Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus Linnaeus 1758) - Vogel des Jahres 2011 / Vogel des Jahres 2009 in der Schweiz

engl.: Common Redstart

Abb. 1: Gartenrotschwanzbrutpaar (oben Männchen, unten Weibchen).
Aufn. S. Schulz, Wettin 2010.


In Mitteleuropa leben zwei der 11 weltweit verbreiteten Rotschwanzarten, der häufige und im Siedlungsbereich des Menschen vorkommende Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) und der seltenere und heimlichere Gartenrotschwanz. Zwischen den beiden mitteleuropäischen Rotschwanzarten kann es zu Verpaarungen untereinander und zu Hybriden kommen.
Das Männchen des Gartenrotschwanzes ist aufgrund seiner kontrastreichen, leuchtenden Farben und seines markanten Revierverhaltens einer unserer schönsten einheimischen Singvögel. Beide Geschlechter der Rotschwänze haben zudem einen unverkennbaren auffallend rostorangen Schwanz und sind dadurch leicht von anderen Singvogelarten zu unterscheiden.
Ein auffälliges Verhalten, das alle Rotschwänze zeigen, ist ihr regelmäßiges Knicksen.
Ebenso wie den Hausrotschwanz, einen typischen Kulturfolger und Vogel der Siedlungen, kann man auch den Gartenrotschwanz stellenweise im Siedlungsbereich antreffen, wenn er denn die entsprechenden Lebensbedingungen vorfindet. Bis zum Einsetzen der intensiven Landwirtschaft hat der Gartenrotschwanz durchaus von den menschlichen Tätigkeiten profitiert. Die durch extensive und saisonale Beweidung gelichteten Laubwälder und kurzgrasigen Streuobstwiesen stellten ideale Lebensräume dar.
Als Langstreckenzieher gehört der Gartenrotschwanz zu den Vogelarten, die vor allem von den klimatischen Veränderungen in den Rast- und Überwinterungsgebieten betroffen sind und für die daher nicht nur im Brutgebiet intensive Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Familie: Drosseln (Turdidae)
Gattung: Rotschwänze (Phoenicurus)


Vorkommen

Es werden zwei Unterarten unterschieden: Die Gartenrotschwänze der Unterart Phoenicurus ph. phoenicurus sind im Norden Europas vom Nordkap bis zum Süden nach Italien und vereinzelt bis nach Nordwestafrika verbreitet. Im Osten reicht das Verbreitungsgebiet bis nach Mittelsibirien, im Westen bis nach Portugal und Spanien. In Irland sind nur einzelne Bruten bekannt geworden.
Die Unterart Samamisicus brütet von der Krim bis in die Südtürkei.


Biotop

Da der Gartenrotschwanz offene Gehölze bevorzugt, ist er nicht nur in lichten alten Laubmischwäldern, an Waldrändern und in Feldgehölzen zu finden, sondern auch in Parks, auf Friedhöfen und in Gärten jeder Art. Einen bevorzugten Lebensraum stellen aber die Streuobstwiesen dar.
Wenn der eigene Baumbestand noch keine Naturhöhlen bietet, nimmt der Gartenrotschwanz sehr gern Nistkästen an.
Einige Gartenrotschwänze brüten bis in etwa 2.000 m Höhe.


Wanderungen

Gartenrotschwänze sind Lang­strecken­zieher, die vor allem in der Nacht ziehen und in Äqua­torial­afrika und in den Savannen südlich der Sahara oder in Südarabien überwintern. Bis in ihre Überwinterungsgebiete können Gartenrotschwänze bis zu 8.000 km zurücklegen und dabei Tagesleistungen von 70 bis 130 km zurücklegen. Dies stellt eine enorme Leistung für diese kleinen Singvögel dar.
Von Ende März bis Anfang April kehren die Gartenrotschwänze in ihre Brutgebiete zurück, wobei die meisten aber erst von Mitte April bis etwa Anfang Mai eintreffen.


Merkmale

Gartenrotschwänze sind mit etwa 13 bis 14,5 cm Größe etwas schlanker als der Haussperling (Passer domesticus) und wiegen ca. 12 bis 20 g.
Beide Geschlechter weisen eine unterschiedliche Gefiederfärbung auf (s. Tabelle 1), wobei das Männchen in seinem Brutkleid unverwechselbar ist. Das beigebraune Weibchen ähnelt allerdings dem Weibchen des nahe verwandten Hausrotschwanzes, dessen Grundfarbe jedoch mehr graubraun ist.
Die Jungvögel sind im ersten Jahr weibchentypisch gefärbt und ähnlich gefleckt wie junge Rotkehlchen.

Tab. 1: Aussehen und Merkmale der beiden Geschlechter des Gartenrotschwanzes (zum
Vergleich das Weibchen des Hausrotschwanzes).

