Buntspecht (Dendrocopus major) - Vogel des Jahres 1997

engl.: Great spotted Woodpecker


Bild Buntspecht (Dendrocopus major)


Buntspechte sind etwa drosselgroß und die bekanntesten und häufigsten Vertreter unter den heimischen Spechten. An seinem markanten schwarz-weiß-roten Gefieder ist er außerdem leicht zu erkennen und nach Alfred Brehm entspricht er auch seinem Namen: ?Denn er ist wirklich bunt?.
Da Buntspechte auffällige und lebhafte Vögel sind, kann man sie leicht beobachten. Ursprünglich ein Waldbewohner, ist es dem Buntspecht aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit und seiner geringen Scheu vor dem Menschen gelungen, auch den menschlichen Siedlungsbereich zu erobern. Inzwischen trifft man ihn häufig inmitten der Großstädte an, wo er vor allem die Friedhöfe und Parks als Lebensraum für sich entdeckt hat.


Systematische Einordnung

Ordnung: Spechtvögel (Picidae)
Familie: Echte Spechte (Picinae)


Vorkommen

Der weit verbreitete Buntspecht (Abb. 1) besiedelt West- und Mitteleuropa von der Nordsee bis zu den Pyrenäen, die Kanalinseln, die Balkanhalbinsel und Anatolien. Er brütet in Dänemark und fehlt nur auf den Ostseeinseln Hiddensee sowie Poel, auf Helgoland, den Nord-, Ost- und Westfriesischen Inseln. Auf Amrum hat er sich allerdings in den letzten Jahren angesiedelt. Die deutschen Mittelgebirge werden bis in 1.000 m Höhe besiedelt. In den Alpen und in der Hohen Tatra werden allerdings Höhen von über 1.500 m erreicht.


Vorkommen

Buntspechte bewohnen nicht nur alle Laub- und Nadelwälder, sondern auch Kulturlandschaften, wie z.B. Feldgehölze, Parks und Siedlungen. Sie sind strenge Standvögel.


Merkmale

Der 70 bis 80 g schwere Buntspecht zeichnet sich durch eine schwarz-weiße Grundzeichnung aus. Ein schwarzer Bartstreif zieht sich bis zum Nacken hin. Hervorheben tut sich die glänzende schwarze Kopfkappe von der hellen Stirn und den weißen Kopfseitenstreifen. Die Unterseite ist vom Kinn hin bis zum Unterbauch einfach bräunlichweiß gefärbt. Außerdem hebt sich deutlich ein weißer Schulterfleck von der schwarzen Oberseite ab. Die hinteren Flanken und die Unterschwanzdecken sind lebhaft karminrot gefärbt.
Das Weibchen ist wie das Männchen gekennzeichnet. Es fehlt ihm aber das charakteristische rote Nackenband des Männchens.
Wie alle Spechte besitzt auch der Buntspecht einige besonders markante morphologische Voraussetzungen, mit deren Hilfe er an Bäumen klettern und auch Höhlen bauen kann.
Die sehr steifen Schwanzfedern dienen als Stütze und zusätzlicher Halt beim Klettern und Hacken. Eine Zehe des Spechtfußes ist extrem beweglich. Je nachdem, ob der Vogel den Baum hinauf- oder hinunterklettert, kann sie gewendet werden und wird deshalb als ?Wendezehe? bezeichnet.
Auch der Schädel des Spechts ist speziell konstruiert, so dass er bei seinen wuchtigen Schlägen keine Gehirnerschütterung bekommt. Dies ermöglicht die Knochenhülle des Gehirns, die stärker als bei anderen Vögeln ausgebildet ist. Zwischen den Augen ist außerdem eine knöcherne Scheidewand ausgebildet und durch knorpelige Einlagerungen wird der Sehnerv geschützt. Der Schnabel ist elastisch am Schädel befestigt. Damit kann jeder Stoß abgefangen werden. Die Zunge ist relativ kurz, aber mit vielen Borsten bewehrt.
Der Flug des Buntspechts ist wellenförmig und es können Geschwindigkeiten bis zu 40 km/h erreicht werden.
Außer dem spechttypischen Trommeln dienen auch ?kix? und ?kreck? Rufe der Verständigung.
Die ältesten Ringvögel wurden 8 bzw. 9 Jahre alt.


