Goldammer (Emberiza citrinella Linnaeus 1758) - Vogel des Jahres 1999

Goldammer (Emberiza citrinella Linnaeus 1758) - Vogel des Jahres 1999


engl.: Yellow Hammer

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Die Goldammer (Emberiza citrinella) ist mit ihrem leuchtend gelben Kopf ein auffälliger Singvogel in der Feldflur und daher auch dem Volksmund bestens bekannt. Je nach Region wird die Goldammer dabei sehr verschieden nach Aussehen und Gesang bezeichnet. So werden zum Teil auch heute noch Namen wie Gelbling, Gilberitz, Hämmerling oder Emmerling sowie Ammeritz oder Bauernkanari verwendet. Ebenso zeugen viele Flur-, Orts- und Familiennamen von der Verbreitung der Goldammer.
Früher diente sie den Bauern auch als Anzeiger für wechselndes Wetter, was ihr den Beinamen ,,Wetterlerche“ einbrachte. Landete die Goldammer z. B. auf dem Misthaufen oder zog sie im Schwarm, dann war mit Schneefällen zu rechnen. Pickte die Goldammer hingegen am Boden, so könnte eine Hitzeperiode bevorstehen.

Systematische Einordnung


Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Ammern (Emberizidae)
Unterfamilie: Ammern (Emberizinae)
Gattung: Eigentliche Ammern Emberiza Linné 1758

Vorkommen


Die Goldammer besiedelt mit Ausnahme von Island, der Iberischen Halbinsel und der nördlichen Mittelmeerküste fast ganz Europa, weite Teile Russlands im Norden bis hin zum Polarkreis und im Osten bis zum mittelsibirischen Hochland.
In Sibirien trifft die Goldammer auf ihre nächste Verwandte, die Fichtenammer (Emberiza leucocephalos). Teilweise überlappt sich das Verbreitungsgebiet und es kann zu Mischbruten kommen.
Die geographische Variation Emberiza c. caliginosa der Goldammer wurde 1865 erfolgreich in Neuseeland eingebürgert und ist heute auf der Nord- und Südinsel verbreitet.

Biotop


Als ursprünglicher Vogel der Waldsteppen hat die Goldammer von der Landnutzung des Menschen profitiert und ist ihm als Kulturfolger überall hin gefolgt. So sind strukturreiche Agrarlandschaften ihr bevorzugter Lebensraum geworden. Überall, wo an Feldern Gebüsche, Hecken, Waldränder, Feldgehölze, Windschutzstreifen, Streuobstwiesen und Obstgärten angrenzen, fühlt sich die Goldammer wohl.
Sie besiedelt auch Weinberge, Böschungen, Brachen, Ried- und Ödländer. Die höchsten Siedlungsdichten erreicht die Goldammer in lichten und durchsonnten Wäldern.
In gebirgige Regionen dringt die Goldammer bis zu 1.800 m Höhe vor.

Wanderungen


Die Goldammer ist Stand- und teilweise auch Strichvogel. In Mitteleuropa werden die Brutgebiete vor allem in schneereichen Wintern geräumt. Dann kann es zur Bildung von großen Schwärmen kommen. Vor allem skandinavische und russische Brutvögel überwintern in Mitteleuropa. Ein Teil zieht weiter bis nach West- und Südeuropa.