Merkmale Männchen (s. Abb. 1) Weibchen (s. Abb. 1) Weibchen Hausrotschwanz
Kopf Stirn über Schnabel schwarz darüber und Vorderscheitel weiß; weißer Überaugenstreif; Oberkopf schiefergrau / bräunlichgrau Kopf/Hals graubraun braun- bis rauchgrau
Auge/Iris dunkelbraun braunschwarz/schwarz
Kinn/Kehle/Wangen/ Halsseiten schwarz; Kehlfärbung bleibt auch im Herbst (damit vom Weibchen zu unterscheiden) Kehle weiß bis isabellfarben
Schnabel zierlich und relativ kurz mit Borsten, dunkelgrau braunschwarz/schwarz
Oberseite schiefergrau/bräunlichgrau rußig graubraun bis olivbraun braun- bis rauchgrau
Brust rostorange; Vorderbrust schwarz rostorange bis isabellbraun heller als Oberseite, mehr gewölkt
Bauch rostorange rostorange bis isabellbraun; Bauch-mitte weißlich heller als Oberseite, mehr gewölkt
Beine schwarz schwarz braunschwarz/schwarz
Flügel Oberseite graubraun bis braun, Außensäume bis rostbraun; Unterseite beige mit rostrotem Anflug Oberseite braun- bis rauchgrau, Unterseite heller
Bürzel rostorange rostbraun
Schwanz rostorange rostrot/braun


Gartenrotschwänze erreichen ein Alter von drei bis fünf Jahren und können in Gefangenschaft bis zu 9,5 Jahre alt werden.


Stimme

Vergleicht man Hausrotschwanz- und Gartenrotschwanzmännchen am Gesang, dann kann man beide deutlich und einfach voneinander unterscheiden, denn das charakteristische Schnalzen des Hausrotschwanzes fehlt dem insgesamt je Strophe auch deutlich kürzerem Gesang des Gartenrotschwanzes.
Das Gartenrotschwanzmännchen trägt seinen typischen Gesang gern von einem Baumwipfel oder einer erhöhten Singwarte vor. Eine Gesangsstrophe beginnt mit ein bis zwei hohen Terzen und endet in einem zweiten, leiseren Teil. Der Gesangsbeginn klingt wie „hüid düdüdü“ und endet mit einem variablen Schlussteil.


Nah­rung

Als typischer Insektenfresser ernährt sich der Gartenrotschwanz vor allem von Käfern, Läusen, Fliegen, Schlupf- und Blattwespen sowie deren Larven, die er am Boden oder in der Krautschicht erbeutet. Einen wesentlichen Nahrungsbestandteil stellen Spinnen und Weberknechte dar.
Gern fliegen die Rotschwänze bei der Insektenjagd von einem erhöhten Sitzplatz zum Boden, um anschließend mit der Beute wieder an dieselbe Stelle zurückzukehren. Bei der Nahrungssuche am Boden bewegen sich die Rotschwänze hüpfend fort, wobei auch Schnecken und Würmer gefressen werden.
Zur Nahrung der Rotschwänze gehören aber ebenso Beeren und Früchte.


