Flussregenpfeifer (Charadrius dubius Scopoli 1786) - Vogel des Jahres 1993

engl.: Little Ringed Plover

Der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) ist eine kleine kurzhalsige Limikole aus der Familie der Regenpfeifer. Die Limikolen oder Watvögel gehören zu einer Vogelgruppe, die vor allem an Feuchtgebiete gebunden ist.
Der Lebensraum des Flussregenpfeifers sind die Kies- und Sandbänke von natürlich fließenden Flüssen. Bedingt durch die Verbauung und Begradigung der großen Fließgewässer in den letzten 200 Jahren, die seinen Lebensraum großflächig verändert haben, hat der Flussregenpfeifer es zunehmend geschafft, auch vom Menschen geschaffene Standorte, wie Kiesgruben, Hafenanlagen und vegetationsarme Ruderalflächen zu besiedeln.


Systematische Einordnung

Ordnung: Wat-, Alken- und Möwenvögel (Charadriiformes)
Familie: Regenpfeifer (Charadriidae)
Unterfamilie: Eigentliche Regenpfeifer (Charadriinae)
Gattung: Charadrius


Vorkommen

Das Brutgebiet des Flussregenpfeifers erstreckt sich über einen Großteil Eurasiens. In Europa von den Kanarischen Inseln und Nordafrika bis zur britischen Nordseeküste und in Asien von den Philippinen, Neuguinea, Japan bis Vorder- und Hinterindien.
In Nord- und Mitteleuropa sind die Bestände bereits seit Ende des 19. Jh. / Anfang des 20. Jh. im Rückgang begriffen. Deutschland wird von den Regenpfeifern an den Binnendeichen, Flussmündungen und auch an den Salzländern entlang der Nord- und Ostseeküste sowie vor allem auch im Binnenland auf Sand- und Kiesbänken besiedelt.


Biotop

Der Flussregenpfeifer kommt mittlerweile nicht nur wie ursprünglich an Flüssen mit Schotterbänken vor, sondern auch in zum Teil in mit Wasser gefluteten Sand- und Kiesgruben sowie auf Abraumhalden und Industriebrachen. Aber auch Klärbecken, abgelassene Fischteiche, Kiesaufschüttungen, Hafenflächen, selbst flache Hausdächer und sandige Flächen weit vom Wasser entfernt, werden stellenweise sehr kurzfristig und für eine Brutsaison besiedelt. In den Großstädten ist die Art auch auf Ödländern und Trümmerflächen jeder Art anzutreffen. Ebenso außergewöhnliche Brutstandorte sind die ehemaligen Erdgasbohrlöcher in der Altmark, die stellenweise kilometerweit vom nächsten Gewässer entfernt sind.
In den Gebirgen kommt der Flussregenpfeifer nur ausnahmsweise in bis zu 800 bzw. 900 m Höhe vor.


Wanderungen

Der Flussregenpfeifer ist meist ein ausgesprochener Langstreckenzieher. Sein Winterquartier erstreckt sich von der Südsahara und der Sahelzone bis zur westafrikanischen Küste (Senegal, Nigeria) und nach Ostafrika (Kenia, Tansania). Ein Teil der Regenpfeifer überwintert allerdings bereits im Mittelmeerraum und in Ägypten. Schon Ende Juni bis Anfang Juli verlassen die Regenpfeifer ihre Brutgebiete, wobei einzelne Jungvögel und Nachzügler noch von Ende Oktober bis Anfang November beobachtet werden können. Im Brutgebiet treffen die Vögel dann von Ende März bis Anfang April wieder ein. Während des Zugs werden vor allem kahle Uferstreifen, Klärbecken und Stauseen zur Rast genutzt.


Merkmale

Mit seinen 15 cm Größe ist der Flussregenpfeifer etwa haussperlingsgroß. Trotz seiner markanten Gefiederkennzeichnung kann man ihn leicht mit einer anderen Regenpfeiferart und zwar dem etwas größeren Sandregenpfeifer, verwechseln.
Die Oberseite des Flussregenpfeifers ist erdbraun bzw. nach anderen Beschreibungen sandgrau und die Unterseite ist weiß gekennzeichnet. Am Kopf hebt sich ein schwarzes Stirnband deutlich vom erdbraunen Scheitel ab und zwischen beiden Gefiederpartien zieht sich zusätzlich ein weißer Saum entlang. Die Stirn ist weiß gefärbt und von dieser hebt sich wiederum ein schmales schwarzes Band ab, dass vom Schnabel beginnend, sich „durch das Auge“ hin bis hinter das Auge zieht und sich dort deutlich verbreitert. Außerdem hebt sich von der weißen Unterseite noch ein schwarzes Kropfband ab, das sich in der Mitte des Kropfes etwas verbreitert. Das charakteristische Unterscheidungsmerkmal zum Sandregenpfeifer ist aber der nackte zitronengelbe Augenring, der sich deutlich vom schwarzen Augenband abhebt. Der schwarze Schnabel ist mit einem gelben Wurzelfleck versehen. Die Füße sind bräunlich fleischfarben oder gelbgrünlich. Nach der Brutzeit mausert der Flussregenpfeifer in das Ruhekleid. Dann ist sein Gefieder deutlich anders gefärbt, denn es fehlt die markante schwarze Gesichtszeichnung und das Kropfband ist von brauner Farbe.
Die Jungvögel sind ebenfalls anders gefärbt. Die Kopfoberseite ist sandbraun. Von einem breiten weißen Nackenkragen hebt sich ein weißlich rahmfarbener Stirnfleck ab. Der Augenring ist grünlich gelb und das schmale Band zum Auge dunkelbraun gefärbt. Markant ist das braune oft nur andeutungsweise geschlossene Brustband, das sich von der weißen Unterseite abhebt.
Die Flügel sind lang und schmal. Dadurch ist der Flussregenpfeifer ein gewandter Flieger.


