Blauelster (Cyanopica cyana Pallas 1776)

engl.: Azure winged Magpie

Foto: K. Rönsch, Vogelpark Heiligenstadt (04/2005).


Die Blauelster ist die einzige Art der Gattung Blauelstern (Cyanopica) und ist nahe verwandt mit unserer einheimischen Elster (Pica pica), die der Gattung Pica Eigentliche Elstern zugeordnet ist. Allerdings treten beide Arten in Konkurrenz zueinander und kommen daher selten zusammen vor. Blauelstern sind gesellige Vögel, die in kleinen Gruppen auftreten und durch ihre wiederholten, heiseren Rufe schnell auffallen.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Rabenvögel (Corvidae)
Gattung: Blauelstern (Cyanopica)


Vorkommen

Die Blauelster stellt eine zoogeographische Besonderheit dar. Denn ihr Verbreitungsgebiet besteht aus zwei weit auseinanderliegenden Populationen. Die eine Population lebt in Südwesteuropa auf der iberischen Halbinsel, die andere, sehr viel größere Population (acht verschiedene Unterarten) lebt in Ostasien. Dort besiedelt sie große Teile Chinas, Korea, Japan, SO-Russland und die Nord-Mongolei.
Über diese Verbreitung wurde unter den Fachleuten viel diskutiert. Dabei wurden zwei Hypothesen favorisiert: Die eine ging von der Annahme aus, dass es ehemals eine durchgehende Population auch zwischen dem mediterranen Becken und Ostasien gegeben hat. Das Vorrücken der Gletscher in der Eiszeit führte zu einem Bestandsrückgang und somit zu einer Zweiteilung des Verbreitungsgebiets. Die andere Theorie vermutete, dass die Blauelster im 16. Jh. durch portugiesische oder spanische Seefahrer aus Ostasien als Käfigvogel eingeführt wurde und dann verwilderte.
Nachdem man aber 1997 in einer Höhle auf Gibraltar neben Knochen des Neandertalers auch ca. 44.000 Jahre alte Knochenreste von Blauelstern gefunden hatte und diese molekulargenetisch untersuchte, konnte zumindest die Seefahrerhypothese verworfen werden. Denn die DNA-Tests stellten deutliche Unterschiede im Erbgut zwischen europäischen und ostasiatischen Blauelstern fest. Zudem gibt es auch Gefiedermerkmale, in denen sie sich unterscheiden. Die iberischen Elstern haben dunkelblaueres Gefieder und die hellen Spitzen der mittleren Schwanzfedern fehlen. Schlussfolgernd aus den Ergebnissen sollen nun zwei Arten unterschieden werden. Die ostasiatische behält den Namen Blauelster Cyanopica cyana. Die europäische Blauelster sollte Iberische Blauelster oder Iberienelster Cyanopica cooki - Iberian Magpie - heißen. Wann und wie allerdings sich die beiden Arten 9.000 km weit voneinander getrennt haben, bleibt nach wie vor offen.


Europäisches Vorkommen

Die Blauelster bewohnt auf der iberischen Halbinsel lockere Laub- und Nadelwälder mit eingestreuten Lichtungen sowie Obstgärten, Olivenhaine und anderes Kulturland mit Bäumen und Büschen. Dabei meidet sie geschlossene Waldgebiete und ist eher ein Vogel der extensiv genutzten Kulturlandschaft, die durch den Wechsel zwischen Weideland, offenen und immergrünen Wäldern sowie Obstkulturen charakterisiert wird.
Häufig trifft man daher die Blauelstern in Korkeichenmischwäldern an, in denen auch andere Eichenarten, Pinien und Kiefern wachsen.
Im asiatischen Teil des Verbreitungsgebietes brüten die Blauelstern auch in Gärten und Parks.
Limitiert wird die Ausbreitung durch das Fehlen geeigneter Lebensräume, aber auch durch die Konkurrenz zur Elster. Die beiden Arten kommen innerhalb des europäischen Verbreitungsgebietes auch so gut wie nie zusammen vor.


Merkmale

Die 35 bis 37 cm große Blauelster ist in ihrem Körperbau der größeren Elster (Pica pica) sehr ähnlich.

Die Blauelster hat einen braungrau bis beigefarbenen Bauch. Der Rücken ist dunkler bis hin zu braun. Die bräunliche Färbung geht stellenweise in das Blau der Flügel über (s. auch Tabelle 1).
Die Oberseite des Kopfes und der Nacken sind glänzend schwarz. Die weiße Färbung der Kehle zieht sich in einem schmalen, seitlichen Band bis in den Nacken.
Die Oberseiten der Flügel sowie der Schwanz sind azurblau und haben der Art auch zu ihrem Namen - Azure-winged Magpie - verholfen.

