Blässgans (Anser albifrons Scopoli 1769)

engl.: White-fronted Goose


Die Blässgans (Anser albifrons) ist ein häufiger Wintergast in Deutschland. Ihre Brutgebiete liegen im Norden Eurasiens und Nordamerikas. In Deutschland gibt es nur eine kleine Brutpopulation am Rhein, die auf eine Aussetzungsaktion oder/und auch zurückgebliebene Wintergäste zurückzuführen ist. Gegenüber menschlichen Störungen sind sie generell sehr anfällig und bleiben scheu. Die Gänsearten werden zoologisch gesehen in zwei Gruppen systematisiert, die auf der Lebensweise der Gänse beruhen (s. Tabelle 1).

Tab. 1: Zuordnung der Gänsearten.

Bezeichnung Gattung Nahrungsaufnahme Arten
graue oder Feldgänse Anser auf Acker- und Feldflächen Blässgans, Graugans, Kurzschnabelgans, Saatgans und Zwerggans
schwarze oder Meergänse Branta großenteils auf Salzwiesen Kanadagans, Nonnengans und Ringelgans


Systematische Einordnung

Ordnung: Gänsevögel (Anseriformes)
Familie: Entenvögel (Anatidae)
Unterfamilie: Gänse und Schwäne (Anserinae)
Gattung: Feldgänse (Anser Brisson)


Vorkommen und Wanderungen

Die Blässgans ist fast über die gesamte nördliche Hemisphäre verbreitet und kommt dort in fünf Unterarten vor (s. Tabelle 2).

Tab. 2: Verbreitung der einzelnen Unterarten der Blässgans.

Unterart Brut- / Überwinterungsgebiete
Nominatform: Europäische Blässgans Anser albifrons albifrons Brutgebiet: Sibirische Tundra, in einem breitem Gürtel entlang des Polarkreises von der Kaninhalbinsel bis zur Kolyma. Winterquartier: Mittel-/Westeuropa und von Tschechien, Südosteuropa, Türkei bis Kasachstan sowie Iran/Irak.
Anser albifrons elgasi Brutgebiet: Alaska (Anchorage); Winterq.: Zentralkalifornien
Grönländische Blässgans Anser albifrons flavirostris Brutgebiet: Westgrönland. Winterquartier: Über Island nach Schottland und Irland.
Pazifische Blässgans Anser albifrons frontalis Brutgebiet: Beiderseits des Beringmeeres von NO-Sibirien und der Kolyma ostwärts bis Alaska. Winterquartier: Japan, China, Südwesten d. USA, Nordmexiko
Thule-Blässgans Anser albifrons gambelli Brutgebiet: Nordkanada (Mackenzie bis Hudson Bay) Winterquartier: Golfküste der USA und Mexikos


In ihren Überwinterungsgebieten treten Blässgänse in großen Schwärmen auf. Wobei sie mehr das flache Wiesen- und Weideland bevorzugen, als die reinen Ackerflächen.
Sie benötigen möglichst große und windgeschützte Flachwasserzonen als Schlafplätze. Die Schlaf- und Weideplätze zwischen denen die Vögel dann täglich wechseln, können bis zu 60 km weit auseinanderliegen.
Aussehen

Die Aufnahmen zeigen eine Blässgans, die zwischen März und August 2004 am städtischen Wasservogelfütterungsplatz auf der Aller in der Celler Innenstadt zu beobachten war. Die Gans war wenig scheu und hielt einen Abstand von 4 bis 5 Metern zu Menschen ein. Sie ließ sich - ebenso wie die Stockenten - mit Brot füttern und nutzte mit den Enten zusammen das Ufer der Aller zum Ruhen (alle Fotos von Christopher Otto).

Drohung gegenüber weiblicher
Stockente beim Streit um Futter.

Aufmerksam wurde der Fotograf
beobachtet.

Blässgänse werden 66 bis 86 cm groß, wiegen 2,0 bis 2,3 kg und sind damit etwas kleiner als unsere Graugans. Die Weibchen sind etwas kleiner und leichter als die Ganter.
Die Blässgänse lassen sich von den anderen grauen Gänsen leicht an ihrer weißen Stirnblesse und den großen tiefschwarzen Bauchflecken bzw. -streifen unterscheiden, die allerdings individuell verschieden ausgeprägt sind. Kopf und Hals sind graubraun, die Flanken dunkelbraun gefärbt. Halsansatz, Brust und Unterseite sind weißlichgrau. Die weißen Oberschwanzdecken sowie die weiße Schwanzkante und Afterregion heben sich von der insgesamt grauen bis graubraunen Grundfarbe deutlich ab.
Den Jungvögeln fehlen im ersten Jahr die Blesse und die schwarze Bauchfleckung. Der Schnabel ist matt mit grauem Nagel und die Füße sind dunkel bis graugelb gefärbt.

