumen eingetragen. Manchmal werden aber auch verlassene Milan-, Sperber-, Mäuse- und Wespenbussardhorste bzw. Horste anderer Greifvögel benutzt und entsprechend ausgebaut. Jedes Paar besitzt mehrere Wechselhorste, einige brüten aber auch bis zu 6 Jahre hintereinander im selben Horst. Horste, die mehrere Jahre benutzt werden, können einen Durchmesser von 1,20 m und eine Höhe von 0,30 bis 1,0 m erreichen.
In der Brutzeit - von März bis Ende April - legt das Weibchen, meist im Abstand von zwei bis drei(vier) Tagen, 2 bis 5(6) ovale und grünlichweißliche Eier. Selten sind dies lehmgelb bis hellbraun oder violettgrau gefleckt. Sie wiegen etwa 35 bis 65 g und sind so groß wie Hühnereier (56 x 42 mm). Die Brut beginnt wahrscheinlich erst, wenn das Gelege vollständig ist. Das Weibchen brütet überwiegend allein und zwar 35 bis 40(42) Tage lang. In dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen mit Beute versorgt. Dann löst das Männchen das Weibchen kurz ab, damit es die Beute in Ruhe rupfen und kröpfen kann.
Wenn die 36 bis 38 g schweren Küken schlüpfen, können sie bereits sehen. Trotzdem sind sie aber sogenannte Nesthocker. Sie haben ein dichtes weißes Dunenfederkleid, zwischen dem - bei schnellem Wachstum - bald erste graue Federn sprießen.
Nach dem Schlupf der Jungen werden diese bis zu 10 Tage lang vom Weibchen gehudert. Bis zum 20. Tag sitzt das Weibchen als Wache am Nestrand und verteilt die Beutetiere, die das Männchen bringt, ausschließlich allein an die Jungen. Wird das Weibchen in dieser Zeit getötet, müssen auch die Jungen sterben, denn das Männchen kann diesen Teil der Jungenaufzucht nicht mit übernehmen. Allerdings gibt es auch Männchen, die bei normalem Brutverlauf mitfüttern.

Bild junge Habichte (Accipiter gentilis)

Abb. 1: Juvenile Habichte im Horst (Aufn. H.-D. Wowries, Altmark, 2005).

Ab dem 16. Tag beginnen die Jungen mit ersten Stehversuchen (s. Abbildung 1) und machen zwischen den 27. bis 29. Tag ihre ersten Flugsprünge. Nach 34 bis 36 Tagen sind die Jungen vollständig befiedert und mit 40 bis 43 Tagen können sie bereits gut fliegen.
Erst, wenn die Jungen ca. 40 Tage alt sind und die Nestlingszeit zu Ende geht, beginnt auch das Weibchen wieder mit der Jagd. Der Terzel mausert nur sehr langsam und bleibt daher während der gesamten Mauserzeit voll beuteflugfähig. Einige Jungen bleiben nach dem Ausfliegen nur noch wenige Tage, andere mehrere Wochen in der Umgebung des Horstes. Sie können dann noch 3 bis 4 Wochen von den Eltern mit Beute versorgt werden.
Wenn sie einen Partner in einem bestehenden Revier finden, dann können junge Habichte noch vor Vollendung ihres ersten Lebensjahres (ab etwa 10 Monaten) brüten. Allerdings überleben fast 70 % der jungen Habichte das erste Lebensjahr nicht, dies ist mit die höchste Verlustquote bei mitteleuropäischen Greifvögeln. Natürliche Verluste treten vor allem noch während der Brut durch den Baummarder auf.
Sehr weit wandern die jungen Habichte nicht ab. Meistens bleiben sie in 50 km Entfernung, selten bis 100 km und nur einzelne wandern bis 300 km weit ab.

Bestand


Heute gibt es etwa 12.000 Habicht-Brutpaare in Deutschland. Um 1970 war der Bestand an Habichten so stark gesunken, dass ein Aussterben der Art zu befürchten war. Zum Glück wurden 1970 aber verschiedene Pestizide verboten. Denn besonders das Pflanzenschutzmittel DDT (Dichlor-Diphenyl-Trichloräthan) hatte der Habichtpopulation und anderen Greifvögeln massiv geschadet, da sich alle Umweltgifte (z. B. Quecksilber) besonders bei den Greifvögeln, die das Endglied der Nahrungskette darstellen, im Köper und in den Organen ansammeln. Gleichzeitig wurde eine ganzjährige Schonzeit für den Habicht eingeführt.
Heute ist der Habicht in Deutschland nicht mehr direkt gefährdet. Es ist sogar zu beobachten, dass er, gerade in der Nähe des Menschen und selbst in Städten (z. B. Köln), in Vorgärten und in belebten Parks wieder zunehmend jagt und brütet.
Der Habicht ist zwar ein jagdbarer Vogel, wird aber seit einigen Jahren ganzjährig geschont und genießt damit den besonderen Schutz des Jagdgesetzes. Trotzdem werden noch immer illegal Altvögel geschossen, vergiftet oder gefangen und Horste mit Eiern oder Jungen zerstört. Hinzu kommt, dass regelmäßig eine limitierte Anzahl von Jungvögeln für die Falknerei entnommen werden darf. Meistens sind dies die weiblichen Jungvögel, da die Habichtweibchen größer und kräftiger sind, als die Männchen. Somit kann der Falkner mit ihnen auch entsprechend auf größere Beute beizen.

© Dirk Schäffer (06/2005, aktualisiert 07/2009)