Amsel (Turdus merula LINNAEUS 1758)

engl.: Blackbird, Ouzel

Bild Männchen Amsel (Turdus merula L.)

Bild Weibchen Amsel (Turdus merula L.)


Die Amsel (Turdus merula) - aus der Vogelfamilie der Drosseln - ist neben dem Buchfink unsere häufigste Singvogelart überhaupt und eine der bekanntesten Vogelarten in Deutschland.
Ursprünglich bewohnte sie ausschließlich die verschiedenen Wälder und fühlte sich am wohlsten in unterholzreichen Laubwäldern. In der Mitte des 19. Jh. besiedelte sie nach und nach die Parks und Gärten nahezu aller großen und kleinen Ortschaften. Heute ist sie ein sehr häufiger Kulturfolger geworden, der sich von der Gegenwart des Menschen in keinerlei Weise stören lässt bzw. überall in den Städten ein allseits vertrauter Anblick ist.
Der Vorgang der Verstädterung ist in Osteuropa noch nicht abgeschlossen.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Drosseln (Turdidae)
Gattung: Echte Drosseln Turdus


Vorkommen

Die Amsel bewohnt die gesamten gemäßigten Zonen Europas und geht im Norden bis über den Polarkreis hinaus. Zu Beginn des 20. Jh. waren Bruten auf den Nordseeinseln noch eine Besonderheit. Jetzt schreitet deren Besiedlung stetig voran. Auch die schottischen und irischen Inseln wurden mittlerweile besiedelt. Die nördlichsten Beobachtungen stammen aus Spitzbergen, Grönland, der Bäreninsel und Kanada.
In Nordafrika kommt sie bis zum Nordrand der Sahara und gelegentlich bis in die Oasen vor. In Asien kommt die Amsel z. B. in West-, Süd- und Ostindien sowie auf Sri Lanka vor. Dieses Vorkommen wird gelegentlich als selbständige Art angesehen.
Die Populationen der Azoren, Madeiras und der Westkanaren sind dunkler und kräftiger gefärbt als ihre mitteleuropäischen Verwandten.
Die Amsel wurde zwischen 1860 und 1870 in Australien und Neuseeland eingebürgert. In Neuseeland ist sie mittlerweile ein ganz gewöhnlicher Vogel, der aus eigener Kraft auch die umliegenden Inseln besiedelt hat. Bereits vor 1919 brütete sie in Tasmanien und breitet sich ausgehend von Südostaustralien langsam aus. Diese Amseln sind morphologisch nicht von ihren englischen Vorvätern zu unterscheiden.


Wanderungen

Die Stadtamseln in Deutschland sind mittlerweile standorttreu. Nur ein kleiner Teil der Waldamseln wandert nach West- und Südeuropa, andere kommen dann in die Siedlungen. Vor allem sind Jungvögel und Weibchen Teilzieher. Bei uns überwintern viele nordische und östliche Amseln, obwohl auch bei diesen in milden Wintern die Überwinterungsversuche ansteigen.


Merkmale

Die ca. 24 cm großen und 100 g schweren Amseln zeichnen sich durch ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aus. Das heißt: Männchen und Weibchen sind unterschiedlich gefärbt. Das Männchen ist von tiefschwarzer Farbe mit einem orangeroten Schnabel und hat einen gelben Augenring. Das Gefieder des Weibchens ist dunkelbraun bzw. rostbräunlich gefärbt mit heller Kehle. Ihre hellbraune bis schmutzig graue Unterseite ist oft schwarz bzw. braun gefleckt oder gestreift.


Stimme und Gesang

Aufnahme: Gesang der Amsel, aufgenommen am 24.04.2010 in Wettin, © Karsten Rönsch

Der Gesang ist laut und volltönend. Die vielen verschiedenen Strophen werden langsam vorgetragen und nicht wie bei der Singdrossel mehrfach wiederholt. Häufig enden sie mit höheren und gepresst zwitschernden Tönen. Das Männchen sucht sich zum Singen oft hochgelegene Plätze wie z. B. Mastspitzen. Die Amsel kann auch andere Vogelarten und Geräusche aus der Umgebung imitieren. Sie gilt dabei als besonders erfindungsreich. Bei Gefahr äußern Amseln laute "Tix tix tix" Rufe. Das Tixen wirkt stimmungsübertragend und wird zur Abwehr von Feinden wie Katzen gemeinsam von vielen Amseln vorgetragen. Bekannt ist der laute Schreck- bzw. Fluchtruf ?Dug dug dug dug tschewi tschewi tschewi tschewi tschewi dug dug".