Stimme

Vor allem bei Erregung werden „piu“ bzw. „tiu“ – Rufe schnell hintereinander vorgetragen. Auch eine Art von Singflug des Männchens zur Revierverteidigung ist bekannt. Aggressiv wird vor allem gegen Eindringlinge eine „grigrigri“ Ruffolge vorgetragen.

Die ältesten beringten Flussregenpfeifer erreichten ein Alter von 10 Jahren.


Nahrung

Erbeutet werden vor allem schnell bewegliche Insekten und deren Larven (z. B. Käfer und Zweiflügler) sowie Spinnen, hinter denen der Regenpfeifer blitzschnell herläuft. Manchmal werden auch Mollusken, Crustaceen und Sämereien gefressen. Aber auch Würmer und Schnecken stehen auf dem Speisezettel des Flussregenpfeifers.


Brutbiologie

Mithilfe seiner Gefiederzeichnung ist der Flussregenpfeifer als Bodenbrüter ausgezeichnet an die von ihm ausgewählten Neststandorte angepasst. So ist er, auf den von ihm hauptsächlich zur Brut genutzten steinigen Flächen, für ungeübte Augen kaum auszumachen. Diese Tarnung ist für den Erfolg der Brut eine Grundvoraussetzung. Denn als Brutplatz werden ein kiesiger bzw. grobkörniger Untergrund auf un- bzw. wenig bewachsenen Standorten ausgewählt. Dabei sind die Territorien stellenweise recht klein, was an geeigneten Brutplätzen zu einer größeren Siedlungsdichte führen kann.
Ein Nest im bekannten Sinne wird nicht gebaut. Überwiegend wird nur eine flache Mulde im Untergrund ohne Nestmaterial angelegt. Es können aber auch kleine Steinchen, Muschelschalen und Halme für die Muldenausstattung gesammelt werden.
Ende April bis Anfang Mai werden vier - seltener drei oder fünf – kreiselförmige, graue bis sandfarbene Eier mit grauen bis dunkelbraunen Flecken gelegt. Diese werden 22 bis 28 Tage lang vom Weibchen und vom Männchen bebrütet.
Die Jungen sind Nestflüchter. Wenn sie nach dem Schlupf getrocknet sind, verlassen sie das Nest und werden von den Altvögeln geführt. Das Männchen bleibt bis einige Tage nach dem Flüggewerden bei den Jungvögeln.
In Mitteleuropa sind auch Zweitbruten möglich, die vor allem nach Verlust des Erstgeleges getätigt werden.


Bestand

Nur 2.000 bis 3.000 Flussregenpfeiferpaare brüten heute noch in Deutschland, und damit gehört der Flussregenpfeifer zu den bedrohten Vogelarten. Wie bei vielen anderen Vogelarten auch, treten häufige Bestandsschwankungen auf.
Als unsere Flüsse noch natürlich, unbegradigt und ohne in eine Betonrinne gezwängt zu sein, durch die Landschaft fließen konnten, fand der Flussregenpfeifer auf den natürlichen Kiesbänken und Schotterinseln der Flüsse den idealen Lebensraum. Seit es aber kaum noch natürliche Flussläufe bei uns gibt, gehen die Flussregenpfeiferbestände zurück. Die Vögel mussten lernen, auf Ersatzlebensräume auszuweichen, die sie in großen Kiesgruben, an Baggerseen und sogar auf Großbaustellen finden. Aber diese „Lebensräume aus zweiter Hand“ stehen oft nur zeitlich begrenzt zur Verfügung, denn Baggerseen werden häufig für die Naherholung genutzt, Steinbrüche „rekultiviert“ oder gar als Müllkippe verwendet.
Deshalb ist die Wiederherstellung naturnaher Flusslandschaften, Biotoppflege (Verhinderung von Vegetationswachstum) und der Schutz von neubesiedelten Brutstandorten vor menschlichen Störungen jeder Art eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Erhalt des gefährdeten Flussregenpfeifers.

© Dirk Schäffer (05/2005, aktualisiert 03/2011)