Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax Linné 1758)

engl.: Chough

Die Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax) ist ein seltener Hochgebirgsvogel, der in Deutschland nur ausnahmsweise in Oberbayern beobachtet werden kann.

Mit der verwandten schwarzgrauen Dohle (Coloeus monedula) kann sie aufgrund ihres schwarzen Gefieders nicht verwechselt werden, mit der im selben Lebensraum vorkommenden und viel häufigern Alpendohle (Pyrrhocorax graculus) schon.


Systematische Einordnung

Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Familie: Rabenvögel (Corvidae)
Gattung: Pyrrhocorax Tunstall


Vorkommen

Die Alpenkrähe besiedelt ein zersplittertes Verbreitungsareal, das in Europa die Gebirge und Küsten der Iberischen Halbinsel, Gran Canarias, Siziliens, Sardiniens, Großbritanniens (Schottland und Wales) und Irlands umfasst.

In Mitteleuropa stellen die SW-Alpen den Verbreitungsschwerpunkt der Alpenkrähe dar. Sie brütet in Italien (auch Abruzzen), Frankreich (auch in der Bretagne) und der Schweiz.

Ferner findet man sie im Maghreb sowie von Mittelanatolien über den Kaukasus bis zum Westiran, außerdem von den mittelasiatischen Gebirgen bis nach Nordchina. Eine Verbreitungsinsel findet sich in Äthiopien.


Biotop

Die Alpenkrähe ist ein Standvogel und brütet in Gebirgshöhen ab 1.200 bzw. 1.500 m üb. NN und max. bis 3.000 m üb. NN. Im Winter wandert sie in die tieferen Gebirgslagen ab.

Man findet sie auch in Steppengebieten und an Küstenfelsen, wo sie dann selbst im Spülsaum nach Nahrung sucht.


Merkmale

Die Alpenkrähe ist mit 40 cm Körpergröße und 280 bis 360 g Gewicht größer als die Dohle (Coloeus monedula) und die Alpendohle (Pyrrhocorax graculus). Sie hat ein glänzend schwarzes Gefieder, von dem sich ein roter, gebogener, 4, 5 bis 5 cm langer Schnabel, der länger ist, als der Kopf und rote Beine gut abheben. Der Schwanz sieht aus, wie gerade abgeschnitten. Die Jungvögel haben einen orangeroten Schnabel.

Im Verbreitungsgebiet der Alpendohle kann es zu Bastarden bei Verpaarungen zwischen den Arten kommen.


Stimme

Der häufigste Ruf ist ein heiser klingendes „kjar“ oder „kjerr“. Auch ein dohlenartiges „kiah“ und ein möwenartiges „kaah“ sind bekannt. Der leise Plaudergesang ist dagegen seltener zu hören.

Die Alpenkrähen können sich – wie andere Rabenvögel auch – sehr gut untereinander verständigen und miteinander kommunizieren. Das betrifft auch die Kommunikation mit der verwandten Alpendohle.


Nahrung

Die Alpenkrähe ist ein Allesfresser. Sie hat sich darauf spezialisiert, ihre Nahrung vorrangig am Boden auf Ödland, Geröllhalden, mageren Weiden und Wiesen zu finden. Es werden vor allem Insekten (Käfer, Schnakenlarven, Fliegen und Ameisen), Spinnen und Weichtiere (Regenwürmer) gefressen. Auch Aas und die Abfälle der Berghütten sind teilweise Nahrungsbestandteile.


Brutbiologie

Nicht alle Alpenkrähenpaare brüten jährlich. Allerdings bleiben die Paare lebenslang zusammen und können bis zu 17 Jahre und länger Junge aufziehen. Es findet nur eine Brut im Jahr statt. Als Brutstandort dienen Steinbrüche, Burgen, Ruinen und Häuser. Das Nest befindet sich dort in Höhlen, Nischen, Simsen, Mauerlöchern, Fensterluken und Spalten von Felswänden. Es wird von beiden Partnern aus Reisig und Stängeln gebaut oder es wird ein bereits vorhandenes Nest ausgebessert. Die Nestmulde wird mit feinen Halmen, Gras und Haaren dick ausgepolstert.

Die Brutzeit dauert von Anfang April bis Mai, teilweise bis in den Juni. In dieser Zeit bebrütet das Weibchen allein die 2 bis 6 weißlich braun bzw. olivbraun gefleckten Eier 21 bis 22 Tage lang und wird dabei vom Männchen gefüttert. Nach 37 bis 40 Tagen Nestlingsdauer sind die Jungen flügge und bleiben dann noch bis zu 40 Tage oder länger bei den Elternvögeln. Einige Jungvögel wandern ab und siedeln sich in anderen Populationen an. Die Geschlechtsreife tritt ab dem 2. Lebensjahr ein. Die erste Brut findet aber oft erst im vierten Jahr und später statt.


Bestand

Die Alpenkrähe ist in Deutschland ein seltener Gast. Das nächste Brutvorkommen befindet sich in der Schweiz und umfasst nur 40 Brutpaare. Der Bestand der Alpenkrähe geht überall zurück, da sie sich an die traditionelle extensive Nutztierhaltung auf den Almen (Almwirtschaft) angepasst hatte und dort von den Insekten im Weidekot und der Nahrungssuche in der offenen Landschaft „profitierte“. Die Überweidung bei zu hohen Tierbeständen bzw. die zunehmende Verbuschung auf den nicht mehr für die Tierhaltung genutzten Flächen sowie der Antibiotikaeinsatz in den Tierbeständen haben zu einem verringerten Insektenangebot geführt. Zudem verändert die touristische Nutzung der Hochgebirgsregionen auch den Lebensraum der Alpenkrähe. Auch die klimatischen Veränderungen und die Konkurrenz zu Alpendohle und Dohle innerhalb des Verbreitungsgebietes werden als mögliche Ursachen diskutiert. Das hohe Lebensalter der Alpenkrähe - bis zu 27 Jahre - kann vielerorts über die Bestandshöhe täuschen.

© Dirk Schäffer (11/2011)