Gänsegeier (Gyps fulvus Hablizl 1783)

engl.: Griffon Vulture

Foto: Karsten Rönsch, Adlerwarte Berlebeck (08/2002).


Der Gänsegeier zählt mit 12 weiteren Geierarten zur Unterfamilie der sogenannten Altweltgeier. Diese sind über die gesamte Paläarktis, den indischen Subkontinent und Indochina verbreitet. Geier sind aasfressende Nahrungsspezialisten, die erdgeschichtlich seit dem Miozän in Europa und Nordamerika bekannt sind. Charakteristisch sind für den Gänsegeier ein langgestreckter Hakenschnabel, eine spärlich befiederte Hals- und Kopfhaut sowie eine kragenartige Halskrause.


Systematische Einordnung

Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)
Familie: Habichtverwandte (Accipitridae)
Unterfamilie: Altweltgeier (Aegypiinae)
Gattung: Gyps Savigny 1809


Vorkommen

Gänsegeier sind im Süden vom Maghreb (vor allem Marokko, aber auch Algerien und Tunesien), Unterägypten - ostwärts über die Iberische Halbinsel - bis in die nordwestliche Mongolei, Westpakistan, Kaschmir bzw. Nordindien verbreitet. Dieses Verbreitungsgebiet weist in Europa gewaltige Lücken auf. Aufgrund der immensen Verfolgung - nicht nur in historischer Zeit - ist der Gänsegeier in Italien (außer Sardinien), Teilen Griechenlands (Festland und einzelne Inseln) und Rumänien kein Brutvogel mehr. In Bulgarien erfolgten erfolgreiche Wiederansiedlungen. Kleine Vorkommen gibt es in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.
In Deutschland waren Gänsegeier noch im 13. Jahrhundert Brutvögel (z. B. auf der Schwäbischen Alb) wurden aber dann bis Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Mitteleuropa ausgerottet und waren bis 2006 höchstens noch als Sommergäste in den Ostalpen zu beobachten. In den letzten Jahren kam es aber zu mehreren Einflügen von einzelnen Vögeln und kleinen Trupps, die z. T. bis zur Nordseeküste vordrangen.


Biotop

Besiedelt werden Gebirge und weiträumig offene, waldlose Landschaften mit eingestreuten Felsformationen.
Wanderungen: Gänsegeier sind Teilzieher, die großenteils als Stand- oder Strichvögel im Brutgebiet überwintern. Einzelne Vögel können weit in den Norden vordringen und wurden schon in Dänemark, den Niederlanden oder auf den Britischen Inseln beobachtet.


Merkmale

Der Gänsegeier ist am Boden kaum mit einem anderen Greifvogel zu verwechseln. Er wiegt zwischen 6,2 bis 11,0 kg und ist mit 95 bis 105 cm Länge so groß, wie ein Seeadler (Haliaeetus albicilla). Das Skelett macht nur 7 % des Körpergewichts aus und stellt eine Anpassung an die Fortbewegung im Luftraum dar.
Männchen und Weibchen sind bei Gänsegeiern gleich gefärbt. Junge Gänsegeier brauchen ca. 4 bis 5 Jahre, ehe ihr Gefieder so wie das der Altgeier gefärbt ist. Erst zu diesem Zeitpunkt, oder auch noch 1 bis 2 Jahre später, werden sie dann geschlechtsreif.

Stimme: Gänsegeier äußern bei Streitigkeiten kreischende oder gänseartige Laute. Am Kadaver wird sich durch Fauchen, Röhren, Schluchzen und Quieken verständigt.
Gänsegeier sind thermikabhängige Segelflieger, die ein markantes Flugbild aufweisen. So sind ihre rechteckig und brettartig wirkenden Flügel sind durch lang gefiederte Handschwingen gekennzeichnet. Auffallend sind außerdem der kurze und fast gerade abgeschnittene Schwanz sowie der kurz ansitzende kleine Kopf, da der Hals beim Flug eingezogen wird. Die Flügelspannweite beträgt 2,40 bis 2,80 m.
Gänsegeier haben mit bis zu 26 Armschwingen zudem eine vergrößerte Flügelfläche, die sie für den Segel- und Gleitflug einsetzen können. Ihre Gleitfluggeschwindigkeit liegt zwischen 48,6 und 52,6 km/h.
Auch physiologisch sind sie hervorragend an das lange Fliegen in oft frostigen Höhen angepasst, so dass sie wenig Wärmeenergie freisetzen und ungehindert atmen können.
Am Boden bewegen sich die Geier schreitend, hopsend oder mit weiten Sprüngen fort und wirken dabei recht ungeschickt.