Das durchschnittliche Alter von Stadtamseln beträgt 3 bis 5 Jahre. Ein deutscher Ringvogel wurde17 und ein Ringvogel aus der Schweiz 13,5 Jahre alt. In menschlicher Obhut erreichten Amseln ein Alter von 18 bis 20 Jahren.


Nahrung

Die Amsel sucht vorwiegend am Boden nach Nahrung und hüpft gerne über kurzgeschorene Rasenflächen auf der Suche nach ihrer Lieblingsnahrung den Regenwürmern. Oft stoppt sie dabei ruckartig und stelzt den Schwanz. Sie hält dann mit zur Seite geneigtem Kopf inne, stürzt plötzlich vorwärts und zieht ihr Beutetier langsam, aber sicher und oft mit großer Kraftanstrengung mit dem Schnabel aus der Erde. Das seitliche Sehen ergibt sich aus der Anordnung der Augen, die ein räumliches Sehen nach vorn verhindern. In Gartenanlagen sind manche Amseln so vertraut, dass sie neben den Gärtner warten, der gerade umgräbt, oder andere Bodenarbeiten verrichtet. Über die Regenwürmer erhält die Amsel die lebensnotwendige Flüssigkeit. Deshalb muss sie besonders an heißen Tagen, wenn die Würmer tief im Boden stecken, auf andere Nahrung zurückgreifen. Besonders gern ergänzt sie deshalb ihren Speisezettel im Sommer durch Spinnen, Nacktschnecken, Ameisen, Raupen und reife Beeren. Darunter ist - sehr zum Verdruss der Kleingärtner - so manche Erdbeere. Im Winter bilden vor allem Beeren und nicht geerntetes Obst die Hauptnahrung.


Brutbiologie

Amselmännchen verteidigen mit Beginn und während der Brutzeit vehement ihr Territorium gegenüber anderen Männchen und dabei kann es zu heftigen Kämpfen und Verfolgungsjagden kommen. Erwachsene Männchen sind standorttreu. Sie besetzen meistens wieder ihr Revier vom Vorjahr, das frühzeitig durch Gesang markiert und auch aktiv gegen Rivalen verteidigt wird. Einzelne Paare leben teilweise bis zum Tod eines Partners zusammen. Auch zwischen den Weibchen kommt es oft zu aggressiven Auseinandersetzungen.

Das schalenförmige Nest wird in einer Höhe von 0,30 bis 4,00 m in einem Gebüsch, einer Hecke oder den unteren Zweigen eines Baumes vom Weibchen aus kleinen Zweigen, Wurzeln, Grashalmen, Bast und Blättern errichtet. Die Nestmulde wird mit feuchter Erde oder Lehm ausgekleidet. Nach Fertigstellung des Nestes leitet das Weibchen die Paarung ein, es läuft mit hochgerecktem Schnabel und Schwanz vor dem Männchen hin und her. Das Männchen antwortet mit hohen Tönen, plustert sich auf, schlägt mit den Flügeln, fächert den Schwanz und umkreist dabei das Weibchen.

Die ersten Bruten wurden manchmal schon im Februar gefunden. Die Hauptbrutzeit beginnt im März mit Schwerpunkt April / Mai und kann bis in den August andauern.

Nach der Paarung legt das Weibchen drei bis fünf - manchmal auch 2 bis 7 - blaugrüne, rötlich gesprenkelte Eier, die es meistens allein bebrütet. Die blinden und nackten Jungen schlüpfen nach 12 bis 14 Tagen innerhalb von 48 Stunden. Die Eischalen werden von den Altvögeln gefressen oder vom Nest weg transportiert. Die Jungen werden von beiden Eltern vor allem mit Regenwürmern gefüttert. Anhaltende Trockenheit kann deshalb zum Verhungern der Jungen führen. Junge Amseln sind Nesthocker, die in den ersten Lebenstagen vom Weibchen gewärmt werden, bis ihnen das eigene Gefieder gewachsen ist. Der Kot wird von den Altvögeln aus dem Nest geschafft. In dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen gefüttert und bei drohender Gefahr gewarnt. Dann duckt es sich tief in das Nest. Manchmal greifen beide Altvögel etwaige Feinde an, um das Nest zu schützen. Nach 4 bis 5 Tagen öffnen die Jungen die Augen, nach 12 bis 14 Tagen verlassen die hellbraun gefleckten, kurzschwänzigen Jungen das Nest.

