Dreizehenspecht (Picoides tridactylus alpinus, C.L. Brehm, 1831)

engl.: Three-toed Woodpecker

Der Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) ist in Deutschland sehr selten und kommt nur in Bayern vor. Seinen Namen verdankt der Dreizehenspecht der Besonderheit, dass er an jedem Fuß nur drei anstatt der sonst üblichen vier Zehen hat.

Im Ökosystem des Bergwaldes übt er eine wichtige Funktion aus. Jedes Jahr zimmert er eine neue Baumhöhle, die dann später viele andere Tierarten als Unterschlupf nutzen. So stellen die Höhlen des Dreizehenspechts für den Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) die wichtigsten Bruthöhlen dar.


Systematische Einordnung

Ordnung: Spechtvögel (Piciformes)
Familie: Spechte (Picidae)
Unterfamilie: Echte Spechte (Picinae)
Gattung: Picoides Lacépède, 1799


Vorkommen

Picoides tridactylus alpinus kommt inselartig in den Alpen, Karpaten, Dolomiten und Gebirgen der Balkan-Halbinsel vor. In Deutschland ist sein Vorkommen daher auf die bayerischen Alpen und den bayerischen Wald beschränkt. Im Südschwarzwald hat sich in den 90iger Jahren eine kleine Population neu angesiedelt, nachdem sich durch Unwetter und Waldsterben eine Menge Totholz angesammelt hatte.

In acht Unterarten brütet der Dreizehenspecht in einem geschlossenen Verbreitungsgebiet im nördlichen Nadelwaldgürtel, das in Nordeuropa beginnt und sich anschließend in Asien ostwärts bis Nordsibirien, Kamtschatka, Sachalin und Nord-Japan (Hokkaido) erstreckt. Kleinere Vorkommen bestehen auch in der Mongolei, im Tienschan und in Westchina.

Die Nominatform P. t. tridactylus Linnaeus 1758 kommt von Nordeuropa bis zum Ural vor.

Außerdem waren bisher drei Unterarten in Nordamerika bekannt, die nach neueren genetischen Untersuchungen allerdings zu einer neuen Art - dem Fichtenspecht (Picoides dorsalis) - zusammengefasst werden.


Biotop

Der Dreizehenspecht ist ein typischer Bewohner des Fichtenwaldes, meidet aber reine Wirtschaftsfichtenwälder ohne Totholzanteil. Er bevorzugt vor allem lichte, sonnige Althölzer und Waldränder, die einen entsprechend hohen Tot- und Fallholzanteil aufweisen.

Im Norden der Taiga findet man ihn auch in Birkenwäldern.

Die Alpen werden in Höhen von 600 bis 1.900 m besiedelt. In den Schweizer Alpen werden von einzelnen Brutpaaren allerdings Höhen von bis zu 2.000 m über NN erreicht.

In Nordeuropa und in der Taiga findet man den Dreizehenspecht allerdings auch im Weidendickicht und in Birkengehölzen.

Der Dreizehenspecht ist ein Standvogel, der, wenn er nicht in tiefere Lagen ausweicht, auch im Winter sein Brutrevier besetzt hält.


Merkmale

Der Dreizehenspecht ist mit 22 cm Körpergröße und 60 bis 75 g Gewicht ein knapp buntspechtgroßer, schwarz-weiß gefärbter Specht, dessen Gefieder kein Rot aufweist.

Das charakteristische Unterscheidungsmerkmal sind der zitronengelbe Scheitel des Männchens und der silbergraue bis schmutzigweiße Scheitel des Weibchens. Der Hinterkopf ist bei beiden Geschlechtern schwarz und die Kopf- und Halsseiten sind schwarz-weiß gezeichnet. Der Rücken, die Brust und der Bürzel sind weiß und die Flanken sind kräftig schwarz-weiß gebändert. Davon heben sich die schwarzen Flügel deutlich ab und so wirkt der Dreizehenspecht im Flug dunkel.

Die Jungvögel wirken mehr grau und haben einen weißen, schwarzgefleckten Rücken.