Aussehen

Der Kopf und der Hals sind nur mit blassbräunlichen bis rahmweißen Dunen befiedert. Die Iris ausgewachsener Gänsegeier ist gelbbraun bis schmutzig-gelb, die der älteren Junggeier nussbraun.
Der hornfarbene Schnabel ist lang und kräftig.
An den langen Hals schließt sich eine auffallend gelblichweiße und flaumige Halskrause an, unter der sich am Halsansatz einige völlig nackte, bläuliche Stellen befinden.
Die Oberseite des Gefieders ist von gelblich- bis rötlichbrauner Farbe.
Die Beine sind bräunlichgrau gefärbt.

Gänsegeier können ein Alter von 34 bis 37 Jahren erreichen. Ein Geier wurde sogar 55 Jahre alt.


Nahrung

Wie alle Geier sind auch Gänsegeier spezialisiert darauf, über weite Entfernungen hoch oben im Luftraum zu kreisen und dabei den Erdboden nach Kadavern abzusuchen. Dabei legen sie Entfernungen von 200 km zurück und decken eine Fläche von 125.000 km2 ab. Die Kadaver werden entweder selbst gefunden, oder auch durch die Beobachtung von Artgenossen und anderen Aasfressern. Dabei können Gänsegeier aus 3.000 Meter Höhe Objekte mit einem Durchmesser von über einem Meter entdecken.
Der Gänsegeier ernährt sich vom Muskelfleisch und den Eingeweiden der Kadaver mittelgroßer bis großer Säugetiere. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Tiere frisch tot oder schon in Verwesung übergegangen sind. Sehnen, Haut und kleine Knochen werden nicht gefressen. Am Kadaver fressen die Geier gesellig.
Mit dem relativ langem und schmalen Schnabel frisst sich der Gänsegeier stets über natürliche Haut- und Körperöffnungen der verendeten Tiere in das Innere vor, um an das darunter liegende Muskelfleisch und die Eingeweide zu gelangen. Der lange und gering befiederte Hals ermöglicht dem Geier das weite Eindringen in die Öffnungen der toten Beute. Die geringe Befiederung des Halses ist zudem eine Anpassung an die sich anschließende Reinigung vom Blut und Fett der Kadaver.
Auch ihre Verdauung hat sich an die besondere Form der Nahrungsaufnahme angepasst. Sie setzt im Magen erst bei einem sehr sauren Milieu ein, was für die Immunabwehr sehr wichtig ist, da die Geier sehr oft an Krankheiten verendete Tiere fressen und so nicht daran erkranken.
Gänsegeier sind in der Lage längere Zeit ohne Nahrung auszukommen. Wenn sie sich dann an einem ergiebigen Kadaver vollgefressen haben, benötigen sie zum Abheben eine Anlaufstrecke von 20 Metern.
Da, aufgrund einer verbesserten Weidewirtschaft und -hygiene, in vielen Gegenden die Kadaver entsorgt werden, ist akuter Nahrungsmangel eine Ursache für das heute begrenzte Vorkommen und dem weitem Vordringen der Geier in andere Gebiete.


Brutbiologie

Gänsegeier leben in monogamer Dauerehe und sind Felsbrüter, die an günstigen Brutplätzen Kolonien von bis zu 100 Brutpaaren bilden können. Da sie sehr hoch kreisen, besteht zwischen den Vögeln kaum Territorialität. Das Brüten in Kolonien erweist sich vorteilhaft bei der Abwehr anderer konkurrierender Geierarten und von möglichen Feinden der Jungvögel. Zudem ist die Kolonie der Ausgangspunkt für soziale Kontakte.
Die Balz beginnt bereits im Dezember. Das Geierpaar errichtet seinen einen Horst, der einen Durchmesser von 0,60 bis 1,00 m aufweist. Horste, die erneut zur Brut benutzt werden, können noch größer sein. Das Baumaterial besteht aus langen Zweigen, Waldreben, Stängeln und Heu. Die Nestmulde wird mit frischem Grün ausgelegt.
Anfang Februar bzw. März wird nur ein weißes einfarbiges 250 g schweres Ei gelegt, das an den Polen rostfarbene Flecken aufweist. Selten sind es zwei Eier. Männchen und Weibchen wechseln sich bei der Bebrütung des Eies ab. Nach 48 bis 54 Tagen Brutdauer schlüpft das Geierküken, das von beiden Altvögeln mit unverdautem Futterbrei aus dem Kropf gefüttert wird. Bis zu 1,5 kg Aas kann ein Gänsegeier im Kropf transportieren.
In den ersten Lebenswochen werden die Geierküken auch mit aus dem Magen hervorgewürgtem und vorverdauten Futterbrei gefüttert.
Anfangs wird das noch kleine Junge regelmäßig gehudert. Später wird der Jungvogel dann nur noch ein- bis zweimal täglich zur Fütterung aufgesucht. In den Brutkolonien werden die Jungen zum Teil auch von nicht brütenden Geiern (sogenannten Helfern) mit betreut und versorgt.
Der junge Geier verlässt den Horst nach 120 bis 130 Tagen. Anschließend wird er noch bis in den Herbst von den Eltern betreut.