In den ersten Tagen nach dem Verlassen des Nestes können die Jungen noch nicht richtig fliegen. Sie laufen noch am Boden herum und werden von den erwachsenen Vögeln durch schrilles Zetern vor Feinden wie z.B. Katzen gewarnt. Trotzdem fallen diesen viele Junge zum Opfer. Auch der Straßenverkehr fordert einen hohen Tribut unter den noch unerfahrenen Jungvögeln. Nach dem Verlassen des Nestes werden die Jungen noch bis zu zwei Wochen vor allem vom Männchen gefüttert. Das Weibchen brütet dann bereits schon wieder.

In der Regel zieht ein Paar in einem Jahr zwei bis drei Bruten auf. Die größten Überlebenschancen haben dabei die Jungvögel der zweiten Brut, da erst dann die Brutplätze stärker belaubt sind. Dann finden auch Katzen, Elstern, Rabenkrähen und Eichelhäher weniger Nester, aus denen sie Eier und Junge stehlen könnten.

Die Verstädterung der Amsel - eine folgenschwere Entwicklung

Unter den Stadtamseln kann man immer öfter Exemplare mit reinweißem Gefieder und roten Augen - sogenannte Albinos - oder Vögel mit teilweise weißem Gefieder - sogenannte Teilalbinos - beobachten. Dies ist ein angeborener genetischer Defekt, der sich durch das vollständige oder teilweise Fehlen von Pigment im Gefieder und im Auge auszeichnet. In England wurde sogar schon eine orangerote Amsel als Folge einer Gen-Mutation entdeckt. Dies passiert einmal bei einer Million Vögel.

Das gehäufte Auftreten dieser weißen Exemplare liegt vor allem am Fehlen der natürlichen Feinde der Amsel (Sperber und Habicht) in den Städten. Im Wald hätten die auffälligen weißen Vögel kaum eine Chance, da sie dort als Erste erbeutet werden würden.

Der Lebensraum Stadt zeichnet sich durch ein verlängertes Tageslicht (Beleuchtung) und höhere Temperaturen aus. Diese Umweltfaktoren beeinflussen die Hormonproduktion der Vögel. So fangen diese früher zu singen an und hören auch später damit auf. Die Brutzeit beginnt früher, bei einigen Amseln bereits im Februar.

Aufgrund der hohen Brutdichte in den Städten (z.B. in Kleingartenanlagen und Parks) von 25 Paaren auf 10 ha Fläche (im Wald 5, höchstens 10) sind die besten Brutstandorte in den Hecken schnell vergeben. So suchen viele Weibchen Ersatz an Gebäuden bzw. Fassaden, in Balkonkästen, auf Leitern und Lampen, in Fahrzeugen oder Leuchtreklamen. Selbst in Gebäuden (z.B. auf Amrum) wurden Bruten festgestellt, besonders wenn der Feinddruck steigt.

Beim Nestbau nutzen inzwischen sehr viele Weibchen den Zivilisationsmüll und bauen Plastikteile (Folien, Verpackungsteile) und Stricke aller Art in ihre Nester ein.

So wie die Amseln wanderten auch die Elster, die Rabenkrähe und stellenweise auch der Eichelhäher in die Städte ein. Da vielen Amseln der optimale Brutstandort in den aufgeräumten Kleingärten und Siedlungen fehlt und auch eine hohe Brutdichte entsteht, fallen viele Bruten den oft methodisch und kollegial jagenden Rabenvögeln zum Opfer. Allerdings hat diese Entwicklung der Mensch selber verschuldet, da auch die Rabenvögel erst in die Städte eingewandert sind, als ihnen die von der intensiven Landwirtschaft ausgeräumte und artenarme Feldflur keine optimalen Lebensbedingungen mehr bot.


Bestand

Die Amsel ist in ihrem Bestand nicht gefährdet.

© Dirk Schäffer (01/2005, aktualisiert 03/2011)