Nahrung

Buntspechte zeichnen sie durch eine hohe Vielseitigkeit bei der Nahrungssuche aus. Das ermöglicht ihnen auch ihre Anpassung an die verschiedensten Lebensräume. Im Gegensatz zu den anderen, oft spezialisierten Spechtarten, nutzt der Buntspecht den gesamten Kronen- und Stammbereich sowie die dünnen Äste und Zweige der Bäume. Ein weiterer Vorteil ist sein ausgeprägtes Lernvermögen. Bereits ein Misserfolg genügt, und der Specht probiert eine andere Variante aus, um zum Erfolg zu kommen.
Der Buntspecht ist ein sogenannter ?Hackspecht?, der seine Beute durch das Abschlagen von Rinden- und Borkenstücken erlangt. Dafür hackt er bis zu 10 cm tiefe Löcher ins Holz, um holzbohrende Insektenlarven zu erreichen. Im Holz verborgene Beutetiere wie Käfer- u.a. Insektenlarven werden mit wuchtigen Schnabelhieben freigehackt, oder mit der beweglichen Zunge aus ihren Bohrgängen herausgezogen. Die borstenbewehrte Zunge des Buntspechts endet in einer harpunenartigen Spitze, die mit einem Widerhaken versehen ist und kann sehr weit (bis zu 40 mm) aus dem dolchartigen Schnabel vorgestreckt werden. Mithilfe dieser - vor allem im Winter angewandten - Jagdmethode kann der Buntspecht alle Bohrlöcher im Holz sorgfältig überprüfen. Durch "Probeschläge" auf das Holz kann er offenbar am Klang erkennen, ob und wo sich Fraßgänge mit Larven im Inneren befinden. Allerdings ist der Buntspecht nicht so sehr ein ?Hackspecht?, wie z.B. die mit ihm verwandten Arten Schwarz- und Dreizehenspecht. Denn besonders während des Sommers suchen Buntspechte ihre Nahrung, die vor allem aus Raupen, Käfern und Ameisen besteht, von der Bodenoberfläche ab. Von den Ästen werden Eichenwicklerraupen und Maikäfer abgelesen. Für die Insektenjagd wird auch der Rüttelflug und die Flugjagd angewandt.
Zur Nahrung gehören aber auch Früchte, wie z.B. Kirschen, oder Fruchtstände von Buchen, die von den Zweigen abgerissen werden.
Eine besondere Form des Nahrungserwerbs stellt die Nutzung einer sogenannten ?Spechtschmiede? dar. Dabei werden Nüsse oder Zapfen mit dem Schnabel hinter Rindenschuppen (z.B. von einer Kiefer) geklemmt und anschließend mit dem Schnabel bearbeitet, um an den Samen zu gelangen. Allerdings nutzt der Specht diese Form der Nahrungsbearbeitung oft nur als Vorstufe für die sich anschließende ?echte Schmiede?. Diese entsteht durch die gezielte Bearbeitung einer Nische bzw. eines Hohlraumes innerhalb eines Baumes, in die der Zapfen gesteckt wird. Derartige Schmieden können vor allem im Winter für die Ernte von Kiefern-, Lärchen- und Fichtenzapfen, über längere Zeiträume genutzt werden, wobei sich mehrere tausend Zapfen unter so einem Baum ansammeln können. In der Spechtschmiede werden aber auch die Gallen der Gallwespen (z.B. Eichengallwespe, Zweiggallen des Espenbocks) geöffnet und deren Inhalt gefressen.
