Bluthänfling (Carduelis cannabina Linnaeus 1758)

engl.: Linnet

Aufn. Bluthänfling (K. Rönsch, 05/2004).


Der Bluthänfling (Carduelis cannabina) oft auch kurz Hänfling genannt, ist ein kleiner Singvogel, der zur Familie der Finken gehört.
Da er in Deutschland seltener geworden ist, kann man ihn nicht mehr überall beobachten.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Finken (Fringillidae)
Unterfamilie: Zeisig-gimpelartige Finken (Carduelinae)
Gattung: Carduelis Brisson 1760


Vorkommen

Der Bluthänfling ist in der Westpaläarktis weit verbreitet. Er kommt in fast ganz Europa (außer Mittel- und Nordskandinavien sowie Island) in Vorderasien und von Westsibirien bis Turkestan vor. Man findet ihn auch im Mittelmeergebiet und in Nordwestafrika (C. c. mediterranea) und auf Madeira (C. c. nana). Auf den Kanarischen Inseln unterscheidet man auf den Westkanaren C. c. meadewaldoi und auf den Ostkanaren C. c. harterti.
In Schottland kommt die Unterart C. c. autochthona Clancey und im Kaukasus die Unterart C. c. bella C.L. Brehm vor.


Biotop

Der Bluthänfling bevorzugt Kulturland und sonniges, offenes Gelände mit eingestreuten Busch- und Heckenbeständen. Er ist auch an Waldrändern, Bahndämmen, in Gärten, auf Brachen und Ruderalflächen zu finden. Bei entsprechendem Samenangebot werden auch Feldgehölze, Hochmoore, Baumschulen und Kleingartenanlagen besiedelt.
Der Bluthänfling kommt von den Küstengebieten und Nordseeinseln bis in die oberen subalpinen Stufen der Gebirge vor. Er meidet geschlossene Wälder.


Wanderungen

Der Bluthänfling ist ein geselliger Finkenvogel, der außerhalb der Brutzeit kleine Schwärme bildet. Er ist ein typischer Teilzieher, der teilweise im Brutgebiet überwintert.
Aus den nördlichen und östlichen Brutgebieten zieht der Bluthänfling ab September/Oktober nach Südwesteuropa und Nordwestafrika ab.


Merkmale

Der Bluthänfling ist mit 12 bis 14 cm Körperlänge kleiner als ein Sperling.
Beide Geschlechter sind unterschiedlich gefärbt. Das Männchen fällt vor allem in der Brutzeit durch leuchtend rote Farbanteile auf. Den Weibchen fehlen die roten Farbbereiche und sie sind so insgesamt schlichter gefärbt. Im Ruhekleid ähneln die Männchen den Weibchen und die Jungen ähneln den Weibchen.
Die weiblichen und jungen Bluthänflinge können leicht mit dem nahe verwandten jedoch insgesamt dunkleren Berghänfling (Carduelis flavirostris) verwechselt werden. Zudem ist dessen Schnabel im Brutkleid grau und im Ruhekleid wachsgelb, während der Schnabel beim Bluthänfling immer dunkelbraun gefärbt ist.
Es besteht auch die Möglichkeit der Verwechslung der beiden Hänflingsarten mit dem Birkenzeisig (Carduelis flammea), aber bei diesem haben beide Geschlechter eine schwarze Kehle, die den Hänflingen fehlt.


Aussehen des Männchens im Brutkleid.
Vorderscheitel: blutrot und außerhalb der Brutzeit braungrauer Kopf
Brust: blutrot (außerhalb der Brutzeit braunrot)
Bauch: weiß
Nacken: grau
Rücken: kastanienbraun
Flügel: kastanienbraun, weiß eingefasst, unterseitig gelbbraun und dunkel gestreift
Schwanz: gekerbt und weiß eingefasst


Stimme

Der abwechslungsreiche Gesang des Bluthänflings besteht aus kurzen, den Flugrufen ähnlichen Silben sowie pfeifenden Lauten und wird von einer hohen Singwarte vorgetragen. Dabei werden keine festgefügten Strophen vorgetragen und der Gesang wird beliebig oft begonnen, unterbrochen und nach längeren Pausen fortgesetzt.
Im Flug halten die Bluthänflinge untereinander ständig Kontakt durch leise „tk-tk-tk“-Rufe.

Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von fast 11 Jahren. In Gefangenschaft sollen einzelne Bluthänflinge bis zu 20 Jahre alt geworden sein.
Fast die Hälfte der Bluthänflinge erreicht mit 1,6 bis 1,9 Jahren aber ein sehr geringes Alter. Viele werden von Greifvögeln (Sperber, Merlin und Turmfalke) erbeutet.