Bestand

Profitierten die Geier anfangs von der sich ausbreitenden extensiven Weideviehhaltung, die mit der Rodungen der großen Wälder in Mitteleuropa einsetzte, indem sie toten Tiere und Abfälle entsorgten, wandelte sich mit der zunehmenden Stallhaltung und dem Wachstum der Bevölkerung das Bild. Aufgrund ihrer Lebensweise galten Geier nicht als Sympathieträger und so setzte in Europa gegen alle Geierarten ein regelrechter Ausrottungsfeldzug ein. Dazu führten auch die hartnäckigen Gerüchte, dass sich Geier an lebenden Nutztieren (vor allem Lämmern) oder auch an Kindern vergreifen würden. So wurden sie vor allem gezielt vergiftet oder sie fielen den Giftködern, die für Wölfe und Bären ausgelegt wurden zum Opfer. Hinzu kommen Bleivergiftungen durch die bleihaltigen Geschosse, die aus angeschossenen und anschließend verendeten Tieren oder dem Aufbruch von erlegten Tieren stammen. Auch heute ist dies immer noch eine häufige Todesursache bei allen großen Greifvögeln, die auch Aas fressen. Zudem werden immer noch Geier für Trophäensammlungen geschossen und viele verunglücken an Hochspannungsleitungen und in Windparks.
Insgesamt leben in Europa noch rund 19.000 bis 21.000 Brutpaare des Gänsegeiers. Der Großteil des europäischen Bestandes (ca. 18.000 Brutpaare) brütet in Spanien. Größere Bestände von mehr als 200 Brutpaaren gibt es noch in der Türkei, in Frankreich, Portugal und in Russland. In den letzten Jahrzehnten war vor allem in Spanien und Frankreich eine positive Bestandsentwicklung festzustellen.
Seit die Europäische Union im Rahmen der BSE-Krise 2002 verschärfte Hygienerichtlinien für die Entsorgung verendeter Weidetiere erließ, wird die Nahrung für die Geier in ihrem westeuropäischen Verbreitungsgebiet allerdings knapp. Denn jahrelang wurden die Gänsegeier und ihre Verwandten, der Mönchs- (Aegypius monachus), der Bart- (Gypaetus barbatus) und der Schmutzgeier (Neophron percnopterus) an so genannten Muladares von Viehzüchtern mit Aas versorgt. An diesen Plätzen wurden die Kadaver verstorbener Schafe, Ziegen und Rinder ablegt, so dass sie anschließend von den Geiern kostenlos „entsorgt“ werden konnten. Neben verstärkten Schutzanstrengungen war es vor allem diese Zufütterung, die teilweise 50 % der Nahrung der Geier ausmachte, die den Geierbestand auf der Iberischen Halbinsel wieder anwachsen ließ.
Seit 2003 ging - aufgrund der Abhängigkeit der Geier von der Zufütterung - der Bruterfolg der Gänsegeier in Spanien wieder zurück. Zwar gab es dann eine Ausnahmeregelung der EU für die Fütterung bedrohter Vogelarten, aber das Nahrungsangebot reicht nicht mehr aus. So werden seitdem auch wieder regelmäßig in Mitteleuropa Gänsegeier beobachtet, die anscheinend auf Futtersuche weit umherstreifen oder auch aufgrund von Futtermangel entkräftet aufgefunden werden. Diese Vögel werden dann in Auffangstationen gepflegt und anschließend wieder frei gelassen.

© Dirk Schäffer (2003, aktualisiert 01/2011)