Stellenweise kann in einigen Gebieten auch das sogenannte ?Ringeln? einen großen Anteil bei der Nahrungssuche haben. Wenn im Frühjahr, in den Baumrinden der Baumsaft ansteigt, schlagen die Spechte die Saftbahnen an, um den austretenden Saft zu trinken. Das kann sich bis Ende April, stellenweise aber auch bis in den Sommer hinziehen. Beim Ringeln werden 3 bis 8 mm große Löcher ringförmig um den Stamm geschlagen. Da der Specht den Baumstamm von unten anfliegt und dann aufwärts klettert, befinden sich die frischen Löcher immer oben. Bis zu 100 Lochringe je Baum wurden schon festgestellt. Über 40 Gehölzarten werden für diese Art der Nahrungsaufnahme genutzt. Bevorzugt werden jüngere arm- bis beinstarke Stämme geringelt, aber es können auch große Bäume betroffen sein. Bevor neue Bäume geringelt werden, öffnet der Specht zuerst die Narben bereits genutzter Bäume. Dies kann über einige Jahre andauern.
Wasser trinken Buntspechte aus Vertiefungen von Bäumen, aber auch Bodentränken werden genutzt. Ebenso werden Wassertropfen von Blättern und Zweigen abgeleckt. Im Winter werden dagegen Schnee und lose Eisstückchen aufgenommen. Auch Eier und kleine Jungvögel höhlenbrütender Vogelarten gehören zur regelmäßigen Beute des Buntspechts. So werden Naturhöhlen und Nistkästen der Meisenarten, von Kleiber, Trauerschnäpper, Gartenrotschwanz, Haus- und Feldsperling sowie auch Wendehals, Kleinspecht und Hohltaube geplündert. Dazu werden die Fluglöcher der Höhlen bzw. Kästen erweitert, oder neue Löcher in Höhe der bettelnden Jungvögel gehackt. Selbst Mehlschwalbennester und Kugel- (z.B. Schwanzmeise, Zaunkönig, Waldlaubsänger, Rotkehlchen) bzw. Napfnester (z.B. Wacholderdrossel, Grauschnäpper, Buch- und Grünfink) von Freibrütern werden von einigen spezialisierten Spechten geöffnet und geleert. Werden die Nistkästen spechtsicher gestaltet, gibt es auch dann noch Spechte, die es lernen, die Jungvögel vom Einflugloch weg zu haschen. Selbst nackte Eichhörnchenjunge, Fasanenküken und größere Eier wurden als Ausnahmebeute nachgewiesen. Die jungen Kleinvögel können gelegentlich auch an der Spechtschmiede ?transportgerecht? bearbeitet werden.