Stimme

Der Dreizehenspecht ist ein heimlicher Vogel und wenig ruffreudig. Die Rufe, die sich wie „kjük“ bzw. „güg“ anhören, erinnern an den Buntspecht (Dendrocopos major), sind aber tiefer. Vor allem Jungvögel äußern eine Rufreihe, die wie „grü grü grü ...“ klingt.

Beide Geschlechter verständigen sich durch ratterndes Trommeln, das durch schnelle Schnabelschläge auf einen Resonanzkörper (vornehmlich trockene Äste) entsteht. Die Frequenz der einzelnen Trommelwirbel beträgt 30 Schläge in 1,3 Sekunden.


Nahrung

Der Dreizehenspecht ist ein hochspezialisierter Baumkletterer und Hackspecht. Er frisst überwiegend unter der Baumrinde lebende Käfer (z. B. Borkenkäfer) und Spinnen, aber auch die holzbohrenden Arten (z. B. Bockkäfer) sowie deren Larven und Puppen. Gefressen werden zudem die Larven und Puppen vom Weidenbohrer sowie Holzwespen. Zum Teil nutzt er auch pflanzliche Nahrung, wie z. B. Fichtensamen.

Das spechttypische „Ringeln“ der Baumrinde stellt einen wichtigen Bestandteil seines Nahrungserwerbs dar. So wird der dabei aus den ringförmig und in mehreren Reihen übereinander um den Baumstamm angelegten kleinen Löchern austretende Baumsaft von April bis September vom Dreizehenspecht aufgeleckt. Bereits im Frühjahr, wenn in den Baumrinden der Saft steigt, legen die Spechte die ersten Löcher an. Zuerst löst er die Baumrinde und dann schlägt er ein kleines Loch in den Stamm. Er beginnt an einer Seite, schlägt dann das Loch in der Mitte und anschließend das an der anderen Seite. Dann rückt er seitwärts am Stamm weiter, um die nächsten Löcher zu schlagen. Doch nicht nur die Spechte trinken diesen Saft. Auch Eichhörnchen, andere Vogelarten, Insekten und Hirsche nutzen die Ringellöcher.


Brutbiologie

Das Revier eines Brutpaares kann eine Größe von bis zu 100 ha und mehr aufweisen, da der Dreizehenspecht einen hohen Flächenbedarf hat.

Für den Bruthöhlenbau werden vorwiegend absterbende Fichten gewählt. Im Unterschied zu anderen Spechtarten brütet der Dreizehenspecht bei jeder Brut ausnahmslos in neu angelegten Höhlen, die vom Männchen gemeißelt werden.

Von Ende Mai bis Anfang Juni legt das Weibchen drei bis fünf weiße Eier. Ein Nest wird nicht gebaut und als Unterlage für die Eier dient eine Schicht Späne. Nach 11 bzw. 12 Tagen Brutzeit werden die Jungen 22 bis 23 Tage lang in der Höhle gefüttert.

Nach dem Ausfliegen werden die Jungspechte noch einen Monat lang von den Altvögeln betreut.


Bestand

In der bayerischen und deutschen Roten Liste wird der Dreizehenspecht aufgrund seines kleinen und regionalen Vorkommens geführt. In Deutschland brüten ca. 450 Brutpaare, in Österreich 2.000 und in der Schweiz 1.000 bis 1.500.

Vor allem die intensive Forstwirtschaft schränkt den Lebensraum des Dreizehenspechts ein, da überall Alt- und Totholz entfernt werden. Wie alle anderen Spechtarten hat auch der Dreizehenspecht Probleme, geeignete Bäume zur Anlage von Bruthöhlen in den wenigen noch vorhandenen Bergwäldern zu finden. Ausgedehnte strukturreiche Nadelwälder, in denen geeignete Althölzer erhalten werden sowie ein entsprechendes Angebot an Totholz, sind daher eine Grundvoraussetzung für den Schutz des Dreizehenspechtes.

© Dirk Schäffer (04/2011)