Merkmale


Die Goldammer ist eine große langschwänzige Ammer und mit ca. 16,5 cm etwas größer als ein Sperling.
Auffällig ist das goldgelbe und den Vogelnamen bestimmende Gefieder des Männchens. Es hat einen leuchtend gelben Kopf mit ebensolchem Kinn und Kehle. Davon hebt sich deutlich ein schwarzer Hinteraugenstreif ab. Der Schnabel ist oben bläulichgrau mit schwarzer Spitze und unten schmutzig hellgelb.
Auch die Vorderbrust ist leuchtend gelb gefärbt. Die Halsoberseite, die Halsseiten und die übrige Unterseite sind grünlich- bis goldgelb. Die Unterseite wird durch ein grünlich- bzw. olivbraunes Brustband abgegrenzt.
Der Rücken ist grünlichbraun gefärbt und weist dunkle Längsstreifen auf. Diese ergeben sich aus den rotbraunen bis schwarzen Schaftstreifen der einzelnen Federn.
Die Weibchen und die Jungvögel sind weniger intensiv gelb gefärbt. Sie sehen mehr grauer und grünlicher aus. Außerdem wirken sie, im Vergleich zu den Männchen, deutlich „gestreifter“.
Typisch für beide Geschlechter sind der rot- bis rostbraune Bürzel und die ebenso gefärbten Oberschwanzdecken. Die Säume der äußeren Schwanzfedern sind von weißer Farbe. Die Füße variieren von rötlichbeige bzw. -braun bis gelblichfleischfarben. Die Zehen sind hell graubraun mit dunkelbraunen Krallen.
Die Augen sind schwarz, mit dunkelbrauner bis braunschwarzer Iris. Um die Augen zieht sich ein unbefiederter zimtbeiger bis zitronengelber und sehr schmaler Ring.

Stimme und Gesang

Aufnahme: Gesang der Goldammer, aufgenommen am 03.06.2010 in Wettin, © Karsten Rönsch

Die Goldammer ist ein ausdauernder Sänger. Die Gesangsperiode beginnt bereits im Februar und endet erst im Spätherbst. Gesungen wird vom Beginn der Morgendämmerung bis kurz vor oder kurz nach Sonnenuntergang.
Der charakteristische Gesang, der sich wie: „Wie, wie, wie, wie habe ich dich lieb!“ bzw. „zizizizizizi-zii-düdü“ anhört, ist sicherlich einer der bekanntesten Singvogelgesänge und wurde im Volksmund regional verschieden gedeutet. Zum Teil glaubte man „Bäuerche, Bäuerche, lass mich in dein Schäuerche“ (Scheune) zu hören. Andere hörten: „Is, is, is noch viel zu früh“ (für die Aussaat).
Diese Interpretationen entstehen auch durch die unterschiedlichen Gesangsdialekte, in denen die Männchen je nach ihrer lokalen Herkunft singen. Bereits im Nest lernen die Jungen den ortsüblichen Dialekt kennen, den die Männchen später singen und nach dem die Weibchen ihre Wahl treffen. Vermischungen können allerdings auftreten und einige Männchen (sogenannte „Mischsänger“) können durchaus zwei Dialekte beherrschen.

Die ältesten Ringvögel erreichten ein Alter von 12,5 bis 12,8 Jahren. Das mittlere Alter der Goldammer liegt zwischen 1,6 und 2,4 Jahren. Als häufigste Verlustursache wurde der Straßenverkehr ermittelt.

Nahrung


Die Goldammer ernährt sich von Insekten (z. B. Käfer und Wanzen), Insektenlarven, Spinnen, Beeren und Sämereien, wobei zu allen Jahreszeiten tierische Nahrung bevorzugt wird. Im Winter bildet der Samen von Gras und Getreide den wichtigsten Nahrungsbestandteil. An erster Stelle steht Hafer gefolgt von Hirse und Gerste. Im Frühjahr und Sommer werden neben Grassamen auch Blütenteile, Keimlinge und Kräutersamen gefressen.