Brutbiologie

Bild Gartenrotschwanz beim Nestbau


Der Gartenrotschwanz ist ein typischer Halbhöhlen- und Höh­len­brüter, der geeignete Baumhöhlen vor allem in lichten alten Baumbeständen findet. Wenn das Männchen nach seiner Ankunft aus dem Winterquartier ein entsprechendes Brutrevier besetzt hat, sucht es nach geeigneten Nisthöhlen. Bevorzugt werden Baum­- und Spechthöh­len, Mauerlöcher oder Nistkästen. Stehen diese nicht zur Verfügung dienen alte Vogelnester, Briefkästen, Zaunpfähle, Hohlräume hinter Fensterläden und Verschalungen sowie auch das Innere von Gebäuden als Ersatz. Selbst Bodennester und Nester in Bäumen und Sträuchern kommen vor.
Die später eintreffenden Weibchen werden auf den Gesang der Männchen aufmerksam und lassen sich von diesen die zur Verfügung stehenden Nistmöglichkeiten zeigen. Sagt dem Weibchen ein entsprechendes Männchen und dessen Höhle zu, signalisiert es seine Paarungsbereitschaft durch das typische Schwanzzittern und das Einknicken der Füße. Anschließend kommt es zur Paarung, der sich der Nestbau anschließt.
Das Weibchen baut ein Nest aus trockenen Halmen, Stroh, Pflanzenwürzelchen, Fasern, Bast, Gräsern, Moos, Kiefernadeln und Laubblättern. Die Nestmulde wird mit Federn, Wolle und Tier­haaren ausgekleidet. Meist ab Ende April legt das Weibchen 5 bis 7 (8) hell­blaue bzw. grünblaue Eier, die es nachdem das Gelege komplett ist, 12 bis 14 Tage lang bebrütet. Die Eier sind ca. 18 mm lang und 14 mm breit. Während der Brut wird das Weibchen vom Männchen in der Höhle gefüttert. Während der Eiablage reagieren die Gartenrotschwänze sehr empfindlich gegenüber Störungen.
Beide Eltern füttern die geschlüpften Jungen mit verschiedenen Insekten. Das Weibchen füttert vor allem Raupen und das Männchen Fluginsekten. An einem Tag kommen so zwischen 400 bis 600 Fütterungen zustande. Für ein Brutpaar wurden in zwölf Tagen 3.457 Futteranflüge beobachtet. Wie bei allen Höhlenbrütern führen Kälteeinbrüche oder der Tod eines Elternteiles zu Verlusten bei den Jungen. Vor allem die Bruten in Halbhöhlen und in nicht mardersicheren Nistkästen werden oft von Beutegreifern - wie Hauskatzen, Mardern, Waschbären und Eichhörnchen - vernichtet. Auch Kohlmeisen okkupieren manchmal bereits belegte Höhlen mit Gelegen oder die Nisthöhlen werden von Spechten geplündert. Außerdem ist der Gartenrotschwanz Kuckuckswirt.
Bereits nach 10 Tagen zeigen die Jungen das typische Schwanzzittern, obwohl noch keine Schwanzfedern gewachsen sind. Nach 12 bis 15 Tagen Fütterung verlassen die Jungen die Höhle und werden anschließend noch 7 bis 8 Tage weiter gefüttert, bevor sie völlig selbstständig sind. Bei guten Wetterbedingungen kann sich bei einigen Brutpaaren eine zweite Brut anschließen.
Gartenrotschwänze ziehen auch die Jungen fremder Arten mit auf oder füttern an anderen Bruten mit. Oft ist ein Männchen mit mehr als einem Weibchen verpaart, wobei die Weibchen auch separate Bruthöhlen haben können.


Bestand

In Deutschland ist seit den 50-er Jahren ein starker Bestandsrückgang zu verzeichnen. Der Bestand wird derzeitig auf 110.000 bis 160.000 Brutpaare geschätzt.
Der Be­stand in der Schweiz beträgt ca. 10.000 bis 15.000 Brut­paare und hier steht der Gartenrotschwanz auf der Roten Liste der po­tentiell gefähr­deten Vögel.


Vogel des Jahres

Die Wahl zum Vogel des Jahres soll auf die abnehmenden Bestände des Gartenrotschwanzes hinweisen, da dieser längst nicht mehr – seinem Namen entsprechend – alle Gärten besiedelt.
Denn der verbreitete Trend, Kleingärten in sterile Rasen, die mit Ziernadelhölzern frankiert sind, zu verwandeln, zerstört den Lebensraum des Gartenrotschwanzes, denn dieser ist auf höhlenreiche Obstbäume, abwechslungsreichen Bodenwuchs und insektenreiche Wiesen angewiesen. Das der durchaus anpassungsfähigere Hausrotschwanz oft auch noch in den sterilen Haus- und Vorgärten angetroffen wird, ändert nichts am Ergebnis dieser negativen Entwicklung. Neben dem Anbringen von entsprechenden Nisthöhlen für Gartenrotschwänze ist daher ein entsprechend strukturierter Lebensraum Grundvoraussetzung. So stellen hochstämmige Obstbäume eine wichtige Lebensgrundlage für viele seltene Insekten-, Vogel- und Kleinsäugerarten dar. Der Gartenrotschwanz dient daher auch als Indikatorart für eine artenreiche Landschaft, da neben ihm auch viele andere Vogelarten mit ähnlichen Ansprüchen an den Lebensraum von dieser Entwicklung betroffen sind.
Zudem ist der Gartenrotschwanz, wie viele andere Zugvogelarten, von den klimatischen Veränderungen in den Überwinterungsgebieten, den zentralafrikanischen Trocken- und Feuchtsavannen, die in Form von zunehmenden Trockenperioden auftreten und sich auf das Nahrungsangebot auswirken, direkt betroffen. In den Überwinterungsgebieten führen außerdem der unkontrollierte Einsatz von Insektiziden und Schädlingsbekämpfungsmitteln sowie der Anbau von insektenarmen Monokulturen zu direkten und indirekten Verlusten unter den Gartenrotschwänzen.
Letztendlich soll auch auf die direkte Verfolgung durch den Menschen hingewiesen werden. So fallen Gartenrotschwänze dem noch immer - auch in Europa - verbreiteten Zugvogelfang zum Opfer und dies trotz des klaren Verbotes innerhalb der europäischen Gesetzgebung!

© Dirk Schäffer (10 / 2010)