Tab. 3: Unterscheidungsmerkmale der fünf Unterarten.

Unterart Merkmale
Europäische Blässgans Anser albifrons albifrons Schnabel fleischfarbenrosa und zur Spitze hin zunehmend gelb, mit weißem Nagel. Orange/gelborange Füße. Dunkelbraune Iris.
Pazifische Blässgans Anser albifrons frontalis Größer, dunkler und längerer Schnabel als A. a. albifrons.
Grönländische Blässgans Anser albifrons flavirostris Fast schwarzer Bauch und orangeroter, zur Spitze hin rosa gefärbter Schnabel. Seltener Gast an deutschen Küsten.
Thule-Blässgans Anser albifrons gambelli Groß und dunkel.
Anser albifrons elgasi Noch größer und dunkler als A. a. gambelli und teilweise mit gelbem Augenring.


Flug

Kompakt wirkende Gans mit deutlich sichtbaren schwarzen Bauchflecken. Die Oberflügel sind dunkel, die Handdecken heller.


Stimme

Blässgänse sind sehr ruffreudige Vögel, die teils sehr hoch klingende Doppellaute („qui-quik“ bzw. „kiau-liau“) von sich geben.

Die ältesten beringten Blässgänse erreichten ein Alter von 16 bzw. 17 Jahren.


Brutbiologie

Blässgänse sind bei der Brut stark von den jeweiligen jährlichen Wetterbedingungen in ihrem Brutgebiet, der Tundra, abhängig. Sie brüten gern erhöht, auf einem kleinen Hügel oder Grashorst bzw. anderen trockenen Stellen in Senken oder Sumpfniederungen, aber in Wassernähe. Die einzelnen Nester sind sehr weit verstreut. Bei günstigen Bedingungen können allerdings auch lose Kolonien gebildet werden.
Blässgänse brüten meist im 3. Lebensjahr und führen eine monogame Dauerehe. Das Weibchen baut das Nest mit Unterstützung des Ganters. Das Nest ist im Wesentlichen eine Vertiefung im Erdboden, die mit ein wenig trockenem Pflanzenmaterial als Unterbau ausgekleidet wird. Die eigentliche Nestmulde wird mit Daunen ausgepolstert. Die Nester werden im nächsten Jahr wiederverwendet.
Auf Grönland beginnt die Brutzeit in der letzten Maidekade, in Sibirien stellenweise erst im Juni. Das Weibchen legt dann (3)5 bis 6/7 gelblich weiße Eier, die es 27 bis 28 Tage bebrütet. Der Ganter ist zwar nicht immer in unmittelbarer Nestnähe anzufinden, bewacht aber trotzdem das brütende Weibchen. Einmal täglich verlässt die Gans zur Nahrungsaufnahme das Nest.
Nach dem Schlupf verlassen die Gänseküken das Nest und werden von den Eltern 40 bis 43 Tage lang geführt und betreut, bis sie flügge sind. Dabei erfolgt die Aufzucht sowohl auf dem Nistplatz als auch in feuchten Senken.
Mit dem Mauserbeginn schließen sich die Gänsefamilien zu großen Scharen zusammen. Mitte August erlangen dann Jung- und Altvögel gleichzeitig ihre Flugfähigkeit wieder und der Abzug ins Winterquartier beginnt. Oft bleiben die Familien auch im Winterquartier bis zum kommenden Frühjahr zusammen.


Nahrung

Die Blässgans ernährt sich hauptsächlich von Pflanzenteilen. Dazu gehören Gräser, Samenkörner, auch Salzpflanzen und stellenweise Gemüseteile.
Im Brutgebiet werden überwiegend Wollgräser und Seggen gefressen. Später während der Mauser auch Schachtelhalme.

Während des Winteraufenthalts in Deutschland fressen die Gänse Getreide- und Wildgrasblätter, Klee- und Rapsblätter, Getreidekörner von Stoppelfeldern sowie frisch gedrilltes Wintergetreide.


Bestand

Aufgrund der flächenmäßigen Ausdehnung der als Winterquartier genutzten Areale ist es schwierig, genaue Bestandszahlen für die Blässgans zu ermitteln.
Deshalb wird die Population der Eurasischen Blässgans, seit einem historischen Tief nach dem Zweiten Weltkrieg, heute auf ca. 1 bis1,3 Millionen Individuen geschätzt.
Für die Grönländische Blässgans wurde aufgrund aktueller Bestandsrückgänge ein Jagdverbot auf dem gesamten Zugweg erlassen. Die beiden kanadischen Unterarten haben generell geringere Bestandsgrößen.

© Dirk Schäffer (12/2002; aktualisiert 03/2008)