Brutbiologie


Die Brutzeit der Goldammer erstreckt sich von April bis in den Juni/August. Die Männchen besetzen bei schönem Wetter bereits im Februar ihr Revier. Die Balz findet teilweise am Boden statt, wo das Männchen dem Weibchen auch verschiedene Neststandorte zeigt, die für die Brut in Frage kommen. Hat das Weibchen seine Wahl getroffen, baut es das Nest ausschließlich allein und benötigt dafür 4 bis 8 Tage.
Das Nest wird am Boden oder in bodennaher Vegetation im dichtesten Bewuchs gebaut. Aber auch Sträucher, Asthaufen, Strohballen, Baumstämme, Knicksäume, Böschungen, Weg- und Grabenränder werden als Neststandorte genutzt. Während die ersten Bruten immer am Boden stattfinden, werden die Nester der Folgebruten mit zunehmender Entwicklung und Höhe der Vegetation auch höher angelegt. Bei Bodennestern wird vor dem Bau eine Mulde in den Boden gedreht. Als Nestbaumaterial dienen trockene Grashalme, Blätter, Rindenspäne und Moos. Die Mulde des einfachen Nestes wird mit feinen Wurzeln, Halmen, Grannen, Wollhaaren, Pflanzenwolle und Federn ausgepolstert.
Im April/Mai legt das Weibchen meist 3 bis 5, meistens 4 blasse, graubläuliche bis rötlichgraue Eier. Die Eier sind mit Haarlinien und teilweise auch mit schwarzen Flecken bzw. Kritzeln versehen. Diese Zeichnungen können sehr variabel sein und bei einigen Eiern die Grundfarbe völlig überdecken.
Die Brutzeit dauert 12 bis 14 Tage und beginnt nach Ablage des letzten Eies. Die Nestlinge sind beim Schlupf noch blind und nackt. Sie werden mit Schmetterlingsraupen (z. B. Spanner), Heuschrecken, Grillen, Ohrwürmern, Spinnen, Asseln, Blattläusen, Fliegen, Schwebfliegenlarven, Mücken und Schmetterlingen gefüttert. Einen Teil der Nahrung bilden milchreife Getreidekörner.
Nach 11 bis 13 Tagen verlassen die Jungen das Nest. Bei Störungen verlassen sie es bereits ab dem 9. Lebenstag. Ausgeflogene Jungvögel werden noch mit Insekten gefüttert, während sie sich schon selbst von Sämereien ernähren.
Die Verluste unter den Jungen sind recht hoch. So plündern Rabenvögel, Igel, Hauskatzen, Marder u. a. Raubsäuger die Nester. Auch Schlechtwetterperioden können zur Aufgabe von Bruten führen.

Vogel des Jahres 1999


In vielen Regionen Europas wurden in den letzten Jahrzehnten Kulturlandschaften, die reich an Hecken, Gehölzen, Baumreihen und Kleingewässern waren, in riesige strukturarme Agrarflächen umgewandelt. Gleichzeitig stieg der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln im Ackerbau an und das Grünland wird mehrmals im Jahr gemäht. Durch Beizmittel, die von den Vögeln mit der Saat aufgenommen werden, kann es zu Vergiftungen der Vögel kommen. Herbizide reduzieren die Unkräuter und damit deren Samen, die für Körnerfresser eine wichtige Nahrungsgrundlage darstellen. Auch der Getreideanbau hat sich verändert. So fehlen im Winter die Stoppelfelder, da statt Sommergetreide überwiegend Wintergetreide angebaut wird. Der früher in der Tierhaltung angefallene Festmist, der für Vögel immer eine Futterquelle darstellte, ist der bei strohloser Haltung anfallenden Gülle gewichen, die flüssig ausgebracht wird.
Von dieser Entwicklung ist auch die Goldammer direkt betroffen. Zwar gilt die Art noch nicht als gefährdet, aber lokal sind stellenweise dramatische Bestandsrückgänge zu verzeichnen. Zum Zeitpunkt der Auslobung als Jahresvogel wurde der Bestand in Deutschland auf 2 Millionen Brutpaare geschätzt. In Belgien und in den Niederlanden hingegen musste die Goldammer in die Rote Liste aufgenommen werden.
Um den Lebensraum der Goldammer und der anderen Vogelarten der Agrarlandschaft entsprechend zu erhalten, sollten u. a. folgende Maßnahmen getroffen werden: Hecken, Knicks, Ackerrandstreifen, Feldgehölze und Obstbäume müssen erhalten werden. Der weitere Umbruch von Grünland in Ackerland sollte gestoppt und das verbliebene Grünland nicht in der Brutzeit gemäht werden. Auch Öd- und Brachländer gilt es zu erhalten. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren und die Asphaltierung von Feldwegen sollte eingestellt werden.

Bestand


Der Goldammernbestand in Europa wird auf 19 bis 20 Millionen Brutpaare geschätzt. In Deutschland leben davon ca. zwei Millionen Brutpaare und in Ostdeutschland sind es ca. 280.000.
Der Bestand ist allerdings rückläufig.

© Dirk Schäffer (03/2011)