Nahrung

Die Sämereien von Stauden und krautigen Pflanzen gehören zur bevorzugten Nahrung des Bluthänflings. Sein kurzer kegelförmiger Schnabel und die kurze kompakte Zunge sind auf das Schälen von Samen spezialisiert. Gefressen werden auch längliche Getreidekörner und Rapssamen. Weniger beliebt sind Baumsamen.
Werden im Frühjahr die vorjährigen Samen noch vom Boden aufgepickt, so sitzt der Bluthänfling im Sommer und im Herbst sowie im Winter bei Schneelage auf den Stauden und tragfähigen Halmen der Gräser.
Insekten spielen als Nahrung für Alt- und Jungvögel so gut wie keine Rolle.
Wenn die Jungen selbständig werden, schließen sich die Bluthänflinge zu großen Schwärmen zusammen, die dann auf Nahrungssuche weit umherstreifen können. Oft sind sie mit anderen Finkenarten, Ammern und Sperlingen vergesellschaftet.
Im Gegensatz zu anderen Finken erscheint der Bluthänfling im Winter nicht an den Futterhäusern.


Brutbiologie

Die Brutsaison des Bluthänflings dauert von April bis Juli/August.
Das Nest wird niedrig und vorzugsweise in dichte Stauden, Hecken und Büsche (z. B. Sanddorn und Stechginster) gebaut. Allerdings ist der Neststandort generell sehr variabel. So wurden Nester in kleinen Koniferen, in Kletterpflanzen an Gebäuden, in Schilfbündeln, Seggenbulten, in Schrott- und Asthaufen, in Holzstapeln, Obstbäumen sowie zwischen gestapelten Betonschwellen gefunden. Im Gebirge stellen vor allem Fichten und Zwergwacholder wichtige Neststandorte dar. Auf den Nordseeinseln brütet der Bluthänfling auch am Boden.
Für die Nestbasis werden dünne Zweige und Wurzeln verbaut, dazwischen wird Moos eingefügt. Dazu kommen die unterschiedlichsten Materialien, wie Schnüre und Stofffetzen. Die Mulde besteht überwiegend aus weißen Materialien. Verbaut werden Watte, Grannen, Wollhaare, Federchen, Papiertaschentücher und Steinwolle. Das Gelege besteht aus 4 bis 6, selten bis zu 8 bläulichweißen bis grünlichblauen Eiern, die dunkel schokoladen- bis rostbraun gefleckt oder gesprenkelt sind. Die Brutzeit dauert ca. 12 bis 15 Tage und beginnt in der Regel mit der Ablage des letzten oder vorletzten Eies. In der Brutzeit wird das Weibchen vom Männchen gefüttert. Viele Bruten fallen Beutegreifern (Greif- und Rabenvögel, Mardern u.a.) sowie vor allem Schlechtwettereinbrüchen mit Regen und Sturm zum Opfer.
Die Jungen werden mit Samen aus dem Kropf gefüttert und verlassen nach ca. 12 bis 15 Tagen das Nest.
In der Regel finden zwei Bruten im Jahr statt. Stellenweise sind drei Bruten möglich, die aber öfters aufgegeben werden. Der Bluthänfling hat von allen Carduelis-Arten die kürzeste Brutperiode. Sie beträgt von der Ablage des ersten Eies bis zum Ausfliegen der letzten Brut 90 Tage. So kann es zu Schachtelbruten kommen, d. h. die Jungen der ersten Brut sind noch nicht ausgeflogen und das Weibchen brütet bereits wieder auf einem neuen Gelege.


Bestand

Der Bluthänfling ist in Europa noch nicht gefährdet, wobei vielerorts Bestandszahlen fehlen. Allerdings haben die Intensivierung der Landwirtschaft und der damit verbundene Herbizideinsatz dazu geführt, dass Ackerwildkräuter großflächig zurückgehen und damit auch der Bluthänfling in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes auf Sonderstandorte zurückgedrängt wurde. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Umwandlung von Grasland in Ackerflächen und die fehlenden Hecken und Büsche in der Agrarlandschaft. In Folge halbierten sich in einigen Gebieten die Bestände und der Bluthänfling ist heute nicht mehr so häufig und weit verbreitet, wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestellt wurde. In Deutschland wird der Bluthänfling aber bereits auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten geführt, da die Bestände sowohl lang- als auch kurzfristig zurückgehen.

© Dirk Schäffer (02/2011)