Stimme: Markant sind die verschieden-artigen, heiseren Rufe, die wie „skrih“ oder „frrih“ bzw. „prrih“ klingen.
Alter: 10 bis 12 Jahre.

Tab. 1: Körper- und Gefiedermerkmale der Blauelster.

Körper Merkmale / Farben
Größe; Gewicht 31 bis 34/35 cm; 65 - 76 g
Kopf Kopfkappe, obere Gesichtshälfte bis unter den Augen glänzend schwarz
Nacken glänzend schwarz
Kinn weiß
Kehle weiß
Schnabel kräftig, klein und spitz; schwärzlich
Rücken hell beige bis rötlichbraun
Flügel Oberseite azurblau bzw. hellblau; Spannweite 38 bis 40 cm
Handschwingen schwarz
Brust oberer Teil weißlich; rötlichbraun, in rosa getöntes hellbraun übergehend
Bauch rötlichbraun; in rosa getöntes hellbraun übergehend
Beine schwarz
Bürzel rötlichbraun
Schwanz sehr lang (19 cm), stufig keilförmig; hellblau bzw. azurblau asiatische Blauelster: Schwanzspitze heller bis weiß


Flug: In Bedrängnis schnell mit kurzen Flügelschlägen und sonst von Baum zu Baum.


Brutbiologie

Blauelstern sind auch während der Brut sehr gesellig und meistens bilden 2 bis 8 Brutpaare kleine, lockere Kolonien. Das heißt, die Nester stehen nur wenige Meter voneinander entfernt in Astgabeln von unterschiedlichen Bäumen - vor allem in Ulmen - oder Dornbüschen. Manchmal findet man in besonders großen Bäumen auch mehrere Nester. Der Brutbereich wird gegen Eindringlinge besonders aggressiv verteidigt. Auch die Balz findet in der Gruppe am Boden und in Bäumen statt.
Die relativ kleinen Nester sind im Gegensatz zu den großen, kugelförmigen Elsternestern oben offen und erinnern eher an das Nest eines Hähers, oder eines Würgers.
Das Weibchen baut das Nest jedes Jahr neu aus Reisern, Wurzeln, Moos, Grasstängeln und Kräutern. Dabei wird das Nest mit Erde verfestigt. Die Innenauspolsterung erfolgt mit Tierhaaren (z. B. von Ziegen) oder Wolle sowie Papierstücken und Stofffetzen. Das Männchen begleitet das Weibchen beim Suchen des Nistmaterials.
Das Gelege besteht aus 5 bis 8 Eiern mit weißer bis gelblichgrauer Grundfarbe und dunklerer Fleckung sowie mit oliv braunen Punkten und Tüpfeln. Während der ca. fünfzehntägigen Brutzeit versorgt das Männchen das Weibchen mit Nahrung. Die Jungen werden mit hervor gewürgter Nahrung aus dem Schnabel gefüttert.
Nach dem Verlassen des Nestes halten sich die Jungvögel zuerst noch im Nestbereich - in den Ästen des Baumes - bis zur vollen Flugfähigkeit auf und werden dort von den Altvögeln gefüttert. Die Jungvögel unterscheiden sich von den Altvögeln durch ihre dunkelbraune Grundfarbe und eine gräuliche Kopfkappe.
Nach der Brutzeit streifen die Blauelstern in Gruppen umher. Sie sind aber standorttreu und bleiben auch den Winter über im Brutgebiet.
Gern legt der Häherkuckuck (Clamator glandarius), ein Brutparasit aus der Familie der Kuckucke (Cuculidae), eines seiner Eier mit in das Nest der Blauelster. Im Gegensatz zum europäischen Kuckuck (Cuculus canorus) zeigen die Jungen des Häherkuckucks keine Aggressionen gegenüber ihren Wirtsgeschwistern und werden mit diesen zusammen aufgezogen. In Mitteleuropa wurden Häherkuckucke bisher nur als Ausnahmegäste beobachtet.


Nahrung

Die Nahrungssuche der Blauelster erfolgt meist in Trupps von bis zu 30 Vögeln. Die Hauptnahrung bilden große Insekten, die von der Blauelster oft im Flug erbeutet werden, ihre Larven, Wirbellose (z. B. Würmer), kleine Reptilien und Aas.
Die bevorzugte pflanzliche Nahrung besteht aus Eicheln, Pinienkernen, Samen, Beeren,
Oliven und anderen Früchten.
Im Winter ernähren sich die Vögel oft von den Abfällen der menschlichen Siedlungen.


Bestand

Der europäische Bestand der Blauelster in Portugal und Spanien ist stabil, gilt als nicht gefährdet und besteht aus bis zu 360.000 Brutpaaren.

© Dirk Schäffer (2006; aktualisiert 03/2008)