Brutbiologie

Bekannt ist beim Buntspecht das Trommeln, das zur Balzzeit bereits Ende Dezember/Anfang Januar einsetzen kann. Dürre, morsche Äste oder Stammabschnitte dienen dabei als Resonanzkörper. Durch seine Anpassung an den menschlichen Siedlungsbereich werden auch andere Gegenstände wie z.B. Holzmasten, Fahnenstangen, Fernsehantennen, Hausverkleidungen, Fensterläden, Dachrinnen, Wetterfahnen, keramische Isolatoren und Dächer zum Trommeln ausgewählt. Die Frequenz kann bis zu acht Trommelwirbel in der Minute erreichen. Jeder Wirbel kann aus 10 - 16 (max. 20) einzelnen Schlägen bestehen. Die Wirbel der Weibchen sind kürzer als die der Männchen. Die einzelnen Phasen des Brutablaufs - Höhlenbau, Eiablage, Schlupf und Ausfliegen der Jungen - werden durch starke Trommelaktivitäten begleitet.
Buntspechte sind Höhlenbrüter, die sich ihre Bruthöhle selber bauen und stellenweise auch Nistkästen nutzen. Für den Höhlenbau suchen sie sich möglichst einen Stamm oder einen Ast aus, der innen bereits angefault ist bzw. Wachstumsstörungen zeigt. Bei Weichhölzern werden auch gesunde Bäume genutzt. Dann schlagen die Spechte mit kräftigen Hieben gegen die Rinde, lösen diese ab und zimmern, dass die Späne fliegen. Allmählich wird das Loch tiefer und schließlich so tief, dass der Specht in der Höhle ganz verschwindet. Der Specht hämmert einen Span nach dem anderen ab und wenn er eine Weile gearbeitet hat, schleudert er die Späne mit dem Schnabel hinaus. Durch die nach unten fallenden Späne kann der Boden um so einen Baumstamm regelrecht weiß aussehen. Als Brutbäume werden die verschiedensten Gehölzarten genutzt. Die Höhe der Bruthöhle kann nur bis 40 cm über dem Erdboden betragen, aber auch bis 25 m erreichen. Im Durchschnitt findet der Höhlenbau in 3 bis 8 m Höhe statt.
Der Höhlenbau erfolgt überwiegend durch das Männchen. Das Weibchen übernimmt nur manchmal einen größeren Teil der Bauarbeiten. Allerdings haben auch die Weibchen im gemeinsamen Revier des Paares Höhlen in Benutzung bzw. fangen an, Höhlen anzulegen bevor sie sich für eine Höhle des Männchens entscheiden. Kann das Männchen zur eigentlichen Brutzeit keine fertige Höhle anbieten, kann es das Weibchen nicht im Revier halten. Bis zu drei Wochen kann es dauern, ehe eine Höhle fertig wird. Buntspechthöhlen können 20 bis 50 cm tief sein und einen Durchmesser von 8 bis 17 cm haben.
Sowohl die Nisthöhle als auch die Schlafhöhle werden gegen Artgenossen heftig verteidigt. Ein starker Höhlenkonkurrent ist der Star. Stellenweise können Stare alle vorhandenen Höhlen im Revier besetzen, so dass die ansässigen Buntspechte eine neue Höhle zimmern müssen. Auch Meisen und Kleiber können den Buntspecht verdrängen. Kurz vor der Eiablage setzt dieser sich jedoch gegenüber diesen Arten durch und kann sie selbst von ihrem Gelege verdrängen. Spechte bauen kein Nest. Sie lassen auf dem Boden einfach Holzspäne als weiche und saugfähige Unterlage liegen. Außerdem wirkt das morsche Holz wärmedämmend. Das Weibchen legt Ende April 5 bis 7 reinweiße, glänzende, 4 bis 5,5 g schwere Eier, die bis zu 12 Tage lang bebrütet werden. Die Zahl der Eier verringert sich in kleinen Höhlen und vor allem Nistkästen, die einen geringen Innendurchmesser bzw. kleinere Grundfläche aufweisen. Die jungen Spechte lärmen mit zunehmendem Alter im Schutz der Höhle lautstark nach Futter (z.B. Ameisenbrut) und fliegen nach 20 bis 23 Tagen Nestlingszeit aus. Unter ungünstigen Witterungsbedingungen kann sich die Nestlingszeit verlängern. Ein Teil der Jungen wandert stellenweise weite Strecken, wobei einige wieder in die Nähe des Brutortes zurückkommen. Die Mehrzahl entfernt sich allerdings nur wenige Kilometer vom Brutort.


Bestand

Aufgrund seiner hohen Anpassungsfähigkeit bei der Nahrungswahl und Unabhängigkeit von der Witterung ist der Buntspecht in seinem Bestand - auch großräumig - nicht bedroht.

Video Buntspecht:

31.05.2010 08:02Uhr - Nachdem sich ein Buntspecht fleißig an Meisenringen gelabt und diese vertilgt hat, fordert er offenbar Nachschub ein und klopft an die Fensterscheibe.